Worte für den Tag

13. April

Manchmal wache ich noch vor Sonnenaufgang auf und dann schaue ich gerne aus dem Fenster, höre auf die frühmorgendlichen Geräusche und sehe das eine oder andere Fenster, dass schon erleuchtet ist. In den nächsten 4 Wochen könnte es mehr erleuchtete Fenster geben, dort hat der Wecker geklingelt. Und lange bevor es hell wird, sitzt man schon am Frühstücktisch. Die Frühaufsteher*innen essen reichlich und trinken auch mehr als sonst, denn zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang wird nichts gegessen und getrunken – keine Zigarette oder Kaugummi, auch Streit und Schimpfen soll es nicht geben. Es ist Ramadan – der islamische Fastenmonat!

Gegessen und getrunken wird in den nächsten Wochen nur, wenn es dunkel ist. Neben dem frühen Frühstück gehört auch das Abend- oder besser Nachtessen in großer Runde dazu. Das muss jetzt ausfallen. Daneben gehen die Muslim*innen weiter zur Arbeit. Kinder, Kranke, Schwangere, Stillende, Reisende und andere (z.B. Ärzt*innen, Pilot*innen) sind vom Fasten befreit. Manche spenden dafür Geld für Arme. Aber zum Fastenmonat gehört auch mehr Zeit und Beschäftigung mit dem Glauben durch Lesen im Koran und das Gebet.

Unsere Fastenzeit liegt hinter uns. War da Zeit in der Bibel zu lesen? Für Gebete?

Darauf mag ich nicht verzichten, gerade in diesen Tagen!

Angela Langner-Stephan

12. April

Von Charles V. Stanford, einem irischen Komponisten und Organisten um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, stammt eine der schönsten Vertonungen des „Nunc dimittis“: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben dein Heil gesehen.“ (Lk 2,29) Dieser Vers, die heutige Tageslosung, wird Simeon in den Mund gelegt, nachdem er den neugeborenen Jesus im Tempel gesehen hat. 

Der Lobgesang des Simeon hat es zur Berühmtheit geschafft. Er ist heute täglicher Bestandteil katholischer Stundengebete und des Nachtgebets. Unzählige Chorsätze, von Mendelsohn bis Pärt, interpretieren diese Worte auf ihre je eigene Weise. 

Wer jemals das Nunc dimittis von Mönchen in einer englischen Kathedrale hat singen hören, oder die sphärischen Klänge jenes Stanford von Chor und Orgel in der tragenden Akustik des Berliner Doms – den lassen diese Worte des Simeon nicht mehr los: Dankbarkeit, Erfüllung, Frieden, Abschied, Gottesnähe, Hingabe. All das liegt in dieser Begegnung von Simeon und dem Kind. Er begreift alles, als er Jesus sieht. Und für ihn ist alles erfüllt, der Kreis seines Lebens schließt sich, er macht sich auf den Weg nach Hause. Ganz ohne Angst und Widerstand. Denn er hat Segen und Wahrheit erfahren in dieser Begegnung mit dem Kind.

So erzählen diese wenigen Wörter im Lukasevangelium eine ganze Geschichte der Gotteserfahrung. Und vielleicht gefallen mir deshalb die Vertonungen ausgerechnet dieses Textes so gut, weil man das Gefühl hat, dass das Wichtigste dieser Gotteserfahrung eben zwischen den Zeilen steht. Dass die Bedeutung dieser Begegnung für Simeon mit Worten nicht beschreibbar, nicht erklärbar ist. Dass es möglicherweise das ist, was allein die Musik auszudrücken vermag. All die Zärtlichkeit der Klänge, die Farben der Töne, das Schweigen der Pausen und die Weite, die sich aufspannt und den Raum füllt – den in der Kathedrale, den in meinem Kopf, den, den die Seele zum Fliegen braucht und den zwischen den Zeilen des Lobgesangs des Simeon – all dies liegt jenseits dessen, was mit Worten gesagt werden kann.

Ich wünsche uns immer wieder Erfahrungen solcher Gottesbegegnungen, ganz unvermittelt, nicht sagbar, aber voll inneren Friedens und Erfüllung. Und vielleicht wird auch ein Lobgesang daraus.

Johanna Stein

11. April

Mensch, Thomas!

Bei Kirchens ist jetzt wieder viel von Auferstehung und vom Sieg des Lebens die Rede.

Klar, zu Ostern steht das ja immer wieder fest auf dem Programm. Da kann passieren, was will:

Ob Massenarbeitslosigkeit, ob Flutkatastrophe oder jetzt Corona, wo doch zahllose Existenzen vernichtet werden und viele Menschen ihr Leben verlieren – erst reden sie wochenlang vom Leiden Christi und vom Leiden heute, und dann: drei Tage nachdem mit diesem Jesus alle Hoffnung begraben wurde, heißt es auf einmal: Er lebt. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Und nun ist schwuppdiwupp Freude und Hoffnung angesagt.

Kann das jemand begreifen? Oder leben die, die so etwas glauben, in einer anderen Welt?

In der Bibel wird ja viel erzählt. Da heißt es auch, dass die Jünger dem Auferstandenen begegnet sind. Kann man ihnen das so einfach abnehmen?
Bei allen österlichen Freudengesängen und Hallelujas: Man will ja kein Spielverderber sein, aber bei so großen und wichtigen Dingen, wenn es um Tod und Leben geht, da wird man doch wohl mal fragen dürfen… Oder vielleicht sogar müssen, wenn man es wirklich ernst meint und nicht einfach nur zu allem Ja und Amen sagen will. 

Und wenn ich mich dann so ein wenig umschaue, dann merke ich, dass es anderen ähnlich geht.
Da ist z.B. dieser Thomas aus Johannes 20, einer von den Jüngern Jesu. Als ihm die anderen erzählen, dass sie Jesus nach seinem Tod wiedergesehen haben, da antwortet er ihnen:
Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

Dann nimmt die Geschichte mit diesem Thomas allerdings eine eigenartige Wendung. Es wird nämlich erzählt, dass Jesus sich ihm zeigt und alle seine Bedingungen erfüllt.
Verständlich, dass Thomas dann auch an die Auferstehung glaubt. 

Aber der letzte Satz, den Jesus dann noch sagt, der hat es in sich:
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! 

Ist das nicht eine ziemliche Zumutung für alle anderen, die ebenso wie Thomas ihre Zweifel haben, aber nicht so eine Sondervorführung kriegen? 

Ich weiß ja nicht, ob man diese Frage bei Kirchens so gerne hört: Aber was würde uns Thomas wohl sagen, wenn er so wie wir ohne dieses besondere Privileg auskommen müsste? 

Ich komme jedenfalls nicht um diesen Schluss herum: Ostern scheint die Gesellschaft zu spalten.
Und damit mag ich mich nicht so einfach abfinden. Ich glaube, dass Jesus das ähnlich sieht. Oder wie soll ich es sonst verstehen, was er zum Schluss bei Matthäi am Letzten sagt (Matthäus 28,18-20)?

Sie sehen, liebe Leserin und lieber Leser, dass Ostern über die Feiertage hinaus spannend bleibt. Mich jedenfalls lassen diese Fragen nicht los, und was mir dabei noch so durch den Sinn geht, teile ich an diesem Sonntag gern mit Ihnen auf www.evangelium.art.blog

Ihr Heinz Schneemann

10. April

Die biblische Ostergeschichte vom leeren Grab hat unzählige andere Ostergeschichten hervorgebracht. Von einer möchte ich ihnen hier erzählen. Max von der Grün hat sie geschrieben. Sie handelt von zwei Menschen, Frau Gmeiner und Herrn Burger. Sie begegnen einander auf dem Friedhof, wo beide die Gräber ihrer verstorbenen Ehepartner pflegen. Sie treffen sich dann regelmäßig dort, helfen sich gegenseitig bei der Grabpflege, sitzen auf der Friedhofsbank und erzählen einander aus ihrem Leben. Oder schweigen, ihren Erinnerungen nachhängend. Vielleicht ahnen Sie bereits wie die Geschichte weitergeht und worauf sie hinausläuft; die Geschichte von Frau Gmeiner und Herrn Burger, beide verwitwet, beide nicht mehr ganz jung – beide regelmäßig zum Friedhof unterwegs, um ihre Gräber und ihre Erinnerungen zu pflegen. Zwischen ihnen entsteht Zuneigung, Liebe. Beide wagen es, gemeinsam noch einmal anzufangen. „Späte Liebe“ nennt Max von der Grün seine Erzählung. Für mich ist es eine Ostergeschichte. Weniger deshalb, weil sie – wie die erste Ostergeschichte – am Grab, auf dem Friedhof beginnt, als vielmehr deshalb, weil es in ihr um einen Neuanfang geht. Um einen Neuanfang von Menschen, deren Leben vom Ende bestimmt ist – von Menschen, die an einen Anfang gar nicht mehr geglaubt haben. 

Ostern werden wir erleben, wenn wir dem Tod nicht das letzte Wort lassen – und den vielen kleinen Toden vor dem Tod. Die schweren Steine, die das Lebendige verbergen, einmauern und gefangen halten wollen, die müssen angepackt und weggeräumt werden. Manchmal müssen wir das selbst tun; das kann harte Arbeit sein. Manchmal finden wir die Steine aber auch bereits weggewälzt. Wie auch immer – erst dann kann Neues in Gang kommen. Ostern ist: sich nicht mit den Leben verhindernden Steinen abfinden. Ostern ist: mit der aufgehenden Sonne gehen. Ostern ist: Umkehren – weg vom Grab zurück in den Alltag, denn dort werden wir Jesus finden. Mitten im Tag, mitten im Alltag, können wir Auferstehung erleben. Überall da nämlich, wo wieder Leben möglich wird – wo Leben neu beginnt.

Pfarrer Matthias Piontek

9. April

Man sollte kein „Wort zum Tag“ schreiben, wenn man selbst ninglig ist. Aber ich bin „dran“ und suche krampfhaft nach einem positiven Impuls. In einer von mir sehr geschätzten Zeitschrift lese ich: „Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen - das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit …“. 

Ich kann ein Gähnen nicht unterdrücken. Das pausenlose Beschwören von der „Chance in der Krise“ macht mich echt müde. Obwohl ich es - an nicht-ningligen Tagen eigentlich auch so sehe. Ein immer nur heiteres, unbeschwertes Leben ist wie immer Schokolade essen. Irgendwann wird mir der Brechreiz kommen, wenn ich schon die Verpackung sehe und dann werde ich mich nach Porreesuppe mit Brathering sehnen und jemanden, der mir Schokolade anbietet, unflätig anschreien. Der Arme. Er hat ja nicht wissen können, dass ich einfach zu viel Schokolade hatte.

Kann man wirklich zu viel an Gutem, Leichtem, Heiterem, Gelingendem haben?

Neulich bekam ich glatt mal zu hören: „Bleib mir weg mit deinem Optimismus. Ich habe ein Recht darauf, einfach mal nur wütend zu sein oder traurig.“ Es fiel mir schwer, nicht wenigstens eine klitzekleine positive Bemerkung fallen zu lassen, denn ich war blendender Laune und wollte gerne davon etwas abgeben.

Zum Glück fielen mir dann die gut gemeintesten und gleichzeitig am schlechtesten ankommenden „Positiv-Sätze“ ein: „Du schaffst das schon.“ und „Das wird schon wieder!“ 

So konnte ich an mich halten.

Wenn man nämlich zum Beispiel verkabelt im Krankenhaus an irgendwelchen Maschinen hängt und sich alles um die Frage dreht: Werde ich jemals wieder alleine auf die Toilette gehen können? und der gut angezogene, um Zuversicht bemühte, Besucher sagt diese Worte, setzt das echte Kräfte frei. Leider vernichtende.

Es gibt Situationen, die kann man nur mit dem Anderen durchhalten. Am besten in der Stille. Ein kluger Professor der Theologie sagte mal in Bezug auf die Hiobsgeschichte: Die Freunde von Hiob machten seelsorgerlich alles richtig - bis zu dem Moment, wo sie den Mund auftaten. 

Alles vorher - das Kommen, Dasein, Mitfühlen, Zuhören war echte Zuwendung. Das Reden über Warum und Wieso, eigene Schuld und womöglich fehlendes Gottvertrauen machte Hiob noch unglücklicher als er ohnehin schon war. „Wird schon wieder“ oder „Krise als Chance“ – eine echte Katastrophe!

Also, versuchen Sie nicht, mich heute in meiner Ningligkeit zu trösten. Ich weiß, dass der Frühling herrlich ist, dass es immer wieder Grund zu Freude gibt und dass Krise auch Chance bedeutet. Aber heute mal nicht. Heute sind selbst meine fleißig im Nistkasten werkelnden Kohlmeisen nur balkonbekackselnde Piepmätze und die herrlichen Tulpen auf meinem Küchentisch blühen einfach nur zum Hohn. Danke, Merkel !

Zum Glück muss ich über mich selbst lachen, während ich das vor mich hin grummelnd schreibe. Sie sehen also, man sollte unbedingt ein „Wort zum Tag“ schreiben, wenn man ninglig ist! 

Siehste, Claudi, wird schon wieder … Was steht an solchen Stellen immer in  Comics ?

Stöhn, Ächz, Seufz, Würg …

Schönen Tag noch! Ihre Claudia Krenzlin

8. April

So tun, als ob ...

In einer Episode im Film “Paris je t’aime” wird ein Paar gezeigt, dass sich auseinandergelebt hat. Eine Krebserkrankung bringt den Mann zurück zu seiner Frau und es heißt von ihm: 
"Durch das Bemühen, sich wie ein verliebter Mann zu verhalten, wurde er wieder ein verliebter Mann". So tun, als ob: Ich verhalte mich so, als ob etwas stimmt, selbst wenn ich gar nichts davon spüre.

Da wir Gott nicht sehen könnten, ist auch Glaube immer wieder ein „so tun, als ob“: Ich verhalte mich so, als ob es Gott tatsächlich gibt und als ob das mit seinen Zusagen stimmt. Ich lebe und denke, wie ein von Gott geliebtes Kind - trotz allem, was ich von mir weiß, trotz allem, was ich an Dummheiten mache. Ich glaube, dass Er mit wirklich liebt. Ich tue so, als ob mich Gott selbst bei meinem Namen ruft. Ich lasse mein schlechtes Gewissen los und auch meine Sorgen.
Und manchmal - wie im Film - kann etwas Verschüttetes wieder ins Leben kommen. Anders als vorher und doch ganz real. 

Die Einladung in der Nach-Osterzeit heißt daher: 
Ich tue mal so, als ob Gottes Auferstehungskraft tatsächlich auch bei mir wirken kann. Ich probiere es aus und erwarte es: 

Ich bin für ein paar Minuten still - gleich jetzt - ich bete, höre nach innen und bin gespannt, was passiert. 
Oder ich lese in der Bibel und erwarte, dass Gott selber zu mir spricht, zu meinem Herzen, in meine Situation. 
Vielleicht haben Sie ja noch eine ganz andere Idee für die Umsetzung …
Und womöglich können Sie im Rückblick sagen: 
Ich habe so getan, als ob Gott da wäre und da habe ich ihn auf überraschende Weise erlebt.
"Durch das Bemühen, sich wie ein glaubender Mensch zu verhalten, wurde ich ein glaubender Mensch."

Fröhliches Experimentieren wünscht 

Volker Klein

7. April

Jesus spricht: 

„Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“

(Lukas 6, 28)

 

Das Jesus-Wort aus der heutigen Tageslosung bringt mich zum Nachdenken: Verfluchen – gibt es das heute noch? Das Wort Fluch klingt unzeitgemäß. Ich denke dabei im ersten Moment an Horrorfilme oder Hexenmärchen, weniger an die zwischenmenschlichen Beziehungen unserer Gegenwart. Aber ich muss nicht lange grübeln und mir kommen die Fluchwörter unserer Zeit in den Sinn: „Gutmensch“, „Nazi“, „Autonomer“, „Querdenker“,... Wie schnell verbindet sich mit diesen Zuschreibungen ein Urteil, das über das Leben, Denken und Handeln eines Mitmenschen gesprochen wird und nicht selten haften bleibt.

In den Sozialwissenschaften hat sich für diese Art der Zuschreibung der Begriff des Framings (von engl. frame = Rahmen) eingebürgert: Ereignisse, Debatten und Personen werden in einen bestimmten Deutungsrahmen einsortiert. In einer großen, komplexen und hochdifferenzierten Gesellschaft geht es oft gar nicht anders, wenn man sich seine Umwelt irgendwie verständlich machen will. Und doch kann der Frame schnell zum Fluch werden, wenn er ein Bild des Gegenübers zementiert, hinter dem der wirkliche Mensch gar nicht mehr zu erkennen ist. Dass das Jesus-Wort auch auf solche Situationen zielt, scheint mir deutlich, wenn ich mir die zweite Hälfte des Verses anschaue, denn wie oft werden zwischen den oben genannten und anderen Gruppen teils heftigste Beleidigungen ausgetauscht.

Die Aufforderung Jesu, zu segnen und zu bitten, ist eine Herausforderung: Kann ich denen, die so ganz anders sind als ich, die mich angreifen und beleidigen, Gutes wünschen? Oft fällt es mir (zu) schwer, aber es lohnt sich: Wo Menschen gut mit- und übereinander sprechen, werden Konflikte lösbar, kann ein Stück Reich Gottes auf Erden wachsen. Ich wünsche uns gerade in dieser polarisierten Zeit, dass uns das immer wieder gelingt!

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

6. April

Michael

In den norwegischen Medien sorgt gerade eine Geschichte für Aufsehen. Die Geschichte von Michael.
Michael starb im April 2011, so wird vermutet, in seiner Wohnung. Im Kühlschrank standen Lebensmittel mit einem Haltbarkeitsdatum in jenen Tagen. Michael wurde vergangenes Jahr gefunden. 9 Jahre nach seinem Tod. Mitten in Oslo. 9 Jahre lang hat ihn niemand vermisst.

Nicht nur, dass ein Mensch sich so isolieren kann, dass keiner sein Fernbleiben bemerkt, erschreckt. Sondern auch, dass wir in Gesellschaften leben, die so automatisiert, so digitalisiert sind, dass ein Mensch über Jahre im System weiterleben kann, auch wenn es ihn nicht mehr gibt. Versicherungen, Rente, Überweisungen, Rechnungen – alles lief weiter. Nachbarn dachten, er sei verzogen. Die Post stellte irgendwann die Zustellung ein wegen überfüllten Briefkastens. Seine Kinder hatten schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm. Jeder dachte, es hätte schon einen Grund, dass es um ihn so ruhig geworden war. Oder jemand anderes würde sich kümmern.

Was an dieser Geschichte so schmerzt ist die Ahnung, dass es Michael vielleicht auch hier, in meiner Straße, in meiner Nachbarschaft, in meinem Stadtteil hätte so ergehen können. Hätte ich mich denn um ihn gesorgt? Wie viel kümmern wir uns denn um die, die nicht zu meinem Familien- und Freundeskreis gehören? Frage ich nach denen, die einsam, isoliert, still um mich herum leben?

Gerade in diesen Zeiten, in denen wir umso mehr verzichten auf die echte Begegnung und uns auf digital und Telefon beschränken – gerade in diesen Zeiten droht Michael verloren zu gehen. Ohne Handy, ohne Computer, ohne Internet.

Nach dieser Geschichte will Ich die Auferstehungsbotschaft auch als einen Auftrag an mich und uns als Gesellschaft lesen: Steine wegzurollen und Wege zu öffnen, damit Menschen aus dem Dunkel ins Licht treten. Aus der Einsamkeit ins Leben. Aus dem Schweigen ins Gehörtwerden. Aus der Angst in die Geborgenheit: Du bist nicht allein. Aus dem inneren Gestorbensein zurück ins lebendige Menschsein.
Ich hätte Michael mehr Ostermorgen gewünscht!

Johanna Stein

5. April, Ostermontag

Ab und an gehen mir Melodien durch den Kopf die mich über den Tag begleiten. Sie singen dann in meinem Kopf und in meinem Herzen. Gerade erst war da ein Choral, den ich mit besonders schönen Erinnerungen verbinde und der mir immer wieder Hoffnung gibt. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG 369) stammt von Georg Neumark, einem Lieddichter des 17. Jahrhunderts. Geboren und aufgewachsen in Langensalza in Thüringen kurz nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges, erlebte er in verschiedenen Stationen Krieg, Leid, Tod und Krankheit. Er hatte sich damals gerade aufgemacht mit all seinen Habseligkeiten nach Hamburg umzuziehen, als er beraubt wurde. Dabei verlor er alles, was er besaß. Völlig mittellos erreichte er schließlich sein Ziel, allerdings konnte er sich dort nur knapp über Wasser halten. Als auch das nicht mehr funktionierte, versuchte er sein Glück in Kiel. Seine letzte Hoffnung war diese Stadt. Auf dem Weg dorthin, hatte er eine Art Offenbarung. Über seiner Traurigkeit schien plötzlich ein Licht. In all dem Leiden, in all der Not, spürte er sich von Gott gehalten. Mich hat das sehr beeindruckt, wie er dann dichten konnte: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen, beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“ Ja, recht hat er. Das ganze Lesen und Nachdenken, Diskutieren und Lamentieren über die aktuelle Situation macht das Problem nur größer. Es ist gut sich umzuhören was passiert, aber ebenso gut und wichtig ist es auch innezuhalten und aufhören zu können. Das Fenster zu öffnen und das Licht hereinzulassen, wie das Licht in die Dunkelheit des Grabs fiel als der Stein weggerollt war. Neumark dichtet weiter: „Denk nicht in deiner Drangsalhitze, dass du von Gott verlassen seist, […]. Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel.“ Manches Mal habe ich das in den letzten Monaten heimlich gedacht, ob da noch jemand ist oder Gott die Dinge einfach nur laufen lässt, ganz ohne Sinn. Da ruft mich Georg Neumark zurecht: Gott wird sich schon noch zeigen und auch sein Ziel für dich wird dir irgendwann offenbar. Das wäre gut. Ich hoffe, dieses Ziel bald zu erkennen und, dass die gleiche Sonne für uns leuchtet, die auch Georg Neumark das Vertrauen in seine furchtbare Situation spendete. In Kiel erlebte er tatsächlich seine Rettung. Gleich nach der Ankunft fand er eine Anstellung, die seinen Lebensunterhalt sicherte. Glück und Freude über seine Rettung packte er nicht nur in die letzte Strophe seines Lieds: „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu.“ Das habe ich selbst doch immer wieder in meinem Leben und meinem Umfeld erlebt. Es eröffnen sich neue Wege, wo vorher Mauern standen. Das wünsche ich mir für uns, dass Gott unsere Steine wegrollt und unsere Leben neu macht wie den Ostermorgen. 

Herzliche Grüße
Nicole Oesterreich

4. April, Ostersonntag

Auferstehung – Leben – Hoffnung

Seid ohne Furcht,
wenn unsere Welt durcheinander gewirbelt wird,
wenn Kräfte und Mächte alles zu sprengen scheinen,
dann wird dies doch nichts sein gegen jene Gewalt,
die den Stein vom Grabe hinweg wälzte. 

Christus hat einmal den Tod besiegt,
alles Grauen währt nur bis zum dritten Tag und
jede Vernichtung ist eingeschlossen in seine und unsere Auferstehung.

Der Tod hat nicht das letzte Wort. Ostern steht für den Weg vom Tod zum Leben, von der Verzweiflung zur Hoffnung, von der Finsternis zum Licht. Die Kräfte des Lebens sind stärker. 

Manchmal geschieht plötzlich etwas in meinem Leben, das alles verändert. Es muss nichts Großes sein, und doch ist alles anders. Gerade kam jemand unverhofft und unerwartet bei uns zu Besuch. Und mit einem Mal ist Lebendigkeit und ansteckende Freude da! So kam der auferstandene Jesus überraschend „zu Besuch“. Es gab einen Neuanfang mitten in der Enttäuschung und Verzweiflung, mitten im Leben. Das ist gemeint, wenn die ersten Christinnen und Christen von Jesus bezeugen: „Er ist auferstanden!“     

Und hier noch eine kleine Anregung:
Nimm Dir ein Samenkorn – zum Beispiel ein Weizenkorn, einen Senfsamen oder einen Sonnenblumenkern. Meditiere die Kraft, die darin verborgen ist. Aus diesem kleinen Korn kann neues Leben entstehen! Es ist ein Zeichen für das Sterben und die Auferstehung: 

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn.
Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12,24

Mit herzlichen Grüßen und Frohe Ostern!

Volker Klein

3. April, Karsamstag

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Am Kreuz hat Jesus diesen Psalm gebetet. Worte, die schon so viele – bis heute – in Angst und Not gebetet, geschrien oder gestammelt haben, wenn sie sich allein fühlten, von allen verlassen – verlassen auch von Gott.

Doch aus dem Psalm 22 spricht auch Zuversicht. Zuversicht auf Rettung und Veränderung. Immerhin ruft der Beter noch nach Gott, immerhin hat er einen Adressaten für seine Klage. Und bei Gott ist er an der richtigen Adresse! Denn der Beter hat einen Anhaltspunkt - etwas, an dem er sich festhalten kann: die Erinnerung daran, dass Gott bisher noch immer geholfen hat. „Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst Du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.“ heißt es im Psalm. Immer wieder führte der Weg hinaus ins Freie, immer wieder gab es neue Anfänge, neue Lebensmöglichkeiten.

Und Jesus? Hat Gott ihn wirklich verlassen? Es hat den Anschein. Jesus ist tot. Er ist ins Grab gelegt, das Grab versiegelt mit einem großen Stein. Alles ist aus. Die Hoffnung begraben.

So mag sich manch einer auch heute fühlen: ausgeliefert, der Möglichkeiten beraubt, vom Leben abgeschnitten - wie in einem Grab, aus dem es kein Entrinnen gibt; ein schwerer Stein versperrt den Ausgang, den Ausweg. Es herrscht Stillstand.

Auch bei den Jüngern herrschte Stillstand – damals am allerersten Karsamstag, dem Tag der Grabesruhe Jesu. Sie wussten nicht, wie es weitergehen sollte.  Wir aber wissen: das Grab konnte Jesus nicht halten, der Stein wurde weggewälzt. Neue Hoffnung, neues Leben!                            Jesus Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh. 14, 19) Neue Hoffnung, neues Leben also auch für uns!

Lebensfreude, OSTERFREUDE will sich Bahn brechen in uns – auch in diesem Jahr. So wünsche ich Ihnen ein hoffnungsfrohes Osterfest!

Pfarrer Matthias Piontek

2. April, Karfreitag

Kann ein männlicher Messias Frauen erlösen?

„Evangelium“ bedeutet „gute Nachricht“: Diese gute Nachricht ist vor allem die Nachricht von Jesu Tod und Auferstehung. Darauf läuft alles hinaus. Und darum hat der große Theologe Martin Kähler einmal die Evangelien treffend als „Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung" beschrieben. Die Passionsberichte bilden das Herzstück der Evangelien und den Kristallisationspunkt der christlichen Heilsbotschaft: Jesus starb, „auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3,16). 

Tatsächlich alle? Die feministische Theologie setzt sich mit den Geschlechterbeziehungen und ihre Auswirkungen auf Glauben, Kirche und Gesellschaft auseinander. Dabei kritisiert sie ein männlich bestimmtes Gottesbild, mit dem sich Frauen nicht oder nur schwer identifizieren können. Diese Kritik hat die Theologin Rosemary Radford Ruether auf die Spitze getrieben mit ihrer berühmten Frage: Wie kann ein männlicher Messias Frauen erlösen?

Auf alle Fälle war Jesus ein Mann der Frauen. Von Anfang bis zuletzt haben ihn Frauen unterstützt und begleitet. Und Jesus ist ihnen „auf Augenhöhe“ begegnet. Auch wenn wir Jesus deswegen nicht gleich als „neuen Mann“ und ersten Feministen feiern müssen, offenbar hatte er doch einen Blick für die gesellschaftliche Stellung der Frauen in seiner Zeit. Mehr noch: In einem tiefen Sinn teilte er ihr Schicksal. 

In der Welt Jesu drückte sich die ungerechte soziale Ordnung auch in einer unterschiedlichen Zuschreibung und Zuteilung von Leiblichkeit aus. Gesellschaftlicher Stand und Körperlichkeit stehen in einem unmittelbaren Verhältnis. Sklaven wurde zum Beispiel mehr Leiblichkeit zugeschrieben als ihren Herren. Die Kreuzigung war eine extrem erniedrigende und qualvolle Hinrichtungsart für Sklaven. Jesus, das Fleisch (also Leib) gewordene Wort, kommt in enge Berührung mit Krankheit und Tod, indem er Kranke heilt und Tote auferweckt. Und er „nahm Knechtsgestalt an“ (Philipper 2,7). Er erleidet selbst Folter und den Tod, der für Sklaven vorgesehen war. So taucht er zum tiefsten Punkt der Leiblichkeit hinab. Zugleich nimmt er damit Eigenschaften an, die mit Weiblichkeit verbunden und den Frauen zugeschrieben wurden: Schwäche, Verwundbarkeit, Leiden. Darin vor allem kommt seine Weiblichkeit zum Vorschein. 

Am Kreuz wird Jesus eins mit den Frauen.

Olaf Schmidt

1. April

In der Nacht, da er verraten ward ….

Mit diesen Worten beginnt die Abendmahlsliturgie.

In der Nacht, da er verraten ward. An dem Abend, bevor der Weg durch unaussprechlichen Schmerz begann … An dem Abend, bevor er dennoch des Vaters Willen über den seinen setzte voll Vertrauen … An diesem letzten Abend in der vertrauten Gemeinschaft ….

Was geschah an diesem Abend? Die Überlieferung berichtet von einem Mahl, das voller Symbolik war und blieb bis in unsere Tage. Sie berichtet von den Fragen und Zweifeln der Jünger, von der Enttarnung eines Verräters, bevor der den Verrat beging, von einer Fußwaschung, die anderes abwaschen sollte als Straßenstaub.

Jesus tauchte noch einmal tief ein in diese Gemeinschaft. Er liebte sie und war Teil davon. Noch einmal zusammen essen, miteinander reden, gemeinsames Erleben. Wohlwissend, dass er das allerletzte Wegstück auf Erden allein würde gehen müssen.

In einer Kur lernte ich Christine kennen. Sie war gezeichnet von der langen, nicht zu besiegenden Krankheit, schmal und zerbrechlich im Äußeren. Sie war geprägt von einem unendlich tiefen, bodenständigen Gottvertrauen, von humorvoller Stärke und scheinbar unendlicher Energie.

Jede Mahlzeit mit ihr wurde zu einem Lebenselixier. Großzügig ließ sie alle teilhaben an ihrem Lachen, an ihrer Zuversicht, an ihrer Lebensliebe. Während wir anderen uns beim Rehasport mühsam Kräfte antrainieren, bestieg sie – den Brocken.

Uns blieb der Mund offen stehen, als sie uns davon berichtete. 

Wir blieben in Kontakt. Sie blieb sich treu. Ging es ihr gut, wanderte sie, fuhr Ski, bewirtschaftet Haus und Hof. Ging es ihr schlecht, vertraute sie darauf, dass es besser werden würde.

Noch im Hospiz, wenige Tage vor ihrem Tod malte sie ein Bild – bunt und voller Leben!

An dem Abend, bevor der Weg durch unaussprechlichen Schmerz begann….

Am Abend, bevor sie dennoch des Vaters Willen über den ihren setzte …

Sie starb am Gründonnerstag 2020. 

Auf dem Grabstein des Dichters und Diplomaten Amado Nervo stehen die von ihm verfassten Worte: 

Ich habe geliebt, ich wurde geliebt, 

die Sonne streichelte mein Gesicht. 

Leben, du schuldest mir nichts! 

Leben, wir sind in Frieden!“

Drei Wörter würde ich verändern und gerne auf ihren Grabstein schreiben: 

Ich habe geliebt, ich wurde geliebt, die Sonne streichelte mein Gesicht. 

Leben, ICH schulde DIR nichts! VATER, wir sind in Frieden!“

Claudia Krenzlin

Neu! BLOG - Worte für den Tag online!

Die Beiträge "Worte für den Tag" werden ab sofort auf dem Blog  https://www.taborkirche.de/  veröffentlicht und können dort nicht nur gelesen, sondern auch wie in einem Internetforum besprochen werden.
 

28. Januar

Das Wormser Edikt

Jakob sprach: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.“ 1. Mose 32,11

Heute vor genau 500 Jahren unterzeichnete Kaiser Karl V. das sogenannte „Wormser Edikt“. Mit diesem Edikt wurden Martin Luthers Schriften verboten und er selbst sollte von jedem, der seiner habhaft werden konnte, an Rom ausgeliefert werden. Diese „Reichsacht“ war gemeinsam mit der Päpstlichen Bannbulle die schlimmste Strafe, die über einen Menschen im Mittelalter verhängt werden konnte. Durch die Reichsacht war Luther praktisch vorgelfrei und durch die Bannbulle, die nur wenige Wochen vorher über ihm ausgesprochen worden war, konnte er nach der damaligen kirchlichen Lehre nicht darauf hoffen, nach seinem Tod in Gottes Himmelreich aufgenommen zu werden.

Luther hat aus einem ganz bestimmten Grund heraus das Risiko eines solchen Urteils auf sich genommen. Alles begann mit einer Erkenntnis, wie auch Jakob sie schon im 1.Mose-Buch formuliert hat: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.“ Tief in Luthers Glauben ist es eingebrannt: Nichts was ich tue oder lasse kann an den Willen Gottes heranreichen. Die Gesetze und Gebote Gottes verlangen zu viel. Der Mensch ist nicht fähig Gottes Gnade zu verdienen. Jeder Kampf ist zum Scheitern verurteilt.

Doch indem Luther immer wieder im Neuen Testament liest, reift in ihm ein weiterer Gedanke: Gottes Gnade, seine unendliche Liebe zu uns Menschen, können wir nur begreifen, wenn wir verzweifelt sind und an unsere menschlichen Grenzen stoßen. Dann nämlich können wir uns nicht mehr auf unser großes Können und Wissen verlassen. In unserem Scheitern liegt die Chance zu Gott zurückzukehren, der unser Können und Wissen übersteigt. Er nimmt uns an, wie wir sind. Was für ein Trost! Gottes Liebe ist am größten, wenn wir am kleinsten sind.

Dieses tiefe Vertrauen auf Gottes Liebe hat die Welt ins Wanken gebracht. Luther widersprach mit dieser Entdeckung der Kirche und dem Staat und setzte sich so einer großen Gefahr aus. Das alles tat er aber im Vertrauen auf Gott und seine Macht, die über Bannbullen und Reichsachten hinausgeht.

Wie Luther können auch wir den Bedrängnissen unseres Lebens begegnen. In unserem Scheitern liegt die Chance Gott näher zu kommen. Seine Barmherzigkeit und Treue macht sich nicht daran fest, ob wir uns als „gering“ bezeichnen. Wir können getrost unser Leben bestreiten und mit Luther angesichts der Steine auf unserem Weg antworten: „Gott helfe mir! Amen“                        

Charlotte von Ulmenstein

27. Januar

Foto: pixabay

Eine ganz besondere Rolle

304.793 Buchstaben sind schon geschrieben, trotzdem ist die Torarolle (die fünf Bücher Mose) noch nicht fertig. Es wird heute ein feierlicher Moment sein, wenn die letzten 12 Buchstaben im Bundestag geschrieben werden: אלֵֽרָשׂ ְיִכּל־ ָניֵ֖עי ֵל) – deutsch: vor den Augen von ganz Israel). So lauten die letzten Worte der Tora im 5. Buch Mose (Deuteronomium / Devarim) 34,12.

Eine ganz besondere Rolle der 5 Bücher Mose wird heute am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus fertiggestellt. 1793 wurde diese Torarolle für die neue Synagoge in Sulzbach (Oberpfalz) geschrieben und gilt heute als eine der ältesten noch erhaltenen Torarollen.
Sie überstand Stadtbrand, Auflösung der Gemeinde und die Reichspogromnacht.
Nach dem 2. Weltkrieg kam die Sulzbacher Rolle in die Amberger Synagoge und geriet im Toraschrank in Vergessenheit.
Nun wurde sie restauriert und kommt wieder im Gottesdienst am Schabbat und zu Feiertagen zum Einsatz.

Die Fertigstellung heute erinnert an die Shoah und gleichzeitig auch an die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland.
1700 Jahre – an die in diesem Jahr und nicht nur heute erinnert wird. 1700 Jahre – in denen gelesen wird: הים˄ ִ֑א ֱראָ֣בּ ָשׁית ִ֖ראֵבּ – ְbereschit bara elohim –
Am Anfang schuf Gott…. – vor den Augen von ganz Israel und der ganzen Welt.

Schalom,
Ihre Angela Langner-Stephan

26. Januar

“Tolle, lege!” – Nimm und lies!

Der Kirchenvater Augustinus, einer der bedeutendsten Theologen in der Geschichte des Christentums, hat nach eigener Aussage in den ersten Jahrzehnten kein besonders christliches Leben geführt – weder im Hinblick auf seinen Lebenswandel noch was seine religiös-weltanschaulichen Überzeugungen anging. Die Wende soll einem autobiografischen Bericht zufolge ein Erlebnis in einem Garten in Mailand gebracht haben. Dort sprach eine Stimme wiederholt zu Augustinus: „Tolle, lege!“ (lat. für „Nimm und lies!“). Daraufhin begann er in der Bibel zu lesen – die Lektüre veränderte sein Leben und Denken grundlegend.

Die Kirchengeschichte kennt viele Beispiele für die verändernde und erneuernde Kraft des Bibelstudiums. Denken Sie etwa an Martin Luther, den ebenfalls die intensive Auseinandersetzung mit biblischen Texten zum „Reformator“ machte. Luther wusste auch, dass man die Bibel den Menschen in ihrer Sprache zugänglich machen und erklären muss, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.

Einen Versuch, das in einer für das 21. Jahrhundert angemessenen Form zu tun, unternimmt die neue BasisBibel-Übersetzung, die vor wenigen Tagen erstmal als „Vollbibel“ (Altes und Neues Testament) erschienen ist. Durch eine zeitgemäße und prägnante Sprache sowie Erklärungen zu schwierigen Begriffen soll der Text modernen Lesegewohnheiten zugänglich gemacht werden.

Die Bibel selbst kennt Geschichten zur segensreichen Wirkungen des Schriftstudiums: So etwa die des Beamten aus Äthiopien, der in Jerusalem eine Schriftrolle mit dem Buch des Propheten Jesajas erwirbt und sich taufen lässt, nachdem der Apostel Philippus mit ihm darin liest. Vielleicht haben Sie Lust, diesen Text einmal in der neuen Übersetzung, die auch online verfügbar ist, zu lesen:

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB/ACT.8/Apostelgeschichte-8

(Die Geschichte beginnt bei Vers 26)

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

25. Januar

Einen Sinn auch im Leiden finden

„Wie haben Sie das nur durchgestanden?“, so und so ähnlich wurde er immer wieder gefragt. Das Unfassbare brauchte eine Erklärung. Er hatte das Grauen, er hatte Ausschwitz überlebt.
Dass er einen Sinn selbst im Leiden gefunden hatte, das wird er antworten.

Einen Sinn zu haben, gibt den Menschen Kraft.
Viktor Frankl ist Begründer der Logotherapie (griech. Logos: Sprache, Sinn). In seinen Therapien, in den Interviews und durch seine Bücher fragt er: Was ist dein Sinn, was ist deine Aufgabe in dieser Zeit, hier und jetzt?
Mit dieser Frage fordert er uns auf, aktiv unsere Lebens- und auch die Leidenszeiten zu deuten und zu gestalten.

Aber welchen Sinn könnte die Coronazeit haben?

Für mich ist es eine Zeit, in der wir als Familie wieder sehr viel mehr aufeinander angewiesen sind.

Der Radius ist sozusagen klein geworden. Wir hocken alle aufeinander. Vielleicht liegt gerade darin der Sinn: Dieses auszuhalten und durchzustehen. Sich gegenseitig auszuhalten und sich darin tiefer und ehrlicher kennenzulernen. Und Formen des Miteinanders zu finden, die in dieser Zeit entstanden, aber über diese hinaus reichen.

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

PS: Die Suche nach Sinn steckt auch in unserem Losungswort für heute. Die Leidenszeit haben die Juden (auch) als Erziehungszeiten verstanden und ihnen so die Chance abgerungen, nach einem guten, einem sinnvollen Leben zu suchen.

Aber mit dir will ich nicht ein Ende machen. Ich will dich mit Maßen züchtigen, doch ungestraft kann ich dich nicht lassen. ( Jeremia 30,11)

22. Januar

„Wo sehe ich mich in 5 Jahren?“ Das war eine der Fragen, welcher mir mein zukünftiger Pfarramtsleiter als „Hausaufgabe“ für die nächste Besprechung gab. Es klingt wie eine Frage in einem Bewerbungsgespräch. „Wo sehe ich mich in 5 Jahren?“ Momentan würde ich lieber eine Wunschvorstellung von „Wo sehe ich mich in 5 Tagen?“ umgesetzt haben, aber das ist schwierig. Wenn ich über die beiden Fragen nachdenke, fallen mir die Gemeinsamkeiten auf: Meine Familie, meine Freunde und mein Glauben. Es sind die Konstanten in meinem Leben in schönen, aber vor allem in schweren Zeiten. Geliebt von meiner Familie, geschätzt von meinen Freunden, aufgefangen in meinem Glauben. Mal spüre ich das mehr, mal weniger. Aber es stärkt mich auch besonders in diesen Tagen und ich vertraue darauf, dass es das auch in 5 Tagen und in 5 Jahren tun wird. Darauf hoffe ich, weil Jesus Christus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20). Das ist ganz schön lange. Viel länger als 5 Tage oder 5 Jahre. Es ist ein Versprechen ohne zeitliche Begrenzung. Das stärkt mich gerade, wenn es schwere Zeiten gibt, weil ich daran glaube, dass Jesus jetzt und immer bei mir ist.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie sich von dieser Zusage gestärkt fühlen in den nächsten 5 Tagen und Jahren und alle Tage.

In diesem Sinne bleiben Sie behütet!

Anne-Marie Beuchel

21. Januar

Gott ohne Grenzen

Immer wieder höre ich in Gesprächen mit Leuten aus der Theater- und Musikszene von der gefühlten Ungleichbehandlung von Kirche und Kultur in diesen Zeiten der Beschränkungen: Sie fragen sich, warum  Religionsgemeinschaften, geschützt von der Freiheit zur Religionsausübung, andere Rechte zugesprochen bekommen im Lockdown. Wir dürfen Gottesdienste feiern. Mit Hygienekonzepten, die Konzerthäuser und Theater ebenso gut umsetzen würden. An denen liegt es also nicht. Woran liegt es dann? Ist es der Ort, der eine Veranstaltung zu einer Religiösen macht? Ist es ein Geistlicher, der anwesend sein muss? Oder ist es das Publikum, welches zu einer eingetragenen Glaubensgemeinschaft gehören muss? Oder ist es der Vollzug, die Elemente, die Liturgie? Was ist dann, wenn zu einem Gottesdienst nur ungetaufte Besucher kämen? Oder wenn ein Pfarrer eine Andacht im Theatersaal hielte, mit Altar und unterm Kreuz? Was ist mit dem Konzert, das in der Kirche stattfindet? 
Ich habe darauf keine befriedigende Antwort. Aber mich machen diese Fragen sensibel dafür, zu sehen, dass Religiosität so viel mehr ist als ein Raum oder ein Format. Was Menschen berührt, wo sie spirituelle Erfahrungen machen, wo sie Gott begegnen – das ist so verschieden, wie wir es sind. Das kann im Park sein, unterm Sternenhimmel, in den Armen eines Geliebten, beim Hören ergreifender Musik oder großer Fragen auf der Bühne. Ich bin dankbar für diese Sichtweise: „Glaube“ als Beziehung zwischen mir und Gott lässt sich nicht begrenzen. Und Gott ist größer als unsere Vorstellungen und Institutionen.

Johanna Stein

20. Januar

Morgens reiße ich das Kalenderblatt ab und lese:

 „Ich freue mich jedes Mal, wenn schlechtes Wetter ist; 

denn wenn ich mich nicht freue, ist auch schlechtes Wetter.“ (Ernst Kirchgässer)

Ich muss lachen und das ist schon mal ein guter Tagesbeginn. Jawohl. Wir leben „in diesen Zeiten“ und „Zeiten wie diesen“ und die Freude bleibt uns manchmal im Halse stecken.

Und wenn ich dann doch einmal - richtig aus voller Seele - 

so einen Moment habe, wo ich einfach nur glücklich bin und mein Leben, mein Da-Sein genieße, sogar in „diesen Zeiten“, dann schleicht sich so ein kleiner fieser Gedanke an, der flüstert: 

„Was, Du freust Dich? Das kann doch wohl nicht wahr sein - in diesen Zeiten! Die Kranken, die Sterbenden, die Existenznöte, die geplagten Familien, die Menschen auf der Flucht, die Menschen im Krieg! 

Und du freust Dich, weil du ein Rotkehlchen gesehen hast? Weil es schneite? Denk mal an die Unfallopfer auf glatten Straßen, an das Vogelsterben und wenn wir einmal dabei sind - die Haltungsbedingungen unserer Nutztiere und den Klimawandel. 

Du hast gefälligst traurig zu sein, besorgt und ängstlich! Verstanden? Hier gibt es nichts zu freuen. Das Leben ist ein Jammertal - begreife das endlich!“ Manchmal knicke ich ein. Manchmal schäme ich mich meiner Freude.

Und - helfe damit niemandem. Ich konsumiere pflichtbewusst schlechte Nachrichten, spende fix und schuldbewusst für Greenpeace und starre auf die Inzidenzwerte.

Manchmal knicke ich nicht ein. Manchmal singe ich eins der „Schmetter-Lieder“ aus dem Chor, z. B. „Singet froh, wir haben Grund zum Danken“ und streichle die, schon in den Startlöchern sitzenden, Blattknospen im Park.

Und - besuche dann meine 99-jährige Freundin im Heim, die auch jetzt noch, nach langem Leben und schweren Zeiten aller Art, sagt: „Frau Krenzlin, es muss ja doch alles an Gott vorbei.“

Ja, die Rettung der Welt liegt nicht in meinen Händen. Aber die Rettung der Freude und der Fröhlichkeit gehört zu den Grundbedingungen und Grundaufgaben des Lebens. Unseres eigenen Lebens und dem des Nächsten und manchmal auch noch des Übernächsten. 

Und ich singe, was Paul Gerhardt 1647 (kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges !!!) dichtete:

„Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn, 

und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin“ (EG 322, 5. Strophe)

Es nützt ja nichts.

Ihre  Claudia Krenzlin

19. Januar

Klage, Schmuck und schöne Kleider

Es ist auch für glaubende Menschen schwer, die Ohnmacht und die Ratlosigkeit, den Widerspruch und die Zwiespältigkeit der Gefühle in der Coronakrise auszuhalten.

Es ist gut zu wissen, dass es schon immer Menschen gab, die in Notzeiten das gute Wort sprachen und das Leid und die Angst nicht kleinredeten, die zuhören konnten und um die Sorgen und Ängste wussten.

Im Alten Testament erzählt Jesaja, wie wichtig es ist, sich den Menschen zuzuwenden.

Der Herr hat mich gesandt, zu trösten, alle Trauernden. Jes 61,1.2.

Er erzählt mit einem hohen Einfühlungsvermögen, wie Herzen zerbrechen, weil die Zukunft zerplatzt, wie Gefangenschaft durch Krankheit oder Streit und Wut zum Freiheitsentzug in sich selbst oder in den eigenen vier Wänden quälend spürbar wird.

Jesaja will heilen, verbinden, trösten, was zerbrochen ist, was so weh tut und was Menschen traurig macht. Er stellt sich zu ihnen in ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit, um zu begleiten. Er möchte mit seiner Offenheit und Gottesworten, „…ihnen Schmuck statt Asche, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben.“ 

Das könnte die Aufgabe der Kirchen sein. Kirche eröffnet einen Raum, in dem wir für unser Leben wieder ein Gespür bekommen. Ein Ort, an dem wir neu genießen, wie es ist, schönen Schmuck und bunte Kleider zu tragen. Aber davor braucht es einen anderen, einen bergenden Raum, in dem die so oft unterdrückten Gefühle eine Sprache finden. Hier nehmen Worte der Klage und des Gebetes die gegenseitigen Vorwürfe um die richtigen Entscheidungen auf. Die konfrontative Anklage führt zur vielstimmigen Klage.

Menschen nehmen das Leid in dieser Krise unterschiedlich wahr. Wir werden ein neues Verständnis füreinander entwickeln, wenn unsere Gefühle und Ansichten nebeneinander stehen dürfen und gehört werden. Wenn wir unsere vielstimmigen Klagen und Gebete Gott vorhalten, werden wir nicht allein zurückgelassen. 

Wir tragen miteinander im Namen Gottes nicht nur das Leid dieser Zeit, sondern auch den Schmuck und die Kleider der Zukunft.

Jesus spricht dies für seine Zuhörer in der Bergpredigt so aus: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Mt 5,4

Ihr Martin Staemmler-Michael

18. Januar

„Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen.“    (nach Epheser 4,26)

Das ist ein weiser Rat, den ich allzu oft selber nicht befolgt habe. Zwar, der Zorn verraucht bei mir relativ schnell, aber an seiner Stelle entsteht Groll, wenn der Grund des Zorns nicht beseitigt wird. Und Groll setzt sich an der Seele fest wie Rost am Eisen. Der geht dann von selber nicht mehr weg. Gereiztheit, Trübsinn, Schlaflosigkeit – verschiedene Folgen hat so etwas Unbewältigtes. Ja, es ist schon richtig: Nimm den Zorn nicht mit in’s Bett. Mir hilft es, wenn ich versuche ein paar Schritte zurück zu treten und die Sache, über die ich zornig bin, aus Abstand zu betrachten. Wie wirst du in einem Monat darüber denken? Wirst du dich in einem Jahr überhaupt noch daran erinnern? Zorn ist völlig menschlich…und zugleich völlig kontraproduktiv. Im Zorn habe ich mich nicht im Griff. Und wenn ich auf einen anderen Menschen zornig bin, sage oder tue ich Dinge, die verletzen und mir danach leidtun. Auch im Blick auf den anderen, der meinen Zorn abkriegt, sollte die Sonne nicht über meinem Zorn untergehen. Besser, gleich ein Wort der Entschuldigung. Hat das nicht auch etwas mit der neuen Jahreslosung zu tun? „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Ja, seid barmherzig mit euch selbst und mit euren Mitmenschen bevor die Sonne untergeht und es zu spät ist.

Viele Grüße von Günther Jacob

15. Januar

Foto: pixabay

Bei jedem 15. Januar kommen mir Erinnerungen an den 15. 1. 91, der sich in besonderer Weise in meinem Leben eingeprägt hat.

Trotz 2. Intifada konnte mein Studienjahr „normal“ in Jerusalem beginnen. Dann kam der 2. August – mit dem Einmarsch im Kuwait änderte sich die politische Lage. Beim UNI-Start hatte ich neben der Führung über das UNI-Gelände auch eine Einführung zum Verhalten in Kriegssituationen. Nach den ersten Wochen bekamen wir alle eine Gasmaske. Es war ein besonderes Semester mit intensivem Studium, vorzeitigen Abschlussprüfungen und …

Dann kam der 15. Januar: Nach Verabschiedung von israelischen Freund_innen, letzten Erledigungen und Koffer packen (ohne Wissen, ob oder wann ich zurück kann) ging es zum Flughafen. In alle Ecken der Welt gingen die letzten Flugzeuge. Mit der letzten Maschine und viel Verspätung ging es nach Hannover. Mitten in der Nacht war ich wieder bei meiner Familie und gefühlt doch im Ausland. Keine 24h später begann der Luftkrieg. Bilder von den Angriffen auf Israel sah ich in den Nachrichten. Freunde konnte ich nur schwer erreichen (digital ging nicht) – Post konnte von Deutschland nur auf dem Landweg verschickt werden. Die Zeit forderte viel Geduld von mir. Mit dem ersten Flugzeug ging es Anfang März noch vor dem Waffenstillstand zurück. Zur Begrüßung gab es einen „wieder da“-Abend mit allen Nachbarn!

Das war vor 30 Jahren und bewegt mich noch immer. Im Rückblick überwiegen die vielen wunderbaren Erinnerungen und Freundschaften. Und Schweres hat mich „wachsen“ lassen.

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

14. Januar

Gedankenreise

Neulich verlor ich mich vor dem Fernseher in Reisedokus. Etwas was man zur Zeit – in einem durchschnittlich grauen, nassen und kalten Januar in einer mitteleuropäischen Großstadt – nicht tun sollte. Oder vielleicht gerade?! 
Ich flog über den Wolken der Sonne entgegen, nach Osten. Ich wanderte durch das Pamirgebirge, schlief in einer Jurte in der Mongolai, trank Wodka in einem Dorf in Usbekistan, steckte die Füße in den warmen Sand am Ufer des Schwarzen Meeres in Bulgarien, zeltete am Aralsee. Alles nur in meinem Kopf, versteht sich.
Als ich dann wieder in der Realität landete war ich zuerst einmal wütend und neidisch. Und unzufrieden. Wütend auf diesen Winter, dem ich nicht entfliehen kann, neidisch auf das Grün und die Sonne des Südens und auf all diese Orte auf der Erde, die ich für garantiert viel schöner hielt als den meinigen hier. Und unzufrieden mit mir, dieser Stadt, diesem Wetter, diesem Lockdown, diesem Jahresbeginn und überhaupt mit allem. Ich tat mir einfach mal so wunderbar selber leid. Kurz.
Die Nacht darauf träumte ich zur Abwechslung mal wieder lebhaft und klar. Ich träumte von genau jenen Bildern, die mich so neidisch gemacht hatten. Ich fühlte die Wärme, ich hörte das Durcheinander von Markttreiben und fremde Stimmen. Ich roch den Duft fremder Landschaft. Ich stand in den Bergen.
Als ich an jenem Morgen aufwachte war ich erwärmt, belebt, gut gelaunt und dankbar. Und ärgerte mich über mich selber am Abend zuvor. Denn die Schönheit, die ich gesehen und nach der ich mich gesehnt hatte – sie hat mich in Wahrheit nicht ärmer gemacht, weil sie mir zeigte, was ich nicht habe. Sondern sie hat mich reich und dankbar gemacht, weil sie da ist. Und weil es mir gut geht, da wo ich bin. Weil das mein Platz ist, genau jetzt.

Johanna Stein

13. Januar

Eigentlich sollte es Kaffee geben, aber die Kaffeemaschine lässt das Wasser nicht durch.

Dem alten Mann mir gegenüber ist das sehr peinlich. Wir sitzen zusammen, um die Trauerfeier für seine verstorbene Frau zu besprechen.

Viel Schönes wird erzählt und auch einiges Schwere. Er ist Vater von einem Sohn. Er lebt aber weit weg. Und dann bricht es auch dem alten Mann heraus: Dass seine Frau gestorben ist, das ist halt so; traurig zwar, aber der Tod gehört zum Leben und sie ist „schön“ gestorben. Aber der Sohn: Er hat sich losgesagt von ihm und wird auch nicht zur Trauerfeier kommen. „Wir sehen uns nicht wieder!“, hatte er am Telephon gesagt. Und der alte Mann mir gegenüber schluchzt: „Herr Pfarrer das tut so weh!“ Und ich hoffe für beide, dass sie wieder zueinander finden.

Im Lesen des Losungswortes für diesen Tag bin ich an dieses Trauergespräch erinnert worden und ich finde Parallelen zwischen dem alten Mann und Gott.

Ein Sohn soll seinen Vater ehren. Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre?, spricht der HERR. (Mal 1,6)

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

12. Januar

„Die 99 Schafe“

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?                                                            Lk 15,4

Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl den 99 Schafen geht, die da allein in der Wüste stehen: der Wind fegt über die unfruchtbaren Weiten, kein Wasser ist in Sicht und hinter jedem Stein kann ein Schakal oder sogar ein Wolf lauern. Ihr Hirte hat den 99 von grünen Auen und frischem Wasser vorgeschwärmt, er hat ihnen versprochen sie zu beschützen und immer bei ihnen zu bleiben: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“ 
Und nun? Ist er weg! Einfach gegangen! 
Was würden sie wohl reden, die 99, die zurück bleiben?

„Sag mal, kennst du das eine Schaf?“
„Das, weswegen er uns alle im Stich lässt? Nein! Du?“
„Nein. Ob es wohl ein besonderes Schaf ist? Besser als wir anderen? Mit mehr Wolle oder besserer Milch?“
„Glaub ich nicht! Es muss ziemlich dämlich sein, wenn es den Anschluss an so eine große Herde verliert.“
„Das ist doch Wahnsinn, wegen so eines dummen Schafs uns alle solcher Gefahr auszusetzen!“
„Ja, er hätte es lieber seinem Schicksal überlassen sollen!“
„Wieso denkt er nicht an uns? Ich habe Angst hier so allein!“
„ Also eins ist klar: wenn er das Eine wiederfindet, gehört es nicht mehr zu uns. Dieses Schaf allein ist Schuld an unserer Lage!“
„Ja, das sehe ich auch so!“

Das Wort Solidarität ist zurzeit überall präsent. Der Duden übersetzt es mit „unbedingter Zusammenhalt“, „Eintreten füreinander“ und „Zusammengehörigkeitsgefühl“.
Es ist nicht immer leicht, sich solidarisch zu verhalten mit denen, die verloren sind. Zu verlockend ist der Gedanke zu der starken Menge der 99 zu gehören. So gesund wie man ist, geradeaus denkend und vor allem: die Mehrheit. Man ist ja nicht das verlorene, das Außenseiter-Schaf.

Dem Hirten ist egal, was die 99 denken. Er hat jetzt keine Zeit, sich mit ihren Problemen zu beschäftigen. Er muss los und zwar sofort! Er muss das Verlorene finden! 
Gut, dass unser Hirte nicht von unserer Solidarität abhängig ist. Er entscheidet selbst, wer zu seiner Herde gehört. Das ist auch für die 99 eine Erleichterung, denn jeder und jede kann mal verloren gehen.  

Charlotte von Ulmenstein

11. Januar

Was ist Wahrheit?

Die Frage nach der Wahrheit hat zu allen Zeiten Hochkonjunktur und auch heute fragen und suchen Viele danach. Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen der Religionen bieten ihre Wahrheiten an, ebenso aber auch politische oder Verschwörungs-Ideologien. Die eine „Wahrheit“ mag zu überzeugen oder zu inspirieren, andere irritieren oder können gar gefährlich werden.

Eines aber scheint allen Wahrheitssuchenden gemein zu sein: Vom Finden des Gesuchten erhofft man sich viel. Wie ein Rettungsring im tosenden Meer einer chaotischen und unübersichtlichen Welt soll die Wahrheit ein fester Punkt sein, von dem aus man wieder Halt gewinnt, verstehen und aktiv werden kann.

Allzu oft wird diese Hoffnung enttäuscht, weil die tatsächliche Wahrheit auf dem eingeschlagenen Weg nicht zu erreichen ist und/oder vermeintliche Wahrheiten nicht tragen. Als Christinnen und Christen dürfen wir die Suche nach der Wahrheit aber mit einer besonderen Hoffnung beginnen, an die der heutige Lehrtext der Herrnhuter Losungen erinnert:

„Gott, unser Heiland, will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Timotheus 2, 3f.)

Und wenn der allmächtige Gott etwas will – was anderes ist dann zu erwarten, als das es geschieht?

Herzliche Grüße und eine gesegnete Woche wünscht

8. Januar

„Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, 
dass ich nicht wanken werde.“
(Ps 62,7)

Mit den Worten der Tageslosung für den 08.Januar sind Sie eingeladen zum Gebet:

Gott,
du bist mein Fels. Du gibst mir Stabilität und einen sicheren Grund, auf dem ich stehen kann.

Gott,
du bist meine Hilfe. Zu dir rufe ich, wenn ich nicht weiter weiß. An dich wende ich mich in Momenten von Angst, Trauer und Schmerz.

Gott,
du bist mein Schutz. Bei dir bin ich sicher, denn du stehst mir bei und verlässt mich nicht. Durch dich fühle ich mich gestärkt für meinen Tag.

Gott,
ich danke dir, dass du da bist. Sei bei mir, damit ich nicht wanke. Und sei bei mir, wenn ich es doch tue.

„Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, 
dass ich nicht wanken werde.“
(Ps 62,7)

 Anne-Marie Beuchel

7. Januar

Wovon leben eigentlich die Engel?

Zu Weihnachten waren wieder viele Engel zu sehen - schön gemalte auf Bildern und Grußkarten und Engelfiguren neben einer Krippe oder als Leuchter in den Fenstern.  Schon immer beschäftigen diese außergewöhnlichen Wesen die Phantasie der Menschen. Und manchmal stellt sich die Frage, ob es sie wirklich gibt und was sie eigentlich für Geschöpfe sind.

Eine eindrückliche Antwort darauf wurde uns am 1. Advent in der Bethanienkirche gegeben. Bevor in diesem Gottesdienst die alten  Kirchenvorsteher verabschiedet und die neuen eingeführt wurden, unterhielt sich die Pfarrerin in der Predigt mit einem Engel. Er kam ganz in Weiß, aber ohne Flügel. 
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.  
Und als am Ende gefragt wurde, ob nicht noch mehr Engel in der Kirche sind, gab es zunächst einen kurzen Moment der Stille. Dann aber standen viele in der Gemeinde auf.  
Ja, natürlich! Engel sind doch Boten. Das ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes angelos.

Nachdem die eine Frage geklärt ist, taucht gleich - so geht das ja häufig - die nächste auf: Sind Engel nicht sehr zarte und flüchtige Wesen? Wovon leben die eigentlich?

Ich habe da so eine Vermutung, die ich hier gern mit Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser bedenken möchte.  Es spricht doch sehr viel dafür, dass so ein Angelo oder so eine Angela vor allem vom Ev-Angelium lebt.  Das leuchtet mir nicht nur rein sprachlich ein, wobei das Ev im Griechischen eu heißt und gut bedeutet.
 

Engel leben - was auch immer sie sonst noch zu sich nehmen - als Engel von guten Nachrichten!
Wenn es überhaupt keine guten Nachrichten mehr gäbe, würden die Engel verhungern.  
Und mal ganz ehrlich: Gibt es nicht viele, sehr viele hungrige Engel, die recht flügellahm irgendwo herumhocken?

Wir wissen es alle: Die richtige Ernährung ist ein ganz entscheidender Faktor für die Gesundheit.
Das gilt auch für die Engelnatur.  
Engelnatur? Ja natürlich! Als Geschöpfe Gottes gehören sie zu seiner Natur und unterliegen damit auch ihren und seinen Gesetzen. Engel müssen gut auf ihre Ernährung achten und auch ausreichend Bewegung haben. Beides hängt eng zusammen.

Eine tägliche Ration Evangelium hält die Engel bei Kräften. Am besten schmeckt und stärkt das in guter Gemeinschaft. Das geht leider nicht immer und zu allen Zeiten. Aber echte Engel sind auf der Höhe, auch zeitlich. Sie benutzen deshalb auch das Telefon und neuerdings sogar das Internet. Das Evangelium muss nämlich kommuniziert werden, damit es richtig verdaut werden kann.  
Die Kommunikation des Evangeliums ist die wichtigste Aufgabe der Engel. Das haben wir zu Weihnachten wieder deutlich gehört. 
Diese Aufgabe bringt die Engel ordentlich in Bewegung.  Und andere auch, denn das Evangelium kann ganz schön bewegend sein!
 

5. Januar

Auf die Stimme hören.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Jesaja 50,4 ca. 540 v. Chr.

Hier wird von einem Menschen im Prophetenbuch Jesaja erzählt, von dem wir nicht viel wissen. Aber wir lesen, dass er das gute und heilende Wort zur rechten Zeit für die spricht, die es brauchen. Er hat ein offenes Ohr für die Müden und Bedrängten. Für alle, denen nicht mehr zugehört wird. Für die, die vergeblich nach Worten ringen. Dieser Mensch dient denen, die am Alltag ermüden. Ein ehrlicher, guter Knecht.

Es ist noch still im Haus. Ich kann nicht schlafen. Meine Müdigkeit hat mich geweckt. Ich sitze in der Küche. Den Morgenstern habe ich angeknipst. Er gibt so ein warmes wohliges Licht von sich. Ich schaue aus dem Fenster. Der Morgen beginnt mich silbern am Horizont zu begrüßen.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 

Ich schalte das Radio ein. On! Die Impfzentren sind eingerichtet. Der Impfstoff ist da. Er ist das Weihnachtsgeschenk für die Menschen. Der Inzidenzwert in Sachsen ist der Höchste aller Bundesländer. In Zittau werden auch über Weihnachten Totenscheine ausgestellt und die Krematorien sind überlastet. Warum werden Kirchen in der Weihnachtszeit nicht geschlossen?

Müssen es wirklich diese ersten Worte des Tages sein, die an mein Ohr dringen? Off! Klingt da nicht eine andere Stimme in mir?

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.

Solche Menschen in der Nähe zu wissen, tut gut. Menschen, die ihre innere Kirche – ihren Resonanzraum für meine müden Gedanken, meinen gebeugten Körper, meine gestresste Seele offenhalten.

Deshalb sind die Kirchen offen. Für die Müden. Unser Körper ist durch das Virus in Gefahr und unsere Seele leidet mit. Wir sind in Angst und Sorge, verunsichert und traurig. Mit den Müden zur rechten Zeit reden, dafür ist die Kirche mit ihren offenen Türen und Herzen für die Menschen da.

Wir können das offene Ohr und die ermutigenden Worte des Dieners für das Leben in unserer Zeit anderen schenken. Offenheit und Ermutigung sind uns durch Weihnachten geschenkt. In jeder Geburt liegt die Hoffnung auf Zukunft. Es ist das ewige Geschenk Gottes an uns Menschen.

Gott segne diesen Tag.

Ihr Martin Staemmler-Michael

4. Januar

4. Januar – vier Tage alt ist das Jahr 2021. Am Beginn eines neuen Jahres gehen uns allerlei Gedanken durch den Kopf: Fragen, Wünsche, Hoffnungen und auch Befürchtungen im Blick auf das neue Jahr. Dieses aufmunternde „Das wird schon werden!“, das ist zu wenig. Wir wissen, dass es letztlich nicht trägt. Was ist, wenn mir der Mut fehlt und die Kraft für den nächsten Schritt nicht mehr reicht? Wer befreit meine Gedanken, wenn ich in Sorgen gefangen bin? Wo ist das Licht, das mir den Weg aus dem Dunkel zeigt? Was ist, wenn meine Träume blass werden, die guten Vorsätze sich im Sande verlaufen und die Hoffnung verkümmert? Wo finde ich Halt, wenn ich an meine Grenzen stoße, wenn ich unzufrieden mit mir selbst und anderen bin? Zu wem kann ich gehen, wenn ich allein dastehe mit dem, was mich belastet? 
So viele Fragen! Es ist gut, sie auszusprechen, sie beim Namen zu nennen. Das hilft gegen Enttäuschungen und das bewahrt vor Illusionen. Das schafft Klarheit und es macht Mut zu dem Eingeständnis: Aus uns selbst heraus wächst sie nicht, die Zuversicht, ein neues Jahr zu beginnen. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Wir können Freude und Glück erleben und vielleicht auch Traurigkeit. Manches wird uns gelingen, manches wird fehlschlagen. Aber bei allen Unwägbarkeiten des neuen Jahres können wir eins getrost und mit aller Zuversicht tun: auch dieses Jahr 2021 aus Gottes Hand nehmen und darauf vertrauen, dass - bei allem, was geschieht - seine Hand uns hält.
Die Bibel ermutigt uns dazu! „Dies nehme ich zu Herzen, darum bin ich voll Hoffnung: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu.“ (Klagelieder 3, 22) 

Pfarrer Matthias Piontek

2. Januar

Barmherzigkeit, Mut und Witz für das Leben

Das Jahr hat seinen Anfang genommen. Und wir richten uns in ihm aus mit unseren Wünschen und Sehnsüchte, pegeln uns ein zwischen den Vorsätzen für das kommende Neue und ihrer Realisierung.
Mir helfen in meinem Ringen um das Leben Vorbilder, also Menschen, die es irgendwie „geschafft“ haben auf die eine oder andere Weise.

Basilius der Große ist diesem 2. Januar als Vorbild zugeordnet. Einiges wird über ihn berichtet.
Hier zwei Anekdoten für das Leben. Lebenszeugnisse die von der grenzenlosen Barmherzigkeit des Basilius, seinem Mut und Witz erzählen.
Basilius stammte aus einer begüterten Familie. Die biblische Erzählung vom reichen Jüngling (Mk 10,17-27) aber konfrontierte ihn mit der Frage, wie er leben will.
So verkaufte er während einer Hungersnot seine ererbten Güter und arbeitete selbst in einer Suppenküche mit. Er behandelte die Menschen dabei alle gleich mit der Begründung: „Sie haben alle die gleichen Eingeweide.“
Basilius machte sich aber nicht nur Freunde, sondern war für manche seiner Zeitgenossen ein unangenehmer Mensch, wohl weil er wenig kompromissbereit war. Und schaffte man es nicht, ihn mit Argumenten zu überzeugen, so versuchte man es mit Drohungen.
Ein römischer Präfekt drohte Basilius, ihm die Leber aus dem Körper zu schneiden. Basilius erwiderte: „Wie aufmerksam! Da, wo sie gegenwärtig ist, macht sie mir nur Ärger.“

Basilius mit seiner Barmherzigkeit, seinem Mut und Witz sollen mich heute begleiten und mir helfen in meinem Ringen um das Leben.

Ihnen einen guten 2. Januar

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

30. Dezember

Meine Großmutter hatte einen Hang zum magischen Brauchtum. Am Silvesterabend machte sie einen Zwiebelkalender: Sie nahm zwölf Zwiebelschalen, die für die zwölf Monate des Jahres stehen, gab Salz hinein und stellte sie auf das Fensterbrett. Am nächsten Morgen beurteilte sie die verschiedenen Wasseransammlungen in den Zwiebelschalen und orakelte, wie feucht oder trocken das Wetter in den zwölf Monaten des neuen Jahres werden würde. 
Ich halte nichts von diesem Aberglauben, aber mir gefällt der Gedanke, in diesen besonderen Tagen „zwischen den Jahren“ innezuhalten und einen Blick in das kommende Jahr zu werfen. Zwar lehrt uns gerade die Corona-Krise, dass sich Prognosen und alle guten Pläne von heute auf morgen zerschlagen können. Unsere Zukunft scheint im Ungewissen – wer weiß schon, was in ein paar Wochen ist? Doch gerade diese Unsicherheit kann uns Gelegenheit bieten, an Terminkalendern und To-Do-Listen vorbei nach Wesentlichem Ausschau zu halten. Kann ich, aus der gewohnten Bahn geworfen, neue Wege sehen und gar gehen? Kann ich mich in diesen „besinnlichen“ Zeiten mehr als sonst Gott und meinen Mitmenschen öffnen? Und mit welchem „Salz“ möchte ich die „Zwiebelschalen“ des kommenden Jahres füllen?

Der Du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt /
im Fluge unsrer Zeiten: / Bleib Du uns gnädig zugewandt / 
und führe uns an Deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.
EG 64, 6 (Text: Jochen Klepper, 1938)

Mit den besten Wünschen für ein gesegnetes Jahr 2021, 
Christiane Domtera-Schleichardt

29. Dezember

Auf die Stimme hören.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Jesaja 50,4 ca. 540 v. Chr.

Hier wird von einem Menschen im Prophetenbuch Jesaja erzählt, von dem wir nicht viel wissen. Aber wir lesen, dass er das gute und heilende Wort zur rechten Zeit für die spricht, die es brauchen. Er hat ein offenes Ohr für die Müden und Bedrängten. Für alle, denen nicht mehr zugehört wird. Für die, die vergeblich nach Worten ringen. Dieser Mensch dient denen, die am Alltag ermüden. Ein ehrlicher, guter Knecht.

Es ist noch still im Haus. Ich kann nicht schlafen. Meine Müdigkeit hat mich geweckt. Ich sitze in der Küche. Den Morgenstern habe ich angeknipst. Er gibt so ein warmes wohliges Licht von sich. Ich schaue aus dem Fenster. Der Morgen beginnt mich silbern am Horizont zu begrüßen.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 

Ich schalte das Radio ein. On! Die Impfzentren sind eingerichtet. Der Impfstoff ist da. Er ist das Weihnachtsgeschenk für die Menschen. Der Inzidenzwert in Sachsen ist der Höchste aller Bundesländer. In Zittau werden auch über Weihnachten Totenscheine ausgestellt und die Krematorien sind überlastet. Warum werden Kirchen in der Weihnachtszeit nicht geschlossen?

Müssen es wirklich diese ersten Worte des Tages sein, die an mein Ohr dringen? Off! Klingt da nicht eine andere Stimme in mir? 

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.

Solche Menschen in der Nähe zu wissen, tut gut. Menschen, die ihre innere Kirche – ihren Resonanzraum für meine müden Gedanken, meinen gebeugten Körper, meine gestresste Seele offenhalten.

Deshalb sind die Kirchen offen. Für die Müden.  Unser Körper ist durch das Virus in Gefahr und unsere Seele leidet mit. Wir sind in Angst und Sorge, verunsichert und traurig. Mit den Müden zur rechten Zeit reden, dafür ist die Kirche mit ihren offenen Türen und Herzen für die Menschen da.

Wir können das offene Ohr und die ermutigenden Worte des Dieners für das Leben in unserer Zeit anderen schenken. Offenheit und Ermutigung sind uns durch Weihnachten geschenkt. In jeder Geburt liegt die Hoffnung auf Zukunft. Es ist das ewige Geschenk Gottes an uns Menschen. 

Gott segne diesen Tag.

Ihr Martin Staemmler-Michael

28. Dezember

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas endet damit, dass die Hirten weitererzählen, was sie gehört und gesehen hatten und damit einiges Erstaunen hervorrufen.  Deshalb erscheint es mir sehr angemessen, wenn auch wir uns davon erzählen: Wie war das Weihnachtfest für Sie anno 2020, im Jahr des Herrn und der Pandemie? 
Ganz anders als sonst? Oder doch wie Weihnachten? Oder beides?

Für mich gilt beides: Äußerlich war sehr vieles anders. Aber auf einer tieferen persönlichen Ebene war es auch wie alle Jahre wieder: Weihnachten berührt mich wie kein anderes Fest.  Ich weiß auch warum: Weil die Weihnachtsbotschaft wie keine andere Geschichte von klein auf in mein persönliches Leben und Erleben eingezogen ist. Ja, eingezogen wie ein guter, freundlicher und einfühlsamer Mitbewohner im Haus meines Lebens.

Dieser Mitbewohner singt mit mir die wunderbaren und altvertrauten Lieder von der fröhlichen, seligen und gnadenbringenden Weihnachtszeit. Er ließ mich auch in diesem Jahr in unserem Wohnzimmer einen Adventsstern aufhängen, einen Lichterbogen mit den Figuren aus den biblischen Weihnachtgsgeschichten aufstellen und am Heiligabend einen Weihnachtsbaum mit Kerzen,  Strohsternen und silbernen Tannenzapfen schmücken. Dieser Mitbewohner bringt weihnachtliche Düfte ins Haus und schickte mir liebevolle Grüße und Geschenke.    

Er berührt alle meine Sinne. Und wenn ich manchmal etwas skeptisch bin, weil nicht alles so ist, wie es sein sollte, dann lächelt er mich an und sagt zu mir nur:
“Schau!“
Oder: „Hör doch!“
Und auch „Probier mal!“
Und immer wieder: „Komm!“.

Und ich hüte mich sehr, dann abzuwinken und zu sagen: „Jaja, ich weiß schon, aber jetzt habe ich anderes im Kopf.

Nein, ich bin sogar ein wenig süchtig danach, dass dieser Mitbewohner so zu mir kommt und mich anspricht. Eben weil es mich berührt und - fast möchte ich sagen: verzaubert. Was ich damit meine? Es mag komisch klingen, aber ich glaube und spüre, dass Weihnachten mich zu einem besseren Menschen macht!

Für jemanden, der oder die grundsätzlich alles skeptisch auseinandernimmt, klingt das wahrscheinlich sehr naiv.
Und für jemanden, die oder der, zuallererst nach dem Charakter und der Leistung eines Menschen fragt, mag das vielleicht überheblich klingen. 
Trotzdem: Ich glaube und spüre, dass Weihnachten mich zu einem besseren Menschen macht! 
Und das ist nichts, worauf ich stolz sein könnte. Aber etwas, wofür ich sehr dankbar bin. Ich bin dankbar dafür, dass die Weihnachtsbotschaft mein Herz öffnet. Dass mit ihr viel Wärme und Liebe in mich einzieht und mich zu guten Gedanken, Worten und Werken bewegt.

Ob das von Dauer ist? Oder ist es nur so ein Hochgefühl während der Fest- und Feiertage, das sich schon bald in Luft auflöst und verflüchtigt - ganz im Gegensatz zu dem Coronavirus, das auf dem Luftweg in uns einzudringen und uns von innen her zu zerstören droht?   
Damit ist die wohl entscheidende Frage nach der Realität und der Wahrheit und der bleibenden Bedeutung von Weihnachten heute gestellt.  Was kann ich darauf antworten?

Eine ehrliche Antwort eröffnet mir zugleich auch einen tieferen Zugang zum Wesen des christlichen Glaubens:
Mein weihnachtliches Hochgefühl ist nicht von Dauer. Und auch mein Glaube ist keineswegs von allen Zweifeln und Erschütterungen frei. Aber zum Glück ist da dieser Mitbewohner, den ich jetzt Gott nenne.

Er kommt auch auf dem Luftweg – oder genauer: auf dem Geistweg – und will, wie Jesus einmal sagte, Wohnung bei mir nehmen. Um mich zu einem besseren Menschen zu machen. Das schafft nur er - immer wieder neu - durch seine Worte und Geschichten. Und auch er fängt dabei ganz klein an: Es beginnt damit, dass er mich zu Weihnachten mit Kinderaugen anlächelt und ich – wie verzaubert – zurücklächle.

Ich bin sehr dankbar für diesen Mitbewohner und wünsche Ihnen, dass auch Sie ihn bei sich haben.
Ihr Heinz Schneemann

23. Dezember

Ich lade Sie ein, dieses Weihnachtsbild von Christiane Knorr zu betrachten.
Eindrücklich zeigt es, wie unser Leben von Hell und Dunkel geprägt ist.
Von den Licht- und Schattenseiten unseres Daseins.
Wie ein von dunklen Wolken verhangener Himmel, so steht es um das Gemüt eines Menschen, dem die Zukunft verbaut ist. Er sieht schwarz. Wie viele blicken mit Bangen in ihre Zukunft, weil ihre Existenz weggebrochen ist oder neu gefährdet durch den  harten Ausnahmezustand im Frühjahr und nun erneut wieder!  Wo soll das noch hinführen mit diesem fiesen Virus?

Auf diesem Bild bewegt sich  die Masse der Menschen im Dunkeln.. Es scheint, als würden sie aus dem Dunkel gar nicht heraus wollen. Es wäre ein trostloses Bild, wenn sich nicht aus den schemenhaften Gestalten  diese Drei zu uns wendeten. Die Frau mit dem neugeborenen Kind und der schützend dahinter stehende Mann. Auf ihnen liegt das Licht. Über ihnen strahlt der Stern. Er durchbricht die finsteren Wolken. Er strahlt mit seinem Schein in alle Richtungen.

Auch die Botschaft des Christfestes hat zwei Seiten. Da ist die legendenhaft ausgeschmückte, strahlende Nachricht von der Geburt Jesu. Einmal durch Lukas im 2. Kapitel mit den Hirten und dem Engel, der sie zum Kind in der Krippe weist. Zum anderen bei Matthäus im 2. Kapitel. Dort folgen die Weisen aus dem Morgenland dem Stern und bringen dem Kind ihre Gaben. Die zweite Seite ist die ärmliche Geburt in einem zugigen Stall. Und die Flucht, weil der König Herodes das Neugeborene der Asyl Suchenden töten lassen will. Das überirdische Licht bringt mit sich die göttliche Kraft der Liebe, die stärker als alles Dunkle und Schwere ist. Hier ist es ein Mann, der zu Mutter und Kind steht. Der die Verantwortung übernimmt und sie nicht als Alleinerziehende stehen lässt.

Der Schein dieser Liebe reicht bis zu uns. Bis hinein in die auferlegte Abgrenzung; bis hinein in Einsamkeit, Krankheit und Isolation. Der Schein dieser Liebe weitet sich für uns, wenn wir sterben, zur Lichtbrücke in Gottes Ewigkeit. Und jetzt schon hellt dieser Schein unsre müden Gesichter auf und breitet sich in uns aus . Ja, dringt nach außen, so dass wir auch  unsere Mitmenschen mit neuen – vom weihnachtlichen Glanz erfüllten -  Augen ansehen.

Ich wünsche uns allen gesegnete Weihnachtstage!

Rolf-Dieter Hansmann

22. Dezember

Gottesbeweis – Liebesbeweis

Im Theologiestudium wurden auch die „Gottesbeweise“ behandelt. Theologen und Philosophen haben viele Jahrhunderte lang mit großem Scharfsinn Beweise für das Dasein Gottes gesucht und formuliert. Dann kam Immanuel Kant und hat mit ebenso großem Scharfsinn bewiesen, dass es keinen Gottesbeweis geben kann. Als junger Student bleibt man ratlos zurück. Was nun? Heute glaube ich, der größte Gottesbeweis liegt in Bethlehem in der Krippe. Es ist ein Liebesbeweis. Der größte überhaupt denkbare Liebesbeweis, den es geben kann. Gott kommt uns ganz nahe – und wir fragen nach Beweisen. Beweise sind was für den Kopf. Wir sollen sie verstehen. Aber wer schon einmal aus tiefstem Gefühl geliebt hat, der weiß, dass ein Liebesbeweis etwas völlig Anderes ist: Da gibt sich einer hin, da öffnet er sein Herz, da rechnet er nicht, da diskutiert er nicht, da will er nicht überzeugen und schon gar nicht überrumpeln. Also, ein Liebesbeweis geht direkt ins Herz. Dort wird er angenommen oder abgewiesen. Aber ehrlich: Kann ich Gottes Liebesbeweis in Jesus Christus abweisen, der ihn so viel Liebe gekostet hat von der Krippe bis zum Kreuz? Ich nicht. Ich freue mich deshalb auf Weihnachten, dieses Jahr genauso wie jedes Jahr. 

Ach ja, und es gibt doch einen Gottesbeweis für mich:

Schuberts „Unvollendete“, Händels „Messias“, Beethovens Violinkonzert … Und für Sie?

Gottes Segen für das kommende Christfest

Ihr Günther Jacob

21. Dezember

Haben Sie schon Weihnachtspost bekommen? Und auch geschrieben?

Ich stand dieses Jahr vor den Kartenständern und dachte, was ist denn dieses Jahr nun angemessen? Fröhliches Fest! Merry X-mas! Frohe Feiertage. Schneelandschaften mit kleinen Kirchen, Elche mit roten Mützen. Irgendwie passte nichts. Schließlich stehen die bevorstehenden Feiertage doch sehr unter dem Scheffel der Pandemie. 
Blieb: „Gesegnete Weihnachten“ - damit konnte ich ja eigentlich nichts falsch machen. Segen ist von Nöten, von höchsten Nöten sozusagen.

Von höchsten Nöten geplagt war auch die junge Familie damals, im Stall zu Bethlehem. Aber ein Kind ist immer ein Stück Zukunft. Und nun - dieses Kind! Was für eine Zukunft! Gesegnete Weihnachten, der Anfang einer neuen Zeit, einer Heilszeit!

Heilszeit. Naja, werden Sie sagen, die haben wir uns anders vorgestellt.
Heilszeit. Naja, haben die Christen zu allen Zeiten gedacht. Die haben wir uns anders vorgestellt.
Mit vielen langen Briefen schrieben Paulus und seine Weggefährten an gegen die schwindende Hoffnung ihrer Zeit. Es gab keine vorgedruckten Karten, auf denen „Frohes Fest!“ stand und man nur noch „seinen Herrmann“ drunter setzen musste. 
Kein WhatsApp, kein Twitter, wo man ein Bildchen weiterleiten konnte und ein Halleluja - fertig.
Mit vielen langen Briefen schrieb Rainer Maria Rilke gegen Angst und Kummer seiner Zeit an: „Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muß darin möglich sein.“ 
Mit einem langen Brief schrieb meine Mutter gegen den Schmerz um den beim Skifahren verunglückten Sohn an: „Ich bin in das Gebirge gefahren. Aber es war nichts da, wovon ich Abschied nehmen konnte . Nur eine für mich neue, wunderschöne Landschaft breitete sich unter weitem blauen Himmel aus und die Gewissheit, dass er hier bis zu seinem letzten Atemzug sehr glücklich war - und nun geborgen ist.“

Eine Heilszeit ist eine Zeit, in der sich die Dinge wandeln, in der ich das Schwere nicht verneine, die Leichtigkeit dankbar annehme und voll Vertrauen bin auf auf den, der im Stall geboren ist, um uns nahe zu sein - in allem Wandel der Zeiten erlebe ich eine Heilszeit. 

Ich schreibe lange Briefe und wünsche gesegnete Weihnachten - damit kann ich nichts falsch machen.                                                        

Claudia Krenzlin

18. Dezember

Im Finstern

»Das Volk, so im Finstern wandelt, siehet ein groß Licht. Und über die, die da wohnen im finstern Lande, scheinet es helle…« Diese Worte aus Jesaja 9 kann ich gar nicht mehr denken ohne die Musik von Hugo Distlers Weihnachtsgeschichte gleich im Ohr zu haben. Vor beinahe zwanzig Jahren habe ich sie in der Paulskirche in Schwerin zum ersten Mal gehört und seitdem lässt die Musik mich nicht mehr los. Eigenartig. Bachs Weihnachtsoratorium hat sich mir intensiv eingeprägt, die Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz ebenso, aber selten hat mich eine Musik tiefer erreicht als besagte Weihnachtsgeschichte. Es liegt eine große Kraft und Zärtlichkeit in Distlers eigentümlicher Harmonik, aber die Dissonanzreibungen, die überall auftauchen, sprechen auch von einer Welt, in der sich bestimmte Widersprüche für den Menschen nicht mehr auflösen lassen, auflösen können. 

Distler schrieb diese Musik 1933. Die gespannten Lagen, in denen z.B. die Tenorstimme in vielen Chorälen notiert ist, stehen auch für die bis zum Äußersten gespannten Zustände in Deutschland am Anfang der dreißiger Jahre. Und wenn man Distlers Musik genau hört, spürt man die Zerrissenheit und einen Vorschein der Endzeitlichkeit, die später mit dem Krieg über die Menschen hereinbrach.

Wie ein Leitgedanke ziehen sich aber durch die Distlersche Weihnachtsgeschichte Choralbearbeitungen des bekannten Weihnachtsliedes »Es ist ein Ros entsprungen« und sicher nicht zufällig sind es ihrer genau sieben. So kommt immer wieder das zarte Pflänzchen, das in all dem Dunkel wächst, in den Blick. Und hier passiert das Wunderbare: Distler ringt, mit Hilfe der sprachlichen Kraft des Bibelwortes und der Musik, der in ihm selbst wohnenden Zerrissenheit und dem Wahnsinn seiner Zeit ein Moment der Schönheit ab, die uns Kraft gibt zu hoffen. Auch dann, wenn wir erkennen müssen, dass wir immer ein Stück »im Finstern wandeln«. Kraft, darauf zu hoffen, dass alles sich zum Guten wenden kann, auch wenn sich nicht alle Widersprüche auflösen lassen. 

Anspieltipp: Die Aufnahme mit dem Thomanerchor von 1979!

https://www.youtube.com/watch?v=bitpQp_xigo

17. Dezember

https://www.tagesspiegel.de/images/demonstration-gegen-corona-einschraenkungen/26644954/2-format43.jpg

Allein aus Gnade!

In der Menschenmenge einer vom Nieselregen durchweichten Gruppe von Gegner*innen rechtsstaatlich angeordneter Rücksichtsmaßnahmen, hatte es eine junge Frau für den größtmöglichen Ausdruck ihres aus innerer Überzeugung geführten Widerstandskampfes gehalten, ein altes Holz-Kruzifix in die klamme Kälte dieses Berliner Herbstes – wie einen römischen Legionsadler in den Schlachtreihen besorgter Bürger*innen – zu entführen. Fast so, als ob sich dieser Jesus von Nazareth, König der Jüd*innen, am Ende doch zu einer immerwährenden Symbolfigur religiösen Aufbegehrens gegen das wieder aufkeimende Fortbestehen imperialer Vormachtstellungen geriert hätte: 

„Der Kaiser muss weg! Genau wie die Merkel! Das hat doch eh nie einen Unterschied gemacht!“

An der Wand neben der schweigsamen Kuckucksuhr im großelterlichen Wohnzimmer, gleich über dem gemütlichen Ohrensessel neben der Heizung, ist ein heller Fleck in Form eines Kreuzes, das dort schon seit gefühlt immer – bisher ohne Unterbrechung – hing. Sein Schatten ist immer noch da; aber das Kreuz ist weg, jemand hat es abgenommen. Es ist jetzt in Berlin. In der Kälte. Klitschnass und von einer grölenden Menschenmenge durch die von Prätorianer*innen gesäumten Gassen gezerrt. 

„Das kennt man ja – gab es auch alles schon mal.“ 

Und irgendwie scheint es wieder so, als gehöre dieser Jesus von Nazareth gerade hier und jetzt da auch mitten hinein. Mindestens genau wie neben die kaputte Kuckucksuhr. Als würde er erneut und einmal mehr in einer zur Zurückhaltung mahnenden, österlichen Umarmung in einer wenig adventlichen Zeit, sündige Fromme und fromme Sünder an das eine erinnern zu wollen, aus dem wir letzten Endes alle leben. Indem er mit schmerzverzerrter Mine sagt: HERR vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Markus Eckardt

16. Dezember

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jes 58,7)

Auf Twitter las ich neulich die im dort üblichen Telegrammstil gestellte Frage: „Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten, wenn ihr wisst, dass in Moria Kinder von Ratten angebissen werden?“ Hintergrund war ein Bericht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die mitteilten, dass die inzwischen häufigste Verletzung, die sie in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln behandeln müssen, Rattenbisse sind, die vor allem schlafende Kinder treffen.

Der große Aufschrei darüber, dass so etwas mitten in Europa geschieht, blieb aus – zu sehr sind wir mit uns beschäftigt: unseren Zahlen, unseren Einschränkungen unseren dieses Jahr verkomplizierten Planungen für die Weihnachts- und Jahreswechselfestivitäten.

Der Monatsspruch aus dem Jesajabuch mahnt, den Blick von sich selbst ab- und sich denen zuzuwenden, die unsere Hilfe bitter nötig haben. Der im Internet gebräuchliche Hashtag #leavenoonebehind – „lasst niemanden zurück“ ist dann nicht nur ein rasch geschriebenes Schlagwort, sondern will eine Grundhaltung christlicher Nächstenliebe sein.

Wir feiern in diesen Tagen den, „der Heil und Leben mit sich bringt“. Da ist es doch nur angemessen, dass wir selbst ein wenig von dem, das uns geschenkt wird,  in die Welt tragen.

Ihr Konstantin Enge

15. Dezember

Das hatten wir uns aber anders vorgestellt!
 
Diese Vorweihnachtszeit ist nicht wie alle Jahre wieder. Liebgewordene Bräuche wie der Weihnachtsmarkt mit Glühwein und gebrannten Mandeln und vertraute Gewohnheiten wie das Weihnachtsoratorium und die Christvesper in einer gut gefüllten Kirche müssen in diesem Jahr ausfallen. 

Und nun - eine Woche vor dem Fest - auch noch der harte Lockdown!

Das ist wirklich hart!

Für die Einsamen, die in diesen Tagen keinen anderen Menschen treffen können.

Für die Familien, auf die nun wieder starke zusätzliche Belastungen zukommen.

Für die Gewerbetreibenden, deren wirtschaftliche Sicherheit erschüttert wird. 

Für die politisch Verantwortlichen, die schnell weitreichende Entscheidungen treffen müssen und ständig von allen Seiten der öffentlichen Kritik ausgesetzt sind. Sehr hart ist es für die von der Pandemie Betroffenen, für ihre Angehörigen und für die Pflegenden, die an ihre physischen und psychischen Grenzen gelangen.

Das alles hatten wir uns noch vor wenigen Wochen ganz anders vorgestellt. 

Die Gefühle geraten durcheinander...

Befremdliche Bilder drängen sich auf...

Bei mir sind es Bilder von Flüchtenden: Sind wir innerlich vielleicht gerade dabei, aus einem vertrauten Leben, aus unserer Alle-Jahre-wieder-Heimat, gestoßen zu werden?

Ist das zu hart und übertrieben formuliert?

Oder entspricht es genau der Härte dieser Tage?

Ich möchte nicht schwarzmalen.

Aber ich will auch nichts schönfärben.

Beides tut nicht gut, weil es unsere Vorstellungen fixiert. Damit verlieren wir fast zwangsläufig unsere Offenheit für die unberechenbare Wirklichkeit. Offen und angemessen können wir dieser Wirklichkeit nur mit unserer Unsicherheit und mit unseren Fragen begegnen. Gut, dass wir die Fragen nicht in den Wind sprechen müssen, wo sie ohne Antwort bleiben. Wir dürfen sie dem stellen, der versprochen hat, dazusein, wenn wir ihn anrufen.

Ich wünsche Ihnen in aller Unsicherheit beides, diese Offenheit und diese Gewissheit,

Ihr Heinz Schneemann

 

Gott, wo können wir dir heute begegnen?

Wie können wir in dieser Unsicherheit bestehen? 

Was sind jetzt die richtigen Worte?

Worin besteht in diesen Tagen dein Lebenswille?

Von welchen Ängsten willst du uns heute befreien?

Welche Illusionen willst du uns in dieser Situation nehmen?

Wie können wir für dich offen sein, ohne dich in unsere Vorstellungen einzusperren?

Was kann Weihnachten in diesem Jahr für uns bedeuten?

Schenke uns gute Fragen für die Suche nach unserem Weg!

Schenke uns Weisheit und Mut für ein Leben aus Liebe!

Schenke uns allen deine heilende Nähe, bitte!

14. Dezember

Der Wochenspruch für die dritte Adventswoche fordert uns auf: Bereitet dem Herrn den Weg! (Jes.40, 3)

Wir sollen also in Bewegung kommen, den Weg bereiten, uns selbst „auf den Weg machen“. Mit Bewegung und Wegen hat Weihnachten von Anfang an zu tun: Maria musste mit Joseph den langen Fußmarsch von Nazareth nach Bethlehem zurücklegen. Die Hirten kamen von den Feldern zum Stall in Bethlehem gelaufen. Die Weisen schließlich wurden von einem besonderen Stern aus ihrer Heimat nach Bethlehem geleitet.

Für sie alle stand vor dem Weihnachtsereignis und der Weihnachtsfreude also ein Weg. Und auch für uns heute ist Weihnachten mit Wegen verbunden: Wege auf Weihnachten hin - Wege zur Weihnachtsfreude. Diese Freude erreichen wir nicht durch hektische Betriebsamkeit und geschäftige Vorbereitungen. Sie stellt sich auch nicht von selbst ein. Sie steht vielmehr am Ende eines Weges. Dieser Weg sieht für jeden sicherlich etwas anders aus, aber letztlich ist es ein Weg zu sich selbst, zu innerer Einkehr und Besinnung. Vielleicht kann uns der strenge Lockdown, der jetzt gilt, dabei helfen. Er stellt freilich viele erneut vor große Probleme. Das ist nicht zu leugnen und soll hier auch nicht adventlich verbrämt werden. Doch die verordnete Entschleunigung wird die Hektik vor dem Weihnachtsfest dämpfen und die Betriebsamkeit drosseln. Wenn wir unsere Kontakte nun weiter reduzieren müssen, so ist das gerade in dieser Zeit schmerzlich, doch tun wir dies FÜREINANDER, aus Achtsamkeit. So wird aus dem Weg zu sich selbst gewissermaßen auch ein Weg hin zum anderen. 

Maria und Joseph, die Hirten und die Weisen hatten damals weite Wege nach Bethlehem. Wenn wir uns heute auf den Weg machen „nach Bethlehem“ – hin zur Weihnachtsfreude, dann werden wir merken: Bethlehem ist nicht weit weg, sondern ganz nah. Denn: Jesus ist geboren - in Bethlehem und überall. Freilich gilt auch das andere: „Wär‘ Jesus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ (Angelus Silesius).

Deshalb geht es in dieser Adventszeit darum, Jesus den Weg zu unserem Herzen zu bereiten, ihm unser Herz zu öffnen - damit er auch in uns geboren werden kann.

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

11. Dezember

verrückte zeit
[um weihnachten]
 
asylsuchende,
deren schicksal
bewegt
 
ein türke
der in die stüben
gebeten
 
ein schwarzer,
dessen initiale
türen schmückt
 
ein jude
gefeiert
wegen seiner
geburt
 
(Thomas Schlager-Weidinger)
 
 
Die theopoetischen Texte des Österreischischen Theologen Thomas Schlager-Weidinger gehören zu den Schrift-Dokumenten, die mich in den letzten Jahren am meisten bewegt haben. Oft erscheinen sie mir, wie aus der Tiefe meiner Seele geschöpft. Jeder seiner extrem kondensiereten Texte ersetzt so manche Predigt. Ich widerstehe darum der Versuchung, einen Text wie diesen zu kommentieren oder auszulegen. Man kann es eigentlich nur zerreden.
Ein Gedanke, den ich auch so mancher Theolig*in ins Stammbuch schreiben würde. Texte für sich selber sprechen lassen und selbst einfach mal: Schweigen. Und nun: Lesen Sie einfach noch mal das Gedicht.
 
Ronny Valdorf
Theologe in der BBW-Leipzig-Gruppe

10. Dezember

Am heutigen Abend beginnt das achttägige Chanukka-Fest. Chanukka bedeutet „Einweihung“; das erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem. Nach der Eroberung durch Alexander den Großen wurden hellenistische Bräuche eingeführt. Im Jerusalemer Tempel wurde eine Zeus-Statue errichtet – für viele jüdische Gläubige ein Frevel. Dagegen wendeten sich die Makkabäer und waren erfolgreich. Der siebenarmige Leuchter im Tempel, sollte nie wieder erlöschen, jedoch war nur noch ein Krug Öl vorhanden, der lediglich für einen Tag reichte. Die Herstellung neuen geweihten Öles dauerte aber acht Tage. Durch ein Wunder reichte das restliche Öl für diese acht Tage, daran erinnert der achtarmige Chanukka-Leuchter (siehe auch im 1. Buch der Makkabäer). 

Heute wird in jüdischen Häusern und Wohnungen das erste Licht entzündet. Dazu gibt es vielleicht Krapfen/Berliner und Kartoffelpuffer. Es wird gespielt mit einem Kreisel auf dem steht: „Ein großes Wunder geschah dort“ und Lieder werden gesungen (eine Melodie könnte auch Ihnen bekannt sein: 
youtube.com/watch?v=uoOONTUtsuo)

Chanukka und Advent/Weihnachten sind vom Ursprung und vom Inhalt unterschiedlich, aber haben eines gemeinsam: Das Licht ist ein Symbol für Gottes wunderbares Wirken und für seine Gegenwart. 

Das brauchen wir alle auch in diesen Tagen und ich wünsche Ihnen Licht in diesen Tagen, Licht als Zeichen der Hoffnung und Licht als Zusage Gottes, 
Ihre Angela Langner-Stephan 

Wer Lust hat heute bei der ersten Kerze am neuen Channuka-Leuchter um 17.30 Uhr dabei zu sein: 
zoom.us/j/99163955964?pwd=NDBXZElwRUdxWW1ZS1YyNHBQNVFRdz09

9. Dezember

Fast wäre ich vorbei gefahren. Vom Fußweg leuchtete etwas.Ich kehre um und stelle mein Fahrrad ab. Vor der Schnorrstraße 20 glänzen goldene „Stolpersteine“, geschmückt mit weißen Rosen und abgebrannten Teelichtern vom Volkstrauertag her. Ich beuge mich über die Gedenksteine und lese die Namen der jüdischen Familie Scya, die hier wohnte, bis der faschistische Rassenwahn um sich griff. Zwei überlebten. Fünf wurden in verschiedene KZs deportiert und ermordet. Unwillkürlich denke ich an die Familie Jochen Kleppers. Er schrieb uns eins der schönsten Adventslieder. - Seiner jüdischen Frau und den beiden Töchtern drohte das gleiche Schicksal. In diesen Tagen vor 78 Jahren spitzt sich die Situation zu. So bezeugt es sein Tagebuch. Klepper hofft, dass seine Frau Hanni und die Stieftochter Renerle wie schon die ältere Tochter Brigitte ach Schweden ausreisen dürfen.

Am 8. Dezember 1942 ist er bei Innenminister Frick. Der spricht von den angestrebten Zwangsscheidungen, sagt: „Und das bedeutet nach der Scheidung gleich die Deportation des jüdischen Teils....Ich kann ihre Frau nicht schützen.“
Er schreibt: Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausame und grausigste aller Deportationen gehen lassen kann.
Den Gedanken an Flucht hat Renerle aufgegeben. - Verweigert der Sicherheitsdienst ihre Ausreise, so will Reni mit uns sterben.
Gott ist größer als unser Herz. - Das Wort soll uns in den Tod begleiten.
9. Dezember 1942: .... Nachmittags war ich bei Eichmann vom Sicherheitsdienst. ...Diese stillen, stillen, dunklen, trüben Tage. So lind, so voller Trauer des Himmels. Wartens.
Und dann die letzte Eintragung am 10. Dezember 1942. Donnerstag Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. 

... Noch ein Tag so qualvollen 

Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott -
Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben. 

In der Nacht zum 11. Dezember 1942 sterben sie durch Gas. - - - 

NOCH MANCHE NACHT WIRD FALLEN AUF MENSCHENLEID UND -SCHULD. DOCH WANDERT NUN MIT ALLEN DER STERN DER GOTTESHULD. BEGLÄNZT VON SEINEM LICHTE, HÄLT EUCH KEIN DUNKEL MEHR,
VON GOTTES ANGESICHTE KAM EUCH DIE RETTUNG HER. Jochen Klepper 1938 

Gesegnete Adventstage noch! Rolf-Dieter Hansmann 

8. August

Wir warten.

An die Advents-u. Weihnachtszeit sind viele Erwartungen geknüpft. Wir hoffen auf eine stille und besinnliche Zeit und wünschen uns Frieden in den Häusern und Städten. Friede möge bei uns selbst einziehen, weil alles so unruhig ist und das Leben gefährdet erscheint. 

Was ist aber, wenn durch Einsamkeit, Leid und Schmerz nichts weiter erwartet wird, als der Tod? Ist es mein Recht, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen?  Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Februar 2020 hat jeder Mensch, ob er krank oder gesund, alt oder jung ist, die Freiheit, sich durch Angebote Dritter, das Leben zu nehmen.

Es bleiben Fragen zurück, die mich beunruhigen und nicht einfach mit ja oder nein beantwortet werden können.  Hat der Mensch die Freiheit, nur seinem Willen zu folgen, oder hat er auch eine Verantwortung gegenüber denen, die er im Fall seines Sterbewillens zurücklässt? Ist der Lebenswille immer grundsätzlich auszuschließen oder können sich Hoffnung auf Teilnahme am Alltag doch einstellen? Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob und wie sich unsere Gesellschaft mit Leid, Sterben und Tod auseinandersetzt. Sind wir überhaupt im Gespräch oder verdrängen wir, dass der Tod zum Leben dazugehört? Lassen wir in der Sprachlosigkeit dann nicht Verzweifelte in ihrer Not allein? 

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, um so tiefer nehme ich wahr, wie viele Menschen Einsame, Leidende und Sterbende professionell begleiten. Wie sie medizinisch, psychologisch und seelsorgerlich die Hände, Herzen und Verstand einsetzen, um zu lindern, zu öffnen und zu trösten.

Können wir die Frage nach der Entscheidung über Leben und Tod nur auf der juristischen Ebene klären? Was sagen wir als Christen zur Sterbehilfe auf Verlangen? 

Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. 2.Kor.5,20

Ist es mit einem Bibelvers getan? Wohl nicht. Aber mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes auch nicht. Im Einzelfall ist es zu besprechen, was einen Menschen treibt, aus dem Leben gehen zu wollen, aber das Leben in scheinbarer Finsternis kann auch heute einen neuen Himmel und eine neue Erde spürbar werden lassen.

Mehr als ein paar wenige Anregungen können es an dieser Stelle nicht sein. Die Adventszeit mit ihrem warmen Licht der Kerzen zeigt an, dass wir nicht im Dunkeln sind. Wir spüren dem Warten auf einen neuen Himmel und einer neuen Erde nach. Wir werden nicht enttäuscht, denn Himmel und Erde können sich heute mitten unter uns auftun. Zum Beispiel im Gespräch untereinander darüber, wie sehr wir uns brauchen und was uns alle erwartet.  

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag

Ihr Martin Staemmler-Michael

7. Dezember

SPUREN

Meine beiden Enkel waren an der Ostsee. Trotz kaltem, windigem Wetter stapften sie begeistert an der Grenze von Wasser und Strand entlang und fanden es witzig, Tapsen zu machen, die die nächste Welle gleich wieder auslöschte. Wenn man älter ist, sieht man dieses harmlose Spiel tiefer und fragt sich: Ist das letztlich mit meinem Leben genauso? Welche Spuren deines Lebens werden bleiben und welche hast du selbst schon lange vergessen, geschweige denn andere? Dann wieder denke ich: Andere Leute haben eigentlich in deinem Leben, in deinem Herzen viele gute Spuren hinterlassen, für die ich dankbar bin. Also kann ich hoffen, dass ich umgekehrt vielleicht auch gute Spuren in anderen hinterlassen habe, ohne das jetzt aufrechnen zu können. Denn manchmal versuchen wir ja, die Kinder, die Schüler, den Partner oder Freunde zu „prägen“, ganz bewusst. Mal gelingt es, mal geht es gründlich schief. Aber wahrscheinlich haben wir im Lauf der Jahre unbewusst viel mehr Spuren gezogen. Diese „Eindrücke“, die wir bei anderen hinterlassen haben, sind hoffentlich oft freundliche gewesen, aber oft wohl auch unangenehme. Solche Spuren vergehen nicht so schnell wie die im Sand an der See. Es ist gut, wenn wir Gott danken, nicht nur für das, was wir Gutes empfangen haben, sondern auch für das, was wir Gutes geben konnten. Und für die „zerkratzten Spuren“ können wir bitten, dass er sie gnädig glättet. 

Herzliche Adventsgrüße 
Ihr Günther Jacob

4. Dezember

"Jenseits von Richtig oder Falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns." 
Dschalal ad-Din al-Rumi (Persischer Sufi-Mystiker des 13.Jhr.)
 
Was ist Theologie? Theologie ist die Kunst, Geschichten von Gott zu erzählen. Was ist Mystik? Mystik ist die Bereitschaft, sich von diesen Geschichten auch verändern zu lassen.
 
Wie steht es um meinen persönlichen Transformationsprozess? Hier sollte man nüchtern und ungeschönt Bilanz ziehen. Ist mein Herz im Laufe meiner Glaubenspraxis weiter geworden - für die Dimensionen des Lebens? Oder enger? Ist die Angst in meinem Leben kleiner geworden, oder bin ich eher noch stärker in ihrem Würgegriff? - Sollten die zweiten Antwortmöglichkeiten überwiegen, dann darf ein mehrdimensionales Problem attestiert werden.
 
Die angewandte Praxis, welche die "Bereitschaft" zur Veränderung impliziert, ist nicht zielführend und die Gottesrede - so theologisch-lehrbuchhaft korrekt auch immer - ist kraftlos und ohne Poesie. 
 
Beiden Problemen lässt sich durch eine Suchbewegung, die auf das eigene Herz vertraut, begegnen. Gerade die Adventszeit ist ein gutes Zeitfenster, um neu auf die Suche zu gehen. Wie stark ich in der Lage bin, einen Satz, wie den eingangs von Rumi zitierten nicht nur zu verstehen - ja vielmehr zu ver-herzen - wird mir ein guter Prüfstein der eingeschlagenen Wege sein.
 
Ronny Valdorf
Theologe in der BBW-Leipzig-Gruppe

3. Dezember

Kennen Sie Amos?

Nicht den Propheten aus der Bibel – ich meine den tollen Jungen aus Leipzig: 10 Jahre alt und ein Fernsehstar – jedenfalls für mich. Am Sonntagabend zur besten Sendezeit war er auf KIKA zu sehen.

Amos erzählt von sich – spricht offen von seiner Querschnittlähmung – zeigt, was er kann und sagt „Ich kann alles außer gehen.“. Auch über seinen großen Wunsch spricht Amos. Er möchte 2028 an den Paralympics in Los Angeles teilnehmen.

Mir fällt da ein Mensch aus der Bibel ein: Seit 38 Jahre liegt er da: gelähmt. Er hofft, dass endlich sein Wunsch in Erfüllung geht, aber dafür braucht es jemanden, der ihn sieht.

Amos wird gesehen – er gehört dazu: in der Familie und mit seinen Freunden. Er ist  ein selbstbewusster Junge! Nicht immer ebnen sich alle Wege für ihn und seinen Rollstuhl.

Heute ist der „Internationale Tag der Menschen mit Behinderung“. Diesen Tag können wir nutzen einmal hinzusehen, zu entdecken und zu handeln – ganz wie es in dem Film heißt: In jeden Menschen steckt etwas besonders!

Ich wünsche einen adventlichen Tag,

Pfarrerin Angela Langner-Stephan

 

Wer den Film sehen möchte: https://www.kika.de/schau-in-meine-welt/sendungen/sendung127602.html

2. Dezember

„Wie lange sollen wir noch warten
Bis wieder bess're Zeiten starten?
Wie viel Zeit soll noch vergehen
Bis wir uns wiedersehen?
Wie viel Zeit muss denn verstreichen
Bis wir uns die Hände reichen?“

Schon 2002 haben die Sportfreunde Stiller diese Zeilen gedichtet, die so gut in die aktuelle Zeit passen. Ich warte sehnsüchtig auf bessere Zeiten, möchte vielen lieben Menschen, die ich in diesem Jahr kaum oder gar nicht gesehen habe, wieder begegnen, möchte gern wieder Teil der fröhlichen Gemeinschaft beim Sommercafé oder Winterkino, bei einem Konzert oder einem Fußballspiel sein, wünsche mir, dass wir uns vor und nach dem Gottesdienst wieder die Hände reichen können.

Das besondere Warten dieses Jahr trifft sich nun mit einer Wartezeit, die es in jedem Jahr gibt und die doch immer wieder besonders ist: dem Advent. Die ersten Lichter leuchten und erinnern uns schon: Am Ende der Zeit, in der die Nächte immer länger werden, kommt Gottes Licht in diese Welt und am Ende des Wartens – des einen wie des anderen – stehen Freudentage. Erneut aus dem Lied der Sportfreunde Stiller zitiert:

„Wir werden dann nicht mehr die Gleichen sein
Und irgendwann die Dinge mit anderen Augen sehen.“

Konstantin Enge

1. Dezember

Es richten die Augen sich in die Stille
Es verfliegt die Unrast am Firmament
Da ist das zarte Blau im Schnee
Zuversicht zwischen Zeilen
Gedanken in der Zwischenzeit
An alle und die schon sehr viel
Ich rede einmal nicht
Und lass' mir erzählen von einer ganz andern Sicht
Wie verbreitet sich der Mut des Herzens?
Wie enteilt man der Raserei?
Und bring' ich Ruhe in die Bewegung
Und steh' ich auf für ne weite Zeit ….                    Quelle: LyricFind

 2018 veröffentlichte Herbert Grönemeyer diesen Titel „Mut“. Von Corona weit und breit noch nichts zu sehen. Dieser Tage habe ich es mal wieder gehört. Und dachte sofort: Ja, auch diese Zeilen kann man so und so interpretieren. „Mut des Herzen“ - man hört und sieht ja so viele Interpretationen von „MUT“ zur Zeit. Dafür, dagegen, richtig, falsch, Recht und Unrecht, schwarz und weiß. 

Auch der „Mut des Herzens“ wird in jedem Falle so oder so eingeordnet werden in den jeweils eigenen Kontext.
Und so stelle auch ich mir immer öfter die Frage: „Wie enteilt man der Raserei?
Wann sind wieder Gespräche möglich, die außerhalb von Schubkästen stattfinden?
 
Ruhe in der Bewegung … Wie wär’s mit einer Friedenspfeife?
Es richten die Augen sich in die Stille …

Im Johannesevangelium wird von einem großen Tumult berichtet: Eine Frau, beim Ehebruch ertappt, wird zu Jesus gebracht. Sofortige Steinigung sieht das Gesetz vor. Was sagst du? fragen sie Jesus. Sie sind nicht wirklich an seiner Meinung interessiert, vielmehr möchten sie etwas gegen ihn in die Hand bekommen und auf jeden Fall selber Recht haben. Und was sagt Jesus? Erstmal N I C H T S. 

„Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ (Joh 8,6b)
 
Es richten sich Augen in die Stille.
Zuversicht zwischen Zeilen.
Ich rede einmal nicht
Und lass mir erzählen von einer ganz andern Sicht.
 
„Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“ (Joh 8, 7+8)

 Wie enteilt man der Raserei?

Stille - in sich gehen - die ersten (wütenden?) Worte in den Sand schreiben, wegwischen - Gedanken in der Zwischenzeit an alle und die schon sehr viel - Nachsicht mit sich selbst, mit dem Anderen. Zuversicht zwischen Zeilen. Es verfliegt die Unrast am Horizont.

So vielleicht?                                                                                                           

Claudia Krenzlin

30. November

So spricht der HERR Zebaoth: Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an.
Sacharja 2,12 (Losungswort für den Montag den 30.11.20)
Als Junge war ich manchmal recht unachtsam und ungeschickt. Oft bekamen meine Eltern die Nachricht, ich habe mich verletzt. 
Ein Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben: Wir waren als Klasse draußen. Brachten die Hecken und Sträucher um das Schulgebäude in Ordnung. Ich sehe mich noch in einer dieser Hecken sitzen und ausästen. In meiner Erinnerung hatte ich dazu eine Axt, oder ein Beil. Ich holte aus und schlug mir selbst mit dem Beil gegen den Kopf. Neben der Erinnerung habe ich noch eine Narbe am Kopf davongetragen. In unserem Losungswort streckt jemand seine Hand gegen den anderen aus, um ihn zu schaden und um ihm wehzutun; da ist der Urtext deutlicher, als unsere Übersetzung.

Aber dann fällt die Aggression auf den Täter selbst zurück. Er selbst tut sich weh, schlägt nicht nur dem anderen, sondern sich selbst, er tastet „seinen (eigenen) Augapfel an“. Die Bibel betont immer wieder, dass wir Menschen zur Liebe, zum Frieden und zur Gemeinschaft bestimmt sind. Wer diese Bestimmung verlässt, der verrät sich selbst, verletzt sich in seinem Inneren. Am Anfang der Adventszeit, in der wir so viel von Frieden und Liebe hören, werden wir davor gewarnt, die Hand gegen unseren Nächsten auszustrecken. Wer sich wie eine Axt im Walde benimmt, der holt sich selbst Beulen und ein blaues Auge.

Ich wünsche Ihnen einen friedlichen und gesegneten Tag​

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

 

27. November

Am letzten Montag wurde im Ersten der Film GOTT nach einem Theaterstück Ferdinand von Schirachs gezeigt. Es versetzt die Zuschauer in die Position des Deutschen Ethikrates, der gefragt wird, ob ein gesunder 78-jähriger Mann, der sein eigenes Leben beenden möchte, ein tödliches Medikament bekommen soll. In dem Stück wird das Für und Wider wie in einer Gerichtsverhandlung von zwei Anwälten vertreten, die verschiedene Experten, unter ihnen einen Bischof, befragen. Auch der Betroffene selbst kommt zu Wort.

Nähere Einzelheiten lassen sich über den nachstehenden Link verfolgen:  https://www.daserste.de/unterhaltung/film/gott-von-ferdinand-von-schirach/index.html

Im Hintergrund des Themas steht ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 26. Februar 2020. Es formuliert „ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen“. Am Ende beteiligten sich deutschlandweit rund 546.000 Zuschauer an der Abstimmung. Die große Mehrheit von 70,8% stimmte dafür, 29,2 Prozent dagegen, dass die Person in dem Stück ihr Leben mit Hilfe eines Medikaments beenden kann. Der Grundsatz von der freien Selbstbestimmung über das eigene Leben scheint für die meisten ausschlaggebend zu sein. Das wirft weitreichende Fragen auf, denen wir uns nicht nur in diesem kurzen Wort für den Tag stellen müssen. Im Kern geht es darum, wem unser Leben gehört. Ganz allein uns selbst? Oder auch den Anderen, mit denen wir auf vielfältige Weise verbunden sind? Und dem, der es uns gegeben und anvertraut hat? Welche Bedeutung haben diese Beziehungen, wenn ein Mensch nicht mehr weiter will und vielleicht aus eigener Kraft auch nicht mehr weiter kann?

Wer möchte nicht „sein eigener Herr“ sein? Aber können wir Menschen das überhaupt? Oder sind wir - in Anlehnung an einen Gedanken Luthers - eher wie ein Reittier, das ständig von etwas oder jemand anderem geritten wird? Ich bin sicher, wir könnten dazu alle viel erzählen! Manchmal finde ich es ausgesprochen entlastend und tröstlich, nicht mein eigener Herr sein zu müssen, sondern Gott meinen Herrn sein lassen zu dürfen. Paulus hat das so formuliert: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. (Römer 14,8).

Liebe Leserin, lieber Leser, das alles sind ausgesprochen schwere Gedanken in der Woche nach dem Toten- und Ewigkeitssonntag. Ich halte es dennoch für angebracht, sie näher zu beleuchten, damit sie nicht im Dunkeln weiterwirken. Nehmen wir sie lieber mit hinein in das Licht und die Verheißungen der kommenden Adventszeit!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (Sacharja 9,9). Das Bibelwort für den 1. Advent kann enge, verhangene Horizonte öffnen. Und wir können es uns zu eigen machen, wenn wir unter unseren Masken Macht hoch die Tür, die Tor macht weit (Ev. Gesangbuch 1) und O Heiland, reiß die Himmel auf (Ev. Gesangbuch 7) singen. Für mich sind das eine Art Instant-Kraftpakete der Hoffnung, die eine starke innere Wirkung entfalten können, wenn sie mit unserem Leben in Berührung kommen.

Ich wünsche Ihnen für die kommende Adventszeit, dass Sie von dieser Hoffnung berührt, erfüllt und gestärkt werden!

Ihr Heinz Schneemann

26. November

Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung.

Paulo Coelho

Die Karte mit diesem Spruch steht auf meinem Schreibtisch. Nicht erst seit Corona.
Aber seit Corona sehe ich öfter hin. 
Wir leben in einer Zeit, in der jeder zu jeder Zeit überall seine Meinung äußern kann. Das gilt als hohes Gut der Demokratie und das ist es auch.
Aber seien wir ehrlich, was ändert sich gerade jetzt durch dieses „überall alles sagen“?
Wo findet wirklich ein Gedankenaustausch statt, der die Situation, den Zustand unseres Zusammenlebens, den Zustand der Welt ändert? Auch unsere eigene Meinung ändert?
Meinung prallt auf Meinung prallt auf Meinung prallt auf Meinung. Das kann man überall hören, lesen, anschauen.
Änderte sich dadurch etwas - bei mir?
Ja, ich werde müde. Oder selbst aggressiv.
Und ich verweigere zunehmend die Nachrichten-Nahrungsaufnahme.
Nun versuche ich es anders. Ich bin weit davon entfernt, ein Vorbild zu sein.
Aber ich orientiere mich an Menschen, die es für mich sind:
Der Familie, die sich ohne Jammern einzurichten versucht in einer Situation, die für ihr nierentransplantiertes Kind lebensbedrohlich ist.
Der Freundin, die als Ergotherapeutin im Pflegeheim arbeitet und auch mal einem Besucher die Tür weist, der sich über Hygieneregeln erhaben glaubt.
Und damit die ihr Anvertrauten gefährdet.
Der Chor-Mitsängerin, die schon viele Jahre an jedem Abend der Adventszeit jeweils einen Brief an einen Menschen ihres Umfeldes schreibt.
Und – an König Salomo, der von Gott nach einem Wunsch gefragt wird und daraufhin sagt: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er ... das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht!“ (1. Könige 3 -Einheitsübersetzung)
Und weil es nun mal so viel klügere Sätze gibt, als ich sie mir je ausdenken kann, sei zum Schluss noch Goethe zitiert:
„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“.
Das gilt wohl auch für Meinungsäußerungen und viele Worte. Und daran zeigt sich, dass ich noch viele Vorbilder nötig habe.

Es grüßt herzlich Claudia Krenzlin

25. November

2020 ist kein normales Jahr und wird es auch nicht mehr werden, aber es wird versucht, die zur Eindämmung von Corona notwendigen Anstrengungen mit Durchhalteparolen zu begleiten nach der Art: „Wenn wir uns jetzt noch etwas mehr Mühe geben, dann können wir Weihnachten mit Freunden und Familie ohne die ganz schmerzlichen Einschränkungen feiern.“

Für viele ist das eine wichtige Hoffnung und sicher auch ein motivierendes Ziel. Allzu oft wird bei diesen Sätzen aber vergessen, dass unter uns Menschen leben, für die die Weihnachtstage auch in normalen Jahren keine Zeit der Freude sind: Weil die Einsamkeit dann besonders bedrückt, weil der leere Geldbeutel vor den mit Naschwerk und Geschenken vollgestopften Regalen schwer in der Tasche liegt oder weil diejenigen, die in unser Land geflüchtet sind, sich in dieser Zeit besonders fremd fühlen.

Vielleicht kann Weihnachten 2020 doch ein besonderes und glückliches Fest werden, wenn wir uns diesen Menschen zuwenden. Einen aufmerksamen Gruß und ein gutes Wort kann man auch in schriftlicher Form, am Telefon oder mit dem gebotenen Abstand übermitteln. Dann kann spürbar werden, was der Liederdichter Hans-Jürgen Netz nach Versen aus dem Jesaja-Buch schreibt:

„Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht“

Ihr Konstantin Enge

24. November

Auf den Grund gekommen

Gestern durfte ich eine Vorlesung in Praktischer Theologie mitgestalten. Es ging um neue Formen von Kirche.
Ich breitete das Projekt Stadtteilzentrum Westkreuz in der Heilandskirche vor den Studierenden aus.

Eine offene Kirche für einen offenen Stadtteil. Projektarbeit mit Kooperationspartnern aus dem Stadtteil findet hier statt. Chöre proben, Theater wird gespielt, Künstler*innen zeigen ihre Werke. Es wird gefeiert, gelacht, getanzt, gebetet, gesungen, geweint und getröstet. Wir wollen das Evangelium mit den Angeboten der verschiedensten Akteure verbinden. Wenn es gelingt, staunen wir und es ist so, als ob die frohe Botschaft von draußen in die Kirche kommt. Kommt Gott uns mit den Menschen von der Straße besuchen? Ein interessanter Gedanke. 

Ich wurde nach den Grenzen dieses offenen Projektes gefragt. Sie werden uns in der Corona-Pandemie deutlich aufgezeigt. Dabei wird deutlich, was der tiefe Grund unseres Handelns seien sollte. 

Was bleibt von der grundsätzlichen Ausrichtung von Gemeinde übrig? 

Gemeinschaft können wir zurzeit nicht leben. Darin sind wir sonst sehr kreativ. Wir lieben unsere Bastelnachmittage, ziehen begeistert mit Jugendlichen zu Freizeiten los oder feiern rauschende Gemeindefeste. Bedürftige Menschen können wir nur sehr eingeschränkt unterstützen. Wir können zwar für das Flüchtlingsschiff Sea-Watch 4 spenden, was gut ist, aber wir können nicht ältere und einsame Menschen wie gewohnt begleiten. In Gottesdiensten feiern wir unseren Dank an Gott. Es wird gesungen, musiziert und wir wissen uns im Abendmahl mit Christus verbunden. Von all der Feier bleibt nicht mehr viel. Gesang hinter Masken, Abendmahl nur mit (Hostie) Oblate, kein Chor, keine Bläser. 

Aber wir haben etwas, das ansteckend ist, aber nicht krank macht. Es ist das Wort der Bibel. Das Evangelium, die frohe Botschaft. Sie trägt in sich unsere Hoffnung, unser Vertrauen, unsere Zukunft.

Die Corona Pandemie, mit all ihren Einschränkungen wirft uns auf das zurück, was unser Grund des Glaubens ist. Und deshalb können wir in Notzeit dankbar Gottesdienste feiern, ansteckungsfreie Wege zu den Hilfebedürftigen einschlagen und uns nach neuen Formen von gemeinschaftlichem leben umschauen. Es geht um neue Formen von Kirche.

Ihr Martin Staemmler-Michael 

20. November

Übermorgen sind wir beim letzten Sonntag des laufenden Kirchenjahres angelangt. Es ist der Sonntag mit den beiden Namen: Totensonntag und Ewigkeitssonntag
An diesen Tagen im November spüren wir die Vergänglichkeit - draußen in der Natur, aber auch an und in uns Menschen. Wir denken an unsere Verstorbenen. Und manche/r fragt sich auch, wie es mit ihr oder ihm selbst weitergehen wird.  
Wie schnell ein Menschenleben doch dahin ist! MORS CERTA HORA INCERTA steht an der Uhr des Leipziger Neuen Rathauses: Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss. Die Giebelfigur darüber steht für die Wahrheit.
Mit dieser Wahrheit ist es seltsam: Auf der einen Seite wissen wir genau, dass wir alle sterben müssen.  Andererseits aber stellt uns gerade diese Wahrheit mit all unserem Wissen vor einen Abgrund, der uns hilflos macht und sehr oft auch ängstigt. Was lässt sich schon über diesen Abgrund sagen? Und vor allem: Was lässt sich denn sagen, wenn wir selbst oder Menschen, die uns nahe sind, an diesem Abgrund stehen? Trotz eines nie zuvor dagewesenen Reichtums an neuen Errungenschaften sind wir heute arm geworden, wenn es darum geht, Antworten auf die letzten Fragen unseres Lebens zu geben. 
Ob uns da der zweite Name für den kommenden Sonntag weiterhelfen kann? Er spielt uns den Begriff der Ewigkeit zu wie einen Ball. Was können wir heute damit anfangen? Beim Nachdenken über diese Fragen bin ich bei einer Liedstrophe aus unserem Gesangbuch, die der Seelsorger und Mystiker Gerhard Tersteegen 1745 geschrieben hat, ... ja: eingekehrt.
 
Ein Tag, der sagt dem andern, 
mein Leben sei ein Wandern 
zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, 
mein Herz an dich gewöhne, 
mein Heim ist nicht in dieser Zeit.   (EG 481,5)
 
Einem aufgeklärten Menschen unserer Zeit stellt sich hier wohl sofort die Frage: „Gibt‘s das wirklich, oder ist das nur so ein erbauliches Wort?“ In dieser Frage scheint die Antwort schon enthalten zu sein. Ich glaube aber, dass es jetzt an der Zeit ist, auch die uns so geläufige Trennung von Wort und Wirklichkeit einmal zu hinterfragen: Gibt es denn überhaupt eine „Wirklichkeit“, die uns nicht durch Worte bewusst wird? Und sind Worte nicht so etwas wie eine Einladung, zu sehen, was wird, und dabei Neues zu entdecken?
 
Liebe Leserin, lieber Leser, lassen Sie uns doch einmal einkehren in die Worte dieser Liedstrophe!
Ewigkeit? Ja, auch dieses Wort erscheint zunächst wie ein Abgrund. Gewöhnungsbedürftig, vor allem für mein ängstliches Herz. 
Aber kein schwarzes Loch. Eher wie ein Ziel, von dem ein Glanz und eine Kraft ausgehen, die mich und mein Herz verändern.  Dadurch wird diese Gewöhnung erst möglich. Ein Heim wird sichtbar. Ich bin auf dem Heimweg - schon immer und für immer. Ewigkeit, ever.

 Für Außenstehende mag das unglaublich klingen. Aber Sie und ich haben eine Einladung. 

 Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Ewigkeitssonntag!

Ihr Heinz Schneemann        

19. November

„Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen." Albert Camus

Ich starrte ungläubig auf diesen Satz. Immer war für mich Sisyphus das Synonym der Vergeblichkeit.
Verdammt ist er. Immer und immer wieder rollt er den Felsbrocken den Berg hinauf. Immer und immer wieder löst dieser sich kurz vor dem Gipfel und stürzt an den Fuß des Berges zurück. Sisyphus darf nicht aufgeben, nicht hinschmeißen, nicht NICHTS tun. Grausam – war meine Assoziation – nicht glücklich.

Und nun dieser Satz von Albert Camus. Dem Mann, der den Roman „Die Pest“ schrieb – 1947 veröffentlicht und im Frühjahr 2020 aufgrund hoher Nachfrage zeitweilig vergriffen.
Ein Roman, der die todbringende Pest als Symbol für den todbringenden Faschismus verwendet. Mit all den Facetten, die Seuche und Faschismus verbinden.

Das langsame Einschleichen („alles Einzelfälle!“), die Ausbreitung und das „Trotzdem“ („Wir haben alles unter Kontrolle“), das Durchdringen der gesamten Bevölkerung, die polarisierend nach ihrem individuellen Umgang damit sucht. Immer weiter steigende Opferzahlen, Resignation oder sinnlose Wut … Mittendrin der Arzt Rieux. Der, mit einigen Mitstreitern, trotz der scheinbaren Aussichtslosigkeit stoisch seiner Berufung als Arzt folgt. Wie Sisyphus immer und immer wieder den Stein hinauf zum Gipfel rollt.

Letztlich wird die Pest besiegt, letztlich wird der Faschismus besiegt. Aber das Eine ist Rieux völlig klar:

„… dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er … geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Immer wieder müssen wir den Stein neu nach oben rollen. Das kennen wir vom „Immerwieder- aufstehen-müssen“ unserer eigenen Biographie. Das wissen wir von den immer wieder hervorkriechenden Ratten des Rassismus, des Faschismus, der Seuchen, der Maßlosigkeit, des Egoismus, der Ignoranz, des Machtstrebens.

Sisyphus – ein glücklicher Mensch?!?

Vielleicht - erkennt er seine Aufgabe an – als die aller Menschen: Nach der Höhe zu streben, die Last zu akzeptieren, auch den scheinbar immer gleichen Weg … Vielleicht – ein Weg mit wachsender Erkenntnis, mit besserer Technik, mit stärker werdenden Muskeln, mit weiteren Blicken ins Land, mit Weggefährten, die ihm Mut zusprechen …

Das Ankommen und Bleiben auf dem Gipfel ist für mich das Ankommen und Ausruhen bei Gott.

Und bis dahin hoffe ich, nicht müde zu werden, den Stein dessen, was mir Lebensaufgabe scheint, immer wieder neu nach oben zu rollen. Denn dadurch werde ich trotz allem, was mir schwer erscheint, ein glücklicher Mensch.

Claudia Krenzlin

17. November

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2, 18)

Dieses Bibelwort hat ein Pfarrer vor Jahren einer Trauansprache zugrunde gelegt. Um zu illustrieren, wie er es versteht, hat er dem Brautpaar ein persönliches Erlebnis erzählt. Er ging zu Fuß durch den Stadtpark in’s Zentrum, weil er dort etwas zu erledigen hatte. In der Spätsommersonne begegnete er einem alten Ehepaar. Er saß im Rollstuhl, und sie schob ihn. Beide genossen das schöne Wetter. Nachdem der Pfarrer seine Angelegenheiten erledigt hatte, ging er denselben Weg zurück. Und tatsächlich kam ihm dort wieder das alte Ehepaar entgegen, auch auf dem Heimweg. Aber Moment mal… Er stutzte, denn nun saß sie im Rollstuhl, und er schob sie. Beide sahen sehr zufrieden aus. 
(nach W. Böllmann)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute nicht allein sein müssen.
Ihr Günther Jacob

16. November

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ (3.Mose 19,18) So heißt es in der Losung für den heutigen Tag. „Nächstenliebe“ ist ein Kernthema des christlichen Glaubens. Im Alten wie im Neuen Testament geht es immer wieder um unseren Umgang mit anderen Menschen. Nicht „wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht“, sondern „wenn jeder an einen anderen denkt, dann ist an alle gedacht“ lautet Devise. In der Theorie klingt es ganz einfach, aber in der Praxis ist es doch oft schwer. Immer wieder scheitere ich daran, meinen Nächsten so zu behandeln, wie ich auch behandelt werden möchte. 
Ich habe einmal ein schönen Vergleich gehört: Nächstenliebe ist wie ein Muskel, sie muss täglich trainiert werden. Ich finde das ist ein passendes Bild, denn es erfasst die Realität. Es ist nicht mit einem Mal getan, sondern ist ein dauernder Prozess. Es ist auch nicht immer einfach, weil Training oft anstrengend ist. Aber es ist wichtig, muss täglich getan werden. 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Kraft beim Trainieren Ihres Nächstenliebemuskels. 

Anne-Marie Beuchel

13. November

In einem Jahresbegleiter mit 365 Texten von Werner Tiki Küstenmacher lese ich an diesem Freitag diese – wunderbar zum Ende des Kirchenjahres passenden - Zeilen: „Unser Leben ist kein ewiger Kreislauf. Es ist eine einzelne, einmalige Reise, von der Kinderzeit über die Jugend und das Erwachsensein bis hin zum Älterwerden und dann zu einem definitiven Ziel.“
Das Bild der Reise ist es, das hängen bleibt: Aus Sehnsucht einerseits, weil ich das Reisen liebe und zur Zeit entbehre, und weil sich das Gefühl des Unterwegsseins, des Niemals-wirklich-ankommens mischt mit den Gefühlen von Freiheit, von Aufbruch, mit Erinnerungen an Abenteuer, an Begegnungen, an Reichtum an Eindrücken. Andererseits, weil ich genau das für mein Leben will: Ein immerwährendes Unterwegssein. Ich will nicht vor Anker gehen im sicheren Hafen, eingerichtet in meinem Alltag. Ich will eine Suchende, eine Reisende bleiben, mich verändern, immer wieder neu in See stechen, mich reich beschenken lassen, den Mut nicht verlieren. Es gibt noch so viel zu tun, zu sehen, zu erleben, zu begegnen. Gut zu wissen, in wessen Arme ich am Ende zurückkehren werde.

Johanna Stein

12. November

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“, so heißt es im 3.Kapitel im Buch Prediger. Vieles wird dort aufgezählt. In Vers 4 steht: „Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ Gerade jetzt in Zeiten von Corona beschreibt dieser Vers meinen Alltag sehr gut. In manchen Moment bin ich so erschöpft, dass ich einfach nur weinen möchte. Dann begeistert mich meine Familie so sehr, dass ich von einem großen Lachen ergriffen werde. Später klage ich voller Frustration. Und dann am Abend, wenn die Kinder schlafen und der Laptop endlich aus bleiben kann, tanze ich. Ich tanze bis alle Sorgen und der ganze Stress weg sind. Manchmal reicht ein Lied, manchmal brauche ich zehn oder mehr. Ich schüttle alles ab und schalte meinen Kopf aus – „jetzt ist die Zeit genau dafür und für nichts anderes.“

Das Weinen und Klagen dominiert derzeit bei vielen den Alltag, fast so als würde diese Zeit nicht enden. Am Abend los lassen, es weg tanzen – das wünsche ich Ihnen, denn ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Anne-Marie Beuchel

11. November

Für viele – auch für mich – gehört sie zum Martinstag einfach dazu: Die Martinsgans. Das köstliche Gericht erinnert an eine legendarische Erzählung über den heiligen Martin von Tours. Als die Einwohner der Stadt Martin zu ihrem Bischof machen wollten, soll er – da er sich für dieses Amt unwürdig hielt – sich in einem Gänsestall versteckt haben. Die Gänse aber schnatterten so laut, dass man ihn fand und zum Bischof weihen konnte. 
Auch die Bibel ist voll von Geschichten von Menschen, die sich für unfähig halten, im Auftrag Gottes zu sprechen. So etwa Mose, der bei seiner Berufung sagt: „Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen.“ (Ex 4,10). Gott antwortet ihm: „Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.“ (Ex 4,12).
Es ist in diesen Tagen für viele Christen und auch für die Kirchen nicht immer leicht, die frohe Botschaft weiterzusagen: Die dafür wichtigen persönlichen Begegnungen sind nur eingeschränkt möglich, die Herzen sind schwer, die Nerven angespannt.
Die Geschichten von Mose und Martin – und ja, auch die Martinsgans – erinnern uns aber daran: Ob Gottes Wort wirkt, wenn wir es teilen, liegt nicht an uns, sondern an dem der es durch uns spricht.

Konstantin Enge

10. November

Versöhnung leben statt Hass predigen. 

Sonnabend 7. November 14:00 Uhr auf dem Marktplatz Leipzig. Eine Gruppe von 40 -50 Menschen hören, wie Herr Stürzenberger gegen den islamischen Glauben hetzt. Er missbraucht die Bibel, wertet das Alte Testament ab, um dann wieder wortreich Front zu machen gegen alles, was ihm fremd bleiben soll. Muslime stehen unter den Zuhörern und sind fassungslos, traurig, wütend, sprachlos. Der Hassprediger duldet keinen Widerspruch. Auf meinen Einwurf, dass er Hass sät und spaltet statt zu heilen, schreit er ins Mikrofon, es sei ihm erlaubt bis 19:00 Uhr das zu sagen, was er für richtig hält.  Ich wende mich den muslimischen Glaubensgeschwistern zu. Ich bin Pfarrer, ich bin Christ. Ich stehe bei euch, weil ihr zu uns gehört. Lasst euch nicht provozieren. Ein Muslim kommt auf mich zu. Wir tragen Mund-Nasenschutz. Unsere ausgestreckten Ellenbogen berühren sich. Der Cornoagruß - und wir wissen und versichern uns: Wir sind alle Menschenkinder Gottes. 
Sind wir Gottes Ebenbild, dann haben wir die Würde des Menschen zu schützen. Keine politische Strömung oder verlogene und verbohrte Hassrede darf uns von dem Glauben an einen Gott der Liebe trennen. 
Aus unserer eigenen Geschichte wissen wir, wie wichtig es ist, dass unsere Kirchen heute Orte des Dialogs und der Versöhnung sind. Wir können in einer verunsicherten Welt heilen, weil Gott auf der Seite der Friedensstifter steht. 
Und dann ist uns, genau wie den Menschen, die Jesus damals begegneten, zugesprochen: 

Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Luk 19,9  

Die Söhne und Töchter jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens bauen Häuser des Heils. Politische Kräfte, Hassprediger und Querdenker können diese versöhnende Verantwortung nicht zerstören.  

Unseren Kirchen, Häusern, Wohnungen und Herzen widerfährt Heil, wenn wir bei dem bleiben, was wir alle brauchen: Ein verantwortliches Handeln, das uns vor jedem Virus bewahrt, das uns krank machen will.  

Martin Staemmler-Michael

09. November

Der 9.November ist ein historischer Tag. Ich denke an die Reichspogromnacht 1938 und an die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989. Brennende Häuser bei dem einen, brennende Kerzen bei dem anderen. Ängste und Hoffnungen gleichermaßen. Im Blick auf die Corona-Pandemie und den Geschehnissen am vergangenen Samstag in der Leipziger Innenstadt kann ich auch von Ängsten und Hoffnungen sprechen – und von Wut. Es ist eine schwierige Situation, in der wir uns befinden. Um mich herum spüre ich die Hoffnung vieler, dass das alles bald überstanden ist, aber auch die Angst, dass dem nicht so ist und es schlimmer wird. Auf der einen Seite die Angst vor dem Virus und auf der anderen Seite die Angst vor den staatlichen Einschränkungen. Beides nehme ich wahr und beides darf sein. Im Blick auf das Datum des 9.Novembers sollte allerdings klar sein, dass Gewalt kein guter Weg ist. 1989 hat gezeigt, dass das Friedliche die Veränderung bringen kann. Es ist auch der Weg Jesu, der allen, die Angst haben Mut zu spricht: „Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33).

Anne-Marie Beuchel

06. November

Advent

Vielleicht, dachte ich am Beginn dieser Woche, als wir im Arbeits- und im Freundesumfeld wieder eintauchten in diese fast schon routinierte Zwangspause; vielleicht ist dieser November nichts anderes als einfach ein verlängerter Advent. Einer, der uns wirklich Verzicht abverlangt, und der noch nicht verschönert wird durch Kerzen, Plätzchen und das tägliche Schokoladentürchen. Ein wirkliches Warten, und zwar mit ungewissem Ausgang, was die Reduktion von Kontakten, Kultur, gesellschaftlichem Leben angeht. Wird es nach November anders sein? Und was kommt im Januar, im Februar? Gewiss aber ist, dass am Ende dieses November-Wartens Gott vor der Tür stehen wird, dass er sein Kommen ankündigen wird mit den immer heller leuchtenden Kerzen des Advent.
Es ist ein wahres Warten, ein langes, in diesen Tagen oft ein einsames, aber er sieht und kennt es und lässt uns darin nicht allein:  „Der Herr richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.“ (2.Thess 3,5) Mitten in meine Advents-Gedanken hinein trifft mich die heutige Tageslosung. Dann will ich mich ausrichten lassen. Ich warte auf das Warten. Und ich glaube man kann es lernen, das Warten.

Johanna Stein

05. November

Versprochen ist versprochen

Tageslosung

Von all dem Guten, das der HERR dem Haus Israel zugesagt hatte, war nichts dahingefallen; alles war eingetroffen.​Josua 21,45

Die Türen knallen und dann der Wutschrei: „Du hast es aber versprochen …“Ja, das hatte ich, aber dann: Naja manches ist halt nicht vorhersehbar. Und so ist nichts von dem, was ich versprochen hatte, eingetroffen. Und so bleibt ein nicht eingelöstes Verspechen, die Wut auf der einen Seite und die Scham auf der anderen.

Im Losungswort für heute wird uns eine andere Erzählung vor Augen gestellt:

Ein Versprechen, eine Zusage und alles war eingetroffen. Eine lange Geschichte wird so abgeschlossen. Eine Geschichte, dessen guter Ausgang nie ganz klar war. Es ist eine Lebensgeschichte des Volkes Israel, das aufbricht und eine Heimat, einen Lebensort und mit ihm seine Identität sucht: Wo gehöre ich hin? Und: Wer bin ich? Beide Fragen gehören ja irgendwie zusammen.

Und auf diesem Weg wird dem Volk die göttliche Zusage gegeben: Ich bin mit dir und ich führe dich in dein Land! Ein gewagtes Versprechen, aber am Ende steht: „Es ist alles eingetroffen!“ Mit diesem Losungswort werde ich an göttliche Zusagen erinnert, die ich für mich beanspruche. Allen voran: Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. (Mt 28)

Was wird am Ende stehen? Werde auch ich mit den Türen knallen und in das Kissen weinen? Natürlich hoffe ich das nicht. Aber wer weiß. Da gibt es so vieles, was ich nicht überblicke. Und den Ausgang schon erst recht nicht.

Ich kann nur für heute, für hier und jetzt antworten. Und da sehe ich mich mit dem Moped zum Abgrund fahren, weil eine junge Liebe auseinander gegangen ist. Ich sehe mich am Grab meines Freundes stehen, der eine zeitlang mein Bruder war. Ja, manchmal war es hart und nicht klar, wie es weitergeht. Aber das immer nur für einen Moment. Nie endgültig. Immer stand am Ende ein „trotzdem“, immer ging es weiter. Nie war das Versprechen Gottes unwiederbringlich zerbrochen.

Und auch wenn der Ausgang mir noch nicht klar vor Augen steht, darf ich doch glauben, dass am Ende alles eintrifft, dass am Ende Gott zu seinem Wort steht.

Bleiben Sie behütet.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

04. November

Heute ist der Tauftag meiner Tochter. Sie freut sich schon seit Tagen darauf und wartet, dass es endlich soweit ist. Und das obwohl der Tauftag in unserer Familie nicht ganz groß gefeiert wird: Es gibt keine Geschenke, nur selten – und in diesen schwierigen Zeiten keinen – Besuch und das Telefon klingelt längst nicht so oft wie an einem Geburtstag. Eine Sache gehört zu einem Tauftag bei uns aber fest dazu: Zu allen Mahlzeiten leuchtet auf unserem Tisch das Licht der Taufkerze. 
Die Freude an diesem Tag speist sich aus einer anderen, wichtigeren Quelle als Geschenken und einer großen Party: Aufmerksamkeit.

Es wird gratuliert und miteinander gesprochen, darüber wie es war, damals bei der Taufe und was der Bibelvers bedeutet, der seitdem über diesem Leben steht. Und über alldem steht die unbedingte, zugewandte Liebe Gottes, deren sichtbares Zeichen die Taufe ist und die an diesem Tag in besonderer Weise erlebbar ist.

Zünden doch auch Sie heute Ihre Taufkerze oder ein anderes Licht an, dass Sie daran erinnert: Gott ist für mich da. Das gibt Kraft und Zuversicht, auch und gerade in dunklen und schweren Zeiten.
Ich grüße Sie herzlich mit dem Taufspruch meiner Tochter aus dem Kolosserbrief: „Sagt Dank dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.“ 

Ihr Konstantin Enge

03. November

Trostrolle für November1

Sei traurig
über die grauen Regenwolken
und die Nasskälte
den geschlossenen Italiener
die Fotographin ohne Aufträge
und den Kosmetiker, der auf Dezember bangt
Heule ruhig auch mal
dass der Zoo zu ist
kein Popcorngeruch vor dem Kino
einsam sitzt jemand am Esstisch
und liest die Zeitung nicht mehr
in der Wohnung oben links wütendes Gebrülle
Ärgere Dich
wann endlich Weihnachten planen
und die Geschenke kaufen
von den Nägeln blättert der Lack
schon wieder den Mundschutz auskochen
beinahe die Nerven verlieren
Sei wütend und traurig und müde.
 
Denn Gott spricht in der Losung für November:
„Sie werden weinend kommen,aber ich will sie trösten und leiten.“
 
Es wird nämlich Dezember werden. Ganz bald.

Amen.

 

1 Die Losung für den Monat November in Jer 31,9 stammt aus einem Teil des

Jeremiabuches, der auch als „Trostrolle für Efraim“ bezeichnet wird. Daher hier eine

kleine Trostrolle für den Corona-November.

Anne Herzig

02. November

Es ist das Jahr 1527 als Martin Luther im Angesicht der Pest folgendes schreibt:

„Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.

Und heute – nach Monaten mit dem Virus und ohne Impfstoff – können mir Luthers Worte helfen?
Gottvertrauen und Nächstenliebe empfiehlt Martin Luther.
Abstand zum Nächsten und Nähe im Vertrauen auf Gott.
Eine Balance zwischen Distanz und Zuwendung.
Luther will keinen Heldenmut, sondern ein Handeln aus dem Glauben und dem Wissen, dass Gott bei mir ist im Leben und Sterben, ist gefragt!
Und Kraft für den Glauben bekomme ich nicht aus mir, sondern im Gebet, im Lesen der Bibel und im Gottesdienst (Die Gottesdienste im November finden wie geplant statt!).
 
Bild: Lothar Kurth
Text: Pfarrerin Angela Langner-Stephan

30. Mai

ABGESAGT. In den zurückliegenden Wochen musste wegen der Corona-Pandemie so vieles abgesagt werden: Konzerte, Familienfeiern, Reisen, Besuche, Gottesdienste, Chorproben, Theateraufführungen, Ausstellungen...                                                                                            Das war wichtig, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Aber es hat mein Leben natürlich ärmer gemacht. Und gleichzeitig empfinde ich diese Wochen als eine erfüllte Zeit. Ich nehme bewusster wahr, was mein Leben trotz aller Corona-Einschränkungen reich macht, denn nicht abgesagt sind Sonnenschein, Frühling, Zuwendung, Humor, Lesen, Musikhören, Phantasie, Hoffnung ... Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?

Inzwischen wurden viele Einschränkungen gelockert oder sogar aufgehoben: Geschäfte und Restaurants haben wieder geöffnet, Museen und Bibliotheken können wieder besucht werden, Kinos und Theater dürfen öffnen und auch Gottesdienste können wieder gemeinschaftlich gefeiert werden. In den Sommermonaten werden wohl sogar Urlaubsreisen ins Ausland möglich sein. Ist also bald alles wieder beim Alten? Die Corona-Krise hat uns die Grenzen unserer Lebensweise vor Augen geführt. Von „neuer Normalität“ ist nun die Rede. Für viele werden wirtschaftliche Unsicherheit und finanzielle Sorgen bleiben. Der Begriff Krise bezeichnet auch den Wendepunkt, an dem sich entscheidet, ob eine bedenkliche Lage zur Katastrophe wird oder sich zum Guten wendet. Werden wir also die Krise als Chance zu einem grundlegenden Umdenken, einem positiven Wandel nutzen? 

Es ist meine Hoffnung, dass in der „neuen Normalität“ für Rücksichtnahme, Nächstenliebe, Achtsamkeit, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftssinn gilt: ANGESAGT!

Gottes Geist, dessen Kommen wir zu Pfingsten feiern, beflügle unsere Phantasie, damit wir neue Möglichkeiten und Wege entdecken. Gottes Geist, der Leben schaffende Hauch, mache uns lebendig; er stärke unsere Hoffnung und lasse uns an ihr festhalten. Gottes Geist, der Tröster, ermutige und tröste uns, wenn wir mutlos und traurig sind. 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes, geist-reiches Pfingstfest. Bleiben Sie behütet!

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

29. Mai

Der schmale Grat zwischen Fürsorge und Freiheit

Die zweite Woche ist vergangen, seit die Kitas wieder für alle Kinder geöffnet haben. Ein Kraftakt für alle Beteiligten. Auf der einen Seite praxisferne und völlig unrealisierbare Vorgaben und Maßnahmen, auf der anderen Seite pädagogischer Sachverstand, personelle und bauliche Gegebenheiten und das Wohl der Kinder im Blick. Auf der einen Seite das Verantwortungsbewusstsein, die Sehnsucht nach Sicherheit und Schutz der Gesundheit von Groß und Klein, auf der anderen Seite der Wunsch, den Kindern ihre Freiheit und ihre Freunde zurückzugeben und einen Alltag ohne Flatterband im Garten, gestaffelte Klogänge, Mundschutz und lange Schlangen am Einlass.

Wieviel Sicherheit braucht Freiheit? Und wieviel Freiheit braucht ein Leben, um sich in Sicherheit zu entfalten? Wir lernen in diesen Tagen viel über diesen schmalen Grat. Wir brauchen beides. Ohne Gleichgültigkeit, aber auch ohne Angst. Wenn wir aufeinander achten und in Fürsorge und Verantwortung miteinander umgehen dann können wir ins Leben zurückkehren, mit Augenmaß und Rücksicht. Dann dürfen wir wissen: Wir tun, was in unserer Macht steht. Und wir dürfen uns darauf verlassen: Einer sorgt für das, was nicht in unserer Hand liegt. „Sorgt euch nicht um euer Leben, […] denn euer himmlischer Vater weiß, was ihr alles braucht. […] Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ In dieser Sicherheit können wir munter balancieren auf dem schmalen Grat. Er wird uns halten und wir werden nicht fallen.

Johanna Stein

28. Mai

Halte durch!

Viele Aufgaben und Herausforderungen erfordern einen langen Atem:
Der Mann nach der Operation, der nur ganz langsam wieder auf die Beine kommt;
der Flüchtling, der Deutsch lernt und schließlich eine Ausbildung machen will;
die lange Bauzeit in der Heilandskirche, bis das Stadtteilzentrum ganz fertig ist und seine Pforten öffnen kann; die Kontakt- und anderen derzeitigen Einschränkungen. 

Vieles im Leben ist ein Langstreckenlauf, nicht ein Sprint! 

Meine Frau und ich haben das bei der Besteigung des Mount Kenya erlebt: Der Afrikaner „Duncan“ hat uns immer wieder in der ostafrikanischen Sprache Kisuaheli ermutigt und zugleich ermahnt: „Pole, Pole – Langsam, langsam! Haltet durch, ihr schafft das!“ Wenn die Luft dünn wird, ist es ein Geschenk, nicht alleine unterwegs zu sein. Dann brauchen wir den Zuspruch, das Aufmuntern und das gemeinsame Ziel. 

Die Bibel sagt uns, dass wir Gott als großen Ermutiger an unserer Seite haben. Das ist Ansporn und zugleich Versprechen: 

„Pole, Pole! - Halte durch! – ER hält dich!“

Pfarrer Volker Klein

27. Mai

Ist die Kirche systemrelevant? 

Kurz vor Pfingsten, dem Geburtstag der Kirche, treibt mich diese Frage um. Covid-19 stellt die Kirche auf dem Prüfstand. Gottesdienste, die für uns Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens sind, können nicht oder nur eingeschränkt gefeiert werden. Mund- und Nasenschutz lassen die geistlichen Lieder nur als murmelnden Klangbrei vernehmen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Virologen, Politiker und Wirtschaftsleute befragt. Theologen sind nicht gefragt. Beim Bäcker kannst du dein Brot immer kaufen und Schlangen bilden sich vor REWE und DM.

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« Mt 4,4

Ja, es ist wichtig, wie wir uns wirtschaftlich, politisch und medizinisch aus der Umklammerung der Pandemie herauslösen. 

Erster Kita-Tag für meinen fünfjährigen Enkel. Auf dem Weg zur Kita fragt er seine Mutter. Ich habe Angst andere anzustecken. 

Was sind ihre Befürchtungen? Welches Wort aus dem Munde Gottes brauchen Sie? Zuwendung? Behutsamkeit? Zuhören? Fürchte dich nicht? Trost? Liebe? Zärtlichkeit? Mut? Lachen? Wo diese existenziell relevanten Worte unser Leben erreichen, beginnen wir auf einer Ebene zu heilen, die unser Miteinander stärkt.  Gottes Worte sind beseelt von Zuversicht. Kirche lebt aus dieser Zuversicht. Ein systemrelevanter Schatz. Was meinen Sie?

Die Mutter hört dem Kind zu, streicht ihm behutsam über den Kopf und sagt: „Du bist doch gesund. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Ein erleichterter und ein liebender Blick treffen sich. 

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Ihr Martin Staemmler-Michael

25. Mai

„Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich! 
Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich!“
(Psalm 7,2)

„Der läuft mir immer nach!“ Mit diesem Vorwurf gegenüber einem Geschwisterkind oder Spielkameraden kommen meine Kinder manchmal zu mir. Es ist ein unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden, keine ruhige Minute und keinen unbeobachteten Moment zu haben.

In unserer digitalen Welt ist „Verfolgung“ in den letzten Jahren aber auch zu einem Statussymbol geworden. Wer in den sozialen Netzwerken die meisten „Follower“ hinter sich versammelt, wer sich in seinen Beiträgen am häufigsten sichtbar macht und am meisten gesehen wird, der gilt als erfolgreich, erzielt Gewinne und gewinnt an Einfluss.

Gerade in unseren Zeiten von Überwachung, Infokrieg und Verschwörungsideologien kann aber auch dieses digitale Verfolgen und Verfolgtwerden schnell zu einer beklemmenden Erfahrung werden. Da tut es gut – mit Gottvertrauen – immer einmal Abstand zu gewinnen. Von solchen befreienden Momenten erzählt etwa das Lied „Keiner“ der deutschen Rockband Madsen (https://www.youtube.com/watch?v=f8aO1MK7OGQ) – vielleicht würde der Verfasser von Psalm 7 heute ganz ähnlich dichten...

Herzliche Grüße und eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

23. Mai

Wir gehen auf ganz unterschiedliche Art und Weise aufeinander zu:

Wir können Menschen mit freundlichem Blick anschauen. Wir können ihnen einen Schritt entgegengehen, in normalen Zeiten sogar die Hand reichen.

Aber wir können auch die Arme vor der Brust verschränken oder die Hände in den Taschen stecken lassen. Wir können die Hand zur Faust ballen oder womöglich zuschlagen. Jesus war jemand mit offenen Armen. Schon Kinder hat er in die Arme genommen. Das war den Leuten um ihn herum peinlich. Er hat es bewusst getan. „Lasst die Kinder kommen“ hat er gesagt. Und er hat noch ganz andere mit offenen Armen begrüßt: Einfache Leute, Menschen am Rande und auch solche, die es nicht verdient haben. 

Nehmen wir einmal an, wir begegnen jemandem mit offenen Armen. Gleich heute. Einen Menschen, den wir im Laufe des Tages treffen. Einen, der uns vielleicht geärgert hat. Einen, der uns unterbricht oder stört. Einen, der uns befremdet. Wir brauchen ihn dazu noch nicht einmal berühren. Das geht auch mit 1,5 m Abstand. Wagen wir den kleinen Schritt der offenen Arme!

Pfarrer Volker Klein

22. Mai

Ein Gedicht zum Einstieg

Ich lebe mein Leben

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

(Rainer Maria Rilke)

Himmelfahrt praktisch, oder Perspektivwechsel

„Himmelfahrt“, das habe ich bisher zweimal erlebt: In einem Flugzeug abheben einmal nach Israel und einmal nach Norwegen.

„Himmelfahrt“, das war für mich, gerade eben noch auf dem Boden, mit einem beschränkten Blick von 1,69 cm Höhe, und dann in wachsenden Ringen hinauf in die Weite. Und ich überblicke Leipzig und das Land, sehe Häuser, Dörfer, Städte und Länder. Und ich frage mich, was tun die Menschen da unten, was beschäftigt sie gerade und wie leben sie?

Vielleicht bedeutet „Himmelfahrt“ ja gerade auch eben das: Den Kopf heben und wahrnehmen, dass da mehr ist als meine kleine Welt.

„Himmelfahrt“ war für die ersten Christen ein erster Schritt in die Verantwortung für die ganze Welt, in eine Gemeinschaft hinein, die getragen von Gott in wachsenden Ringen Verbundenheit schuf.

Und so kreise ich nicht mehr nur um mich selbst.

Diesen Auftrag werde ich wohl letztlich nicht ganz verstehen, aber versuchen will ich ihn.

Und es wird sich darin zeigen, wer ich eigentlich bin.

Ich grüße Sie herzlich

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

20. Mai

auf und davon?

Na dann viel Spaß zu Christi Männertag!  sagte mein dreiundzwanzigjähriger Sohn am Ende seines kurzen Besuches zu mir. Und noch ehe ich ihm mit (gespielter) Empörung antworten konnte, war er schon aus der Tür.    

Was er nicht wusste: er hatte mir damit die Anregung für dieses Wort zum Tag geschenkt.    

auf und davon

ja so läuft  das

im zug der zeit

ins offene verliert

man sich so schnell

und nichts bleibt

außer ein leerer Platz

und das war’s dann
 
so anders ER  

der auffährt zu kommen

in den wirklich letzten winkel

um die große leere auszufüllen

mit seinem geist der alles andere ist

als nur ein flüchtiger dunst

weil er alles ändert

mit einem wort

kommt er

in liebe

zu mir

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag zu Christi Himmelfahrt!

Ihr Heinz Schneemann

19. Mai

Der weise König Salomo hatte bei Gott einen Wunsch frei. Er bat: „Gib mir ein gehorsames Herz, damit ich … verstehe, was gut und böse ist.“ (nach 1. Könige 3,9) Brauchen wir nicht auch so einen inneren Kompass, damit wir nicht vom Weg abkommen? Man sieht im Fernsehen und liest in Gerichtsreportagen von Menschen, die Schreckliches tun und dabei ohne jedes Schuldgefühl sind. Kein Gewissen schlägt. Oft ist nicht einmal ein nachvollziehbares Motiv zu erkennen. Keinerlei Mitgefühl für die Person, die leidend zurückbleibt… Ich frage mich ratlos: Was ist da los? Was geht in solchen Menschen vor? Könnte ich in Extremsituationen auch so etwas tun?  Was kann uns davor bewahren, in solcher Lage total auszurasten? „Verstehen, was gut und böse ist.“ Weiß das nicht jeder, zumindest theoretisch? Theoretisch ja, aber offenbar fehlt’s uns am „gehorsamen Herz“. Ich meine damit: Ich könnte für mich selbst auch nicht die Hand in’s Feuer legen, dass mir niemals so etwas passieren könnte, wo ich schreiendes Unrecht tue und es nicht einsehe. Gott bewahre mich davor! Ja, das war es auch, was der weise König Salomo sich wünschte...

Alles Gute von oben wünscht Euch Euer Günther Jacob

18. Mai

Schweig still mein Herz, die Bäume beten.

Ich sprach zum Baum: Erzähl mir von Gott.

Und er blühte.

(Rabindranath Tagore)

Wir in Schleußig haben die Bäume vor der Nase. Straßenbäume, Parkbäume, Auwaldbäume.
Täglich möchte ich sie aufsuchen. Zum Spaziergang etwa.
Dann raunen sie mir zu:

Komm näher. Bleib mal stehen!

Das tu ich gern. Zum Baum muss ich den Sicherheitsabstand nicht einhalten, der für uns untereinander noch nötig ist. So stehe ich vor einem Baum. Sehe mir seine Rinde genauer  an, zerfurcht oder glatt. Ich schaue am Stamm entlang in die Höhe.  Im Winter verhießen die Knospen künftigen Frühling.Diesmal ging wieder alles sehr schnell. Beinahe gleichzeitig wurden sie grün; frische zarte Blätter. Dann blühte der Ahorn als erster.

Bäume, der Park, der Wald besänftigen, was  uns nicht zur Ruhe kommen lässt: Zeitdruck, Sorgen, Ängste. Es gibt nicht nur die Probleme der Epidemie. Gott sei Dank gibt es die Natur um uns. Ich denke an Gottes  Zusage vom Wechsel der Jahreszeiten, solange die Erde steht. ( 1. Mose 8,22 ). 

Auch Christus streifte gern durch die Natur. Dort betete er am liebsten. Bäume, Vögel, Blumen, Felder waren für ihn Zeichen der Fürsorge Gottes. Sie waren Erzählstoff für seine Gleichnisse...Ich gehe meinen Weg weiter, bis er auf dem Patz mündet, wo die Industriestraße beginnt.

Da sehe ich  den Gaukler wieder, wie er zum Spaß der Kinder große Seifenblasen zieht. Er ist ein Bewegungskünstler, Argentino aus Kolumbien. Den Körper zu einem Song aus seinem Handy wiegend, balanciert er auch mit seinem Jo-Jo  oder mit mehreren Stäben.

Er drückt dankbare Freude aus. Dankbar für diese Begegnung, nehme ich meinen Weg zwischen den Bäumen zurück.

Vom Wind bewegte Zweige winken mir zu: Auf Wiedersehen!

Ich wünsche Ihnen und euch eine gute Woche,

Rolf-Dieter Hansmann

16. Mai

Telefonschalte – dieser Begriff begegnet uns in letzter Zeit oft in den Nachrichten und Zeitungen: Die EU-Kommissionspräsidentin berät per Telefonschalte mit den Spitzen der Mitgliedsstaaten, die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer. Und manch einer, der zur Zeit in Home-Office arbeitet, kommuniziert auf diese Art mit Kolleginnen und Kollegen oder dem Chef. So wird auch in Zeiten von social distancing Kontakt gehalten: man kann sich beraten, Fragen klären, einander helfen … Aber nicht immer funktioniert die Schalte, manchmal bricht die Verbindung auch ab.

Das Gespräch mit Gott, das Gebet, ist gewissermaßen auch so eine Telefonschalte – eine Verbindung, die von Gottes Seite immer geschaltet ist.

Gott lädt uns ein, mit unserem Gebet zu ihm zu kommen. Mit ihm können wir reden. An ihn können wir uns wenden mit unserer Klage und unserem Jubel, mit unserer Traurigkeit und unserer Freude. Gott will uns die Erfahrung schenken, dass das Beten die enge Welt unserer eigenen Wünsche weit und offen macht, dass Beten unser Leben gelingen lässt. Dass Gott uns hört und versteht, das hilft uns leben; das macht es uns leichter, unsere Wege zu gehen – in dunklen, schweren Zeiten voller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten ebenso wie in lichten, frohen.

Oft aber bleiben wir stumm. Oft schweigen wir und kein Gedanke geht zu Gott hin. „Seid beharrlich im Gebet …“ fordert der Apostel Paulus uns auf (Kolosser 4, 2). Doch häufig vergessen wir im Getriebe des Alltags einfach, mit Gott im Gespräch zu bleiben. Dann ist es gut, daran erinnert zu werden. Es gibt dazu sogar eigens einen Sonntag im Kirchenjahr. Rogate heißt der morgige Sonntag – zu deutsch: Betet. 

Tun wir es! Beharrlich. Die „Schalte“ jedenfalls steht …!

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

15. Mai

Wir fahren wieder hoch.

Jetzt wird alles wieder hochgefahren. Von den Friseurgeschäften angefangen über Kitas und Schulen bis hin zu Restaurants. Natürlich alles mit Hygienemaßnahmenkonzepten. Wir fahren wieder hoch.

„Und als die Jünger Jesus nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.“(Apg1) 

Na, ob das gut geht? So einfach in den blauen Himmel schauen und zusehen, wie Weisheit, Sanftmut und Menschenfreundlichkeit in der Weite des Himmels verschwinden? Man traut sich ja gar nicht die Bilder der Demos gegen die Corona-Maßnahmen anzuschauen. Da entlädt sich der geballte Hass gegen alle, die verantwortungsvoll mit der Corona-Krise umzugehen versuchen. Man mag gar hinschauen, wie Menschen von allen guten Geistern verlassen, Weisheit, Sanftmut und Menschlichkeit über Bord werfen.  

Während die Jünger in den Himmel schauen werden ihnen die Worte Jesu noch in den Ohren klingen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“(Apg 1) 

Diese Kraft spendet alles, was wir brauchen, um ehrlich, friedvoll und achtsam miteinander umzugehen. Die Welt braucht diese Kraft. Deshalb wenden die Jünger ihren Blick vom Himmel zu den Menschen. Die Männer in Weiß helfen nach. Manchmal brauchen wir Engel. Wir müssen die verstörenden Bilder der Demonstrationen ansehen und gegenüber diesen Entgleisungen Haltung beziehen. Wir haben die Kraft des Geistes und können mit Weisheit, Sanftmut und Menschenfreundlichkeit Momente des Friedens schaffen und aufklären. 

Wir fahren wieder hoch, aber wir sollten nicht auf skurrile Verschwörungstheoretiker abfahren. Wir bleiben auf dem Boden, weil hier die Kraft des Heiligen Geistes auch durch uns wirkt. 

Ihr Martin Staemmler-Michael

14. Mai

„In der Welt wird man euch hart zusetzen...“ (Joh 16,33)

In der Schlange vor Kaufland:

Ein Paar vor mir diskutiert. Er liest eine Nachricht vom Handy vor. Es geht um die Übernahme der Macht mithilfe von Corona. Nur Minuten später kommt von hinten die nächste Erklärung: Corona wird nicht über Menschen, sondern anders übertragen.

Diese und viele andere Meinungen, Erklärungen und Thesen werden gerade verbreitet. Bis vor wenigen Wochen lebten wir mit dem Gefühl „Wir haben alles im Griff!“ Doch jetzt erleben wir ein Ausgeliefertsein, dass viele verunsichert. Wir Menschen brauchen Halt und Antworten. Aber einfache und 1000mal weitergeleitete Antworten geben keinen Halt.

Wir sind alle gefragt: ganz genau hinzuschauen und scharf zu differenzieren!

Hass und Antisemitismus dürfen keinen Platz haben.

Echte Fakten sind gefragt und keine Fake News.

Und natürlich können wir die aktuellen Maßnahmen kritisch hinterfragen.

Die Bibel zeigt die vielen Facetten des Lebens, schenkt Hoffnung und ermutigt uns: In der Welt wird man euch hart zusetzen, aber verliert nicht den Mut: Ich habe die Welt besiegt!«

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

13. Mai

Corona bestimmt das Leben weltweit
Und doch gibt es das ganz Individuelle, was sich vordrängelt.
Ich lerne für das Examen der Prädikantenausbildung – „Theologie fürs Ehrenamt“.
2 ½ Jahre Auseinandersetzung mit der Wissenschaft Theologie.
Der persönliche Glaube distanzierte sich oft, aber der Zweifel gehört ja irgendwie auch dazu:
Zum Glauben, zur Wissenschaft, für Viele auch zu Corona.
Das darf er auch, wenn er sich nicht „festbeißt“ und nur noch die eigene Meinung die „einzig wahre“ ist.
-„Wollen Sie auch ein Wort zum Tag schreiben?“ 
-„Oh ja, gerne.“
Ich schlage die Losungen auf, die Bibel, die Sammlung der tausend Sprüche.
Überall springt mich nur an, was ich NOCH NICHT GELERNT habe.
 
Das bevorstehende Examen drückt. Ich ningle rum.
Und schäme mich, weil ich ja eigentlich nichts auszustehen habe. 

Keine Existenzangst.
Keine kleinen Kinder mehr, mit denen ich Online-Schule machen, sie ganztägig bei Laune halten muss, die Natur nur wenige Meter vor der Haustür.

Ich mache das Radio an. Ein Lied von früher (1993 ! Voriges Jahrhundert also ! ) wird gespielt. 
Herbert Grönemeyer: Land unter.

Ich erinnere mich, summe mit,  höre die Worte:

… Elemente duellieren sich, du hältst mich auf Kurs …
… Kämpf' mich durch zum Horizont, denn dort treff' ich dich …

… Mach die Feuer an, damit ich dich finden kann …
… Übernimm die Wacht, bring mich durch die Nacht …
… Rette mich durch den Sturm …
… Fass mich ganz fest an, dass ich mich halten kann…
… Und ist´s  auch sinnlos - soll's nicht sein - ich geb dich nie verloren

Und ich sage „JA“ und ich sage „DANKE“.  - Gott spricht mit mir.  - Und wenn ich die Losungen, die Bibel, die Sprüche mal traurig oder ratlos zur Seite lege, 

dann singt er mir Mut zu – wenn´s sein muss, auch über den „Oldie-Sender“.

Wenn sich die Elemente duellieren, wenn Glaube und Zweifel, Wissenschaft und Besserwissen sich in den Haaren liegen – dann - fasst er mich an, dass ich mich halten kann. Mögen auch Sie das immer wieder spüren!      

Ihre/Eure Claudia Krenzlin

Land unter

Der Wind steht schief
Die Luft aus Eis
Die Möwen kreischen stur
Elemente duellieren sich
Du hältst mich auf Kurs
Hab keine Angst vor'm Untergehen
Gischt schlägt ins Gesicht
Kämpf' mich durch zum Horizont
Denn dort treff' ich dich

Geleite mich heim
Rauhe Endlosigkeit
Bist zu lange fort
Mach die Feuer an
Damit ich dich finden kann
Steig zu mir an Bord
Übernimm die Wacht
Bring mich durch die Nacht
Rette mich durch den Sturm
Fass mich ganz fest an
Dass ich mich halten kann
Bring mich zu Ende
Lass mich nicht wieder los
Bring mich zu Ende
Lass mich nicht wieder los
 
Der Himmel heult
Die See geht hoch
Wellen wehren dich
Stürzen mich von Tal zu Tal
Die Gewalten gegen mich

Geleite mich heim
Rauhe Endlosigkeit
Bist zu lange fort
Mach die Feuer an
Damit ich dich finden kann

Bist du ozeanweit entfernt
Regen peitscht von vorn
Und ist auch sinnlos
Soll's nicht sein
Ich geb dich nie verloren

Lass mich nicht wieder los
Bring mich zu Ende
Lass mich nicht mehr los
Lass mich nicht mehr los
Lass mich nicht mehr los

Quelle:LyricFind Songwriter: Herbert Grönemeyer

12. Mai

Es ist Frühling. Eng umschlungen oder Händchen haltend, etwas abseits wild küssend, sich im Restaurant tief in die Augen schauend, trifft man normalerweise auf frisch Verliebte. Je nachdem, wie es einem selbst gerade geht, kann man sich mitfreuen oder bildet die Frage im Kopf, ob diejenigen denn kein Zuhause hätten. Doch langsam wandeln sich ihre Gefühle, die Verliebtheit geht zurück und wird hoffentlich ersetzt durch etwas Tieferes. Eine Liebe, die reicher wird an Erkenntnis und Urteilsvermögen. Eine Liebe, die die eigenen Grenzen kennt und dem anderen das Beste wünscht und tut. Eine Liebe, die Verletzungen vermeidet und verzeiht. Eine Liebe, die ein Zeichen gegen den Hass und für das Gemeinwohl setzt. Eine Liebe, die die Angst nehmen kann und befreit. Die Liebe, die Gott uns Christinnen und Christen schenkt und die wir weitergeben sollen. Das wünscht Paulus seiner Gemeinde in Philippi (Phil 1,9f.).
 
Das wünsche ich uns in diesen Zeiten.
 
Herzliche Grüße

Nicole Oesterreich

11. Mai

Wenn ich in diesen Tagen versuche, voraus zu schauen, kommt mir immer wieder ein Lied aus meiner Jungen Gemeindezeit in den Sinn: „Halte deine Träume fest“ von Eugen Eckert. Es wird Sommer, das spüre ich in jedem Atemzug. Vor uns liegt die für viele schönste Zeit des Jahres, und noch nie war sie so ungewiss wie jetzt. Wir sind es gewöhnt, die Dinge im Griff zu haben, wir wollen planen und träumen, wir brauchen Perspektive und Zukunftsaussichten, um im Jetzt geborgen, standhaft und sicher zu sein und unseren Alltag zu meistern. Doch für viele ist die Frage nach Freiheit, nach Erholung, nach dem lang ersehnten Ausbrechen aus den eigenen vier Wänden zum Luxusproblem geworden. Vielleicht verbietet sie sich sogar in diesem Jahr aufgrund ganz anderer existenzieller Nöte. Und selbst wenn wir sie uns noch leisten können: Wir wissen nicht, welche Freiheit wir in diesem Sommer haben werden. Also festhalten an der lang erträumten Reise? Oder hinschmeißen? Jedes Mal, wenn mir klar wird, dass diese Entscheidung gefällt werden muss, höre ich es in mir wieder und wieder klingen: „Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben. Gegen zuviel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit: Halte deine Freiheit fest.“ 

Ich werde nicht stornieren. Ich glaube an unsere Freiheit.

Herzliche Grüße

Johanna Stein

9. Mai

Kantate! Singt! So fordert uns der morgige Sonntag auf. 

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn ER tut Wunder.“ (Psalm 98, 1)

Was heißt das: „Singet dem HERRN ein neues Lied…“? Was ist mit „neuen Liedern“ gemeint?                                                                                                           Das können Lieder aus den neuen Gesangbüchern sein, Lieder von Kirchentagen, Taizé-Gesänge...  Aber, so denke ich, auch die aufsNeue gesungenen alten Lieder sind die neuen Lieder, die der Psalm meint. Denn im jeweiligen Augenblick des Erklingens ist Musik, ist Gesang, immer wieder neu, immer wieder aktuell.                                                                                                          Und auch dies kann es bedeuten: jeden Tag mit seiner eigenen Melodie annehmen. An guten Tagen frohe Lieder, in Momenten des Glücks einen spontanen Dank. Und ist es ein dunkler Tag für mich, bedrückt mich etwas, habe ich Sorgen und Angst, dann findet auch mein Klagelied ein offenes Ohr bei Gott.                                                                                                                                       Ein neues Lied singen heißt auf die Melodie und den Rhythmus der verschiedenen Lebenssituationen achten und die eigene Stimme mit einbringen. Töne können ausdrücken, was mit bloßen Worten nicht zu sagen ist: Glück, Freude und Hoffnung – aber auch Trauer, Angst und Schmerz. 

„…denn ER tut Wunder.“ Es gibt sie, die Wunder! Und sie zeigen sich nicht vorrangig darin, dass Naturgesetze durchbrochen werden. Nein, dazu gehört ja z.B. auch das Wunder der Liebe, das Wunder der Schöpfung – und überhaupt das Wunder des Lebens. Dazu gehört ebenso, dass Gott uns Kraft und Mut gibt auch schwierige Zeiten zu bestehen.

Kantate! Singt! Das ginge wohl auch mit Mundschutz. Doch gemeinsam dürfen wir das in den Gottesdiensten in dieser Corona-Zeit (noch) nicht tun. Dennoch soll morgen in unseren Kirchen Gottes Lob erklingen. Im Gottesdienst in der Bethanienkirche kann das sogar gemeinschaftlich geschehen – auf andere, neue Weise – wenn viele dazu einen „Klangkörper“ mitbringen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt…! 

Ein klangvolles Wochenende wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

8. Mai

Die Schwiegermutter Simons aber lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie Jesus von ihr. Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie. (Markus 1,30f.)

Sie starrt an die Decke.
Es ist still und das schon so lange.
Bittere Einsamkeit.
Eigentlich müsste sie aufstehen. Aber sie kann nicht. Sie will nicht.
Wozu auch?
Doch dann kommt jemand.
Erst hört sie ein unbestimmtes Geräusch von draußen.
Dann Schritte auf dem Flur.
Die Tür geht auf und ER tritt ein.
Endlich.
Und er hat süße Erdbeeren mitgebracht.
Mit diesen Gedanken zur Tageslosung grüße ich Sie

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

p.s.: Vergessen Sie die Erdbeeren nicht!​

7. Mai

Nun laufen wir mit Mundschutz in Geschäften herum und in der Bahn. Man sagt uns, der würde vor allem den anderen nützen, die wir nicht anstecken sollen. Die Viren in unserem Atem werden abgefangen. Das ist gut: Ich will nicht schuld sein, dass ein Mensch durch mich krank wird, auch wenn ich es vielleicht niemals erfahren würde. Das ist eine Sache von Verantwortung, im Grunde eine Art anonyme Nächstenliebe. Das Krankmachende kommt aus dem Inneren und soll gestoppt werden. Das erinnert mich an einen Hinweis, den Jesus gegeben hat. „Was aus dem Munde herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein.“ (Matthäus 15,18)

Ja, auch die Worte, die wir reden, können krank machen, uns infizieren mit bösen Gedanken. Unser Reden ist immer auch vermischt mit unseren Gefühlen, die wir gegenüber unserem Gesprächspartner hegen, also Ärger, Verachtung, Spott, Überlegen-heitsgefühl usw. Und was einmal raus ist, können wir nicht wieder zurückholen. Ich überlege, wie ein Mundschutz für solche Fälle aussieht… Haben Sie eine Idee? 

Es grüßt Sie, Ihr Günther Jacob

6. Mai

WIR BRAUCHEN EINE PERSPEKTIVE!

Dieser Satz wird immer wichtiger. Die Mutter, die seit Wochen mit ihren kleinen Kindern zu Hause ist, kommt ans Ende ihrer Kraft. Der Gastwirt kann die verordnete Schließung nicht mehr lange durchhalten. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Sie und wir alle brauchen dringend eine Perspektive, die uns Hoffnung und Kraft gibt. 

Besonders gefragt und gefordert sind dabei unsere Politiker. Heute kommen sie wieder auf höchster Ebene zusammen, um über weitere Lockerungen des Lockdowns zu entscheiden. Sie müssen zwischen den gesundheitlichen Risiken durch das Coronavirus und den wirtschaftlichen, sozialen und nicht zuletzt auch psychischen Folgen seiner Bekämpfung abwägen. Was ist nötig, was ist möglich? Eins greift ins andere. Es ist kompliziert. Zu Risiken und Nebenwirkungen...

...lässt sich keine letzte Sicherheit gewinnen. Und doch muss gehandelt werden! Wie kann allen ausreichend geholfen werden? Und was ist „ausreichend“? 

Die Erwartungen an den Staat sind riesig. Seine Mittel sind groß, aber nicht unbegrenzt. Enttäuschungen werden unausweichlich sein. Das ist ein kritischer Punkt für unsere Gesellschaft. Finden wir in dieser Situation zu mehr Solidarität? Oder wird sich die Stimmung verdüstern und die Spaltung weiter vertiefen?

Hier geht es um unsere innere Perspektive...

...Perspektiven haben immer eine äußere und eine innere Dimension: das, was vor uns liegt, und das, was in uns liegt und unsere Sichtweise bestimmt. Wir sehen nicht nur mit unseren Augen, sondern auch mit unserem Herzen.

Dabei spielt der Glaube eine wichtige Rolle. Das Entscheidende an ihm sind nicht bestimmte Ideen und Vor-Stellungen, sondern der Geist und die Ein-Stellung zu dem, was uns im Leben begegnet. Die Geistkraft Gottes kann unsere Enttäuschung in Mitverantwortung, unsere Bitterkeit in Mitgefühl und unsere Angst in Lebensmut verwandeln. Die Perspektive des Glaubens tut gut.

Herzlichst,

Ihr Heinz Schneemann

5. Mai

Wissen Sie, dass der heutige Tag – der „Internationale Tag der Handhygiene“ ist?

Ich bin auch erst beim Suchen im Internet darauf gestoßen. Dieser Tag geht auf eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2009 zurück. Damit sollte das Personal im Gesundheitswesen für die Notwendigkeit der Handhygiene sensibilisiert werden.

Seit einigen Wochen gehört das für uns alle zum Alltag! Beim Einkauf, der Arbeit und auch in der Kirche – erst Hände desinfizieren und dann eintreten. Übrigens hat man den 5. Mai gewählt, weil das Datum die fünf Finger beider Hände symbolisiert.

An Tagen vor Corona haben wir vielen Menschen die Hand gegeben und sind mit ihnen in Kontakt gekommen. Jetzt bleibt nur winken, Abstand halten und ?

Dazu habe ich eine Idee: Meine 5 desinfizierten Finger können mich erinnern zu 5 Menschen Kontakt aufzunehmen – das geht in diesen Tagen trotzdem: am Telefon, auch ein kurzes Gespräch über die Türsprechanlage, per Brief oder mail.

Ja, Hygiene ist jetzt wichtig (und auch Abstand), aber damit ist nicht soziale und Kontakt-Desinfektion gemeint: 1, 2, 3, 4, 5 !

Einen schönen Tag,

Pfarrerin Langner-Stephan

4. Mai

Monument der Ehernen Schlange auf dem Berg Nebo in Israel (John Romano D‘Orazio / CC BY-SA 4.0)

„Ja, auf dich, HERR, mein Herr, sehen meine Augen; 
ich traue auf dich, gib mich nicht in den Tod dahin.“ (Ps 141,8)

„Was ist das für ein Zeichen?“ fragt mich meine Tochter und zeigt auf die um einen Stock gewundene Schlange an der Seite eines Krankenwagens, der an uns vorüber fährt. Dieser sogenannte Äskulapstab kommt aus der griechischen Mythologie, aber Juden und Christen dürfen sich dabei auch an die biblische Geschichte von der „ehernen Schlange“ (nachzulesen im 4. Buch Mose 21,4–9) erinnert fühlen. Das Volk Israel war über seine Unzufriedenheit krank geworden und viele starben, bis Mose im Auftrag Gottes eine Schlange aus Kupfer an einem Stab aufrichtete. Jeder der sie ansah, wurde gesund. Die eherne Schlange wurde zu einem Symbol für Zuwendung, Zuversicht und Zukunft – einem Hoffnungszeichen.

Es gibt diese Hoffnungszeichen Gottes auch hier und heute bei uns: ein blühender Obstbaum, ein Kinderlachen, ein Regenbogen am Himmel... – sicherlich entdecken Sie noch viele mehr. Halten Sie doch heute und in den nächsten Tagen mal die Augen danach offen!

Eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

2. Mai

„WEINEN, KLAGEN, SORGEN, ZAGEN“ – so ist eine Kantate Johann Sebastian Bachs für den Sonntag Jubilate betitelt. (BWV 12). „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Not sind der Christen Tränenbrot…“ heißt es da. Merkwürdig! Wie passt das denn zur Aufforderung des Sonntags zu jubeln, zu jauchzen und zu jubilieren? Einerseits kann das also verwundern, andererseits erscheint der Kantatentext in diesem Jahr gar nicht so unpassend. Das Corona-Virus dominiert alle unsere Lebensbereiche: Die einen leben in Angst, sich anzustecken. Andere sorgen sich, in Not zu geraten durch die wirtschaftlichen Folgen. Manch einer hat Grund zum Weinen und Klagen. Viele ängstigen sich und sind verzagt. Aber muss das so bleiben?                                                                                                                                                   Der Text der Kantate nimmt Gedanken aus den Abschiedsreden Jesu auf (Joh. 16). „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ihr werdet weinen und klagen“ sagt Jesus zu seinen Jüngern, „ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Traurigkeit wird sich in Freude verwandeln. Deshalb verharrt die Kantate auch nicht beim Weinen, Klagen, Sorgen und Zagen, sondern zeichnet den Weg hin zur Freude nach. Bach hat den Prozess der Verwandlung in feinsinniger Weise meisterhaft in Musik umgesetzt! Den Wendepunkt markiert die Tenor-Arie, in der es heißt: „… alle Pein wird doch nur ein Kleines sein, nach dem Regen blüht der Segen…“ – dazu erklingt instrumental die Choralmelodie „Jesu, meine Freude“.                                                                                                                                       

Wenn Sie sich die Kantate einmal anhören wollen: im Internet sind mehrere Aufnahmen zu finden. Und für Frühaufsteher gibt es die Bachkantaten sonntags um 6.30 Uhr auf mdr-Kultur.

Der Schlusschoral schließlich bringt das Vertrauen in Gottes Führung zum Ausdruck: 

Was Gott tut, das ist wohlgetan, dabei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die raue Bahn Not, Tod und Elend treiben.
So wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten:                                                              
Drum lass ich ihn nur walten.

Dieses Vertrauen in Gottes Führung wünsche uns allen!

Pfr. Matthias Piontek

1. Mai - Tag der Arbeit

Sie sitzt da

Am Schreibtisch

Jeden Tag

Seit 6 Wochen

Erledigt Ihre Aufgaben

Deutsch, Latein

Fragt bei einer Freundin nach

Mathe, Chemie

Sucht im Internet

Biologie, Geschichte

Erarbeitet eine Präsentation

Musik, Sport

Endlich aufstehen, bewegen

Physik, Englisch

Alles ins Heft abgeschrieben

Informatik, Geographie

Gleich ist es geschafft!

Sie legt den Füller zur Seite

schaut zum Fenster heraus

und träumt:

- vom Quatschen mit den Freundinnen

- vom Lachen mit der Klasse

- vom Unterricht und den Lehrer*innen

- vom ……..

Sie freut sich auf den Tag, wenn sie wieder in die Schule gehen kann!

Solange das noch nicht geht, entdeckt sie neue Vorlieben: Backen, Tischtennis und geduldig sein!

„… dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil.“ Prediger 3,22

30. April

Meine kleine Zuversicht

Der Duft von Flieder am ersten lauen Sommerabend umhüllt mich, während ich nach einem langen Arbeitstag in der Dämmerung mit dem Fahrrad durch den Park sause. Ich bin auf dem Weg nach Hause. Das Lob von den Chefs hallt noch nach in meinem Kopf. Zu Hause empfängt mich der frisch bepflanzte Balkon mit dem satten Grün von Basilikum, Tomaten und Erdbeeren. Auf dem Abwasch steht noch der Puddingbecher. Es ploppt die Erinnerung an eine lächelnde Schokoschnute auf zusammen mit einer kleinen Sehnsucht nach ihr.

Ich lasse mich nieder. Sonnenuntergang-Großstadtruhe. Einmal aufatmen in diesem Corona-Wahnsinn zwischen Kinderbetreuung, Homeoffice, Überstunden und Freunde vermissen. Große Dankbarkeit und Ruhe macht sich in mir breit.

Das Gefühl könnte im heutigen Lehrtext aus dem 1. Johannesbrief (3,21–22b) gemeint sein, wo es heißt: „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, haben wir Zuversicht zu Gott, denn das was wir erbitten, bekommen wir von ihm.“ 

Danke, Gott für diesen Moment der Zuversicht und Freude in diesen seltsamen Zeiten!

Herzliche Grüße

Nicole Oesterreich

29. April

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“

Prediger Salomo 9, 10 - Herrnhuter Losung für den heutigen Tag 

Was für ein Typ sind Sie, was die Zukunft betrifft? Sind Sie ein Planungsfreak, der am liebsten jetzt schon weiß, was er heute in einem Jahr tun wird? Ich habe von reisenden Dirigenten gehört, die wissen bereits, an welchem Abend in 5 Jahren sie irgendwo auf der Welt vor welchem Orchester stehen und welches Werk sie dirigieren werden. Brrrr!!!, aber wohl nötig. Seit ich im Ruhestand bin, kann ich leichter den Rat des Predigers befolgen und gespannt erwarten, was der nächste Tag bringen wird. Das gibt mir selbst Freiheit, aber ich kann auch spontaner reagieren, wenn jemand ein Anliegen an mich hat. Vor allem meint der Prediger aber wohl, dass der Einzelne gar nicht in der Lage ist, sein Leben lange im Voraus zu planen.

Auch wenn er Gott hier gar nicht erwähnt, will er uns wohl ermutigen, uns von Gott leiten und überraschen zu lassen; und dass wir bereit sind, Herausforderungen, vor die er uns stellt, anzunehmen und das, wozu unsere Kraft ausreicht, gern zu tun. Das ist nicht die schlechteste Lebensmaxime, finde ich. 

Herzliche Grüße von Günther Jacob

28. April

Die Seele auf Intensivstation

Im Spannungsfeld zwischen der Gesundheit, die über alles geht und dem Recht auf freie Religionsausübung, feierte ich am Sonntag Gottesdienst. Ich kam mir mit all den Hygienevorschriften und vermummten Besuchern vor, als stünde ich am Eingang einer Intensivstation. 

Wenn die Seele eine intensive Betreuung braucht, dann ist Gott da.

In deine Hände befehle ich meinen Geist, Herr, du hast mich erlöst, spricht der Beter aus Psalm 31 händeringend.

Er ist hin und her gerissen zwischen weiten Räumen und engen Gassen. Zwischen Grillpartys mit Freunden und Ausgangsbeschränkungen in einer 3-Zimmerwohnung ohne Balkon mit seiner Frau im Homeoffice und drei Kindern. 

Sind unsere Hände leer, weil wir den Alltag nicht in gewohnter Weise bewegen können?

Ist unser Verstand müde, weil wir nach dem Begreifen suchen?

Ist unser Herz verwirrt, weil Angst und Sorge größer sind als die Dankbarkeit?

In deine Hände befehle ich meinen Geist, Herr, du hast mich erlöst. Wie sieht Erlösung aus? Ich weiß es nicht, aber ich will sie mit Ihnen suchen.

Ein erster frommer Versuch:

Die Hände sind nicht leer, weil Gott sie mit seiner Zuversicht füllt. Wir sind nicht verloren.

Der müde Verstand findet Geborgenheit, weil wir mit Gott getrost loslassen dürfen.

Verwirrte Herzen dürfen in Freiheit ins Leben gehen, weil noch ein Stück des Weges vor uns liegt.

Denn der Beter spricht auch: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Ihr Martin Staemmler-Michael

27. April

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2Kor 12,9)

Ich fühle mich an manchen Tagen während der aktuellen Krise sehr schwach. So viele neue Herausforderungen sind zu bewältigen, so viele schwere Entscheidungen zu treffen. Wo muss dem Infektionsschutz der Vorrang eingeräumt werden, wo anderen lebensnotwendigen Bedürfnissen, wie dem nach Freiheit und Gemeinschaft? Und die Konsequenzen reichen so weit... Manchmal kommt es mir vor wie ein langer und schwerer Weg durch ein Labyrinth, in dem man gerade bis zur nächsten Abbiegung sehen kann.

Dann wende ich mich Gott zu und erkenne, er hat sich mir längst zugewandt. Den Weg zu ihm muss ich nicht suchen und bewältigen, er ist ihn selbst schon bis zu mir gegangen. In seiner Nähe kommt es nicht auf meine Kraft an, steht nichts auf dem Spiel, bin ich bedingungslos geliebt. Das ist Gnade – und gerade in dieser Zeit der Schwachheit eine ungeheuer kraftvolle Erfahrung!

Eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

25. April

Diese Kinderzeichnung habe ich unlängst an einer Haustür in der Könneritzstraße entdeckt. REGENBOGEN GEGEN CORONA hat eine kleine Alice in ihrer Kinderschrift geschrieben und einen bunten Regenbogen dazu gemalt. Auch an anderen Stellen in Schleußig sind solche Bilder zu finden. Es ist eine „Aktion von Kindern für Kinder“, wie erklärend dabeisteht. Eine schöne Idee! Der Regenbogen, der mit seiner Form ja gewissermaßen eine Brücke schlägt, ist ein gutes Symbol für Zusammenhalt und Verbundenheit. Auch in der Bibel hat der Regenbogen eine besondere, ähnliche Bedeutung: er ist Zeichen des bleibenden Verbundenseins Gottes mit den Menschen. „Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde.“ sagt Gott (1. Mose 9,13). Der Regenbogen steht für den Bund, den Gott nach der Sintflut mit der ganzen Menschheit auf Erden geschlossen hat. Gott hat versprochen, sie nicht mehr auszulöschen – weder durch eine Naturkatastrophe noch durch einen Virus. Ein tröstliches Versprechen. Und sehr aktuell.

Schon in alter Zeit haben Christen die Farben des Regenbogens so gedeutet:
Rot - die Farbe der Liebe. Gott liebt Dich!
Orange - die Farbe der Hoffnung. Du darfst immer Hoffnung haben!
Gelb - die Farbe der Ewigkeit. Durch Jesus hast Du eine Zukunft über den Tod hinaus!
Grün - die Farbe des Wachstums. Gott sorgt für Dich!
Hellblau - die Farbe der Wahrheit. Gottes Wort ist die Wahrheit!
Dunkelblau - die Farbe der Treue. Gott steht zu seinem Bund!
Violett - die Farbe der Buße und Versöhnung. Gott vergibt Dir Deine Schuld.

Sollte es in nächster Zeit regnen und ein Regenbogen entstehen, dann schauen Sie ihn an und denken Sie daran, dass Gott da ist und für uns sorgt. Er hat es uns zugesagt – „und was er zusagt, das hält er gewiss.“ (Psalm 33, 4) 

Herzlich grüßt Sie mit guten Wünschen

Ihr Pfr. Matthias Piontek

24. April

Die ganze Nacht rattert es über unseren Köpfen. Wir sitzen im Luftschutzkeller. Am Vormittag  stehe ich Sechsjähriger mit anderen Kindern am Johannisplatz. Dort sind die Amerikaner mit ihren Jeeps. Sie schenken uns Kindern Süßigkeiten.

Es ist der 18. April vor 75 Jahren. Der faschistische Terror ist besiegt. Die Städte liegen in Schutt und Asche. Von einem der heftigsten Luftangriffe drei Jahre zuvor, überdeckt ein hellroter  Himmel in dieser Brandnacht, alle zurückliegenden Eindrücke meiner Kinderseele. Wir mussten in den nahe gelegenen Bunker.

Die niederländische Jüdin Etty Hillesum (1914-1943) schreibt von einem anderen als dem von Menschen verursachten Kriegs -Himmel.: „Wenn uns nur eine enge Straße bliebe, wodurch wir gehen dürfen, über dieser Straße steht dennoch der ganze Himmel.“ Wir kommen von Ostern her. Jesus hat mit seinem Leben und Sterben den Himmel Gottes geerdet. Für uns. Für die ganze Menschheit. Eine orthodoxe Oster-Ikone zeigt, wie der auferstandene Christus Adam an seiner Linken und Eva an ihrer Rechten aus dem Grabe zieht. Was Gott an Jesus mit seiner Auferstehung vollzog, vollzieht sich auch an uns, wenn wir sterben. 

Der ganze Himmel Gottes steht offen für uns. Nun leben wir in immerwährender Osterzeit. Mit Christus können wir in alles hinein,  aus allem heraus und durch alles hindurch gehen. 

Ich grüße sie herzlich,

Rolf-Dieter Hansmann

23. April

HEITER SCHEITERN

Wann ist mir das letzte Mal ein Fehler passiert und ich habe …

... mich fürchterlich über mich selbst geärgert?

… versucht, den Fehler zu vertuschen?

… anderen die Schuld in die Schuhe geschoben?

Das sind ganz natürliche Reaktionen. Wir sind Menschen und leben in einer Kultur, wo Fehler ein Makel darstellen und unser Image schädigen. Jesus hat sich mit Schülern umgeben, die nicht unsere heutigen Qualitätsmerkmale für Leiter*innen hatten: Da waren welche mit derben Umgangston. Die meisten hatten keine akademische und rhetorische Ausbildung. Sie waren untereinander eifersüchtig. Sie stritten darum, wer der Wichtigste und Beste war. Sie wollten in ihrem Ärger Feuer vom Himmel regnen lassen. 

Jesus ließ sie heiter scheitern, aber er ließ sie nicht damit alleine: Fehlerfreundlichkeit heißt bei ihm nicht „übersehen“, sondern miteinander konstruktiv-kritisch, ermutigend, aufbauend und vergebend unterwegs zu sein. So sind Leitungspersönlichkeiten aus ihnen geworden. 

Das ist Gottes Sicht der Gnade und Barmherzigkeit mit uns: 
„Heiter Scheitern“ und darin die Chancen zur Weiterentwicklung nutzen.

Volker Klein

22. April

„Prüft alles, und das Gute behaltet“  (1. Thessalonicher 5, 21)

Hallo, ihr da draußen!

Die Corona-Pause hat mich auf den Gedanken gebracht, mir mal meine alten Schallplatten vorzunehmen. Lange hatte ich kaum mal eine LP auf den Plattenteller gelegt. Ich war überrascht, welche Scheiben mich beim Anblick des Covers wie alte Bekannte gegrüßt haben, die ich zwar aus den Augen, aber nicht aus dem Herzen verloren hatte. Bei anderen war ich überrascht, dass ich sie überhaupt besitze. Irgendwie war damals beim Anhören der Funke nicht übergesprungen und sie waren ganz aus dem Gedächtnis verschwunden. Jetzt habe ich beschlossen, nur die noch aufzuheben, die mir aus verschiedenen Gründen an’s Herz gewachsen sind: Weil sie mir von einem lieben Freund geschenkt wurden, weil ich damit eine bestimmte Lebenssituation verbinde, oder weil die Musik mich mit voller Wucht „erwischt“ hat. Der Ratschlag des Apostels Paulus „Prüft alles, und das Gute behaltet“ fiel mir dabei ein. Er bezieht sich freilich nicht nur auf’s Aufheben oder Weggeben von Materiellem. Die jetzige Krise ist auch die Chance, sich zu fragen, was das wirklich Wesentliche im Leben für mich ist und ob ich mich nicht stärker als bisher darauf konzentrieren soll. Bonhoeffer hat fest geglaubt, dass Gott aus allem, auch aus dem Misslichsten, Gutes erwachsen lassen kann. Ein Choral sagt es so: „Und was euch noch gefangen hält, o werft es von euch ab…“ und „Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“

Herzliche Grüße Euer Günther Jacob

21. April

Nun endlich wächst es …

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! 

1.Korinther 16,13

Vor vier Wochen haben wir unseren Hof umgegraben. Steine, Unrat und Schutt herausgelesen. Gras gesät und gewässert. Es war eine ganz schöne Plackerei. Und noch dazu der zweite Versuch. Ein erstes Häckeln und Einsäen hatte keinen Erfolg. Warum tun wir das? Nichts verpflichtet uns, weder der Mietvertrag, noch ein Versprechen. Aber mich stört ein schuttgrauer Hof. Und außerdem ist der Hof ein Teil meines Wohn- und Lebensortes und den will ich mitgestalten. Und: Es macht sich ja nicht von allein. Und nun wächst es, das Gras: Anfangs unscheinbar und dünn. Aber heute schon können wir das Grün von unserem Balkon aus sehen.

Ja, es wird schön werden. Und warten Sie nur ab, wenn erst die Blumen blühen!! Der Hof, das Gras, die Steine und die Aussicht können ein Sinnbild sein für unsere zu gestaltenden Lebensräume. Auch das macht sich ja nicht von allein.

Bleiben Sie behütet, mutig und stark

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

20. April

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ (1Kor 13,12)

„Hallo Oma!!!“ rufen meine Kinder vor dem Laptop sitzend, als der schon zur Routine gewordene Videotelefon-Termin mit den Großeltern beginnt. Man winkt sich zu, tauscht sich aus, auf der eine Seite wird das neu gemalte Bild vorgezeigt auf der anderen die gerade genähte Schutzmaske – es ist ein Glück, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben, um in Kontakt zu bleiben. Und trotzdem ist es nur der Blick durch einen Spiegel, der die meiste Zeit des Tags dunkel bleibt. Es fehlt die Möglichkeit, sich zu umarmen, an die Hand zu nehmen oder gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken. Wir freuen uns auf den Tag, an dem es wieder möglich sein wird, sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.

Mit meinem Glauben an Gott geht es mir oft genau so: Es ist ein Glück, dass wir Möglichkeiten haben, ihm zu begegnen. In der Natur, die überschwänglich aus dem Winterschlaf erwacht, in der liebevollen Begegnung zwischen Menschen und bald auch wieder in der Kirche. Das macht mir Hoffnung, Neugier und Vorfreude darauf, wie es sein wird, wenn ich erkenne, gleichwie ich erkannt bin.

Mit Segenswünschen für die beginnende Woche grüßt Sie

Ihr Konstantin Enge

18. April

Jesus lebt! Er ist auferstanden von den Toten. Das ist die Osterbotschaft. Unglaublich!

Wie könnten wir Jesu Auferstehung besser feiern als mit unseren Osterliedern!? Und hier ist ‚Ansteckung‘ erwünscht, denn so kann es Ostern in uns werden: wenn wir uns anstecken lassen vom österlichen Jubel. Wenn wir die Lieder singen, die den Geist von Ostern atmen: die Freude, den Jubel, das neue Leben. 

In diesem Jahr gab es keine Gottesdienste, in denen wir gemeinsam mit Vielen die Osterlieder hätten anstimmen können. Und manch einem wird vielleicht auch gar nicht nach Osterjubel zumute sein, denn die Sorgen, die das Coronavirus mit sich bringt, lassen sich ja nicht einfach so ‚wegsingen‘. Es stimmt: Das, was uns bedrückt und das Leben schwer macht, ist nicht einfach weg – trotz Ostern. Nach wie vor gibt es Angst, Schmerz und Tod in unserer Welt. Doch wenn wir die Lieder vom neuen Leben singen, dann können wir den Mund ruhig etwas voller nehmen, als es unserem Alltag entspricht und unserem Glauben, mit dem wir das Unglaubliche kaum fassen können. Auch unsere Fragen, Zweifel und Ängste können wir da mit hineinnehmen. Und das ist das Wunder: Im Singen schwindet die bedrohliche Macht der Finsternis und Ostern wird für uns wahr – mitten in unserem Leben, trotz aller Zweifel und Sorgen. Durch den Osterjubel feiern wir schon den Sieg des Lebens über den Tod.

Nehmen wir das Singen der Osterlieder hinein in unseren Alltag und singen wir an gegen die Macht des Todes! Und wer sich das Allein-Singen nicht zutraut, der kann die Melodien ja auch summen oder pfeifen. „Christ ist erstanden von der Marter alle…“, „Gelobt sei Gott im höchsten Thron…“, „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit…“ – ein österlich-fröhliches TROTZDEM.

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfr. Matthias Piontek

17. April

Lasst den Kopf nicht hängen!

Es ist eine wundervolle Geschichte, die Lukas von den zwei Jüngern erzählt, die am Ostermorgen traurig ihren Weg nach Emmaus gehen und unter ihren verweinten Seelen und Augen für die Zukunft nur noch schwarzsehen. Ihre Welt ist zerbrochen.  Diesen traurigen Weg gehen sie nicht allein. Jesus, zunächst unerkannt von ihnen, begleitet sie. Behutsam, werden sie durch öffnende Fragen Jesu aus ihrer Einschränkung geholt. Sie reden sich den Kummer von der Seele. 

Das braucht Zeit, bis sie ihre Blicke wieder heben können und ihren Wegbegleiter wahrnehmen. Doch erst in den klaren und ermutigenden Worten und in der Geste des Brotbrechens erkennen sie ihren Meister. Sein Zuhören, Begleiten und die vertraute Nähe im gemeinsamen Essen führt sie aus aller ängstlichen Umklammerung. Sie sind voll Zuversicht. Sie fühlen sich frei. Jetzt beginnt für sie Ostern.  

Am Ostermorgen standen Pfr. Ziera und ich am Altar und setzten das Abendmahl ein. Wir teilten Brot und Kelch. Alles war vertraut. Doch ihr habt gefehlt, weil unsere Blicke und Bleibeorte festgehalten sind durch die Pandemie. Aber wir wissen, dass wir einen Wegbegleiter haben, der mit uns klar und deutlich in eine Zukunft geht, die solidarischer und verantwortungsbewusster gestaltet sein muss als es zuvor war.  Dann ist für alle Ostern.  

Die beiden Jünger resümieren: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Luk 24,32 Wenn das Herz aus Liebe zum Leben brennt, dann ist überall Ostern, wo Menschen in Würde leben können.  

Ihr Martin Staemmler-Michael

16. April

Vor einigen Jahren habe ich eine ganz besondere Ostertradition erlebt. Es ist Karsamstagnachmittag. Die Grabeskirche ist voller Menschen und ich drängele mich auch in die Kirche. Einen Schritt kann keiner mehr machen. In der Hand halten fast alle ein Bund mit Osterkerzen. Und dann geht der griechisch-orthodoxe Patriarch – nachdem er auf Streichhölzer, Feuerzeug und anderes zum Feuermachen durchsucht wurde – in das Grab Jesu. Dort betet er und mit ihm die vielen tausend Menschen. Es ist still – nur manchmal ist das Funkgerät eines Polizisten in der Menge zu hören. Die Menschen lassen sich nicht ablenken – sie schauen hin zum Grab und warten. Und dann plötzlich Jubel und dazu das Heilige Feuer. Beides breitet sich in der ganzen Kirche aus. Und die Menschen – sie sind ergriffen und reich beschenkt von dem Wunder des Heiligen Feuers. Die einzelnen Osterkerzen werden dann in Familie, Freunde und Nachbarn verteilt. Auch ich habe Heiliges Feuer in meine Wohnung zu Ostern mitgenommen.

Nach orthodoxer Tradition steht das Ende der Welt bevor, wenn das Heilige Feuer nicht vom Himmel in das Grab herabsteigt.

Auch am kommenden Samstag zum orthodoxen Osterfest 2020 wird es das Heilige Feuer geben – eben nur anders ohne Enge und viele Menschen, aber die Botschaft bleibt die gleiche!

Möge auch unser Leben durch das Osterlicht hell sein,

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

15. April

Weniger ist (manchmal) mehr!​

Tageslosung für den 15.04.2020

„Gott hat dein Wandern durch diese große Wüste auf sein Herz genommen. Vierzig Jahre ist der Herr, dein Gott, bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt.“ (5Mose 2,7)

Den Rucksack packen und loslaufen. Ich freue mich darauf! Direkt an Leipzig vorbei führt der ökumenische Pilgerweg von Görlitz nach Vacha: Mein persönlicher Weg. Seit Jahren ist es meine persönliche Glaubenspraxis für ein paar Tage im Jahr pilgern zu gehen. Was ich in dieser Zeit erlebe, ist Ruhe, Besinnung und ein unglaubliches Gefühl von unbeschwerter Freiheit. 

Wie wenig ich doch in dieser Zeit brauche und wie viel ich gewinne.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

14. April

Dunkel scheinen mir die Tage und ich sehe oft kein Licht.

Gott, erhöre meine Klage, sei uns nah, verlass uns nicht.

Lass die Hoffnung in uns wachsen:

Leben schafft sich wieder Raumm und das Holz des Kreuzes Jesu wird für uns zum Lebensbaum.

Das ist der Text  eines arabischen Passionsliedes. So haben die palästinensischen Christen in Bethlehem wieder gesungen. Sie haben eine traurige Osterzeit, weil die Besucher aus aller Welt ferngeblieben sind. Wie in Jerusalem, so auch in Bethlehem und Nazareth. Gern würden sie ihre Schnitzereien aus Olivenholz verkaufen. Darstellungen des Abendmahls,  weihnachtliche und andere Motive. Sie haben nun große Verluste.

Aber sie singen. Sie singen von Hoffnung, Es ist die Hoffnung, die uns als Christen beseelt, dass wir Jesus, den Lebendigen, nicht bei den Toten suchen müssen ( Lukas 24,5 )!

Er ist gegenwärtig in uns. 

Er ist gegenwärtig  in unserer Sehnsucht nach einem Ende dieser Epidemie mit ihren lähmenden Einschränkungen.

Er ist gegenwärtig in den Kranken – und den Schwestern, Pflegern und Ärzten, die sich um sie bemühen.

Er ist auch und weiterhin gegenwärtig in denen, die nach einem menschenwürdigen Leben hungern und dürsten – den Fremdlingen unter uns – den Geflüchteten, die bei uns in Europa eine neue Heimat suchen – bei den Gefangenen – (Matthäus 25, 31 ff).

Er ist gegenwärtig in uns.  Und will gegenwärtig sein durch uns.

„ Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben…Ich glaube an den Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist, an die Gemeinschaft der Völker und unsere Verantwortung für das, was aus der Erde wird: ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt, oder die Stadt Gottes.“ (Dorothee Sölle)  

Eine gute Osterwoche wünsche ich Euch,

Rolf-Dieter Hansmann

Ostermontag, der 13. April

„Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20,27)

Der Herr ist auferstanden! Sie jubeln und rufen es schon auf den Straßen und Gassen – die Frauen und die Jünger. Nur Thomas zweifelt: Auferstanden? Kann es so etwas wirklich geben in einer Welt so voller Gewalt, Krankheit und Tod? Dann sieht und berührt er die Wundmale: Zeichen des Todes werden zu Beweisen für das Leben. Ungläubiges Staunen verwandelt sich in glaubendes Vertrauen. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und ich? Ungläubig staune ich über Kirchen, in denen keine Ostergottesdienste stattfinden könne, über täglich höhere Zahlen von Kranken und Toten, über schmerzlich vermisste Gemeinschaft. Trotzdem oder gerade deshalb: Die Botschaft von Ostern bleibt. Gott liebt das Leben und deshalb behält der Tod nicht das letzte Wort und unser Ruf bleibt nicht unbeantwortet: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24; Jahreslosung 2020)

Eine gesegnete Osterwoche wünscht Ihnen

Konstantin Enge

11. April

Gestern, am Karfreitag, hätte in der Taborkirche zur Sterbestunde Jesu die Johannespassion von Johann Sebastian Bach erklingen sollen. Doch die Aufführung musste abgesagt werden, wie alle anderen gemeindlichen Veranstaltungen auch. Vielleicht hat sich der eine oder andere, der ansonsten das Konzert besucht hätte, stattdessen ja eine CD-Aufnahme der Johannes- oder Matthäuspassion angehört oder im Fernsehen eine Konzertaufzeichnung einer der beiden Passionen Bachs miterlebt. Wird uns in der Matthäuspassion Jesus als der Duldende vorgestellt, als der Leidende, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, ist der Jesus der Johannespassion ‚Herr des Geschehens‘: Er bleibt nicht passiv gegenüber seinen Richtern, sondern weist sie zurecht. Er schweigt nicht, sondern steht Rede und Antwort. Und am Ende ist er der Siegreiche. „Der Held aus Juda siegt mit Macht“ heißt es in der Alt-Arie, die auf Jesu letzte Worte am Kreuz „Es ist vollbracht“ folgt. Ganz unterschiedlich hatten die beiden Passionen bereits begonnen: mit der Aufforderung zur Klage „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen.“ hier, dort mit der Anrufung Jesu als Herrscher „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist…“. Und so enden sie – der Leichnam Jesu ist ins Grab gelegt – auch ganz verschieden: Singt der Chor in der Matthäuspassion „Wir setzen uns mit Tränen nieder…“, heißt es vor dem eindrücklichen Schlusschoral in der Johannespassion „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine, die ich nun weiter nicht beweine. Ruht wohl und bringt auch mich zur Ruh. Das Grab, so euch bestimmet ist und ferner keine Not umschließt, macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu.“

Heute ist Karsamstag, der Tag der Grabesruhe Jesu. Deshalb wird er auch „stiller Samstag“ genannt. In anderen Jahren ist von Stille an diesem Tag nicht viel zu spüren. Hektisch erledigen die einen letzte Einkäufe, andere ziehen das Osterfest vor und machen aus dem Karsamstag einen Ostersamstag.  In diesem Jahr ist es anders: es ist wirklich stiller – nicht nur am heutigen Tag. Zeit zum Innehalten und In-sich-gehen.

Ich wünsche Ihnen Gelegenheit zur Besinnung an diesem stillen Samstag. Und möge für uns alle morgen die Ostersonne aufgehen und das Leben hell machen! Grund zur Osterfreude gibt es: Der Himmel ist uns aufgemacht und die Hölle zugeschlossen!

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

9. April

In der Runde seiner Geschwister hörte er jeden Abend in der Karwoche einen Abschnitt der Passionsgeschichte. Ergriffen erlebten sie – die behütenten und im Schlafanzug auf der Bettkante sitzenden Kinder - Angst und Lüge, Verrat und Reue, Brutalität und Hass, Gemeinheit und Trauer. Zum Abschluss sangen sie noch verschiedene Passionschoräle.

Und dann kam der Karfreitag. Es sollte an diesem Tag keinen Streit zwischen den Geschwistern geben, weil dies nicht zum Tag des Todes Jesu passt. So die Vorstellung der Kinder. Als sie größer waren, gehörte auch der Besuch der Matthäuspassion zum Karfreitag.

Jahre später begleiteten ihn diese Erfahrungen im Gefängnis. Dort wo er anderen Hoffnung zusprach und selber Hoffnung brauchte. Hier formulierte er: „Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, daß die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinaus gerissen werden zum letzten Sinn alles Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt und daß man eine große Hoffnung faßt.“ (Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 49).

Menschen, die ihm damals im Gefängnis begegnet sind, haben diese Hoffnung, verbunden mit einen großen Gottvertrauen, erlebt und gespürt. Dies alles ist in seiner Kindheit gesät worden, später gewachsen und weiterentwickelt worden. Und das zeigt sich auch in seinen bekanntesten Worten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, ...“ So konnte er auch die letzten Schritte seines Lebens im Vertrauen auf Gott gehen.

Sein Leben endete vor 75 Jahren – am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt. Seinen Mitgefangenen gab er den folgenden „österlichen“ Satz mit: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“

Mögen uns diese Worte stärken und geleiten, hin zum Licht von Ostern,

Angela Langner-Stephan

Zum Weiterlesen: Jutta Koslowski (Hg.): Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer (Auszeichnungen der jüngsten Schwestern Susanne) und weitere Bücher über und von Dietrich Bonhoeffer

8. April

Heute hat meine Tochter Geburtstag. Sie wird fünf Jahre alt. Für sie ist das, wie auch für andere Kinder in ihrem Alter ein ganz wichtiger Tag, auf den sie sich schon lange freut. Fünf Jahre, seit sie geboren wurde und ein neues Leben begann. Am Sonntag werden wir wieder feiern: dieses Mal Ostern. Bald 2000 Jahre ist es her, als ein neues Leben für viele begann. Auch damals herrschte eine Krise: Die Besetzung Israels durch die Römer, die schwere Steuerlast, Hunger und Krankheiten erdrückten die Menschen. Sie erwarteten sehnsüchtig das Ende dieser schwierigen Zeit. Der Messias sollte kommen und sie von den Römern befreien. Ein plötzliches, wundersames Ende der Bedrückungen hatten sie sich erhofft. Das neue Leben, die Befreiung kam allerdings ganz anders, als sie das erwartet hatten und trotzdem mächtig. Heute gibt es Kuchen und wir denken an die Zeit vor fünf Jahren zurück. Auch Sonntag werden wir an das neue Leben vor bald 2000 Jahren denken und Kuchen essen. Aber genauso, wie die Zeit nach der Geburt unserer Tochter schwierig war und Jesus nicht die römische Besatzung mit einem Handstreich beendete, werden wir Ostermontag noch in der Krise stecken. Aber es begleitet uns die Hoffnung, die uns Christus schenkt, dass es am Ende doch gut wird und wir ein neues Leben haben.

Herzliche Grüße

Nicole Oesterreich

7. April

Wir befinden uns in der Karwoche. Von Ostern her und aus historisch weiter Ferne blicken wir zurück auf das, was uns Matthäus, Markus, Lukas und Johannes von dieser Woche erzählen. Es klingt auch heute noch erschütternd. 

Was aber, wenn wir mitten drin wären in diesen Ereignissen?

Eben noch Palmsonntag. Der begeisterte Empfang für Jesus in Jerusalem. Er ist der Hoffnungsträger. Behauptet, Gottes Sohn zu sein. So viele Likes. Eine virale Bewegung entsteht. Das ist gefährlich. Die Römer werden sich das nicht mehr lange ansehen. Ihnen muss das wie ein Volksaufstand erscheinen. Wir wissen ja, wie sie auf so etwas reagieren. So weit darf es nicht kommen, sonst Gnade uns Gott! Jetzt ist kluges und beherztes  Eingreifen notwendig. Kaiphas, der oberste Geistliche und Chef des Hohen Rates, sieht einen Ausweg: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe" (Joh 11,50). Das muss nun zügig umgesetzt werden. Jesus wird verhaftet.  Fake News werden gestreut. Er will den Tempel einreißen! Die Stimmung kippt: Wenn das so ist...  Besser weg mit ihm...  Ans Kreuz mit ihm! Schrecken breitet sich unter seinen Freunden und Anhängern aus. Nur nicht da auch noch mit hineingezogen werden... Das ist das Ende! "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mat 27,46)

Aus sicherer Ferne schauen wir hier auf eine zerstörerische Dynamik, eine Todesspirale, die keiner aufhalten konnte. War das ein einmaliges Ereignis oder bleibt das eine mögliche Bedrohung? In diesen Tagen fragen viele: Wie geht es weiter mit uns?  Der oberste Verantwortungsträger in Washington hat sich dazu schon geäußert:  "Die Heilung darf nicht schlimmer werden als die Krankheit!" Dieser Gedanke wird auch bei uns immer offener diskutiert. Die Frage nach dem größeren und dem geringeren Übel taucht wieder auf. Im Klartext: Es wird Opfer geben (müssen), damit nicht das ganze Land verderbe.  Kompromisse müssen gesucht und gangbare Wege gefunden werden. Doch welche Wege sind gangbar und wer entscheidet darüber? Fake News sind ein Mittel, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Interessen stehen im Raum... 

Ich weiß, liebe Leserin und lieber Leser, das klingt alles andere als ermutigend. Dabei sollte ich hier Trost verbreiten. Ich sehe mich da auf einem sehr schmalen Grat: Trostversuche sollen nicht dazu führen, dass erwachsene Menschen die Augen vor den realen Gefahren verschließen. Andererseits darf das Reden von diesen Gefahren den Teufel auch nicht an die Wand malen und dadurch Panik oder Resignation verursachen. Wie komme ich da durch? Wie kommen wir miteinander durch die Zeit, in der die biblischen Erzählungen der Karwoche fast wie eine Textvorlage für aktuelle Fragen und mögliche Bedrohungen erscheinen können? Ich weiß es ebenso wenig, wie es die Jünger damals wussten. 

Doch eines glaube und hoffe ich: Ostern liegt noch vor uns. Und zu Ostern will uns die Liebe Gottes, die höher ist als alle menschliche Vernunft, neue Erfahrungen, neue Einsichten und neue Kräfte schenken, durch die wir aus dem Verderben herausgeführt und zum Segen für diese bedrohte Zeit werden können. Suchen wir danach und bleiben wir offen dafür!

Ihr Heinz Schneemann

6. April

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ (Jes 53,4a)

War Jesus eigentlich manchmal krank? Diese Frage beschäftigt mich am Beginn dieser außergewöhnlichen Karwoche. Lief er mit Schniefnase herum? Bekam er von seiner Mutter kalte Wadenwickel gegen das Fieber und warmen Tee mit Honig, damit das Husten aufhört? Ich glaube schon, denn in Jesus ist Gott ganz Mensch geworden – vergänglich, verletzlich, empfänglich für Krankheiten und für die Angst vor Einsamkeit und Verlust – und damit ganz nah bei uns und dem, was wir in diesen Wochen fühlen und erleben. In der Karwoche erinnern wir uns jedes Jahr daran, dass Jesus diesen Weg bis zum Punkt tiefster Erniedrigung und dem absoluten Ende eines menschlichen Lebens gegangen ist...

...um dann zu Ostern zu erleben, dass es kein Ende bleibt! Gott stellt sich dem Tod und dem Leid mit aller Macht entgegen und schenkt Leben und Freiheit! Auch wenn ich 2020 keinen Ostergottesdienst besuchen kann, freue ich mich auf diese gute Botschaft in diesem Jahr schon ganz besonders.

Zum Beginn dieser Woche wünsche ich auch Ihnen diese Vorfreude und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr Konstantin Enge

4. April

Zu den biblischen Texten der Passionszeit gehört der Bericht von der „Salbung in Bethanien“ (Markus 14, 3-9). Von einer Begegnung voll Zärtlichkeit und Hingabe wird da berichtet. Eine Geschichte von Nähe und Berührung wird erzählt – und von „Verschwendung“. Eine Frau salbt Jesus mit kostbarem Nardenöl. Zu seinem Begräbnis tut sie dies, wie Jesus selbst es deutet. In diesem ganz menschlichen Tun der Frau spiegelt sich die Liebe Gottes zu uns. Es ist wie ein Abbild dessen, was Gott tut und getan hat in Jesus Christus. Die Zärtlichkeit der Liebe, die die Nähe sucht und die Berührung – wir erkennen sie wieder im Leben Jesu: in seiner Zuwendung zu denen, die auf Liebe warten, auf Heilung oder Anerkennung. Die Kraft der Liebe, die sichtbare und unsichtbare Grenzen überschreitet – wir finden sie in den Erzählungen von der Tischgemeinschaft Jesu mit Zöllnern und Sündern.

Die Liebe Gottes – sie ist nicht nur im Leben Jesu, sondern insbesondere auch an seinem Sterben, seinem Tod sichtbar geworden.  Am Kreuz Jesu zeigt sich die ganze Tiefe und die Unbedingtheit der Liebe Gottes, die – wie die Frau in Bethanien – nicht rechnet und gegenrechnet, nicht fragt, was es bringt, sondern das Kostbarste gibt: verschwenderisch, ganz und gar, ein für allemal. Die Geste der unbekannten Frau spricht uns an auf die eigene Sehnsucht danach, offen zu werden für die bedingungslose Hingabe, die uns begegnet in einem Blick, einer Geste, einem Wort. Sie macht Mut, sich selbst immer wieder neu berühren zu lassen von der Liebe Gottes. Sie traut uns sogar zu, die erfahrene Liebe immer wieder verschwenderisch auszuteilen an diejenigen, die auf ein Zeichen der Liebe warten. 

Nähe und Berührung sind in dieser „kontaktarmen Zeit“, die uns das Corona-Virus auferlegt, gerade nicht möglich. Doch auch ein Anruf, ein Brief (oder eine E-Mail) sind Zeichen der Zuwendung und der Liebe. Und vielleicht lässt uns diese besondere Zeit noch ganz neue Möglichkeiten entdecken, Verbundenheit zu zeigen… 

Ein gesegnetes Wochenende und eine besinnliche Karwoche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

3. April

Es kann gehen! Am kommenden Sonntag beginnt die Karwoche und ein paar Tage später Pessach und dann Ostern. Eigentlich stehen jetzt die Vorbereitungen vor der Tür. Aber, wie kann das gehen? Besuchsbeschränkungen statt feierlichem Einzug in Jerusalem - Ausgangbeschränkungen statt Auszug in die Freiheit? Wie kann das gehen? Die Karwoche und Ostern zu Hause ohne Gottesdienst, Tischabendmahl, Passionsmusik, Osternacht zu begehen. Oder das Sedermahl zu Beginn des Pessach-Festes ohne Gäste und Freunde zu feiern.

Wie kann das gehen? – fragt mich die Tage eine Seniorin am Telefon.

Durch einen jüdischen Freund kam mir eine Idee. „Was unterscheidet diese Nacht von anderen Nächten?“ - Wie ein roter Faden führen Kinderfragen durch das Mahl am ersten Abend von Pessach. Die Antworten erzählen allen am Tisch die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und zeigen, dass die Geschichte und dies Fest der Freiheit auch heute noch von Bedeutung sind. Wie kann das gehen? – Auch unsere Kinder und wir selber können Fragen stellen und dazu in der Bibel lesen. „ Was unterscheidet diesen Tag von anderen Tagen?“

Palmsonntag: Markus 11,1-11

Montag: Markus 11,15-19

Dienstag: Markus 12-13

Mittwoch: Markus 14,3-9

Gründonnerstag: Matthäus 26,17-56

Karfreitag: Matthäus 26,57-68

Karsamstag: Markus 15,42-47

Ostersonntag: Lukas 24,1-12

Ostermontag: Lukas 24,13-35

Es kann gehen! Es wird dieses Jahr völlig anders sein. Aber vielleicht begleiten Sie Jesus auf besondere Weise, finden anders Kraft und Trost, gewinnen Mut und Hoffnung und entdecken neu das Licht der Auferstehung.

Da bleibt mir nur noch gute Vorbereitung zu wünschen,

Ihre Angela Langner-Stephan

P.S.: Zum Sederabend gehört: 2. Buch Mose 12-15

2. April

Eines ist sicher . . .

Was fällt Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser, dazu jetzt spontan als Fortsetzung ein? 

Und: Sagt das nun mehr über die äußere Situation oder über Ihre innere Disposition aus? 

Wir sehen: Mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Da spielen Äußeres und Inneres zusammen. Aber manchmal kann beides auch ganz schön - oder vielmehr: ganz unschön - auseinanderklaffen. Das merken wir in diesen Tagen wieder sehr deutlich. Manche gehen immer noch recht unbekümmert mit der Gefahr durch COVID-19 um und fühlen sich dabei recht sicher. Andere befolgen jeden Rat und Hinweis bis ins kleinste Detail und werden die Unsicherheit trotzdem nicht los. Lässt sich diese Lücke zwischen äußerer und innerer Sicherheit nicht schließen - oder wenigstens verringern? Dazu sind im Prinzip zwei Wege vorstellbar. Die eine Möglichkeit wäre ein Rundum-sorglos-Paket, wie es uns von Versicherern beispielsweise vor dem Antritt einer Reise angeboten wird. Damit wir das große „Event“ unbeschwert genießen können, werden wir von vornherein gegen alle „Eventualitäten“  abgesichert. Darüber kann und sollte man gerade in diesen Tagen einmal nachdenken. Die andere Möglichkeit wird von  dem Versicherungsfachmann Martin Luther empfohlen. Er unterscheidet zwischen zwei Sicherheitskonzepten: SECURITAS und CERTITUDO. Das erste Konzept zielt darauf ab, sich möglichst unverwundbar zu machen. Zuerst hat das auch Luther versucht.  Doch spürte er ziemlich bald  - und hat sich doch noch jahrelang damit gequält! -, dass er hier mit seinem Latein am Ende war. Dann hat er die certitudo für sich entdeckt. Wie kann man das am besten erklären?

Vielleicht mit einem Wort seines Lehrers Paulus: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.(Römerbrief 8,38-39) Aus diesem Satz spricht eine ungeheure Gewissheit - das ist das Wort für die Sicherheit in uns.  Sie kann uns als eine besondere innere Erfahrung des Glaubens erfüllen. Luther hat diese  certitudo gefunden. Mehr noch: Für ihn war sie die entscheidende Kraft, aus der heraus er die großen Ängste seiner Zeit ansprechen und überwinden konnte. Und was ist dann mit der äußeren Sicherheit? Wird diese dadurch nun belanglos? Nein! Das ist eine falsche Vereinseitigung und zugleich die teuflische Gefährdung des Glaubens. Wenn das jetzt in Ihren Ohren überzogen klingt, schlagen Sie bitte bei Matthäus 4,5-7nach.

Worauf kommt es also an?

Darauf, die Bemühungen um securitas und das Streben nach certitudo nicht gegeneinander auszuspielen. Wir tun gut daran, weder die äußere noch die innere Seite zu vernachlässigen. Beide bilden ein Ganzes. 

Seien Sie ganz sicher!

Ihr Heinz Schneemann

1. April

Ich möchte Sie heute zum Riechen einladen. Nein, das ist kein Aprilscherz.  Denn es liegt etwas in der Luft. Etwas Gutes. Frühling liegt in der Luft. Der Duft von blauen Veilchen, der Duft von Hyazinthen, der Duft erster Obstbaumblüten. – Auf unserem Tisch stehen Tulpen. Manche ihrer Kelche duften leicht. Dankbar nehme ich dies mit meiner Nase wahr. Es liegt was in der Luft. Jetzt, in diesen außergewöhnlichen Wochen, strömt frischere Luft als sonst in meine Lunge. Unterwegs, am offenen Fenster, draußen vor der Haustür. Denn es fahren weniger Autos. Atmen Sie tief ein, sooft Sie können! Spüren Sie, wie sich dabei Ihre Taillen weiten und die Rippen des Brustkorbs dehnen. – Ich möchte Sie heute einladen, das Leben zu feiern. Ihr Leben. Auch Ihr Leben trotz Behinderung, trotz einer Krankheit, trotz Altersgebrechen. Das Ein- und Ausatmen vollzieht sich automatisch, seit unserer Geburt. Mir wurde mein erster Atemzug heute vor 81 Jahren geschenkt. – Wer oder was steckt hinter dieser Atembewegung? Lesen Sie:  Da bildete Gott Adam, das Menschenwesen, aus Erde vom Acker und blies in seine Nase Lebensatem. Da wurde der Mensch atmendes Leben. ( 1. Mose 2,7 ) Gott liegt in der Luft. Wie die Luft uns von allen Seiten umspielt, so umgibt uns Gott von allen Seiten ( Psalm 139 ). Mit jedem Atemzug  nehmen wir seine Liebe in uns auf. Er hält uns die Treue, sogar über unseren letzten Atemzug hinaus. Mit dem Atmen ist uns auch die Stimme geschenkt, zum Sprechen, Flüstern, Musizieren. Ich lade sie ein, Gott zu danken mit dem Summen einer Melodie oder singend. Wie es Ihnen in den Sinn kommt. Oder aus unserem Gesangbuch.        

EG 165:  Gott ist gegenwärtig… Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben.

EG 432: Gott gab uns Atem damit wir leben….Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehen. ( EG 432 ).

Rolf-Dieter Hansmann

31. März

Was unterliegt keiner Beschränkung?  Ich bin mit den Konfirmanden*innen der 8. Klasse in einem regen Austausch. Auf die Frage, was keiner Beschränkung unterliegt, antworteten sie mir mit diesen Worten, die Sie auf dem Poster lesen können. Das Kreuz ist der Anfang unserer Hoffnung, auch wenn Leid und Schmerz die Menschen ergreift und die Welt in Angst und Schrecken ist. Am Baum des Kreuzes erwacht neues Leben, weil die Liebe stärker ist als der Tod. Die Worte der Konfirmanden*innen sind in das Kreuz gefügt, weil sie alle von Gottes Nähe zu uns erzählen. Wir sind zu Hause nicht allein.  „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so erkennst du doch meinen Pfad.“ Psalm 142,4 

Ihr Martin Staemmler-Michael

30. März

„Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offb. 21,4)

Als Gott die Welt geschaffen hat – so berichtet es die Bibel – bestand sein Werk darin, Ordnung in das bis dahin herrschende Chaos, das Tohuwabohu, wie es die hebräische Bibel (Gen 1,2) nennt, zu bringen. Auch wenn die Schöpfung als „sehr gut“ bewertet wird, sind die Chaosmächte in ihr doch nur zurückgedrängt, nicht aber völlig überwunden. Sie zeigen sich etwa in der Finsternis der Nacht und in der Gewalt, die in der Natur und auch unter den Menschen – denken Sie an Kain und Abel – allgegenwärtig sind. Wir erleben diese Chaosmächte auch in der aktuellen Pandemie: Mit all unseren Anstrengungen können wir das Virus bestenfalls eindämmen, aber nicht verhindern, dass es Leben nimmt, gefährdet und einschränkt. Die Bibel erzählt aber auch von einer großen Hoffnung: Gott will und wird seine Schöpfung vollenden und es wird dann Tod, Gewalt und Leid nicht mehr geben. Das beginnt schon jetzt, wo Menschen von der Liebe Gottes erzählen und füreinander da sind. Auch in der aktuellen Krise dürfen wir deshalb statt in einsamer Verzweiflung mit einer fröhlichen Hoffnung leben.

Ihr Konstantin Enge

28. März

Am heutigen Samstag endet die Lätare-Woche. „Freut euch!“, so hatte uns der Sonntag Lätare aufgefordert. 

Aber geht das denn, mitten in der Passionszeit? Kann man sich freuen in diesen Wochen, in denen wir in besonderer Weise an das Leiden und Sterben Jesu denken? Und kann man sich freuen in dieser „Corona-Zeit“ mit all ihren Unsicherheiten und Unwägbarkeiten? Ja, man kann! Doch brauchen wir in diesem Jahr vielleicht tatsächlich eine besondere Ermunterung dazu. Lätare wird mitunter auch als „kleines Ostern“ bezeichnet, weil es uns einen Ausblick auf die Osterfreude gewährt. Als Christen leben wir immer schon nach Ostern. Wir wissen also, dass auf die Finsternis des Karfreitags die helle Ostersonne folgte. Das Osterereignis wirft sein Licht bereits voraus: Grund zur Freude! Auch diese unsichere Zeit, die wir gerade erleben, ist nicht freudlos: Trotz der jetzt notwendigen Vereinzelung können wir miteinander verbunden bleiben – Telefon und Internet machen es möglich. Und auch über den neu aufkommenden Gemeinschaftssinn kann man sich nur freuen: nachbarschaftliche Gespräche von Balkon zu Balkon, organisierte Hilfsangebote in den Stadtvierteln, verabredetes Musizieren auf den Balkonen, brennende Kerzen in den Fenstern als Zeichen der Verbundenheit… Es ist zu spüren, wie mit der angeordneten äußerlichen Distanz die innerliche Verbindung wächst.Schließlich ist da auch die erwachende Natur. Spazierengehen ist erlaubt, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Vielleicht begegnen Sie auf einem Spaziergang sogar dem einen oder der anderen Bekannten. Es ist nicht untersagt einander zu grüßen und nach dem Ergehen zu fragen – aus sicherer Distanz und diese so zugleich überwindend. Oder zumindest zuwinken könnte man einander ja. 

Es gibt also – trotz allem – Grund zur Freude. So wünsche ich Ihnen einen freudvollen Tag und ein gesegnetes Wochenende!

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

27. März

Jeden Tag fast nur noch Coronanachrichten. Jetzt auch noch diese massiven Einschränkungen: nirgendwo mehr hingehen, niemanden mehr treffen dürfen. Aus triftigen Gründen, sicher. Aber wie lange soll das dauern? Und was wird das mit uns machen . . . ? Gerade jetzt melden sich wieder zwei alte Bekannte bei mir, zwei die sich ständig widersprechen. Die eine: So schnell kriegen wir das mit dem Virus nicht in den Griff! Und dann, was glaubst du wohl, was mit den ganzen Folgeschäden und den astronomisch teuren Rettungspaketen auf uns zukommt?! Jetzt kommt die eigentliche Wende - die in die Zukunft! So redet Frau Sorge auf mich ein. Der andere, Herr Trost, will das nicht gelten lassen: Hat sie dir wieder Angst gemacht? Das hilft gar nicht, das ist Gift für die Seele! Du musst nur positiv denken! Mach einfach das Beste daraus! Und darauf die Sorge: Jaja, pflanz nur dein Apfelbäumchen, und steck den Kopf gleich mit in den Sand! Du wirst schon sehen! Und dann der Trost: Nimm dir nur ja nicht so zu Herzen, was sie sagt! So geht das immer weiter, wenn die beiden da sind. Irgendwie hat die Sorge ja auch recht, und irgendwie tut der Trost ja auch gut. Deshalb kann ich sie auch nicht einfach wegschicken. Aber dieses ständige Streiten ist schwer auszuhalten, zumal es mich selbst hin und her reißt. Man müsste ihren andauernden Redefluss mal unterbrechen und beide richtig ins Gebet nehmen! Hört zu: Ihr seid nicht hier bei mir, um euch auszutoben! Ihr habt eine Aufgabe zu erfüllen. Ihr müsst einen gangbaren Weg durch diese Krise finden! Das könnt ihr nur miteinander, weil ihr sonst hier alles kaputtmacht!

Ob wir das miteinander hinkriegen? Mir geht da so ein altes Wort durch den Sinn: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet (Römer 12,12). Das könnte doch hier auch bedeuten: Frau Sorge und Herr Trost an einen Tisch! Ihr dürft beide einbringen, was ihr zu sagen habt. Doch lasst euch beide ins Gebet nehmen, was ja immer auch zuhören und nach dem Weg, der Wahrheit und dem Leben fragen heißt!

Ob das jetzt funktioniert? Was meinen Sie?

Heinz Schneemann

26. März

"Apocalypse now…

Aus einem Gespräch mit einem Freund über die aktuellen Geschehnisse: „Das steht doch alles schon in der Bibel mit dem Corona-Virus. In der Offenbarung! (Offb 6,8)“ Ich wehre zunächst ab. „Du kannst diese Texte nicht als Zukunftsvoraussagen lesen.“ Und doch lässt mir der Gedanke keine Ruhe. Was diese düsteren Texte der Johannesoffenbarung und den vielen anderen sogenannten Apokalypsen eigentlich ihren Leserinnen und Lesern klar machen wollten: Kehrt um zu Gott, bevor es zu spät ist! Ändert euer Verhalten und eure Lebenseinstellung, denn das Ende der Welt könnte jederzeit kommen. Das passiert gerade vor unseren Augen! Also hoffentlich nicht das Ende der Welt. Aber wir sehen, wie das gehen kann im Angesicht der drohenden Gefahr: Eine ganze Gesellschaft, die sich von Gott, ihren Mitmenschen, der Natur und dem Tod immer weiter distanziert und dort bequem gemacht hat, gerät plötzlich in Bewegung im Kopf und virtuell. Werden wir noch die gleichen sein wenn das alles vorbei ist? Vielleicht werden wir menschlicher geworden sein und hoffentlich bleiben. Vielleicht werden wir ein Auge für all diejenigen haben und behalten, die wir sonst nicht sahen oder sehen wollten. Vielleicht werden wir uns bewusst geworden sein, dass der Tod zum Leben dazu gehört und wir jeden von Gott geschenkten Tag mit unseren Lieben leben und dafür dankbar sein sollten. In dem Sinne steht das mit Corona in gewissem Sinne wirklich schon in der Bibel. 

Nicole Oesterreich"

25. März

Tag 3 mit verschärften Ausgangsbeschränkungen: Ich sitze mit meinem Kalender am Küchentisch. Einen Termin nach dem anderen muss ich streichen, da stoße ich auf einen kleinen Hinweis: Mariä Verkündigung. Heute wird in der Kirche an den Tag gedacht, an dem der Engel Gabriel zu Maria kommt und ihr Leben auf den Kopf stellt. Sie soll ein Kind bekommen. Was ist mit ihrer Hochzeit mit Josef? Was ……? Nichts mehr ist wie vorher! Wie wird es weitergehen? Maria hat trotz aller Unsicherheit ja gesagt – ja zu Gott! Auch bei uns hat sich das Leben auf einen Schlag geändert und wir wurden nicht einmal gefragt. Trotzdem sollten wir die Möglichkeit nutzen, die neue Situation anzunehmen: uns arrangieren – einfinden – akzeptieren – neue Wege finden.

Maria sucht in dieser Situation den Austausch mit Elisabeth und nimmt sich die Zeit, mit der veränderten Lage klar zu kommen. Hier schöpft sie Kraft und Mut für alle Dinge, die nun vor ihr liegen. Auch wir können das Gespräch suchen, am Telefon oder über Video. Das wichtigste für Maria waren die Worte des Engels: „Fürchte dich nicht – hab keine Angst! Gott ist mit Dir!“ (nach Lukas-Evangelium 1,30) Mögen uns diese Worte durch diesen Tag und alle weiteren begleiten: Hoffnung schenken, Mut machen, Besonnenheit und Kraft geben!

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

24. März

Kommt mir nicht zu nahe! Bitte halten Sie Abstand!

In den letzten Tagen hat sich vieles verändert. Man nähert sich einander anders, denn keiner weiß, wer für wen eine Gefahr sein könnte.In diesen Zeiten gehen wir auf Abstand. Aus gesundheitlichen Gründen müssen wir uns aus dem Weg gehen: Sich-die-Hände-Reichen, oder gar Umarmungen sind untersagt. Spielplätze, Fußballplätze, Kneipen und Straßen sind leer. Abgesperrt! Natürlich sehe ich das ein, aber es tut doch weh. Ich vermisse es, Ihnen die Hände zu geben. Ich vermisse Umarmungen unter lieben Freunden.Selbst das Gedränge in vollen Straßenbahnen bekommt ein romantisches Gesicht.Meine kleine Tochter weinte, weil sie nicht mehr mit ihren Freundinnen auf dem Hof spielen darf. Und plötzlich habe ich ein Gespür für die Aussätzigen in den Bibelgeschichten. Für die, die abseits und am Rand menschlicher Nähe leben mussten: Bitte Abstand halten! Ich verstehe ihre Sehnsucht nach Nähe. Eine Nähe, die uns vor ein paar Tagen noch selbstverständlich war. Und dann kommt ihnen einer nahe und berührt sie. Sagt ihnen nicht: „Bitte Abstand halten!“, sondern ruft ihnen zu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Wie muss das für sie gewesen sein? Was für eine Befreiung, was für ein Segen!

Ich hoffe, dass die uns auferlegte Distanz nicht all zulange andauern wird. Und ich freue mich darauf, Ihnen wieder die Hand zu reichen und zu umarmen.

Bleiben Sie behütet und aus der Ferne gedrückt.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera​

23. März

„Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben.“ (5. Mose 4,31a)

Vorgestern hat mein Patenkind seinen 8. Tauftag gefeiert – besuchen konnte ich ihn in diesen Tagen nicht, also habe ich ihm geschrieben. Mit den Worten an ihn möchte ich auch Sie an diesem Montag grüßen und ihnen eine gesegnete, hoffnungsvolle Woche wünschen: „Heute ist Dein Tauftag – vielleicht ist es der außergewöhnlichste, den Du bisher erlebt hast: Die Schule ist zu, der Alltag ganz anders als sonst... Sicher weißt Du, dass gerade viele Menschen krank sind oder Angst davor haben, krank zu werden. Gerade in solchen Zeiten ist es gut, sich an die eigene Taufe zu erinnern. Sie sagt uns: Gott will immer Dein Bestes. Das gibt uns Mut, wenn andere Dinge uns Angst machen wollen. Gott ist immer für Dich da. Wir müssen uns nicht einsam fühlen, auch wenn wir Menschen, die wir liebhaben, eine Zeit lang nicht treffen können.

Ich wünsche Dir, dass Du Gottes Liebe und Nähe in diesen Tagen ganz besonders spüren kannst und grüße Dich herzlich!“

Konstantin Enge

21. März

Ab heute möchten wir Sie mit Gedanken zu Bibelworten in den Tag begleiten.

„Der Herr spricht: Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke. Ich will die wilden Tiere aus eurem Lande wegschaffen, und kein Schwert soll durch euer Land gehen.“ 3.Mose 26,6 

Wir sind im Krieg! Diese Worte höre ich oft. Der Feind, das Coronavirus, zieht mit dem Schwert durch unser Land. Menschen machen sich Sorgen um Gesundheit, wirtschaftlicher Existenz und um die Betreuung der Kinder. Der Alltag bricht ein, Neuland ist noch nicht in Sicht. Nein, es ist kein Krieg. Es ist die Zeit der Achtsamkeit. Am Abend 19:00 Uhr höre ich vom Nachbarhaus Musik. Der Mond ist aufgegangen. In der 5. Strophe heißt es: Gott, lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freuen; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein. Fenster gehen auf, wir hören zu, singen mit. Es wird applaudiert. So gehe ich in diesen Tag, mit der vertrauten Melodie im Ohr und der Bitte: Lass uns dein Heil schauen. Der Herr spricht: Ich will Frieden geben in eurem Lande. Sein Friede ist unser Heilwerden. Wir können mit unserem solidarischen Abstand Frieden geben und Heilung ermöglichen. Vielleicht wird das Solidargefühl nach der Krise stark bleiben. Das Siegergefühl!  Was wäre das für eine Welt. Darum bittet uns Gott schon seit ewigen Zeiten.

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Pfr. Martin Staemmler-Michael