Worte für den Tag

1. Oktober

Liebe Leser der Texte “Worte zum Tag”!

Ab dem 01.Oktober 2021 wird das “Wort zum Tag” nicht mehr erscheinen. Aber wir würden uns sehr freuen, wenn Sie in den Kommentarbereich Ihre Meinung, Ihre Erfahrungen und Ihre Gedanken dazu mitteilen. Vielleicht können wir es irgendwann aufleben lassen, denn es ist mit viel Arbeit, Fleiß, Kreativität verbunden und benötigt die entsprechende Motivation.

In diesem Zusammenhang allen Autoren, Verteilern, “Ins-Netz-Stellern” (ich meine auch die weiblichen !) vielen Dank.

Im Archiv finden Sie die Text 2021 zum Nachlesen.

Reinhard Bartsch

30. September

Sünder 2.0

Ich habe im Rahmen der Worte für den Tag bereits einmal über das Thema Sünde geschrieben. Dieser Text war keineswegs abschließend. Und dieser hier wird es auch nicht sein. Doch Tageslosung und Lehrvers fordern wieder zum Nachsinnen über dieses Thema auf:

Losung: Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – HERR, wer wird bestehen? (Psalm 130,3)

Lehrvers: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2. Korinther 5,19)

Am Anfang steht eine bald verzweifelte Ungewissheit: Wenn Gott auf die Idee kommt, Sünden anzurechnen, wenn er anfangen würde, die Menschheit anhand ihrer Taten nach einem Maßstab der Vollkommenheit zu bewerten, wie soll dann überhaupt irgendein Mensch diesen Test bestehen? Wie können wir auch nur darauf vertrauen, von Gott liebevoll angesehen zu werden, angesichts unseres alltäglichen Scheiterns im Umgang miteinander, in all unserem Streit und unserer Achtlosigkeit? In dem Wort „willst“ steckt die essenzielle Unsicherheit christlichen Sündenglaubens: Wenn Gott nur will, dann kann er uns ohne weiteres Verdammen und all unser Hoffen wäre vergebens.

Wer wird bestehen? Was ist einer solchen Erkenntnis entgegenzusetzen?

Der Lehrvers bietet hier ein „Wort der Versöhnung“ an. Doch was beinhaltet dieses Wort? Es ist vielleicht genau das gleiche Wort, dass so verunsichert hat: „Willst“. Der Wille Gottes ist bekanntlich unergründlich. Er lässt sich nicht erforschen. Aber in der Person Jesus, in seiner Geschichte wird uns etwas deutlich: Gott will Sünden nicht anrechnen. Er sucht die Versöhnung. Er sucht sie und wird dabei selbst Mensch. Er sucht die Nähe zu den verunsicherten Menschen und macht sich dabei auch verletzlich bis zum Kreuzestod. Und überwindet damit den Maßstab der Vollkommenheit, an dem wir nur scheitern können, denn es obliegt Gottes Willen, Sünden anzurechnen. Und das Leben Jesu zeigt: Er will es nicht.

Schalom Ben-Chorin findet im Lied Nummer 237 im Evangelischen Gesangbuch schöne Worte dazu:

Und suchst du meine Sünde,
flieh ich von dir zu dir,
Ursprung, in den ich münde,
du fern und nah bei mir.

In der Auseinandersetzung mit meiner Sünde lande ich schlussendlich immer wieder bei Gott und bei seinem Wort der Versöhnung.

Und mit dem Wort der Versöhnung schließt auch vorerst diese Reihe der Worte für den Tag. Ich denke ich kann im Namen aller WortfinderInnen sprechen wenn ich Ihnen werte Leser und Leserinnen für Ihre Aufmerksamkeit danke und Ihnen von Herzen wünsche, dass sie die Gewissheit des mit-Gott-versöhnt-Seins durchs Leben trägt und sie aufrichtet, wenn die Suche nach Wert und Sinn schwer fällt.

Ulrich von Ulmenstein

29. September

Michaelistag

Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.“ (Psalm 34,8)

Heute feiern wir den Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Michael, der Satan in Gestalt des Drachens bezwungen und aus dem Himmel verstoßen hat, ist der Schutzpatron der Deutschen. Er ist unser Schutzengel. Über dem Eingang zum Völkerschlachtdenkmal blickt er in gigantischer Größe und in heroischer Pose auf uns herab. Er ist untrennbar mit der Hierarchie der Engel verbunden. Auch wenn die Weihnacht noch fern ist, kommt mir der von aufgeregten Kinderstimmen vorgetragene Quempas in den Sinn:

Freut euch heute mit Maria
in der himmlischen Hierarchia,
da die Engel singen alle
in dem Himmel hoch mit Schall.“

Ich löse mich von der majestätischen Statue am Denkmal und, indem ich mich schon ein bisschen auf Weihnachten freue, denke ich an die Hierarchie der Engel: an den Verkündigungsengel, an „die Menge der himmlischen Heerscharen“ und an unsere Schutzengel. Ich bin dankbar dafür, dass ich mit einem Schutzengel rechnen kann. Er ist verborgen, aber mit ihm fühle ich mich geborgen. Er hilft mir heraus, wenn ich nicht weiterkomme.

Gehen Sie mit dem Erzengel Michael und Ihrem Schutzengel froh durch diesen Tag!

Klaus Kruczynski

28. September

Krisen, Werte und Visionen

Die mit großer Spannung erwartete Wahl zum 20. Deutschen Bundestag ist gelaufen. Es scheint nicht übertrieben, wenn gesagt wird, dass damit ein neues Kapitel der deutschen Geschichte beginnt. Das hängt vor allem mit dem Ende der 16-jährigen Regierungszeit von Angela Merkel zusammen, die von den einen als weltweit anerkannte Krisenmanagerin gelobt und von anderen als inhaltslose Verhinderin neuer Visionen kritisiert wird. In diesen Urteilen stoßen zwei Positionen aufeinander, die diametral entgegengesetzt zu sein scheinen. Es gehört zu den guten Gepflogenheiten der Kirche, sich nicht direkt parteipolitisch zu positionieren, sondern auf das Verantwortungsvermögen und die Urteilskraft der Menschen zu setzen und in die damit verbundenen öffentlichen Diskurse den Erkenntnisgewinn des christlichen Glaubens einzubringen. In diesem Sinne scheint mir die Frage wichtig, ob die Konzentration auf aktuelle Probleme und Krisen einerseits und die Verfolgung von größeren Zielen und Visionen andererseits wirklich solche Gegensätze sind, wie es hier offensichtlich den Anschein hat. Wenn es um die (immer) begrenzte Kraft einer (jeder) einzelnen Person geht, leuchtet es wohl ein, dass sich diese in der großen Fülle täglicher Aufgaben nicht allem gleichzeitig mit gleicher Intensität zuwenden kann. Sachlich betrachtet gibt es aber eine wichtige Verbindung zwischen dem Umgang mit Krisen und Visionen: die Werte. Wie Probleme bewältigt und welche Ziele angestrebt werden, hängt vor allem von den zentralen Werten ab, die jedem bewussten Handeln zugrundeliegen. Es sind die leitenden Werte, die über die Wahl der Mittel und Wege entscheiden. Deshalb müssen wir, wenn wir das Verbindende suchen, über unsere Werte sprechen. Das ist im Großen der Politik wie auch im Kleinen der Familie wichtig.  Apropos Familie: Wir werden ja höchstwahrscheinlich eine Regierungskoalition aus drei Parteien bekommen. Vielleicht kann das Modell der Familie auch dafür hilfreich sein: Man muss sich zusammenraufen und darauf achten, dass keiner unter die Räder kommt, weil sonst alle darunter leiden. Da klingt es doch ganz hoffnungsvoll, wenn die beiden „Halbstarken“, wie sie im ZDF genannt wurden, mit ihren gegensätzlichen Positionen schon einmal das Gespräch suchen. Und wenn die Dominanz einer einzelnen elternähnlichen Zentralperson ein Korrektiv findet,  das in einem gemeinsamen Aushandeln von Kompromissen auf der Basis gemeinsamer Werte besteht, für die sich alle miteinander verantwortlich wissen, dann werden wir vielleicht doch noch erwachsen.

Dazu helfe uns Gott, ja und Amen!

Heinz Schneemann

27. September

Dicke Luft 

Manchmal ist es echt nervig: im Großen, wie im Kleinen. Türenschlagen und Gezicke. Schlechte Laune, schlechte Stimmung und schlechte Worte. Und ich frage mich: Muss das denn sein?

Der Entwicklungspsychologe Robert Keagen hat herausgearbeitet, dass Entwicklungsschritte mit schlechter Laune einhergehen. Er nennt das „Krisen“; Entwicklungskrisen.

Diese Botschaft hat es mir leichter gemacht, meine schlechten Launen und die meiner nächsten Lieben besser zu ertragen: Sie (die Krise) gehört halt dazu, zu einer Entwicklungsgeschichte. Und das klingt doch gut. Immer wenn nun bei uns zu Hause wieder dicke Luft ist, es mal wieder etwas lauter und nerviger zugeht als sonst auch schon, dann sagen wir: „Entwicklungsschub“; auch wenn sich wohl nicht jede schlechte Laune am Ende als Fortschritt in der Persönlichkeitsentwicklung herausstellt. Aber manche vielleicht doch: hoffentlich!

Es ist übrigens spannend, dass Hans-Joachim Maaz politisch-gesellschaftliche Ereignisse auf Grundlage psychologischer Erkenntnisse betrachtet. Und so könnte man hoffnungsvoll fragen: Deutet sich da vielleicht auch gesellschaftlich ein „Entwicklungsschub“ an und wir nehmen bisher nur die Krise wahr?! Schön wäre es.

In diesem Sinne grüße ich Sie mit einer spannenden Losung für diesen Tag:

Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort. (Psalm 119,67)

Die Betrübnis, die nach dem Willen Gottes ist, bewirkt eine Umkehr zum Heil, die niemand bereut. (2.Korinther 7,10)

 Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

24. September

Erntedank

Am Sonntag feiern wir in der Taborkirche und in der Heilandskirche Erntedank. „Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit“ so heißt der Spruch für das Erntedankfest aus Psalm 145. Das zum Leben Notwendige verdanken wir Gott, seiner Güte. Diese Güte rühmt der Psalmbeter: „Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.“ Gott schenkt reichlich, wir dürfen nehmen, empfangen mit offenen Händen – das täglich Brot, um das wir im Vaterunser bitten. 

Aller Augen warten…“ Doch viele warten vergeblich. Der Spruch des Erntedankfestes deckt unsere Schuld auf, denn die Erde trägt genug Nahrung für alle. Aber während wir mehr als genug zu essen haben und in Wohlstand leben, verhungern auf dieser reichen Erde Menschen und mehr als 800 Millionen weltweit leben unter der Armutsgrenze. Wir wissen das – wir sehen die Bilder aus den Hungergebieten und von Menschen, die in Mülltonnen nach Essensresten suchen – und versuchen auch zu helfen. Doch trotz „Brot für die Welt“ und Welthungerhilfe bleibt es ein Skandal. Diese Ungerechtigkeit ist menschengemacht, denn Gott will es anders! „Er sättigt alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Er ist gerecht in allen seinen Wegen.“ Das Erntedankfest erinnert uns daran, miteinander zu teilen; die empfangenen Gaben nicht eigensüchtig festzuhalten, sondern weiterzugeben.

Das Erntedankfest ist Anlass zum Danken und zum Nachdenken, denn: Danken und Denken

gehören zusammen. Und: wer dankt und denkt – nachdenkt -, der wird auch handeln. Das ist auf mancherlei Weise möglich, z.B. auch durch die Wahrnehmung des Rechts auf politische Mitbestimmung. Am Sonntag feiern wir nicht nur Erntedank, es ist auch Bundestagswahl. Wir können mitbestimmen, wer künftig regiert und in welche Richtung sich unser Land in den kommenden Jahren entwickeln wird. Es ist unsere Entscheidung, unsere Stimme denjenigen zu geben, die sich für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen, für gerechte Verhältnisse bei uns und weltweit sowie für den Schutz unserer bedrohten Umwelt einsetzen – für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. 

Ich gehe am Sonntag wählen, gleich nach dem Erntedankgottesdienst.

Pfarrer Matthias Piontek

23. September

Friedlich aufgewacht?

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Joh 14,27

Waren Sie schon mal auf dem Kyffhäuser? 

Was für ein monströses Denkmal, um zu zeigen, dass wir Deutsche eine Nation sind. Und wer wird gezeigt: Kaiser Friedrich I Barbarossa, der natürlich nur Kriege führte, um Frieden zu bringen. Wie viele vor ihm und nach ihm. So, wie er dargestellt wird, sieht er eher wie ein betrunkener Alter aus. Aber wir haben ja noch über ihm das gewaltige Bronzedenkmal mit dem Kaiser der Deutschen Wilhelm I. Mit Pickelhaube – Na klar Krieg, um Frieden zu bringen. Selbst der Afghanistaneinsatz war ja eine Friedensmission mit tödlichem Ende. Was für ein Irrtum. 

“Ich gebe euch den Frieden. Meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt.”

In einer Biografie über Napoleon Bonaparte findet sich folgende Anekdote: Nachdem Napoleon die Völkerschlacht bei Leipzig und damit seine Macht verloren hat, sitzt er mit seiner Mutter zusammen, spricht über die Ablehnung, die er nun überall erfährt und sagt: “Eigentlich wollte ich doch diesem Kontinent und der Welt nur den Frieden schenken.” Darauf seine Mutter:
“Mag sein, mein Sohn, doch die Menschen mochten wohl das blutrote Band nicht, mit dem du dein Geschenk verpackt hast.” Diese Szene ist historisch nicht gesichert. Doch Mutter Bonaparte hat Recht:
Die Menschen mögen das blutrote Band nicht. Es ist die Blutspur, die die Feld- und Kriegsherren dieser Welt immer wieder gezogen haben. Darin sind sie alle gleich gewesen, die sogenannten Großen der Geschichte, ob Alexander, Caesar, Friedrich, Napoleon – Stalin und Hitler sowieso: immer haben sie andere für sich und ihre Ziele benutzt und geopfert. In ihrem Namen, im Namen eines Volkes oder einer Idee oder im Namen Gottes hat das vielen Millionen Menschen den Tod gebracht. 

Wer heute Hass und Hetze verbreitet und andere zur Gewalt anstiftet ist nicht besser und schwingt sich als mieser, kleiner Feldherr im Netz auf.

“Ich gebe euch den Frieden. Meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt.”

Das hat Jesus von Nazareth gesagt. Und nicht nur gesagt, sondern auch gelebt. Der rote Faden seines Lebens war die Liebe in Wort und Tat. Er opferte nicht andere für sich und seine Ideen, sondern hat sich selbst hingegeben. Er ist am Kreuz gestorben, um uns seine grenzenlose Liebe zu zeigen und dieser Welt den wirklichen Frieden zu schenken. 

Und der fängt in mir an. Er ist in mir. Meine Lebensaufgabe ist es, ihn zu entdecken und zu leben. Stück für Stück. Für mich, für meine Mitmenschen und überall dort, wo ich bin. Vielleicht gelingt es mir. Und vielleicht gelingt es uns, aus uns selbst ein Denkmal der Menschenwürde entstehen zu lassen. Wie würde das aussehen?

“Ich gebe euch den Frieden. Meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Ich wünsche Ihnen einen friedvollen Tag. 

Ihr Martin Staemmler-Michael

22. September

Gottes Kinder (Verfasst am Weltkindertag 2021)

Die christlichen Kirchen sind ihrer Verantwortung, die sie für die Kinder haben, allzu oft nicht gerecht geworden: Kinderkreuzzüge, das Leid indigener Kinder in christlichen Umerziehungsheimen, Missbrauchsfälle auch in Deutschland – es schreit zum Himmel! Selbst dort, wo das Leid nicht diese Dimensionen angenommen hat, wurden Gott und die Bibel allzu oft als Werkzeuge einer schwarzen Pädagogik missbraucht und fehlgedeutet. Das 4. Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ etwa – dabei richtet es sich (wie alle Gebote) an Erwachsene, die aufgerufen werden, Verantwortung für ihre alten Eltern zu übernehmen. Es ist ein Aufruf zu Generationengerechtigkeit und damit das Gegenteil von einem Instrument, mit dem eine Generation für ihren Machtanspruch gegenüber einer anderen auch noch Gott in Anspruch nehmen darf.

Wie anders ist die Botschaft Jesu: Seine vertrauten Worte muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes.“ (Lk 18, 16). Diese Zusage ist schon beeindruckend. Da gibt es keine Einschränkung, kein Wenn und Aber. Kein „Lasst die braven Kinder zu mir kommen...“ oder „...solchen gehört das Reich Gottes, wenn sie nur ihren Eltern gehorchen.“ oder „Lasst die Kinder, die ohne zu murren mit zum Gottesdienst gehen, zu mir kommen...“. Ein so umfassendes und unbedingtes Heilsversprechen ist selbst nach neutestamentlichen Maßstäben etwas ganz Besonderes.

Von einem Prediger hörte ich einmal die – wie ich inzwischen finde, ganz biblische – Aufforderung, dem eigenen Kind Folgendes zu versprechen: „Du, wenn wir beide einmal Streit haben, kannst Du Dir sicher sein: Gott ist auf Deiner Seite.“ Was für eine Zusage für ein Kind (und was für eine Herausforderung für mich als Vater, der von diesem Satz ja auch unmittelbar betroffen ist)!

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

21. September

„Täglich rühmen wir uns Gottes und preisen deinen Namen ewiglich.“

Täglich rühmen wir uns Gottes und preisen deinen Namen ewiglich.“ (Psalm 44, 9)

Tageslosung für den 21.09.2021

Na, machen wir das wirklich? Täglich Gott rühmen und ihn preisen oder uns rühmen, Gott zu kennen? Es ist nie eine schlechte Idee, einen Blick dafür zu entwickeln, wofür wir dankbar – Gott – dankbar sein können und das dann auch in Worte zu fassen oder gemeinsam ein Danklied anzustimmen. Im Gesangbuch sind die Danklieder (es) vielleicht die schönsten Lieder: „Lobe den Herren, den mächtigen König“ im Evangelischen Gesangbuch (EG) Nr. 316, „Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren…“ EG Nr. 320, „Nun danket alle Gott“ EG Nr. 321 und viele mehr. Ein schöner Vers ist das heute, könnte man meinen. Er erinnert daran, das Loben und die Dankbarkeit nicht zu vergessen, denn wer dankbar ist, ist ja irgendwie auch glücklich und das ist doch schon mal eine gute Sache. 

Doch handelt es sich bei Psalm 44 gar nicht um ein Lob- oder Danklied. Der Psalm ist ein verzweifelter Ruf, eine Bitte um Gottes Zuwendung in höchster Not. Dabei stellt der Satz der heutigen Losung „Täglich rühmen wir uns Gottes und preisen deinen Namen ewiglich“ klar, dass der Grund der Verzweiflung, die Bedrängnis durch die Feinde der Psalmbeter nicht in der fehlenden Hinwendung zu Gott zu suchen ist. So zeigt uns der Psalm und die heutige Losung mehr. Nicht nur dann, wenn es uns rundum gut geht, sondern auch in großer Not können wir Gründe finden, Gott dankbar zu sein und Gott zu loben und gleichzeitig können wir, wenn es mal nicht so gut läuft, zu Gott kommen und um seine Hilfe bitten. 

Christian Marquering   (Foto: pixabay)

20. September

Auch eine Sucht !? 

Kennen Sie das auch? Man kommt aus einem Konzert, einer Oper – oder man hat selber musiziert – und kann nicht genug von der Musik bekommen. Man kommt nicht davon los und will immer mehr.

Mir geht es gehäuft so, aber ganz besonders nach dem Genuss einer Oper von Richard Wagner. Von mir aus könnte sie gleich wieder von vorn beginnen. Zu Hause angekommen, leg ich eine entsprechende CD ein – und nur die „Pflicht“, am nächsten Tag wieder zu arbeiten, hilft mir, den Player auszumachen. Ich bin in dem Moment wirklich süchtig und muss mich regelrecht loseisen.

Richard Wagner ist für viele eher ein Schrecken von langen Opernabenden, aber ebenso für viele ein Muss, im gemeinsamen Rausch zu schwelgen. Für Erstere könnte ich empfehlen, sich z.B. das „Lied an den Abendstern“ aus dem „Tannhäuser“ anzuhören. Es dauert keine fünf Minuten. Bei diesem Lied sowie anderen Liebesarien, die Richard Wagner komponiert hat, frage ich mich, wie dieser Mann, der doch eine recht turbulente Lebensart hatte, um es mal vereinfacht auszudrücken, so innige Musik in sich hörte und sie für uns aufgeschrieben hat. All seine Musik steckt voll großer Gefühle, die man gut nachvollziehen kann. So auch beim Trauermarsch für Siegfried in der gleichnamigen Oper. Es geht durch Mark und Bein, und wenn man sich nicht wegen des Nachbarn schämen würde, möchte man am liebsten losschluchzen. 

Richard Wagner war kein gläubiger Mann in dem Sinne, hat aber starke Szenen geschrieben, die einen christlichen Glauben und ein Wissen davon zeigen. Man denke nur an den „Karfreitagszauber“. Für mich gehört dazu, am Abend des Karfreitag den „Parsival“ zu hören, und noch lieber, ihn auf der Bühne zu sehen.

Dank meiner Arbeitsstelle kann ich mich ziemlich oft dem direkten Genuss von Musik hingeben, in diesem und dem nächsten Jahr auch vermehrt der von Wagner. Ich freu mich drauf – und weiß jetzt schon, dass ich wohl nicht genug davon bekommen kann. Naja, dann lebe ich ja immer noch in Vorfreude auf mehrere Aufführungen im Festspielhaus Bayreuth. Der Besuch im vorigen Jahr, für das wir nach jahrelanger Wartezeit Karten bekamen, war ja aus bekannten Gründen nicht möglich.

Das obige Bild hab ich aber in dieser Zeit ebenda gemacht, als wir die schöne Stadt und ihre wunderbare Umgebung, eben ohne Festspiele, kennenlernen konnten. Richard Wagner sitzt an einem Fenster der Pianofabrik.

Baberina Müller  (Foto: privat)

17. September

„Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

Matthias Claudius 1783 (in: Ev. Gesangbuch Nr. 508,2)

Anfang September hatte ich Lust, am „Grünen Gleis“ in Kleinzschocher Brombeeren zu pflücken. Dort wuchern hohe Brombeerhecken. Allerdings war die Ausbeute gering, weil schon viele vor mir die gleiche Idee hatten, und vielleicht war es auch schon etwas zu spät im Jahr. Immerhin, etwa 200 g brachte ich nach Hause. Genug, um Brombeergelee zu kochen? Eigentlich nicht, aber ich hatte es mir nun mal in den Kopf gesetzt. Warum? Ich wollte mal etwas essen, was ich mit eigenen Händen hergestellt habe. Und es ist gelungen. Der Saft ist geliert, und für ein schönes Glas voll hat es gereicht. Wissen Sie, das kurze Wort von Matthias Claudius wird einem dadurch viel bewusster. Klar, vieles, was wir im Supermarkt aus dem Regal in unseren Wagen legen, ist auch durch viele fleißige Hände gegangen, aber nur wenige von uns machen sich das bewusst, weil wir die Menschen, die für uns arbeiten, niemals kennenlernen werden. Überhaupt geht uns durch unsere durchorganisierte Wirtschaft, die uns solche Vielfalt an Auswahl ermöglicht, etwas Wichtiges verloren: Wir achten es nicht, weil wir ja dafür bezahlen. Und an die göttliche Mithilfe denken nur die Allerwenigsten, weil etwaige Ernteausfälle durch ungünstige Witterung bei uns sofort durch Importe aus anderen Ländern kompensiert werden können. – Heute wird viel von wiedererwachender Spiritualität geredet, und viele Leute machen weite Reisen oder teure Kurse, um sie zu erlangen. Aber eigentlich ist es doch ganz einfach: Das Einfache ist das Wesentliche. Ich verdanke mich und meinen Lebensunterhalt der Güte und dem Fleiß meiner Mitmenschen und der Güte und Großzügigkeit Gottes, der uns einen wunderbaren Planeten zum Leben geschenkt hat. 

Ach, Mensch, all‘ die Scheiß-Konflikte und Probleme, die mich täglich wütend machen und runterziehen, das ist doch alles unsere Schuld, weil wir nicht gottgefällig leben. Kann nicht jeder mal an seinem Platz ein bisschen die Kurve kriegen und seinen Lebensstil ändern?

Viele Grüße

Ihr Günther Jacob

16. September

Ein Blick in die Vergangenheit

Als ich neulich mal wieder für ein paar Tage die Vertretung im Pfarramt wahrgenommen habe, kam ich mit einem Besucher ins Gespräch. Er bat um eine Abschrift aus dem Taufbuch zu seinem kürzlich verstorbenen Vater, der 1924 in der sog. „Notkirche“ getauft worden sei, die ja nun in der Nähe der Leinestraße stünde.

 

Aus unseren Unterlagen wusste ich zwar, dass diese Notkirche, bevor sie 1905 auf dem Schulhof der heutigen Schule am Auwald, direkt an der Kreuzung von Schnorr- und Rödelstraße, errichtet wurde, als Übergangslösung bis zur Fertigstellung der Michaeliskirche in Gohlis stand. Aber was danach mit ihr geschah, war mir unbekannt. Eine Recherche ergab dann, dass zwar nicht die Notkirche aus Schleußig an die Markkleeberger Straße im Stadtteil Dösen umgesetzt wurde, wie man leicht an den zwei Bildern unten erkennen kann, die links die Notkirche und rechts die Johanniskirche zeigen. Aber die Quelle gibt an, dass 1934 bei dem Bau der Johanniskirche in der Markkleeberger Straße (sie zweigt von der Leinestraße ab) Teile „unserer“ Notkirche verwendet wurden. 

Die Johanniskirche gehört heute zur Ev.-Luth. Auenkirchgemeinde Markkleeberg-Ost mit Dölitz und Dösen. Dort finden regelmäßig aller zwei Wochen Gottesdienste statt und vielleicht kann man dabei – oder auch bei einer Exkursion mit einer Gemeindegruppe – mal einen Blick in die Vergangenheit unserer Gemeinde werfen.

Martin Meigen  (Fotos: Bethanienkirche Leipzig-Schleußig, privat)

15. September

Leben mit der Angst

Man stellt sich Gott so gerne an der eigenen Seite vor. Wenn er mich schon nicht auf den Händen trägt, Engel-gleich, dann möge er doch wenigstens einen halben Schritt hinter uns sein, wie Prinz Philipp sein Leben lang hinter der Queen: a reassuring presence, eine stille  Rückversicherung, ein Begleiter in Zeit und Ewigkeit.
 
Mich begleitet manchmal auch einfach nur Angst.
 
Vor Menschen, die mir nicht wohl wollen. Vor Terminen, denen ich mich nicht gewachsen fühlen. Vor Unbekanntem, das ich nicht abschätzen kann.
 
Gestern bin ich dem Rat einer Freundin gefolgt: ich habe mich nochmal ins Bett gelegt – mitten am Tage – und die Angst über mich rollen lassen, eine ganze Stunde lang, wie die Welle über den Strand. Und dann habe ich versucht, die Welle als Kraft in meinem Rücken zu spüren, nicht als Gewalt, der ich um jeden Preis widerstehen muss.
 
Der Termin nach dem Aufstehen blieb schrecklich.
 
Aber aus dem Angstgegner Angst war der Gegner verschwunden.
 
 
Patrik Schwarz

14. September

Gott und Marmelade

Wir sind herrlich geradelt im Urlaub durch Felder, Wälder, an Seen und Wiesen entlang und vorbei an unzähligen Obstbäumen an den Straßenrändern. Ach, da blutete mir doch ein bisschen das Herz. Übervolle Pflaumen-, Apfel- , Birnen-, Aprikosenbäume riefen mir zu „Schüttle mich, schüttle mich – wir sind allesamt reif“. Nun, das war auch ein bisschen gelogen – manche Früchte waren noch ungenießbar – aber trotzdem. Aber auf den zwei Kochplatten im Ferienquartier wollte ich nun nicht anfangen, einzukochen. Klar, das ist Luxus, der mir ungemütlich ist, aber in dem ich mich dennoch bewege. Wieder zu Hause kramte ich in dem Nachlass meiner Großmutter und fand auch, wonach ich suchte. Ihr Büchlein „Eingekochtes-Ausgekochtes“ – die Aufzeichnungen aller gefüllter Weck- und Schraubdeckelgläser aus den Jahren 1935 – 1991 mitsamt der getätigten Ausgaben für gekaufte Zutaten, den Orten des Pflückens oder Sammelns, den Namen derer, die schenkten oder verkauften, Wetterbedingungen (Siebenschläfer !) und zeitgeschichtlichen Resümees, außerdem der Nachruf für den 42 Jahre in treuen Diensten gestandenen Wecktopf . Eine „Perle“ dieses Büchleins möchte ich gerne mit Ihnen teilen:

Resümee einer Aprikosenfahrt nach Eisleben vom 30./31.8.1980“ Sonnabend

– 7.26 Uhr Abfahrt Altenburg -10.15 Uhr Ankunft Eisleben 

– 13.37 Uhr Abfahrt Eisleben – 16.12 Uhr Ankunft Altenburg = 6 Stunden = 18,-M mit Sonntagsrückfahrkarte D- und E-Zug

– geerntet ca. 18 Pfund Aprikosen 

– bis 18.00 Uhr 4 große Weckgläser gefüllt – 2 Pfund „Beste“ für Rumtopf präparier

– 19.30 Uhr im Orgelkonzert (200. Todestag Johann Ludwig Krebs) in der Schlosskirche / Herzogsloge

Sonntag

– ab 7.00 Uhr: ca. 6 Pfund als Marmelade verarbeitet (gewaschen, halbiert, durch den Wolf gedreht)

– den Rumtopf gefüllt

– Radiogottesdienst Deutschlandfunk

– beim „Glaubensbekenntnis“ Marmelade gerührt 

– beim „Vaterunser“ alles in Gläser gefüllt 

– beim „Unser täglich Brot gib uns heute“ den Schaber abgeleckt 

dabei 5 Wespen getötet und weitere mit der Zeitung unter schweren Flüchen verjagt. Sofortige Ahndung der Übertretung des 5. Gebots bei Wespe Nr 14: Stachel in den linken Zeigefinger ….

Ich denke, sie befand sich in guter Gesellschaft mit Teresa von Avila, die ja sagte: 

Denke daran, dass, selbst wenn du in der Küche bist, sich Gott zwischen den Töpfen bewegt“.

13. September

Ich bin zurück

Ich bin zurück. Alles ist wie immer. Der Weg den ich von der Bushaltestelle zu meinem Elternhaus laufe, ist der gleiche. Da ist die ruhige Seitenstraße, die zum Spielplatz führt. Da ist die Hecke, deren weiche Triebe ich oft als Kind berührt habe. Da ist das Nachbargrundstück mit den zwei kleinen Hunden, die alle Vorbeigehenden so wütend ankläffen. Dann mein Elternhaus. Die Rosen sind längst verblüht und die Bäume haben das meiste Laub bereits abgeworfen. In meinem Kinderzimmer befindet sich nicht mehr viel seit meinem Auszug. Dort, wo der Boden nicht ausgeblichen ist, sieht man die Umrisse der Möbel die jahrelang hier ihren Platz hatten. Ich freue mich, hier zu sein. Ich freue mich, nach all den neuen Leuten, wieder bekannte Gesichter zu sehen. Die Gesichter meiner Familie. Doch irgendwas ist anders. Ich sitze in dem Raum, der mal mein Kinderzimmer war und sehe alles noch so vor mir, wie es jahrelang war. Und obwohl es schön ist da zu sein, fühle ich eine tiefe Traurigkeit.

Wie knüpft man an, an ein früheres Leben? Wie macht man weiter, wenn man tief im Herzen zu verstehen beginnt, dass man nicht mehr zurückkann? (aus J.R.R. Tolkien, „Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“)

Inzwischen fühlt es sich nicht mehr so schwer an, in meine Heimatstadt zurückzukehren. Ich habe verstanden, dass das der Lauf der Dinge ist. Dass Veränderungen unvermeidbar sind, dass das Akzeptieren ihrer schmerzhaft sein kann und dass es Zeit braucht zu erkennen, dass es die Unwiderrufbarkeit der Momente ist, die unser Leben kostbar macht. 

Veränderungen sind nicht schlimm. Sie zeigen, dass wir wachsen. Und ja, es kann erschrecken sein eigenes Wachstum zu sehen. Doch ist es letztendlich die natürlichste Sache der Welt. 

Veränderung ist ein Teil der Natur und wir sind ein Teil von ihr. 

Friederike Schönherr

10. September

Haben Sie schon gehört?

Haben Sie schon gehört?, spricht mich der Apotheker an.
Von New York? Es ist etwas Furchtbares geschehen.
Ohne etwas einzukaufen, gehe ich gleich nach Hause.
Mich begleitet ein bedrückendes Gefühl. Ich schalte das Fernsehgerät ein,
und fassungslos sehe ich die ständige Wiederholung der Bilder des Terroranschlags auf die beiden Türme des World Trade Center.
Ich will heute daran erinnern, was sich morgen vor 20 Jahren, am 11. September 2001 ereignet hat.
Wahnsinnige Selbstmord-Attentäter haben mit 2 Passagierflugzeugen fast Dreitausend am Beginn ihres Alltags aus heiterem Himmel in den Tod gerissen. Mutwillig flogen sie in die beiden Hochhaus – Türme und begruben die Menschen unter ihren Trümmern.

Mir gelingt es erst am Folgetag, ein paar Worte zu finden: 

sprachlos
die stimme erstickt mir
tränen in meinen augen
fassungslos das entsetzen
terror ohne beispiel
menschen
in der luft entführt
von fanatischen selbsmördern
wahnsinnigen
missbraucht gequält 
hingemetzelt zu fliegenden geschossen
ich liege und kann nicht schlafen
nein ich kann nicht beten
diese kriegsbilder lassen mich nicht los
sie mischen sich 
mit bildern meiner kinderseele
flammendes inferno in der zerbombten stadt
was soll nun werden was wird geschehen
ich beginne ein bekenntnis zu buchstabieren
ich will widerstehen dem ruf nach vergeltung
menschen anderer weltanschauung und lebensart tolerieren
und mithelfen an einer allianz aller religionen der erde
für den frieden der völker

Rolf-Dieter Hansmann

9. September

Gottes Mitarbeiter

Der Lehrtext für die heutige Losung steht im ersten Brief den Paulus an die Korinther und lautet: „Wir sind Gottes Mitarbeiter.“

Mein erster Gedanke dazu war „Wirklich jetzt?“ Jetzt fangen wir in der Kirche auch noch an mit dem Chef und den Mitarbeitern? Haben wir nicht im Alltag schon oft genug die Rolle des Mitarbeiters, der vom Chef gesagt bekommt, was er zu tun und zu lassen hat? Nun kommt Gott also auch noch und sieht uns als seine Angestellten. Wir alle arbeiten für den großen Chef da oben. 

Irgendwie passt das ja mal so gar nicht zu meinen Vorstellungen von Gott. Wir sprechen doch sonst immer von einem liebenden Gott, der uns so aufnimmt wie wir sind. Ein Gott, bei dem wir uns auch mal fallen lassen dürfen und nicht immer nur schuften müssen.

Nach etwas längeren Nachdenken, musste ich an all die Mitarbeitenden in unseren Gemeinden denken, die ja schon irgendwie Mitarbeiter in Gottes Kirche sind. Von hauptamtlichen Pfarrern*innen, Kantoren*innen und Gemeindepädagoginnen, den Pfarramtsmitarbeitenden, den Hausmeistern, über die Kirchenvorstände, den Teamern, Kindergottesdienstgestaltenden, Kirchendiensttuenden, Blumendiensten und noch so vielen anderen mehr. An allen Ecken und Enden wuselt, werkelt, arbeitet es in der Gemeinde. Sie alle sorgen dafür, dass Gemeinde funktioniert. Das es Gruppen und Kreise gibt, wir beim Gottesdienst nicht im Dunkeln sitzen und und und. 

Ob Paulus das gemeint hat mit seiner Aussage „Wir sind Gottes Mitarbeiter“? Ich glaube er hat zumindest nicht nur das gemeint. Ich denke es geht Paulus noch um etwas Größeres. Es geht ihm um uns alle. Denn wir alle sind Gottes Mitarbeiter! 

Gott selbst wirkt auch durch uns Menschen. Und dann bedeutet Gottes Mitarbeiter sein ich helfe Gott. Ich helfe Gott seine Welt zu gestalten. Dabei gibt Gott uns nur die Richtung vor und steht uns zur Seite. Gestalten können wir ganz allein. Das ist unser Projekt. Das Beste daran ist, wir alle sind dabei gleich wichtig, denn jede*r hat etwas einzubringen. Ein jede*r mit der Gabe, die er oder sie empfangen hat. 

Und deshalb können wir voller Stolz sagen: „Ich bin ein*e Mitarbeiter*in Gottes!“ Denn wir haben die Möglichkeit mit Gott gemeinsam an einer Welt zu arbeiten, in der wir uns alle zuhause und aufgehoben fühlen. Dabei ist Gott nicht der Chef, der die Aufgaben verteilt, sondern vielmehr ein Partner, der uns bei unseren Vorhaben hilft und unterstützt, wenn wir mal nicht mehr weiter wissen.

Ihr/Euer

Tom Gelf

8. September

Du bist Gut.

Du bist

Gut.

Genug.

Gesegnet.

Diesen Spruch sah ich neulich auf eine Straße gesprüht. Zum Schuljahresbeginn hat das Landesjugendpfarramt diese Worte als Begleitung für alle Schülerinnen und Schüler mitgegeben. Mich haben diese Worte besonders berührt. Gut. Genug. Gesegnet. Als Schülerin hatte ich nie das Gefühl gut oder genug zu sein, obwohl ich eine sehr gute Schülerin war. In meinem Elternhaus war Leistung enorm wichtig. Dabei kam der Leistungsdruck aus der tiefen Erfahrung meiner Mutter heraus, selbst nicht gut und genug zu sein. Nach der Wende hatte sie trotz hervorragender Leistungen wie so viele andere ihre Arbeit, ja ihren ganzen Beruf verloren. Aus Angst, dass es mir später auch so gehen könnte, trieb sie mich an. Dabei zählt so viel mehr im Leben. Das, was man mit anderen erlebt und für andere tut. Auch das, was man mit Gott erlebt. Gott spricht uns das zu: Wir sind gut, genug und gesegnet. Er liebt uns auch mit schlechten Leistungen, denn er sieht in unser Herz. Ich wünsche uns allen, dass wir uns das bewusst machen können, wann immer wir es brauchen. Als Erinnerung bietet das Landesjugendpfarramt Postkarten an, die man sich über den Schreibtisch hängen kann: https://www.evjusa.de/projekte/schulstartaktion.html.

Nicole Oesterreich

7. September

Sünde

Ein Wort, mit dem man sich ungern betiteln lässt. Nicht durch andere aber auch nicht durch einen selbst. Die heutige Tageslosung spricht reuevoll von der eigenen Sündhaftigkeit:

Wir haben gesündigt samt unsern Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen. (Psalm 106,6)

In einem sehr spannenden Gespräch mit Freunden wurde ich auf eine Frage gestoßen, die mich seither sehr beschäftigt. In dem Gespräch ging es darum, dass besagte Freunde sich in ihrem Glauben mit der Person Jesu schwertun. In ihrer Vorstellung von Gott fällt es ihnen viel leichter, mit Gott als Weltenerschaffer und als Vater und als heiligem Geist umzugehen, als mit dem Sohn Jesus. Die Vorstellung eines Menschen, der gleichzeitig Gott sei, verzerre doch das Göttliche, würde doch die Vorstellung eines vollkommenen Gottes beeinträchtigen. Im Verlauf des Gesprächs kamen wir schließlich auf die Frage, ob wir denn glaubten, dass wir mit Sünde beladene Menschen wären und ob wir der Vergebung dieser Sünde nötig hätten. Besagte Freunde verneinten dies. Darin steckte keine Arroganz, dass man über so etwas wie Sünde und Vergebung erhaben sei, sondern das Gefühl, dass hinter dem Begriff der Sünde eine Verdammung steckt, die sich schwer mit dem Bild eines liebenden Gottes verbinden lässt.

Die Frage, die mich aus diesem Gespräch seither begleitet ist, wie wichtig Sünde und Sündenvergebung für unseren Glauben als Christen in der Gegenwart sind – und was das mit unserem Christusbild macht. Ich glaube, dass diese Frage sehr schwer zu beantworten ist. Bereits der Begriff der Sünde ist da schon kompliziert. Da scheint es um mehr als nur um Unrecht zu gehen. Mehr als um die Beschädigung zwischenmenschlicher Beziehung. Auch die Beziehung zu Gott scheint in den Blick genommen zu sein. In den freikirchlichen Gemeinden, mit denen ich in meiner Jugend viel in Kontakt gekommen bin, war es die allgemeine Überzeugung, dass jeder ein Sünder war. Weniger im Sinne sog. Erbsünde sondern im Sinne einer generelle Fehlbarkeit des Menschen im sozialen Umgang untereinander. Die alltäglich erfahrbare eigene Unvollkommenheit wurde als Makel deklariert, aus dem nur der Glaube an Jesus befreien könne. Wie genau, das bleibt oft offen. Es ist ein Ansatz der auch in der Sektenforschung kritisch beäugt wird, besonders wenn der Ausweg aus der proklamierten Unvollkommenheit ausschließlich über die eigenhändig verwalteten Heilsmechanismen geboten wird. Auch vor diesem Hintergrund kann ich die Vorbehalte meiner Freunde aus den geschilderten Gespräch gegenüber der Glaubensgestalt Jesus verstehen.

Und doch liegt gerade in dem Zuspruch der Sündenvergebung etwas für mich ungreifbares aber zu tiefst bewegendes. Etwas, das mir auch im stärksten Selbstzweifel Selbstachtung anbietet. Vielleicht bin ich damit einem sektenhaften Trick auf den Leim gegangen. Vielleicht ist aber auch nicht entscheidend, was genau die Sünde ist, sondern dass sie vergeben ist und wir österlich singen können: „Sünd ist vergeben, Hallelujah! Jesus bringt leben, Hallelujah!“

Wie geht es Ihnen verehrte Leserin und verehrter Leser? Welche Rolle spielt die Sünde und ihre Vergebung in ihrem Glaubensleben?

Ulrich v. Ulmenstein

6. September

Erster Schultag

Erster Schultag nach den Sommerferien: Für fast 500.000 sächsische Schülerinnen und Schüler fängt die Schule heute wieder oder neu an. Die meisten von ihnen haben gerade anderthalb Jahre Corona-Schule hinter sich, mit Fernunterricht, Wechselunterricht, stapelweise Aufgabenblättern, manchen Videokonferenzen, teilweise großer sozialer Isolation und müden, überforderten Eltern. Was wird das neue Schuljahr bringen? Haben Lehrerinnen und Lehrer sich gut vorbereiten können? Wird die Zusage, erneute Schulschließungen dürfe es nicht geben, sich durchhalten lassen? Reichen die geplanten Teststrategien aus? 

Gott, du willst uns trösten, wie eine Mutter tröstet. Du bist unser Vater, unser Gott und Hort, der uns hilft. 

Jesus, du hast allen gezeigt: Kinder sind dir wichtig.

Mit Freude und voller Erwartungen gehen wir in dieses neue Schuljahr.

Mit Angst und Sorge blicken wir aber auch auf die unsichere Corona-Lage.

Gott, wir bitten dich:

Für die Schülerinnen und Schüler, dass sie in ihren Klassen Freundschaft und Geborgenheit erfahren. Dass sie solidarisch miteinander umgehen und auf die Schwächeren achten. Dass sie Freude am Lernen haben und von ihren Lehrerinnen und Lehrern gut gefördert werden. 

Wir bitten dich besonders für alle Kinder, die neu in der Schule sind oder auf eine neue Schule wechseln: lass sie Freunde finden, lass sie in ihrer Klasse und ihrer Schule zu einer guten Gemeinschaft zusammenwachsen.

Wir bitten für die Lehrerinnen und Lehrer: Dass sie Freude an ihrer Arbeit haben und auf Herausforderungen mit Geduld und guten Ideen reagieren. Dass sie freundlich und liebevoll mit den ihnen anvertrauten Kindern umgehen.

Für die Eltern bitten wir: Gott begleite und beschütze euch, so wie ihr eure Kinder begleitet und beschützt.

Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist segne uns heute an diesem Schulanfang und an jedem Tag in diesem Schuljahr.

Amen.

Silke Horstkotte

3. September

Schöpfungs(un)ordnung

In manchen christlichen Kreisen wird sehr gern von der Schöpfungsordnung Gottes gesprochen. Damit wird – völlig zu Recht – darauf hingewiesen, dass Gott diese Welt planvoll schafft und gestaltet. Und doch wohnt diesem Begriff etwas Starres, Steriles, Normierendes inne.

Schaut man sich Gottes Schöpfung genauer an, entdeckt man ganz Anderes. Ein Quadratmeter Blumenwiese genügt schon: Was für eine Vielfalt an Farben und Formen und dazwischen das wimmelnde Leben der Insekten, unbegreifliches Werden, Sein und Vergehen. Und vielleicht eine Einladung Gottes, das wertzuschätzen, das nicht unseren Vorstellungen von Ordnung und Normalität entspricht?

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge 

(Foto: Capri23auto Pixabay)

2. September

War da noch was?

Heute ist der 2. September. Ein Tag wie jeder andere, oder war da noch was? 
Vor reichlich hundert Jahren hätte darauf jedes Schulkind sofort eine Antwort parat gehabt: Heute ist Sedantag! 
Der Tag, an dem die französische Armee 1870 nach der Schlacht bei Sedan vor den preußischen, bayerischen, württembergischen und sächsischen Truppen kapituliert hatte, wurde im Kaiserreich wie ein Nationalfeiertag begangen, auch wenn er nie offiziell zum Feiertag erklärt wurde. Und wie selbstverständlich wurde dabei auch Gott als oberster Führer in Anspruch genommen: 
Nicht zuletzt an den Schulen wurden am 2. September patriotische Feiern abgehalten, die in den jungen Menschen nationale Begeisterung für das neugegründete Deutsche Reich und seinen Kaiser wecken sollten. 

Zu diesem Anlass schrieb 1897 Frl. Hullmann, eine Lehrerin im westfälischen Lengerich, ein Gedicht, das sie von Kindern des 1. und 2. Schuljahres aufführen ließ: 

1.Knabe:
Ich bin ein kleiner Mann, der nicht viel weiß und kann!
Doch kann ich längst schon fechten zur Linken wie zur Rechten.
Ich kann auch wohl marschieren und etwas exerzieren!
Und kämen die Franzosen mit ihren roten Hosen,
dann schlüge tüchtig drein die kleine Wacht vom Rhein!

2. Knabe: 
Dann zögen wir in den Krieg, erföchten Sieg auf Sieg.
Und schüttelten die Pflaumen mit unserm rechten Daumen
von Bäumen in Paris, das ist gewiß.

3. Knabe: 
Ach, schweigt von eurem Sieg. Ich geh’ nicht in den Krieg.
Da will man mich nur töten, und ich will euch was flöten!
Ich will heut‘ lustig spielen, will tanzen und hüpfen mit vielen,
und dann, juchhei, zum grünen Raum, denn etwas Schöneres gibt es kaum, Juchhei!

Ich bewundere diese Lehrerin aus dem Kaiserreich und kann mir vorstellen, dass es darüber vor 124 Jahren einige Diskussionen gegeben haben wird. Wir wissen heute, wie die Geschichte der nationalen Begeisterung für Deutschland weitergegangen ist.

Patriotismus ist ein heikles Thema in unserem – Vaterland. Allein schon dieses Wort lässt aufhorchen und führt sehr schnell in eine Art Polarisierungsfalle. Da heißt es: vorsichtig sein! 
Doch wichtige Themen und Fragen drängen mit der Zeit umso vehementer an die Oberfläche, je länger sie unter Verschluss gehalten oder reglementiert werden. Dazu gehört offensichtlich auch die Frage nach einem deutschen Nationalbewusstsein. Sagen wir lieber: nach einem gesunden deutschen Nationalbewusstsein, das von dem kranken und unseligen Nationalbewusstsein, an das wir bei diesem Thema sofort erinnert werden, zu unterscheiden ist. 
Diese Unterscheidung kann aber nur getroffen werden, wenn wir das Thema Patriotismus und Nationalstolz nicht von vornherein verdächtigen, für obsolet erklären und in die rechte Ecke verbannen, die dadurch nur gestärkt wird. 
Gerade angesichts der vielzitierten Spaltungen in der Gesellschaft stellt sich die Frage: Braucht nicht jedes Volk ein positives Verhältnis zu sich selbst und etwas, womit sich die vielen, so verschiedenen Angehörigen dieses Volkes identifizieren und worauf sie stolz sein können?

Dafür bietet sich ein Begriff an, der 1970 von dem Politikwissenschaftler (A)Dolf Sternberger (1907-1989) geprägt wurde: Verfassungspatriotismus
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Das ist der erste Grundsatz unseres Grundgesetzes. Haben wir nicht allen Grund, uns damit zu identifizieren und, ja, auch stolz darauf zu sein? Auch und gerade weil die Lebenswirklichkeit nicht selten noch sehr anders aussieht, ist es wichtig, dass die Frage nach der Würde jedes Menschen immer wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt und zum verbindenden und verbindlichen Maßstab allen Handelns gemacht wird – in unserem Mutterland und … Menschlichkeit kennt keine Grenzen.

Einen guten Tag wünscht Ihnen 

Heinz Schneemann

1. September

Heute - der 1. September:

1449 – Tumuschlacht

1701 – Schlacht bei Chiari

1802 – Gefecht von Chantilly

1870 – Deutsch-Französischer Krieg

1904 – Schlacht von Masoller

1939 – 2. Weltkrieg

1941 – Polizeiverordnung zum gelben Davidstern

1951 – Friedenskonferenz in San Francisco

1957 – Weltfriedenstag oder Antikriegstag

1969 – Staatsstreich in Libyien

1970 – Attentat auf den jordanischen König

2021 – Afghanistan, ……………

 

Angesichts der Gewalt, der Kriege, der Menschenrechtsverletzungen

WAS KANN ICH TUN?

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,

dass ich liebe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

dass ich verbinde, wo Streit ist;

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;

dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;

dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;

dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,

nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste

nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;

nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;

wer sich selbst vergisst, der findet;

wer verzeiht, dem wird verziehen;

und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

(Franz von Assisi)

 

BETEN und HANDELN!

31. August

Über den Abgrund gehen 

… man glaubt, man sei sicher …

… man glaubt, man wüsste nun endlich, wie es geht ….

… mit dem Leben, mit dem Glauben, mit dem Leid, mit der Hoffnung …

… und dann wieder eine Nachricht …

… die einem den Boden unter den Füßen wegzieht …

… Angst kriecht durch alle Poren …

… man betet dagegen an …

… man singt dagegen an …

… man fragt sich wider besseren Wissens: WARUM? …

… und – WAS NÜTZT DER GLAUBE ? …

… UND DENNOCH …

… es geht sich leichter über den Abgrund …

… weil man nicht alleine geht …

… weil der Regenbogen auch unter einem sein kann …

… weil die Hoffnung auf das behütete Ankommen bleibt …

… auf der anderen Seite des Abgrunds …

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er werden bei dir neu.
Denn welcher seine Zuversicht,
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“
(Gesangbuchlied Nr. 369, Strophe 7)

Claudia Krenzlin

30. August

Wohin?

Es verfolgt mich. Das aufgesprayte „WOHIN“ auf dem Asphalt. Kein Fragezeichen, nur fünf große Buchstaben. WOHIN. „Herr, wohin sonst sollten wir gehen?“ Der Liedfetzen meldet sich sofort im Ohr. Dann „Wohin, wohin, wohin? – Nach Golgatha“ aus der Johannespassion. 

Ist die Antwort auf die Frage „wohin?“ immer im Weitesten Sinn „zu Gott“? Das wäre ja ziemlich einfach. Und irgendwie vorhersehbar. Aber vielleicht ist das Absicht? Wie bei Notrufnummern, die kurz und einfach zu merken sind. „110 Polizei, 112 der Krankenwagen kommt vorbei“ Leicht einprägsame Antworten, die auch in Ausnahmesituationen zur Verfügung stehen. Ähnlich dem Wohin. Wohin soll ich mich in Angst und Verzweiflung wenden? – Zu Gott. Wohin soll ich gehen, für Ruhe und Frieden?- Zu Gott. 

Eine leicht einprägsame Antwort für Notfallsituationen.

Friederike Schönherr

27. August

Dreiklang zuzm Dranbleibern 

Das 20. Jahrhundert war unter anderem geprägt vom zunehmend partnerschaftlichen Austausch zwischen den christlichen Kirchen der Welt im Rahmen des ökumenischen Dialogs. Eine der wesentlichen Fragen, welche die Vertreterinnen und Vertreter beschäftigten, war die, wie die verschiedenen Christinnen und Christen gemeinsam ihrer Verantwortung für diese Welt wahrnehmen können. Die Diskussionen mündeten in den vielzitierten Dreiklang: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Schaue ich auf diese Themen, sehe ich vor allem viele Baustellen: Wie wenig friedlich sind die Bilder, die uns aus Afghanistan, Syrien und von anderen Orten erreichen. Wie ungerecht ist es, wenn auch und gerade in Zeiten der Coronakrise, in denen so viel von Solidarität gesprochen wird, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Wieviel Schöpfung wird zerstört, wenn unsere Lebensweise zu Artensterben, Waldbränden und Umweltkatastrophen führt. Man möchte fast verzweifeln.

Und doch liegt in den Zielen der ökumenischen Bewegung eine große Kraft, nicht zuletzt deshalb, weil sie von der großen Gemeinschaft der Christinen und Christen geteilt werden und aus dem Glauben an den liebenden Gott, der die Welt in seinen Händen hält, heraus entstanden sind. Es bleibt also lohnend und aussichtsreich sich einzusetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – auch demnächst in der Wahlkabine.

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

26. August

Fundament

Ganz mit dem Einen sein

UND

ganz mit dem Anderen –

das klingt wie eine Überforderung

für einen Menschen allein.

Ganz mit dem Einen sein

– einem Gegenüber; 

einer Eigenschaft in mir; 

einer Energie in der Welt –

und ganz mit dem Anderen sein,

– der Gegenkraft, vermeintlich unverträglich –

das ist ohne Zweifel eine Kunst.

Und doch,

wann immer sie gelingt, 

dann spannt ein Bogen sich

so weit wie das Leben selbst:

und auf einmal erschüttert mich nicht mal das Leben mehr.

Patrik Schwarz

25. August

Ebenbildlichkeit

Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf sie als Mann und Frau. (1. Mose 1,27)

Im Herrn ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau; denn wie die Frau von dem Mann, so ist auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott. (1. Korinther 11,11-12)

Es ist ja mit Debatten um Geschlechtergerechtigkeit so eine Sache. Sie werden häufig mit solcher Vehemenz geführt, dass ein auch nur teilweiser Konsens in weiter Ferne zu stehen scheint. Und das obwohl bestimmte Aspekte unter dem Begriff „Geschlechtergerechtigkeit“ so klar erscheinen, z.B. das Problem des sog. Pay-Gap, also Gehaltslücken zwischen Männern und Frauen im selben Beruf. Vermutlich ist es die Debatte um geschlechtergerechte Sprache, die die generelle Frage der Geschlechtergerechtigkeit so überschattet, was wohl wiederum daran liegen mag, dass ein staatlich-regulativer oder auch nur diskursiver Eingriff in die eigene Art zu sprechen als maximal übergriffig angesehen wird. Und wenn die Frage der geschlechtlichen Identität ebenfalls unter diesem Begriff diskutiert wird, scheinen sich manche TeilnehmerInnen der Debatte überfordert zu fühlen.

Losung und Lehrvers für den heutigen Tag stellen für mich die Frage nach einem christlichen Standpunkt in der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit. Manche Positionen aus christlichen Gemeinschaften gehen von einer klaren schöpferischen Ordnung des Menschengeschlechts und einer deutlichen Vorstellung von und Unterscheidung zwischen Männern und Frauen aus. Sie finden dabei in der Bibel einige textliche Grundlagen und verweisen auch gerne auf die Schöpfungsberichte. Auch der Lehrvers greift diese in seinem „alles [ist] von Gott“ auf. Danach sei es völlig offensichtlich, was Mann und was Frau, was männlich und was weiblich sei. Die Trennung beider entspreche göttlichem Schöpfungswillen ebenso wie etwaige Zuweisung von Rollen oder gar Hierarchien, wie sie sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch niederschlagen.

Mir erscheint diese Position zweifelhaft. Die Beschreibung der Schaffung des Menschen als Ebenbild Gottes, das Sein des Menschengeschlechts “von Gott” fordert zu allererst auf, in den Erscheinungsformen der Menschen Gott zu suchen und zu erkennen. Es ist also weniger ein normierender als eher ein deskriptiver Inhalt. Nicht das, was wir meinen vorzufinden soll auch so sein, sondern das was wir vorfinden, das offenbart uns etwas über Gott. Die Schöpfungsberichte erscheinen danach eher ungeeignet, eine Haltung zu stützen, mit der geschlechtsbezogene Unterscheidungen ohne sachliche Gründe aufrechterhalten werden. Denn was sagt es über die eigene Vorstellung von Gott aus, wenn Gott nur in einer starren, binären Geschlechtsordnung gefunden werden kann?

Selbst wenn mensch ganz unkreativ von einer klaren binären Schöpfung der Menschheit ausgehen möchte, so folgt daraus doch nichts an Rollenzuweisungen oder Unterordnungen, wie wir sie immer noch vielfach vorfinden. Die Bibel enthält ebenso wie das bekannte paulinische “das Weib schweige in der Gemeinde” offenbar auch das “so ist der Mann durch die Frau”. Wo ist da Raum für ein eindeutiges Gebot zur sprachlichen oder sonstigen Zuweisung von Geschlechterrollen und Positionen?

Wenn unser christlicher Standpunkt solche Blüten im Umgang mit Gottes Ebenbildern trägt, dann haben wir bei unserer Betrachtung dieser Ebenbilder wohl noch einige Fassetten Gottes übersehen.

Ulrich v. Ulmenstein

24. August

"Ein Clown tanzt seinen Glauben"

Es war einmal ein Clown, der tanzend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in ein Kloster ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalm zu singen.
So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit dem Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein konnte nichts. “Was tu ich hier?” sprach er zu sich selbst, “ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz.”

In seinem Kummer flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. “Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche, so will ich doch tun, was ich kann.” Er zog seine Mönchskutte aus und stand da in seinem bunten Gewand, in dem er als Clown umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen: Vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Und wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis ihm der Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen.

Ein Mönch aber war ihm gefolgt, hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mitangesehen und den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen.
Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen bestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: „Ich weiß, Abt, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die Unrast der Straße wieder ertragen.”
Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: “In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über unsere Lippen kommen, ohne dass unser Herz sie sendet.”

(nach einer französischen Legende)

Und womit kann ich GOTT loben?

Liebe Grüße und einen tanzenden Tag

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

23. August

Zauberworte 

In der berühmten, sprichwörtlich gewordenen Formel Sesam öffne dich! (vgl. arab. iftah ya simsim) aus Ali Baba und die 40 Räuber ist wirklich die Sesampflanze gemeint, auch wenn sie wenig mit dem Fels gemein zu haben scheint, der sich da öffnet. Diese im arabisch–asiatischen Raum zur Speiseölgewinnung und als Gewürz verwendete Pflanze teilt mit dem Felsentor eine wichtige Eigenschaft: die Fruchtkapsel des Sesams öffnet sich, sobald sie reif ist, und lässt die Samen (übertragen: den Schatz) herausfallen. Und so öffnet sich auch das Felsentor, hinter dem die Räuber ihre Schätze versteckt haben, wie eine reife Frucht, als der kluge Ali Baba die richtige Formel nennt.“  (Zitiert aus https://www.wissen.de/wortherkunft/sesam)

So einfach war das mit der Mauer nicht, die vor genau 60 Jahren in Berlin gebaut wurde und über 28 Jahre unüberwindlich erschien. Sesam öffne dich? Zauberworte finden sich oft in Märchen, aber in der sogenannten Wirklichkeit scheinen sie leider wirkungslos zu sein.
Oder ist das zu einseitig gedacht?
Ist es nicht doch so, dass das rechte Wort zur rechten Zeit neue Wirklichkeiten schaffen kann, die zuvor für zu schön, um wahr zu sein gehalten wurden? 1989 hieß dieses Wort Wir sind das Volk! Es konnte wirken, weil es die Menschen – im doppelten Sinne – bewegt hat. Da bewegte sich dann auch die Mauer.
Im Evangelium des gestrigen Sonntags aus Markus 7,31-37 begegnet uns auch so ein besonderes Wort. Hefata! sagt Jesus zu dem Taubstummen. Tu dich auf! oder Öffne dich! Vom Wortstamm her ist das mit dem arabischen iftah ya simsim von Ali Baba identisch. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Jesus es zu einem Menschen sagt und damit die Wirklichkeit dieses Menschen entscheidend verändert. 

Wann haben Sie persönlich zum letzten Mal so ein Zauberwort gehört und was ist dabei geschehen?

Heinz Schneemann

20. August

Sommergesang

Es ist August. Sommer. Ferien- und Urlaubszeit! Vielleicht hatten Sie schon Gelegenheit zu einer Urlaubsreise oder Sie haben Ausflüge in die nähere Umgebung unternommen. Ich habe Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte gemacht. Mit dem Rad sind wir von See zu See gefahren, über Wiesen und Felder, durch kleine Wäldchen. In diesen Urlaubstagen war mir das Paul-Gerhardt-Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ ein ständiger Begleiter. Ich habe es vor mich hin gesungen. Oder die Melodie gesummt oder gepfiffen mit dem jeweiligen Text im Kopf – je nachdem, wie es mir die Natur um mich herum eingab.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit 
an deines Gottes Gaben. Schau an der schönen Gärten Zier 
und siehe wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.

Unser Urlaubsquartier hatten wir in einem kleinen Dorf – mit Gärten, in denen die verschiedensten Blumen in allen nur möglichen Farben zu bestaunen waren. 

Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub 
mit einem grünen Kleide. Narzissus und die Tulipan, 
die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.

Morgens wurden wir vom Vogelgezwitscher geweckt. Das begleitete uns durch den Tag bis zum Abend, dann konnten wir dem „Schlagen“ der Nachtigall lauschen. 

Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft 
und macht sich in die Wälder; die hochbegabte Nachtigall 
ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder.

Besonders eindrücklich waren mir die Getreidefelder. Tatsächlich Getreide! Es stand schon gut und die Felder hatten sich mit Klatschmohn und Kornblumen geschmückt.

Der Weizen wächset mit Gewalt; darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte des, der so überfließend labt 
und mit so manchen Gut begabt das menschliche Gemüte.

Ja, dieser Urlaub war ein Labsal! Und er hätte gern länger dauern können. Dankbar für die Schönheit der Schöpfung, für „Gottes großes Tun“ habe ich diesen Urlaub erlebt – und gesungen:

Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun 
erweckt mir alle Sinne. Ich singe mit, wenn alles singt, 
und lasse, was dem höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.

Schlagen Sie das ursprünglich mit „Sommergesang“ betitelte Lied doch einmal im Gesangbuch auf (Nr. 503) und lassen Sie Ihr Herz ausgehen und Freude suchen an der Schöpfung. Das geht auch gedanklich – in Erinnerung an den Urlaub, einen Spaziergang im Park oder das Verweilen im Garten. Vielleicht singen Sie dann auch mit. Oder summen oder pfeifen die Melodie… 

Pfr. Matthias Piontek

19. August

Gott ist wie ...

Am vergangen Sonntag fuhr ich gemeinsam mit meinen Bruder von Naumburg nach Weimar mit dem Fahrrad. Entlang des Ilmtal-Radweges, gab es neben einer schönen Landschaft und vielen Dörfchen, auch einige kleinere Dorfkirchen zu sehen. Eine war offen und hat explizit dazu eingeladen abzusteigen und doch mal reinzuschauen.Es war die kleine St. Marien Kirche in Mattstedt. Eine kleine wunderschöne Dorfkirche, die gerne zum verweilen einlädt. In der Kirche selbst war eine kleine Ausstellung der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Sie hatten T-Shirts bemalt, Stöcke geschnitzt, Sachen aus Ton geformt oder Bilder gemalt. 

Als großes Thema stand vorne an der Eingangstür: „Gott ist wie…“.

Ich begann durch die Kirche zu gehen und zu lesen, wie die Konfirmanden Gott empfinden und was sie mit ihm in Verbindung bringen. Für manche ist Gott wie ein Hirte. (Ps. 23), passend dazu hatten sie Hirtenstöcke geschnitzt. Andere wiederrum empfinden Gott wie einen Arzt, der sie heilt. (2.Mose 15,26). Manche der Konfis sehen in Gott auch einen Fels oder eine Burg (Psalm 18, 3). Und wieder andere hatten Gott als Töpfer beschrieben (Jes. 64,7). 

Während ich die kleineren und größeren Kunstwerke so betrachtete und mir durchlas, warum sich die Konfis Gott so vorstellen, wie sie ihn sich vorstellen, kam mir die Frage, wie stelle ich mir Gott eigentlich vor?

Nach einigen hin und her überlegen stelle ich fest, Gott ist für mich wie die Sonne. So heißt es beispielsweise auch in Psalm 84, 12 „Gott ist Sonne und Schild“. An manchen Tagen, scheint die Sonne hell und warm auf uns, macht uns glücklich. Manchmal aber wird sie von dunklen, schweren Wolken verdeckt. So ist es im Leben auch, manchmal da scheint Gott richtig rein in mein Leben und manchmal, da frage ich mich wo er denn überhaupt ist. Bei der Sonne ist es ähnlich. Doch die gute Nachricht ist, sowohl Gott, als auch die Sonne sehen wir nicht immer, aber scheinen und sein, das ist bei beiden immer so. Auch wenn ich als Mensch es nicht immer sehen kann, da Wolken mir die Sicht versperren.

Ich stelle fest, Gott ist für alle verschieden. Wir alle haben unsere Gedanken, Vergleiche und Vorstellungen, wenn wir an Gott denken. Es gibt kein richtig und kein falsch, denn Gott ist für uns alle unterschiedlich. Denn er begegnet uns auch allen unterschiedlich. Und trotzdem kann es ganz neue Perspektiven eröffnen, für sich selbst den Satz zu vervollständigen oder auch mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Dazu möchte ich Sie herzlich einladen.

Tom Gelf

18. August

Neulich las ich in der Zeitung, dass es in Thüringen zum Impfen eine Bratwurst kostenlos dazu gab. 

(Ich gehe jetzt mal davon aus, dass das kein Fake News war.)

Ja, wie schräg ist denn das!?

Allerdings noch schräger ist, welchen fulminanten Erfolg diese Aktion hatte: 500 Leute sollen sich an einem Tag haben impfen lassen und anschließend ihre Bratwurst verdrückt. Sogar von auswärts wären welche angereist.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“? Dass ich nicht lache.

Sie werfen sie selber weg – für eine Bratwurst. Früher war das mal ein Teller Linsen.

Jetzt ärgere ich mich natürlich schwarz, dass ich schon geimpft bin. Sonst würde ich solange warten, bis mir eine schmucke Segelyacht dafür angeboten würde. Aber Vorsicht! Ich würde nicht sofort zuschlagen. Ich würde nachverhandeln, bis mir auch noch ein lebenslanger kostenloser Liegeplatz am Cossi dazugelegt würde. Man muss schließlich an die Zukunft denken…

Schönen Tag noch

Ihr Günther Jacob

17. August

Regenbögen

Wir erreichen am 14.08. mit dem Zug Krakau. Nachdem wir unser Gepäck in der Ferienwohnung abgestellt haben, wollen wir uns einen ersten Eindruck von der Stadt verschaffen, die wie vielleicht keine andere in Polen für die Nation und den polnischen Katholizismus steht. Direkt auf dem großen Marktplatz laufen wir in eine riesige Pride-Demo – ein nicht endender Zug junger Menschen mit Regenbogen- und Europafahnen, Musik und ansteckend toller Stimmung. Ja, mit so viel Ausgelassenheit, Lebensfreude und Regenbogenfahnen jeder Art und Größe hatten wir hier nicht gerechnet. 

Der Regenbogen, eigentlich nur ein optisches Phänomen, lädt mit seiner faszinierenden Strahlkraft immer wieder dazu ein, ihn als Symbol zu verwenden. Zur Zeit des Irakkriegs schwenkten wir die Regenbogenfahne der internationalen Friedensbewegung mit dem italienischen „PACE“-Schriftzug. Diese Fahne hat übrigens sieben Farben. Das Symbol der LGBTQI-Bewegung besteht nur aus sechs. Alte mythologische Erzählungen in verschiedenen Weltgegenden deuten den Regenbogen metaphysisch. In der Bibel steht er vor allem für den Bund Gottes mit den Menschen. Im 1. Buch Mose 9, 12 und 13 heißt es über den Regenbogen (Lutherübersetzung): „Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“ Was für ein schönes Bild. Die Zusage Gottes an das Leben wird symbolisiert durch einen nicht greifbaren Bogen aus allen sichtbaren Farben. Und diese Zusage gilt unabhängig davon, wofür der Regenbogen in Zukunft noch alles stehen wird. 

Christian Marquering

16. August

Gnade

Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Gnade und Treue willen!“  Psalm 115,1

Heute richtet die Tageslosung unseren Blick auf die Gnade. Was ist Gnade? Das Wort ist aus unserem täglichen Wortschatz nahezu verschwunden. Umso wichtiger ist es, darüber nachzusinnen, was Gnade für uns bedeutet. 
Waren Sie gestern im Gottesdienst? Ich stelle diese Frage, weil für mich der Gottesdienst ein entscheidender Zugang ist, der Gnade unseres Herrn nahe zu sein. Segen, wie wir ihn im Gottesdienst erleben, ist für mich Gnade. Die farbigen Reflexe an den schlanken Säulen unserer Kirche erscheinen mir wie ein Symbol für das Wirken der Gnade.
Erbarmung, Barmherzigkeit und Güte sind andere Bezeichnungen für Gnade, die wir für unser Leben brauchen.

Lassen Sie uns im Gesangbuch das Lied Nummer 355 aufschlagen und dort von der Gnade lesen, summen oder singen:

Mir ist Erbarmung widerfahren,
Erbarmung, deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren,
mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.“

Mit diesem Liedtext zur Gewissheit der Gnade wünsche ich Ihnen eine gesegnete Woche.

Klaus Kruczynski (Foto: privat)

13. August

FRIEDEN finden

Über Friedhöfe zu gehen bedeutet für mich inneren Frieden finden, Nachdenken über mir bekannte und unbekannte Menschen. Wenn ich auf Reisen bin hab ich immer Zeit dafür, hier in Leipzig nehme ich sie mir. Die Besuche sind verschieden geprägt. Auf mir fremden Friedhöfen entdecke ich Namen, lese Jahreszahlen, sehe die Bepflanzung, habe Geschichten dazu im Kopf – in Dresden gehe ich zuerst gezielt an die Gräber meiner Lieben – in Leipzig an die Gräber derer, die ich gut kannte und die mir nahe waren.

So ein Friedhof ist ruhig, voller Natur und voller Erinnerungen. „Ruhe in Frieden“, das spürt man hier, unter den Bäumen ebenso wie auf der freien Fläche, über die der Wind weht.

In diesem Monat war ich bereits zweimal, gemeinsam mit mir lieben Menschen, hier in Leipzig auf dem Südfriedhof. Nach dem Aufsuchen von uns persönlich wichtigen Gräbern entdeckten wir – wieder mal – viele weitere uns bekannte Namen. Zu manchen können wir etwas aus ihrem Leben uns erzählen. Zu manchen hatte ich, hatten wir, irgendwie, irgendwann, irgendwo persönlichen Kontakt. So habe ich in jungen Jahren mit zweien jeweils im Duett gesungen, andere habe ich, haben wir, auf Bühnen gesehen und gehört, von anderen las ich ihr Buch oder weiß, wo ihre Kunstwerke hängen, mit anderen war ich im Gespräch oder hörte ihnen zu. Ich denke dort dann besonders an diese Menschen und auch an Begebenheiten, die mit ihnen zusammenhängen. Ruhig kann ich mich auf eine Bank setzen und den Gedanken nachspüren, dabei wechselhafte Gefühle haben.

An der Allee der in den verschiedenen Regimen ermordeten oder darin umgekommenen Menschen kann man am Wort „Frieden“ (ver)zweifeln. Und doch empfinde ich ihn, gerade auch dort, über dieser ehrenvoll, akribisch angeordneten Aufreihung der Grabsteine, ganz dem Blick und den Naturereignissen freigegeben. Und eben dort weiß ich, wie wichtig Frieden ist und dass er überall sein muss – und dass ich ihn nicht nur auf Friedhöfen finden möchte.

Baberina Müller 

12. August

Ich spalte ...

Ich spalte

in Frieden

und Freude

mein Holz.

– Gebet für die innere Axt –

Kann man begleiten mit Arm-Bewegungen, die einem passend erscheinen.

Patrik Schwarz

11. August

Ein Stein im Mosaik

Im Rahmen der Expo 2000 gab es eine Aktion einer Umweltstiftung. Sie baten Menschen um eine Spende und jede wurde mit einem Mosaikstein mit Spender-Namen „honoriert“. Die Mosaiksteine aus Keramik fügten sich zusammen zu einem Bild der Welt. Alle Kontinente wurden kunstvoll zusammengesetzt, farben- und hoffnungsfroh.  Meine Freundin gehörte zu den Spendern. Nun waren wir zusammen in Trier und erfuhren, dass diese Mosaike in einem Nachbarort – Mettlach – ihren „Nachnutzungsort“ in einem Park gefunden hatten. Natürlich fuhren wir hin und freuten uns an den unverwüstlichen farbenfrohen Bildern, aber – den Namen meiner Freundin fanden wir nicht. Wir ärgerten uns nicht (okay, ich mich ein klitzekleines bisschen ). Denn natürlich gibt es eine Sehnsucht nach dem „Wiederfinden“, nach dem Erkennen des Eigenen im Puzzle des Lebens. Aber meine Freundin sagte: Es macht nichts. Ich weiß, dass ich Teil dieser Spenderfamilie bin und nicht nur einmalig bei solch einer Aktion, sondern seit über dreißig Jahren regelmäßig. 

Ich musste daran denken, als ich vorgestern, am 79. Jahrestag der Ermordung von Edith Stein in Auschwitz folgendes Gebet von ihr las:

Ohne Vorbehalt und ohne Sorgen leg ich meinen Tag in deine Hand.
Sei mein Heute, sei mein Morgen, sei mein Gestern, das ich überwand.
Frag mich nicht nach meinen Sehnsuchtswegen, bin aus deinem Mosaik ein Stein.
Wirst mich an die rechte Stelle legen, deinen Händen bette ich mich ein.“  

Edith Stein

Was für ein Vertrauen. 
Ich bin traurig. Kann es die „rechte Stelle“ sein, wenn man in Auschwitz in die Gaskammer getrieben wird? Die ewige Frage … nach dem Warum des Leids.

Ich bin dankbar. Viel Kluges, Liebenswertes, Zuversichtliches begegnet mir immer wieder von Edith Stein. Sie lebt weiter. Und auch wenn wir evangelischen Christen es nicht so mit der Heiligenverehrung haben: Ihr Name als Ordensfrau war: Teresia Benedicta vom Kreuz. Als solche lebte sie, starb sie, lebt sie, und nicht nur wegen der Heiligsprechung, … als Mosaikstein im bunten Bild des Lebens, dessen Platz sie trotz allem mit Vertrauen angenommen hat. 

Ich bin hoffnungsvoll. Gott weiß, welcher Stein ich in seinem Mosaik bin, auch wenn ich den Namen nicht finde, die Stelle nicht weiß. Ich bin nicht allein. 

Claudia Krenzlin

10. August

Mehr als ein Gastgeschenk - eine Lebensweisheit

Es war Anfang der 90er Jahre, als Mitglieder unserer Bethanienkirchgemeinde mit einem Bus zur Partnergemeinde nach Hilversum fuhren. Die Fahrt war aufgrund der Dauer etwas beschwerlich, aber wir wurden sehr herzlich begrüßt und haben bei mehreren Ausflügen viel von dem für uns bis dahin fast unbekannten Land gesehen.

Übernachtet haben wir in Wohnungen der Hilversumer Gemeindeglieder, die erfreulicherweise zumindest so gut deutsch verstanden und sprachen, dass wir uns gut unterhalten konnten. In der Küche unserer Gastgeber hing eine bemalte Kachel, die unser Interesse weckte. Über den Inhalt, der aus meiner Sicht so viel Lebensweisheit enthält, kamen wir schnell ins Gespräch. Diese kurzen Sätze spiegeln so anschaulich wider, wie sich die Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern – hier am Beispiel von Tochter und Mutter – entwickelt und blenden dabei auch schwierige Phasen nicht aus.

Dass uns am Ende des Besuches diese Kachel geschenkt wurde, hat uns sehr bewegt. Seitdem hängt sie in unserer Küche und erinnert uns einerseits an den schönen Besuch; andererseits blicken wir mit großer Dankbarkeit darauf, wie wir diese Phasen mit unserer Tochter, die übrigens seit fast 20 Jahren mit einem Hilversumer verheiratet ist, erleben durften.

Mutter

5 Jahre: Meine Mami kann alles.

10 Jahre: Mama weiß natürlich auch nicht alles.

15 Jahre: Davon versteht meine Mutter überhaupt nichts.

18 Jahre: Meine Mutter hat vielleicht altmodische Ideen.

25 Jahre: Ich müsste meine Mutter mal um Rat fragen?

35 Jahre: Wie hat denn meine Mutter das Problem gelöst?

50 Jahre: Meine Mutter? Die hat von allem was verstanden! 

Martin Meigen (Foto: privat)

9. August

Umweltschutz hat keinen Urlaub

Kurz nach 6:00 morgens auf etwas über 1200m Seehöhe. Die Sonne geht langsam hinter den Bergen auf. Ein kleiner Speicherteich für die Beschneiung von Skipisten liegt vor mir. Ein gigantischer Ausblick, ein wunderschöner Sonnenaufgang belohnen mich für das frühe aufstehen und hierher wandern. Ich bin überwältigt von der Schönheit dieses Augenblicks. Die aufgehende Sonne, die sich im ruhigen Wasser spiegelt, die Berge im Hintergrund. Das gesamte Panorama versetzt mich in Staunen. 

Gleichzeitig weiß ich um die Fragilität dieser Schönheit. Hitzewellen, Starkregen, Schlammlawinen oder Erdrutsche gefährden Mensch, Pflanzen und die Tiere auch hier auf über 1200m Seehöhe. Der Klimawandel und vor allen Dingen die Verschmutzung der Umwelt machen sich auch hier bemerkbar. Kaputte Wanderstöcke, liegengelassenes Brotpapier oder leere Flaschen sind auch am Berg keine Seltenheit mehr. So etwas ärgert mich. Denn eine solche Einfach-fallen-lassen-Mentalität gefährdet die einzigartige Naturlandschaft noch mehr, als sie es ohnehin schon ist.

So bewundernswert die Natur hier scheint, genauso zerbrechlich ist sie eben auch. Einmal mehr wird mir bewusst, der Umweltschutz darf in unseren Köpfen keinen Urlaub machen. 

Der Klimawandel stellt uns ohnehin schon vor riesige Herausforderungen. Deshalb sollten wir es uns nicht noch schwerer machen, in dem wir unsere Urlaubsorte zumüllen. Denn nur dann werden wir auch zukünftig unsere Erholung dort finden können.

Mit herzlichen Urlaubsgrüßen

Ihr/Euer Tom Gelf  (Foto: privat)

6. August

Der Schatten von Hiroshima

Der Schatten von Hiroshima
Eines Menschen Schatten ist der Wand
Auf der Treppe zugesellt für immer.
Der Atomkrieg hat ihn eingebrannt.

Mihai Beniuc, Gedichte. Bukarest 1958
………………………………………………

Von Präsident Truman zum Einsatz freigegeben, um die Japaner zur Kapitulation zu bringen, nimmt das Verbrechen vor 76 Jahren seinen Lauf:
8:15:17 Uhr ergeht der Befehl zum Abwurf.
8:16:02 Uhr die Stadt trifft ein greller weißer Explosionsblitz. 
Eine Hitzewelle von 4000 Grad lässt binnen eines Augenblicks zehntausende Menschen verdampfen, als Schatten in die Wand einbrennen oder verkohlen. 
Die erste Atombombe verwüstet am 6. August 1945 mit ihrem nuklearen Urknall und der entstehenden Druckwelle 80 Prozent Hiroshimas. 

Überlebende flüchten, teils brennend, panikartig zum Fluss. Es beginnt zu regnen. Gierig wollen sie davon trinken, aber der Schwarze Regen ist radioaktiv.

Am Tag danach kehren Menschen heim. Viele suchen ihre Angehörigen. Sie treffen auf geschwärzte Mauern und verkohlte Balken und – weiße Asche. Bruder, Schwester, Mutter, Vater finden sie nicht. Nur diese Asche. Gestern waren sie noch gesund mit ihnen zusammen gewesen. Jetzt sind sie diese weiße Asche! 

Am Fliegerhorst Büchel im Hunsrück sind taktische Atomwaffen der US-Streitkräfte gelagert, die mit ihrem derart zerstörerischen Potential von Deutschland aus eingesetzt werden könnten.

Ich finde es unfassbar, dass es nach den Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki immer noch Atomwaffen gibt. Mir ist nicht begreiflich, warum die Bundesrepublik Deutschland den Verbotsvertrag bis heute nicht unterzeichnet hat.“ ( Margot Käßmann in einem Interview mit dem forum ZFD zum 25jährigen Jubiläum ).

Dieser Meinung Margot Käßmanns stimme ich zu. Bedauerlich finde ich, dass der Antrag der Linken und von Bündnis 90/die Grünen, dem Atomwaffenverbotsantrag der Vereinten Nationen beizutreten, von den anderen Fraktionen im Bundestag abgelehnt wurde! 

Steht der Schatten reglos auf der Wacht, 
Hält für immer hier getreulich Wache, 
Dass nicht wiederkehre jene Nacht, 
Die Vernichtung sich nicht neu entfache; 
Niemals einer Kernentfesslung Flamme
Wieder unsern Menschenlenz verdamme!

Haben Sie ein gutes Wochenende!

Rolf-Dieter Hansmann

5. August

Sehnsucht nach Geborgenheit

Einer der beliebtesten Taufsprüche stammt aus Psalm 91. 

Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Engel, Wesen der Gottheiten. Sie waren für Menschen immer schon wichtig und haben in den verschiedenen Religionen einen hohen Stellenwert. Das gilt bis in unsere Tage. Neben den gefallenen Engeln, die als Dämonen ihr Unwesen treiben, treten Engel besonders in unseren Vorstellungen als Wesen auf, die begleiten, schützen, die Verbindung zu Verstorbenen halten, die die Himmlischen Heerscharen anführen und als Brücke zu Gott fungieren. 

In der Taufe wird u.a. Gottes treue Begleitung bis in Ewigkeit dem Täufling zugesagt. Der Taufengel bringt die segensreiche Botschaft. Die Beliebtheit von Taufengeln ist schnell nachzulesen und findet ihren Ursprung immer wieder in der Sehnsucht der Menschen, dem Himmlischen verbunden zu sein. Taufen wir im Irdischen, mitten in einer Welt, in der Leid, Angst und Geschrei ist, dann leben wir den Moment einer himmlischen Beziehung, die stärker ist. Der Taufengel schwebt über dem Taufbecken. Der Engel- der Angelos – der Bote bringt die gute Nachricht für den Täufling: Fürchte dich nicht auf dieser Welt, dein Gott ist mit dir, wo immer du bist. 

Auf dem Bild sehen Sie einen Taufengel, der durch erzgebirgische Handwerkskunst entstand. Erzählt wird, dass es diesen Engel schon weit vor der Zeit des berühmten Paares Bergmann und Engel gab. Der Taufengel, er brachte das Licht in dunkle Jahreszeiten und in finstere Lebenszeiten. 

Wir haben vor ein paar Tagen diesen Engel unserer Enkeltochter zur Taufe geschenkt. Heute möchte ich Ihnen den Engel zeigen und wie im Psalm 91 darum bitten:

Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Herzliche Grüße

Martin Staemmler-Michael (Foto: privat)

4. August

Nähme ich Flügel der Morgenröte ...

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich leiten. Ps. 139, 9+10

In einigen Wochen ist wieder Konfirmation. Neben der Gästeliste, den Essensvorbereitungen und der Frage nach der Kleidung, ist es immer spannend, wenn es um die Wahl des Konfirmationsspruches geht. Ich weiß noch, dass ich mich sehr schwer damit tat. Schuld war vor allem meine Liste an Kriterien. Er sollte schön klingen, aber auch eine kraftvoll sein. Es sollte kein 0815-Spruch sein, er sollte nicht zu lang sein, aber auch nicht nur aus drei Wörtern bestehen. Außerdem wollte ich lebenslang einen Bezug zu ihm haben. 
Dementsprechend mühsam war die Suche. Auch die Konfifahrt verlief, trotz Gruppenarbeiten, Bibelworkshops, etc., in diesem Punkt erfolglos. Dann, Wochen später, hatte ich das nun zerknickte Liedblatt jener Fahrt in den Händen. Ein Psalm war darauf abgedruckt und mir fiel wieder das Wort Morgenröte auf. Ein schönes Wort. Und dann noch davor: Flügel der Morgenröte. Wie sehen Flügel der Morgenröte aus? Keine Ahnung, aber es klang so schön… Ich kürze mal hier ab und verrate, dass dies letztendlich mein Konfispruch wurde. 
Das ist über zehn Jahre her und ich blicke inzwischen auf verschiedene Situationen zurück, zu denen dieser Spruch einfach wunderbar passt: Umzug in eine andere Stadt, diverse Reisen und auch Momente, in denen man sich selbst fern ist… In diesem Sinne ein paar Worte an alle Konfirmandinnen und Konfirmanden: Falls ihr noch Zweifel an eurem Konfispruch habt, weil er nicht kraftvoll, persönlich oder so wirklich nach euch klingt, hört mal auf euer Bauchgefühl. Was ist es, das euch bei diesem Vers anspricht? Ihr müsst es keinem sagen, wenn es euch unangenehm ist. Ich habe damals auch irgendwas Tiefgründigeres als Begründung gegeben, als den Fakt, dass ich Flügel der Morgenröte einfach schön fand. Wichtig ist es, dass ihr etwas mit ihm anfangen könnt. Und dann lasst mal etwas Zeit vergehen und schaut in zehn Jahren nochmal auf eure Entscheidung. Holt der Vers euch immer noch ab? Fallen euch Situationen ein, in denen er sich bewahrheitet hat? Lest ihr ihn jetzt mit anderen Augen? Seid mal neugierig und dann hören wir uns in 10 Jahren wieder. 

Friederike Schönherr

3. August

Nur ein Spiel

Der August ist unser Ferienmonat. Ferien - das bedeutet vor allem mehr freie Zeit in einem Stück. Das nehmen wir doch gern an, um endlich wieder einmal mehr mit der Familie oder guten Freunden unternehmen zu können oder auch um zurück zu uns selbst, zu unserer Mitte oder zu unseren Hobbys zu finden.

Manche haben für diese kostbare Zeit tausend Ideen und Pläne im Kopf und wissen gar nicht, wie sie das alles umsetzen oder in die Reihe kriegen können.  Reisen ist natürlich eine besonders beliebte Ferienbeschäftigung, weil es spannend ist, weil wir dabei in Bewegung kommen und Neues entdecken und weil sich unsere Tage dabei schnell - oft zu schnell! - und wie von selbst auf angenehme Weise mit schönen, anregenden und erholsamen Erlebnissen füllen.

Und wenn wir nicht verreisen, oder wenn die Wanderschuhe bzw. der Fahrradsattel der Blasen wegen dringend einen Ruhetag benötigen, oder wenn es schlechtes Wetter gibt, von dem ganz Hartgesottene behaupten, dass es so etwas gar nicht geben würde, oder wenn…? 

Manchmal taucht dann doch auch die Frage auf: Und was machen wir heute? 

Klar, fernsehen oder smartphönen oder auch lesen geht immer - aber als WIR, in Gemeinschaft, da könnte es schon noch etwas Schöneres geben. Gute Gespräche zum Beispiel. Nur lassen die sich bekanntlich nicht so einfach jederzeit aus einer Schachtel nehmen.

Sie merken schon, liebe Leserin und lieber Leser, jetzt steuere ich zielstrebig auf mein Thema zu: ein Spiel! Wer mit Kindern unterwegs ist, weiß aus Erfahrung, wie ratsam es ist, da etwas dabeizuhaben. 

Und bei den Großen? Da scheiden sich die Geister - und das nicht erst seit heute!

In der Bibel kommen Spiele praktisch gar nicht vor - es sei denn, man rechnet auch die Musik als eine besondere und auch besonders erfüllende Form des Spielens mit ein. Und dann darf dazu sogar noch getanzt werden!  

Aber so „richtige“ Spiele, die es in einer Schachtel gibt? Manche finden dabei stundenlang Freude - ein spannendes kleines Leben im großen!  Und andere winken genervt oder gelangweilt ab.

Den einen möchte ich hier ein feines und gut verdauliches Bonbon schenken, das Sie wahrscheinlich noch nicht probiert haben und für das Sie auch nicht schon wieder 49,99 € ausgeben müssen: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Lines_of_Action

Und den anderen möchte ich - selbstverständlich auch augenzwinkernd - ein gehaltvolles Wort aus Friedrich Schillers 15. Brief Über die ästhetische Erziehung des Menschen von 1795 zuspielen: 

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Herzliche Feriengrüße

Ihr Heinz Schneemann 

2. August

Altena – 14 Tage danach

Die Zeit der dramatischen Bilder ist vorbei.
Die Zeit für hochrannigen Besuche auch.
Aber die Zeit der Hoffnungslosigkeit, der Trauer, des Leids nicht!
Die Menschen brauchen unsere Unterstützung:
durch Spenden (Infos im Pfarramt der Bethanienkirchengemeinde) und durch Gebet:

Altena-Psalm

Rette mich, Gott, unsere Zuflucht und Kraft. 
Auch meine Seele steht unter Wasser. Ich sinke ein im saugenden Schlamm, 
kann kaum noch stehn, lass mich nicht untergehen… 
Zieh mich heraus aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, 
dass die Fluten nicht über mich stürzen, dass mich die Tiefe nicht niederschlingt. 
Vom Grund des tiefen Wassers rufe ich.
Eine Stimme steigt in mir empor, steigt über mich hinaus, hin zu dir: 
Du bist mein Gott. Befreier der Menschen. 
Die Erde verändert sich. Die großen Wasser rasen und toben. 
Du aber bleibst. Bleibst derselbe. Deine Treue ist eine feste Burg. 
Wie ein Fels, wie ein Leuchtturm am Wasser. 
Die, die dich lieben, führst du ins Weite. Führst sie zur Ruhe. 
Ihnen löst du die Fesseln, mit ihnen überspringst du die Mauern, 
baust Städte für sie auf und für ihre Kinder – damit wir dort wohnen 
zusammen mit Fremden und Flüchtlingen. 

Du Befreier auf ewige Zeiten! 

(Entnommen aus Teilen der Psalmen 18,42,46 und 69) von Johannes Broxtermann/Altena

Angela Langner-Stephan

31. Juli

"Freitagsbriefe"

Aus einem von hunderten „Freitagsbriefen” meiner Mutter an mich:

Gute Gespräche führen ist so beglückend wie durch Wiesen gehen. 

Man nimmt immer etwas mit nach Hause und sei es nur 

das dankbar-freudige Gefühl, dass es beides noch gibt – 

unter uns, in unserer Welt“.

Was sollte ich dazu noch schreiben, außer

  • ich bin traurig, dass der Briefkasten freitags nun ohne ihre Briefe leer ist,

  • ich bin glücklich, dass viele, viele Schuhkartons mit ihren Briefen voll sind.

Gute Briefe sind so beglückend wie gute Gespräche … und haben eine längere „Halbwertzeit“.

Claudia Krenzlin  – (Foto: privat)

30. Juli

Urlaub erlaubt!

Weil Sprache und Wirklichkeit sich immer gegenseitig beeinflussen, setze ich mich gern mit der Herkunft und Bedeutung von Wörtern auseinander. Da er mir bei vor der Tür steht, hat mich dieser Tage der Begriff „Urlaub“ beschäftigt. Er hat nichts mit prähistorischen Pflanzen zu tun, sondern kommt aus dem Wortfeld erlauben/Erlaubnis.

In einem Schreiben aus dem 16. Jahrhundert las ich dieser Tage, dass ein Prediger „enturlaubt“ werden sollte – er verlor also die Erlaubnis zu predigen und sich an einem bestimmten Ort aufzuhalten. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit konnte ein Lehnsherr seinen Untertanen Urlaub gewähren, also die Erlaubnis, sich an einen anderen Ort zu begeben. Dass man sich heute „Urlaub nehmen“ kann, zeigt, dass wir da etwas weiter sind – auch wenn die Erlaubnis des Dienstherrn in der Regel notwendig bleibt.

Bei Gott sieht es anders aus: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ sagt Jesus in den Worten des Evangelisten Matthäus (Mt 11, 28). Hier muss ich nicht in Vorleistung gehen, mir den Urlaub nicht verdienen und er dient auch nicht dazu, mich arbeitsfähig zu erhalten. Es ist die pure Lust Gottes, uns ohne Hintergedanken das zu schenken, was uns guttut.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie das immer wieder erleben und eine erquickliche Urlaubs- und Sommerzeit verbringen dürfen!

Ihr Konstantin Enge

29. Juli

Vom Aufgang der Sonne …

Diesen Kanon kennen die meisten. Oft wird er gesungen, um die Kinder musikalisch zu ihrem Gottesdienst zu begleiten, aber auch bei Gemeindefesten. Mit Armbewegungen werden die Sonnenbahn und das Danken angezeigt. 

Ich muss zugeben, dass ich nicht so ein „Fan“ dieses Kanons bin. Und doch ging er mir in unserem gerade zu Ende gegangenen Urlaub nicht aus dem Kopf. Wir erlebten drei Wochen Natur pur, mit allem Schönen und allem Unbill, zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang und auch des Nachts. Wind, Sturm, Flaute, Gewitter, Blitze, Regen, Sonne, Regenbogen, Wellen, Wolken, Himmelsfarben, glattes Meer, weicher Sand, fliehender Sand, Steine, Märchenwald, wogende Bäume, duftende Bäume, volle Felder, frisch gemähte Felder, blühender Mohn, Kornblumen, klopfende Spechte, singende Vögel und bei all dem das Gefühl von unendlicher Zeit. Dafür kann man, so wie es im Kanon heißt, dem Herrn danken und seinen Namen loben.

Ich empfinde es als ein Geschenk, dass ich mittendrin leben und wieder auftanken darf, so dass ich nun, wenn wieder vieles in Räumen zu tun ist, doch immer noch alles in meinem Inneren, auf meiner Haut spüre und dabei meinen Dank vielleicht durch mehr Gelassenheit und ein freundliches Lächeln weitergeben kann.

 … bis zu ihrem Niedergang

Baberina Müller

28. Juli

Schon jetzt in Gottes Hand

In Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt. (Hiob 12,10)

Denn in ihm leben, weben und sind wir. (Apostelgeschichte 17,28)

 

Untrennbar verbunden

Unauflöslich Teil des Höchsten

Denn nichts kann uns trennen

Denn wir sind sein eigen

 

Mit jedem Herzschlag

Mit jedem Atemzug

Und ob ich auch wanderte

Und ob ich auch strauchelte

An jedem helllichten Tag

In jedem nächtlichen Truge

 

Sacht umschlossen, behütet?

Von großer Kraft erdrückt?

Durch die Finger gerutscht?

Kann ich nur auf den rechten Halt vertrauen

Und in seinen Armen

Leben

Weben

Sein

 

Ulrich Frhr. v. Ulmenstein

27. Juli

Suchet der Stadt Bestes ...

 … und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlergeht, so geht’s euch auch wohl. Jeremia 29,7

Es ist ein Auszug aus einem Brief, den der Prophet Jeremia seinen Mitbürgern mit auf den Weg gibt. Sie leben in einem fremden Land mit einer fremden Kultur und Religion. 

Was für ein kluger Rat. Hoffentlich lesen die Einheimischen auch diese Zeilen, denn diese Worte sind der Gratmesser für ein gutes Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft. Einerseits wird den Juden gesagt, bleibt eurem Glauben, euren Wurzeln treu. Sie sind Urgrund eurer Gemeinschaft. Andererseits wird empfohlen sich für die Einheimischen zu öffnen, sie kennenzulernen und sich selbst vorzustellen. Dazu gehört Respekt voreinander und Toleranz. Dazu gehört die Achtung der Menschenwürde, weil alle Geschöpfe Gottes sind. „Betet für die Stadt, denn wenn es ihr gut geht, so geht’s auch euch wohl.“

Gleichzeitig wird ein Signal des Friedens und der Offenheit an die Einheimischen gesendet. Darin liegt die Bitte, hasst nicht, was euch fremd ist, lernt kennen und verstehen. Lasst uns einen behutsamen Umgang miteinander und mit unserer jeweiligen Herkunft pflegen. 

Wenn wir so als Christen in einer offenen Gesellschaft und in einer multikulturellen Stadt wie Leipzig wirken, dann sind wir das, was Jesus in der Bergpredigt den Menschen mit auf ihren Lebensweg gibt: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Mit Salz werden Lebensmittel haltbar gemacht. 

Es gehört u.a. auch zu unseren Aufgaben als Kirche in dieser Stadt, den Frieden zu stärken, zu versöhnen, zu Brennpunkten der Gesellschaft den Dialog zu fördern und Haltung zu beziehen, die die Würde jedes Menschen achtet. Wenn wir dazu beitragen können, dass solche elementaren Voraussetzungen für ein gutes Miteinander durch uns Halt bekommen, dann sind wir Salz für die Stadt. 

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlergeht, so geht’s euch auch wohl.“ 

M. Staemmler-Michael

26. Juli

Durch-Denken

Vom Glück des Müßiggangs, des Nichtstuns, der Muße, der Langsamkeit habe ich wenig bis keine Ahnung. Selbst Corona war kein Stoppschild. Ich konnte mein gewohntes Arbeitsleben fortführen, Kontakte wurden anders, aber genauso vielfältig und aktiv gepflegt, an Hausarbeit und Hunderunden änderte sich nichts. Wobei der Hund vielleicht mein einziges Tor zur Langsamkeit ist. Da er – von mir ebenso liebevoll wie inkonsequent „erzogen“ – der Meinung ist, man könne als zwölfjähriger Hund durchaus völlig autonom festlegen, ob man einen 400 m langen Weg in zwei Minuten oder einer Stunde zurücklegt, komme auch ich ins Trödeln. Es ist oft mehr „Spazierenstehen“ als Spazierengehen, was wir veranstalten und für mein Bonus-Krankenkassenprogramm, was mir für 1000 Schritte einen Euro sponsort, nicht wirklich erfolgsvorsprechend, aber ich „fahre runter“. Ich kann meinen Gedanken nachhängen, einer Amsel beim Pfützenbad zusehen, den Duft von Sommer einatmen. 

Meine Freundin, die sich mit mehreren Monaten Kurzarbeit Null arrangieren musste, erzählte mir, dass sie in dieser Zeit zwar ihre ganze Wohnung gemalert hat, aber auch lernte, einfach nichts zu tun als nur in aller Stille zu sitzen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Und dass sie überrascht war, WAS ihr für Gedanken kamen, mit denen sie in Ruhe so viel Zeit verbringen konnte, bis sie das Gefühl hatte, diese sozusagen GANZ durchdachtzu haben. 

Das hat mich sehr beeindruckt. Zum einen, weil ich weit davon entfernt bin, so – nützlich (?) – mit meiner Lebenszeit umzugehen. Zum anderen weil sich ja in unserer Gesellschaft genau das eigentlich nicht beobachten lässt. Es gibt eilige „News“- Meldungen, hitzige Diskussionen, (zum Glück noch meist verbalen) Schlagabtausch, festgefahrene Meinungen und überquellende Schubladen voller Vorurteile, entweder man be- oder man entschuldigt in Stereotypen sich wiederholende oder ähnliche Vorgänge. Man steht links oder rechts, ist für oder gegen. Natürlich gibt es Versuche, dem anderen zuzuhören und ihn vielleicht sogar zu verstehen. Aber die reichen meist nicht weit. Wir müssen ja unsere Überzeugungen mitteilen und wenn möglich, durchsetzen. 

Aber haben wir diese auch mal zu Ende gedacht? Wer von uns nimmt sich die Zeit, einfach nur in der Stille zu sitzen und mit den eigenen Gedanken so viel Zeit zu verbringen, dass man das Gefühl hat, etwas wirklich durchdacht zu haben? In einer Predigt hörte ich neulich. „Man muss Gott auch die Zeit geben, in uns zu wirken.“

Pippi Langstrumpf drückte das so aus: „Und dann braucht man ja auch noch Zeit, einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen“. 

Sie können mich jetzt auslachen. Aber seitdem versuche ich, genau das zu trainieren, so wie man einen erschlafften Bizeps trainiert – mit einer täglichen Übung, für die sich der Sommer bestens anbietet. Eine halbe Stunde früher aufstehen (und das ist ziemlich früh) und mich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon setzen. Nichts tun außer sitzen und denken oder auch nicht denken. Gott wird sich vermutlich nicht auf diese halbe Stunde zum „In-mir-wirken“ festlegen lassen, aber ich habe ein gutes Gefühl, sozusagen „ein Angebot“ zu machen :-). 

Claudia Krenzlin

25. Juli

Schneller, höh ...

Die alle vier Jahre stattfindenden Olympischen Spiele sind aus dem Takt geraten. Vorgestern wurden sie wegen der Corona-Pandemie mit einem Jahr Verspätung in Tokio eröffnet. 

Für die Sportlerinnen und Sportler und für viele andere, die lange Zeit dafür hart trainiert und gearbeitet haben, ist es ein langersehntes Ereignis, das jetzt unter ganz anderen Bedingungen stattfindet, als es ursprünglich geplant war. 

Den Menschen, die wenige Tage zuvor durch die Flutkatastrophe ihr Zuhause und vielleicht sogar nahe Angehörige verloren haben, wird – wie weltweit vielen anderen auch – die Jagd nach und der Jubel über die Medaillen dagegen sehr befremdlich klingen.

Dank der schieren Allgegenwärtigkeit unserer Medien nehmen wir wieder einmal aus der Ferne an beidem teil und geraten dabei wie schon so oft in einen Zwiespalt: Das muss man doch unterscheiden und auseinanderhalten! sagen die einen. Es hängt doch alles mit allem irgendwie zusammen! behaupten die anderen.

Über diese Fragen lässt sich endlos diskutieren. Was kommt dabei heraus? Sehr oft wenig, im besten Fall aber die Einsicht, dass wir uns wohl für eine Ansicht entscheiden müssen – und dass diese Entscheidung auch Konsequenzen hat.

Schneller, höher, weiter – das ist das Motto der Olympischen Spiele. In unserer Zeit ist es aber darüber hinaus zu einer Erfolg versprechenden und deshalb weit verbreiteten Grundeinstellung in Wirtschaft und Gesellschaft geworden, deren Folgen wir immer stärker spüren und als Krisen bezeichnen. Das ist Grund genug, unsere Grundeinstellungen neu zu überdenken. 

Einen Anstoß und eine Denkrichtung kann uns dabei auch der biblische Leitvers für den 8. Sonntag nach Trinitatis geben. Dort heißt es: Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Eph 5,8b.9)

Was passiert, wenn uns Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit wichtiger als Geschwindigkeit, Größe und Erfolg werden? Und wie kann das gehen?

Einen beSinnlichen Sonntag wünscht Ihnen

23. Juli

Weit ausgebreitet ...

Weit ausgebreitet liegt das Land
geformt von Gottes Hand.
Das Auge trinkt, die Seele schweift,
bis Andacht still das Herz ergreift.
Und tief erfüllt vom Gipfelglück
steig dankbar ich ins Tal zurück.

(Hans und Sieglinde Stangl, Gröbming)

In diesem Sinn mit herzlichen Grüßen aus Österreich

Ihr/ Euer Tom Gelf 

22. Juli

Dumm, faul, aber interessiert

… das sind wohl keine Charaktereigenschaften, mit denen man gern beschrieben werden will und doch kann diese Kombination sehr nützlich sein. Und dies möchte ich Ihnen heute gern als Wort zum Tag mitgeben.

Da schüttet mir jemand seine Sorgen aus und fragt mich um Rat. Und ich will hilfsbereit sein und antworte nach bestem Wissen und Gewissen: „Vielleicht solltest du …“, „Ich würde an deiner Stelle …“, „Also ich denke …“. Aber statt dankbar zu sein, verschlechtert sich die Stimmung und irgendwie gerät das Gespräch nicht so, wie gedacht. Oder noch schlimmer: Mein guter Rat wird befolgt, geht aber total in die Hose. Ich habe mich so schonmal ganz fürchterlich mit meiner Schwester verkracht.

Doch wie könnte es anders gehen? Indem ich im Gespräch dumm, faul, aber interessiert bin!

„Dumm“ heißt dabei: Ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich kann deine Situation nicht einschätzen. Und ich kann (und will) deine Probleme auch nicht lösen, bin daher „faul“. Deine Probleme kannst nur du bearbeiten. Aber du interessierst mich. Ich höre dir zu und frage nach. Ich schenke dir meine Zeit und leihe dir aufmerksam mein Ohr.

Für die Sommer- und Urlaubszeit gebe ich Ihnen diesen Rat mit auf den Weg: Seien sie mal dumm, faul, aber interessiert.

Liebe Grüße


Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

21. Juli

Alles hat seine Zeit

Dieser Spruch „sprang“ mich vor ein paar Tagen an. Neu ist er natürlich nicht. Aber durch die Ereignisse der letzten Zeit hat er etwas in mir zum Nachdenken gebracht. Da war das Erleben von zwei Trauerfeiern innerhalb weniger Wochen. Die Nachricht von mehreren vertrauten oder mir zumindest bekannten Menschen, ganz verschiedenen Alters, überwiegend sogar jünger als ich, welche mit einer Krebserkrankung kämpfen. Die Coronasituation weltweit. Hier das trügerische Gefühl alles ist vorbei und in den Ländern des globalen Südens, der Mangel an Impfstoffen, Sauerstoff und Schutzausrüstung. Nur weil wir Reichen nicht begreifen wollen, dass eine Pandemie nur zusammen überwunden werden kann. Oder doch zumindest noch ein gutes Geschäft getätigt werden soll. Doch zurück zum Thema Zeit. Doch die niedrige Inzidenz (so dankbar ich darüber bin) lässt, all die Zeit für Veranstaltungen, Planungen und Vorbereitungen explodieren. Alles hat seine Zeit. Zeit haben! Alle hetzen, sind gestresst, haben viel zu viele Termine und schon öfter hab ich den Spruch gehört. Also der Lockdown hatte auch sein Gutes. Endlich hatte ich, hatten wir mal Zeit. Brauchen wir einen staatlich verordneten Rahmen, um für uns zu sorgen? Alles hat seine Zeit. Leben hat seine Zeit. Wir alle haben eine bestimmte uns unbekannte Dauer Lebenszeit. Neulich sah ich den französischen Film „Das brandneue Testament“.  Ein ungewöhnlich schwarzhumoriger, französischer Film. Aber vieles durchaus Nachdenkens wert.  Ein Punkt davon: Die Tochter von Gott will sich an ihrem bösartigen, gewalttätigen Vater rächen und gibt allen Menschen ihre noch verbleibende Lebenszeit bekannt. Was würde es mit mir, mit dir machen, wenn du wüsstest dir bleiben noch x Jahre, Monate, Tage, Stunden und Sekunden in diesem Leben? Im Film reagieren die Menschen völlig unterschiedlich. Wie würde ich mich verhalten? Würdest du etwas anders machen, als jetzt? Alles hat seine Zeit.  Nimm dir heute ein paar Minuten deiner Lebenszeit und denke über die Frage nach. Würdest du etwas anders machen, wenn du genau weißt, wie lang du noch zu leben hast?

Sterben hat seine Zeit und Leben hat seine Zeit.

Auf geht’s!

Susanne Schönherr

20. Juli

"Dient einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat." (1. Petr. 4,10.)

Am Samstag fand in der Bethanienkirche der Kirchenvorstandstag statt. Der Kirchenvorsteher*innen warfen einen Blick auf die Aufgaben, die vor ihnen liegen. Dabei kam das Gespräch auch auf das Motiv unseres Leitbilds, den Satz „Dient einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.”. Der Satz nimmt ein Grundmotiv des Evangeliums auf. Von der Krankenheilung bis zur Fußwaschung begegnet uns immer wieder, welch hohe Bedeutung Jesus und die ersten Christen dem Dienst am Mitmenschen beimaßen. Diese Aufforderung stammt aus dem ersten Petrusbrief und spielt auf die Zusammenarbeit in den frühen christlichen Gemeinden an. Unter „dienen“ ist hier nicht ein Streben nach Anerkennung oder Selbstdarstellung zu verstehen und nicht das Abzielen auf den eigenen Vorteil. Der Leitspruch geht über ein „wie du mir, so ich dir“ hinaus. Es geht um die gegenseitige Zuwendung, um eine selbstlose Tätigkeit. 

Das Wort „Einander“ gibt das Ziel des Dienens vor. Der Dienst soll sinnvoll sein und die Gemeinschaft stärken. Kein Bedienen und Bedientwerden wie im Restaurant empfiehlt der Verfasser des Petrusbriefs, sondern die gegenseitige Unterstützung und wie der Hinweis auf die (verschiedenen) Gaben zeigt, die gegenseitige Ergänzung. Dabei hat jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen. Als der Petrusbrief entstand, standen die Menschen, an die das Schreiben gerichtet war, unter starkem gesellschaftlichem Druck. Christen wurden verfolgt. 

Gegenwärtig fordern uns die Auswirkungen der Klimaerwärmung und die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit heraus, wozu auch die Hilfe für Menschen in Not zählt. In einer der letzten Veranstaltungen der Reihe „Theologischer Montag“ fragten sich die Teilnehmer*innen, was alles die Gründe für den unglaublichen Zustrom waren, den die ersten Gemeinden trotz hohem Verfolgungsdruck erfuhren. Die selbstlose gegenseitige Hilfe, die Solidarität untereinander dürfte einer davon gewesen sein. Und auch heute kann uns dieser Satz freundliche Einladung sein, immer wieder neu. 

Christian Marquering

19. Juli

Happy Birthday und mazal tov!

Auf deutsch: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und alles Gute!

Die Überschrift könnte aber auch sein: Die Koffer sind gepackt!

Doch wie hängen diese beiden Sätze zusammen.

Ich möchte in meinem Wort zum Tag heute an die Gründung des Zentralrates der Juden in Deutschland hinweisen. Damals stand eine Hilfe jetzt und konkret im Mittelpunkt. Nach der Shoah suchten erst einmal die folgende Fragen eine Antwort:

Kann es ein Weiterleben in Deutschland für die wenigen Überlebenden geben?

Wie kann dieses aussehen bei 6 Millionen ermordeter jüdischer Menschen?

Kann es eine Zukunft im Land des Nationalsozialismus geben?

Ja – schon 2 Monate nach Kapitulation und der Befreiung Deutschlands formierte sich das Zentralkomitee der befreiten Juden in der amerikanischen Zone. Ähnliche Zusammenschlüsse bildeten sich in den anderen drei Besatzungszonen. Jüdische Gemeinden wurden wiedergegründet. 1946 waren es schon 67 Gemeinden. Es ging so kurz nach der Shoah vorrangig um die Begleitung der Zeit bis zur Ausreise nach Israel. Doch auch von den Menschen, die vor oder im Holocaust emigriert waren, kamen einige zurück nach Deutschland. 

Und am 19. Juli 1950 gründete sich in Frankfurt am Main der Zentralrat der Juden in Deutschland. Dieser sollte die Interessen der jüdischen Gemeinden in den 4 Zonen vertreten. Für die meisten war die Ausreise nach Israel genau im Blick. Deshalb die Rede von den gepackten Koffern. Doch in den folgenden Jahren wurden die Koffer für die Emigration ausgepackt. Lebensperspektiven entwickelten sich in Deutschland.

Und heute – in diesem Land und in dieser Stadt! Jüdinnen und Juden haben wieder Angst und werden angegriffen. Da wundert es nicht, wenn die Koffer wieder gepackt werden! Das wäre ein großer Verlust für unsere Gesellschaft, deshalb heißt es sich jedem Antisemitismus mit Worten oder Gewalt entgegenzustellen! Aber das sollten wir nicht nur in Gegenwart von Jüdinnen und Juden, sondern auch im Gespräch auf der Straße, am Stammtisch, bei Diskussionen, in den Medien, …. Tun!

Also los – damit wir auch noch zum 75., 100., 125., ……. Geburtstag gratulieren können und unsere Gesellschaft nicht ärmer wird.

Ich wünsche allen eine gute Woche – oder auf Hebräisch Schawua tov!

Angela Langner-Stephan

18. Juli

Sich kein Blatt vor den Mund nehmen 

Sich kein Blatt vor den Mund nehmen“, kennen Sie diese Redewendung? – „Frei weg von der Leber reden“, wäre ähnlich. Zu dieser Haltung könnte ich auch sagen: „Farbe bekennen!“. 

Wann habe ich, wann haben Sie, das letzte Mal so gehandelt? Dass ich mich klar und deutlich zu meiner Überzeugung bekenne; in einer Gesprächsrunde, unter Freunden, im Kollegenkreis . Also aus dem, was mir am Herzen liegt, „keine Mördergrube mache“. Sondern mit meinem Glauben, meiner christlichen Einstellung nicht hinter dem Berg halte.

Der Pfarrer PAUL SCHNEIDER , der heute vor 82 Jahren starb, war so einer. Er duldete keine Zweigleisigkeit. Er prangerte den Nationalsozialismus unter Hitler als „Weltanschauungspolitik“an, die zum biblischen Christentum im Gegensatz stehe. So war es für ihn eindeutig, der Bekennenden Kirche anzugehören und die „Deutschen Christen“ abzulehnen, die ihre Nazi-Ideologie in die Kirchen trugen. – In Predigten im Gottesdienst, in Briefen an die Kreisleitung der NS-Partei, nahm er mutig Stellung.

Seine unbeugsame Haltung führte zu Verhaftungen und schließlich in das KZ Buchenwald. Er verweigerte zum Lagerappell den Hitlergruß und kam in die Arrestzelle, den „Bunker“, zur Einzelhaft. 

Aber erließ sich nicht mundtot machen. Immer wieder rief er durch die Gitterstäbe Bibelworte und ermunterte Mitgefangene: „Haltet durch, seid stark, Brüder!“ Bis seine Stimme jedes Mal in brutalen Schlägen erstickt wurde. Für die Häftlinge galt er als der PREDIGER VON BUCHENWALD.

Durch eine Überdosis Strophanthin wurde sein Leben mit 42 Jahren am 18. Juli 1939 gewaltsam beendet.

Sein kompromissloses Bekennen kann uns zum Vorbild werden, dort mutig Stellung zu beziehen, wenn es in dieser oder jener Situation gefordert wäre.

Einen gesegneten Sonntag wünsche ich Ihnen!

Rolf-Dieter Hansmann

17. Juli

Zerbrochene Herzen

„Der Herr heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden“ Psalm 147,3

Die heutigen Tageslosung verwendet ein starkes Bild: Ein zerbrochenes Herz. Ein gebrochenes Herz. Dieses Bild ist Teil unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. „Das zu sehen, bricht mir das Herz“ oder „Er leidet an gebrochenem Herzen“. Es gibt sogar ein Broken-Heart-Syndrom als Name für eine infarktähnliche und wahrscheinlich durch Angst und Stress verursachte Funktionsstörung des Herzmuskels. Wir drücken mit diesem Bild einen tiefsitzenden Schmerz aus. Wir assoziieren dieses Wort oft mit einer erschütterten Liebesgeschichte oder dem Verlust eines sehr nahestehenden Menschen. Blickt man genauer auf dieses Bild, dann stellt man fest, dass es hier um existenzielles, um lebensgefährliches Leiden geht: Ein zerbrochenes Herz kann seine Funktion, den Körper mit Blut und damit mit den lebenswichtigen Stoffen zu versorgen. Ein zerbrochenes Herz kommt einem Todesurteil gleich.

In diese Bild tritt das Heilsversprechen der Tageslosung. Es geht nicht um Trost für ein bisschen Herzschmerz. Gott kann ein so fundamentales Leid, eine so lebensbedrohliche Situation wie ein zerbrochenes Herz richten und heilen. Er kann das eigentlich unabwendbare Todesurteil aufheben und Leben schenken, so die Worte des Psalmenbetenden.

Insofern ergibt auch der Lehrvers für heute einen besonderen Sinn:

„Die Frauen kamen zum Grab und sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.“ Markus 16,2.4

Das leere Grab ist der offensichtliche Beweis für das Versprechen des Psalms: Wir leben als Christen nicht nur in dem Versprechen, dass Gott den unabwendbaren Tod verhindern kann. Wir leben in dem Glauben, dass Christus, der unabwendbar gestorben war, der im Grab hinter einem unverrückbaren Stein lag, auferstanden ist und lebt. Ich wünsche mir, dass uns dieser Glaube die Zuversicht gibt, dass unser Herr auch uns heilen wird, wenn wir an unseren sprichwörtlich gebrochenen Herzen leiden.

Ulrich v. Ulmenstein

16. Juli

Zu viel, zu wenig, genau richtig?

Die einen starren an den wolkenlos blauen Himmel und sehnen sich Regenwolken herbei. 
Die anderen starren an den dunkel bewölkten Himmel und hoffen, dass sich der Regen nicht über ihren Ort ergießt. 
Menschen und Tiere sterben, weil das Wasser nicht ausreicht.
Menschen und Tiere sterben, weil das Wasser voll verheerender Kraft ist.
Ich – hier in Leipzig – habe das Gefühl, dass gerade alles im richtigen Maß ist: Der Auwald strotzt vor grüner, satter Pracht, keine verbrannten oder gefluteten Wiesen, in den Pfützen baden vergnügt die Vögel. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 20 und 30 Grad, es regnet, es scheint die Sonne, alles ist in einem guten Wechsel. 
Glück gehabt? 
Nun, ich bin mir bewusst, dass das Glück kein zuverlässiger Partner ist. 
Unser Leben ist immer im Wechselspiel zwischen Flut und Dürre, Katastrophe und Wunderherrlichkeit. 
Wobei wir die Naturkatastrophen in neuem Maße hier in unseren europäischen Breiten wahrnehmen. Das Existenzielle, was von den Elementen „Erde, „Wasser, „Luft“ und Feuer“ ausgeht, erreicht unser Bewusstsein in einer neuen (oder zurück kehrenden?) körperlichen Nähe. 
Mir fällt das Lied aus dem Gesangbuch ein: „Himmel, Erde, Luft und Meer zeugen von des Schöpfers Ehr, meine Seele singe du, bring auch jetzt dein Lob herzu.“ 
Ich stutze. Irgendwas stimmt nicht. Kein Feuer, dafür Himmel. 
Das glühend verzehrende, aber auch wärmende Element wird nicht besungen, dafür der Himmel, zu dem wir aufschauen – nach Wolken, Sonne, Regen, … nach Gott?
Wir glauben nicht mehr an den weißbärtigen älteren Herrn, der auf einem Wolkenthron im Himmel sitzt.
Und wir glauben ungern an einen Schöpfer, der uns den irdischen Kummer nicht erspart.
Glauben wir denn an den Schöpfer, wenn es uns so richtig gut geht? Oder haben wir es in diesem Fall dann der eigenen Kraft zu verdanken?
Ich kann die Frage nur für mich selbst beantworten: Ich glaube an den Schöpfer immer dann am stärksten, wenn ich Trost und Heilung brauche. Und auch wenn er noch nie auf meine Vorschläge zur Verbesserung meiner Lage im Verhältnis 1: 1 eingegangen ist … er hat mich dennoch nie enttäuscht. Er hat mir Geduld abverlangt und das Aushalten von Kummer, er hat mir aber auch Menschen geschickt, die mich trösten oder mir helfen, ich konnte auf vielfältige Art spüren, dass er bei und mit mir ist. Und so kann ich, auch wenn mich die schlimmen Meldungen bedrücken und ich weiß, dass nicht jede Geschichte nach unserem Verständnis „gut ausgeht“, trotzdem voll Inbrunst die letzte Strophe es o. g. Liedes singen:
Ach, mein Gott, wie wunderbar stellst du dich der Seele dar. 
Drücke stets in meinen Sinn, was DU bist und was ICH bin.“
Um den Umgang mit Licht und Finsternis im Leben wird es auch auch im Musikalischen Gottesdienst am 22.7.2021, 19.30 Uhr, in der Bethanienkirche gehen. Diese Schleichwerbung ist gewollt und kostenlos

15. Juli

Weißt du noch, wo vorne und hinten ist?

In einem alttestamentlichen Seminar während meines Studiums habe ich gelernt, dass die Welterfahrung jüdischer Menschen in der Antike mit der Perspektive eines Ruderers verglichen werden kann. Nicht nur im Blick auf den Raum, sondern auch auf die Zeit kann man immer nur das sehen, was vor einem liegt, weil es bereits geschehen ist – die Vergangenheit, die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Zukunft dagegen liegt unvorhersehbar hinter einem, auch wenn man sich beständig in sie hineinbewegt.

 

Photo by Matteo Vistocco (Unsplash)

 

In der deutschen Sprache und Vorstellungswelt ist es etwas komplizierter, die Begriffe changieren sehr stark: Das, was vor uns war, kann sprachlich auch hinter uns liegen; und was nach uns kommt, liegt vor uns.

Dass der Blick zurück nach vorn weisen kann, hat in beeindruckender Weise Esther Bejarano gezeigt, die am vergangenen Samstag verstorben ist. Als Holocaust-Überlebende hat sie immer wieder in bestechender Klarheit und Intensität darauf hingewiesen, dass wir die Erinnerung an das unermessliche Leid von Krieg und Shoah brauchen, wenn wir zukünftig eine Gesellschaft bauen wollen, die für alle Menschen lebenswert ist. Ihr Motto war „remembering means acting“ – zu erinnern, heißt zu handeln.

Nun, da ihre Stimme fehlt, ist es an uns, die Ruder in die Hand zu nehmen, um mit dem Blick zurück voran zu kommen.

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

 

14. Juli

„Verloren"

Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren. (Lk. 19,10)

„Verloren“. Partizip von „verlieren“. Ich habe etwas verloren. Du hast etwas verloren. Synonyme: nicht mehr vorhanden, vermisst, unauffindbar.  Oder in der Version „Du bist verloren“. Synonym: dem Untergang geweiht.  In beiden Fällen kann man von einer tendenziell negativen Situation sprechen. Denn wo etwas verloren wurde oder ist, sorgen wir uns. Wir fragen, wo es sein könnte, in welcher Verfassung es ist und ob wir es reparieren können, sollte es beschädigt worden sein.  Wer schon einmal etwas verloren hat, kennt den fanatischen Eifer mit dem man sich auf den Weg macht und irgendwann nicht mehr weiterweiß, da man inzwischen überall nachgeschaut hat. Und genau in diese Ratlosigkeit kommen Aussagen wie, „Das muss doch hier sein“ und man schaut ein weiteres Mal an genau den gleichen Stellen nach.  Und der Menschensohn ist nun gekommen, um das Verlorene zu suchen.  Und er wird es nicht nur suchen, sondern auch selig machen. Dass er das Verlorene davor erstmal finden muss, steht außer Frage.  Heißt das, dass der Menschensohn uns selbst dann findet, wenn bereits alle kapituliert haben? Wenn die Suche eingestellt wird, weil wir uns eben nicht an den bekannten Orten aufhalten? Und dann wird er auch nicht wütend sein und uns Vorwürfe machen, wie sehr er sich um uns gesorgt hat, sondern er wird uns selig, uns glücklich, machen. Was für eine Wendung!  Es geht nicht darum, dass man den Weg aus den Augen verliert, den falschen Abzweig nimmt und dann als gerechte Strafe dafür auf immer im Finstern wandeln wird. Sich für den falschen Weg zu entscheiden kann passieren, aber es ist nicht das Ende. Denn egal ob wir „unauffindbar“ oder „dem Untergang geweiht“ sind, in beiden Fällen gibt einer die Suche nicht auf. Er gibt uns nicht auf. Und er ruht nicht, bis dass er uns gefunden und umsorgt hat.

Friederike Schönherr

13. Juli

Regenschirm und Wanderschuh

In diesen Wochen feiern in den Kitas die Vorschulkinder ihren Abschied vor dem Beginn der ersten Klasse. Ein großer Schritt für sie, manchmal ein noch größerer für ihre Eltern. Ich habe mir angewöhnt, zu solchen Abschlussfesten, zu denen ich manchmal als Pfarrerin eingeladen werde, kleine Geschenke mitzubringen. Es sind diese kleinen Perlenengel, kaum 2 cm groß, als Anhänger für Schulranzen oder Federmappe. Bevor die Kinder sich aus meiner Schatzkisten einen Engel aussuchen dürfen packen wir gemeinsam in der Mitte 5 Gegenstände aus: 5 Wünsche, die dieser Engel mitbringt. Ein Wanderschuh, eine Landkarte, ein Regenschirm, eine Lampe, ein Herz.

Die meisten der Kinder und ihre Eltern sind nicht religiös. Ihnen „einfach“ Gottes Segen zu wünschen erscheint mir deshalb als zu fern. Darum überlegen die Kinder und ich immer gemeinsam, wofür die 5 Gegenstände stehen könnten: Der sichere Tritt, die Orientierung im Leben, das Beschirmt-sein von oben, das Licht im Dunkel, die Liebe. Kinder wissen genau, was sie brauchen und was sie sich wünschen für ihren Weg ins Unbekannte. Es ist erstaunlich, wie reich sie selber diese 5 Gegenstände mit Bedeutung zu füllen wissen. Ich mag es, wie zart und vorsichtig sie dann ihren kleinen Engel in den Händen halten, wie sie schützend die zweite Hand darüber decken. Ich mag das Gefühl, dass sie wirklich einen Moment lang darauf vertrauen, dass es da jemanden gibt, der all dies für sie sein kann. Ich glaube, sie fühlen in diesen Momenten viel tiefer, was „Segen“ bedeutet, als wir Erwachsenen so manches mal in unseren gewohnten Formulierungen und Gebeten.

Johanna Stein

12. Juli

ganz kurz ...

++

Anfang

Erst mein Schritt.

Und dann die Welt.

++

11. Juli

Man muss das schon persönlich nehmen 

Wenn es um den Glauben geht, sagen die einen, dass er ihnen sehr viel bedeutet, weil sie durch ihn Halt, Kraft und Orientierung für ihr Leben finden. Und andere, die Näheres darüber erfahren wollen und sich die wichtigsten Zusammenhänge erklären lassen, kommen dann oft zu dem Schluss, dass sie damit doch nichts anfangen können.

Warum ist das so? Warum ist es möglich, Wissensinhalte wie Mathematik, Astronomie und sogar Einsteins Relativitätstheorie anderen so erklären, dass sie das Gesagte mehr oder weniger schnell verstehen und sich zu eigen machen können, während das beim Glauben so viel schwieriger ist? 

Es gibt zwischen beiden einen ebenso klaren wie tiefen Unterschied: Beim Wissen geht es um ETWAS, das man abspeichern oder weitergeben oder anwenden kann, ohne dass es sich dadurch verändert. Beim Glauben geht es dagegen um MICH, um eine persönliche Beziehung, die ich zu Gott eingehe und die mein Leben verändert. Das Wissen ist gegenständlicher Natur und lässt sich deshalb auch gut vergegenständlichen. Glauben ist ein Prozess oder ein Weg, den man mitgehen muss, um seine besondere Wirklichkeit erfahren zu können. Man muss das schon persönlich nehmen, um Zugang dazu zu finden.

Diese Besonderheit des Glaubens findet im Sakrament der Taufe ihren sichtbaren Ausdruck. Daran werden wir am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem Taufsonntag im Kirchenjahr, erinnert. Worum es dabei geht, kommt in dem Wochenlied Ich bin getauft auf deinen Namen (EG 200) zum Ausdruck. Es stammt von Johann Jakob Rambach aus Halle und wurde erstmals 1734 als Tauferinnerungslied in dessen “Erbaulichem Handbüchlein für Kinder” veröffentlicht.  

Wie sehr der Glaube mit der Taufe persönlich genommen werden will und sich als ein Prozess durch das ganze Leben zieht, ist dabei deutlich zu erkennen:

1) Ich bin getauft auf deinen Namen,
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist;
ich bin gezählt zu deinem Samen,
zum Volk, das dir geheiligt heißt;
Ich bin in Christus eingesenkt,
ich bin mit seinem Geist beschenkt.

2) Du hast zu deinem Kind und Erben,
mein lieber Vater, mich erklärt;
du hast die Frucht von deinem Sterben,
mein treuer Heiland, mir gewährt;
du willst in aller Not und Pein,
o guter Geist, mein Tröster sein.

3) Doch hab ich dir auch Furcht und Liebe,
Treu und Gehorsam zugesagt;
ich hab, o Herr, aus reinem Triebe
dein Eigentum zu sein gewagt;
hingegen sagt ich bis ins Grab
des Satans bösen Werken ab.

4) Mein treuer Gott, auf deiner Seite
bleibt dieser Bund wohl feste stehn;
wenn aber ich ihn überschreite,
so lass mich nicht verloren gehn;
nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an,
wenn ich hab einen Fall getan.

5) Ich gebe dir, mein Gott, aufs Neue
Leib, Seel und Herz zum Opfer hin;
erwecke mich zu neuer Treue
und nimm Besitz von meinem Sinn.
Es sei in mir kein Tropfen Blut,
der nicht, Herr, deinen Willen tut.

6) Lass diesen Vorsatz nimmer wanken,
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist.
Halt mich in deines Bundes Schranken,
bis mich dein Wille sterben heißt.
So leb ich dir, so sterb ich dir,
so lob ich dich dort für und für.

Wir würden heute – nach fast dreihundert Jahren – sicher manches anders als in diesem Lied formulieren. Aber wir können darin möglicherweise auch manches wieder neu entdecken, was uns zwischenzeitlich vielleicht etwas aus dem Blick geraten ist. Nehmen Sie es doch bitte nicht nur persönlich, sondern auch als einen Impuls zur Besinnung und für weitere Gespräche.

Eine gesegneten Taufsonntag!

Ihr Heinz Schneemann 

10. Juli

Wie eine Mutter ...

Ich warte im Seniorenheim auf meine Tante. Wir wollen Eis essen gehen, die Schwester wird sie zu mir bringen. Während ich vor dem Heim warte, dringt eine Frauenstimme durch eins der geöffneten Fenster. Sie ruft ununterbrochen: „Mutti! Mutti! Mutti!“ Nicht schrill und nicht aufgeregt, sondern eher in einer sehnsuchtsvollen Monotonie. 

Eine Filmszene taucht in mir auf. Kriegsschauplatz Afghanistan. Ein Soldat wird schwer verletzt. Ein Kamerad versucht, ihn zu bergen und bis Hilfe kommt, bei Bewusstsein zu halten. „Komm, mach die Augen auf, sag mir, wie deine Mutter heißt, komm, sag mir wie deine Mutter heißt, wie heißt deine Mutter????“ Selbst immer verzweifelter schreit er dem Verletzten diese Frage zu. Endlich öffnet dieser seinen Mund und sagt leise: „Mama“.

Glauben Sie mir, die Tränen treten mir jedes Mal wieder in die Augen, wenn ich an diese Szene denke – oder diese Szene an mich, denn ich werde sie nie mehr los. 

Wie auch die Sätze aus Rainer Maria Rilkes 1899 geschriebener „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke.“ Schauplatz Ungarn während des sogenannten „Türkenkrieges“ 1663: 

Jemand erzählt von seiner Mutter. Ein Deutscher offenbar. Laut und langsam setzt er seine Worte … Alle lauschen. Sogar das Spucken hört auf. Denn es sind lauter Herren, die wissen, was sich gehört. Und wer das Deutsche nicht kann …, der versteht es auf einmal, fühlt die einzelnen Worte: „Abends“ … „Klein war …“

Der kleinste gemeinsame Nenner in allen Sprachen:

Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden. Nach Nähe und Liebe. Nach Zuhause. Nach Beschütztwerden. Denn, so schreibt Rilke: „Der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.“

Diese Sehnsucht kannte auch der Prophet Jesaja und sah sie beim Volk Israel und so sagte er zu ihnen: Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13)

Gott als Mutter. Was für ein weiches Bild (für mich, liebe Leser, ich weiß, dass manch einer kein so liebevolles Bild der eigenen Mutter zeichnen kann!). Gott als Vater und Mutter. Gott als ein Tröstender oder eine Tröstende – sagen wir einfach – Gott als TROST. 

Gut, wer diesen Gott sucht und findet, sich von ihm suchen und finden lassen kann.

Besser, wenn der Mensch alles dafür tut, dass dieser Trost nicht wegen Krieg und Gewalt nötig wird.

Aber Trost werden wir immer brauchen. Und Liebe. Und Zuwendung. Und Hoffnung. Mögen wir all das aneinander finden, einander schenken und behütet bleiben in dem Glauben an einen Trost, der größer und tiefer ist als alles menschliche Bemühen.

Und möge jeder diese Filmszene vor Augen haben, der glaubt, Krieg oder Gewalt bringe etwas anderes hervor als Entsetzen, Verzweiflung, Trauer, qualvollen Tod. 

Meine Tante steht lächelnd vor mir. Manchmal weiß sie nicht, wer ich bin. Sie sagt: „Wartest du schon lange? Ich musste erst noch die Kinder ins Bett bringen“. Ihre Erinnerungen sind nur noch Scherben eines langen Lebens. Aber ihre mütterliche Fürsorge bleibt eine liebende Aufgabe und für mich ein Trost.

Claudia Krenzlin

9. Juli

Die Speiegelung Gottes

Ach, wie bin ich blöd,

nichts taugend, spröd,

unersättlich, voller Gier!

Zufriedenheit, das wünsch ich mir

 

Und all die Tugend,

die so sehr ziert

und ewige Jugend

und Reichtum, den man nie verliert!

 

Frei zu sein

und allem offen, 

ohne Launen,

das gelingt nur Gott allein, 

das lässt uns staunen 

und macht betroffen.

 

Dieses Gedicht von Lorenz Kuntner sollte vorigen Monat erscheinen, aber die Freigabe des Autors kam zu spät; nun ist sie da.

Ja, das kann ich gut nachfühlen. Was für ein widersprüchlicher Mensch bin ich. Oft maßlos in meinen ethischen Ansprüchen an andere, aber auch an mich selbst. In der Jugend hat mich Jesu Wort aus der Bergpredigt umgetrieben: „Darum sollt ihr vollkommen sein, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Und nun haben wir ein Jesuswort als Jahreslosung:

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Ein Widerspruch?  Heute heißt die Tageslosung „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ Das tut gut zu wissen. Barmherzigkeit ist Vollkommenheit. 

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

Günther Jacob

8. Juli

Alltags-Gebete

„Petrus und Johannes gingen hinauf in den Tempel zur Zeit des Gebetes” Apostelgeschichte 3,1

Ich finde den Lehrvers zur heutigen Tageslosung besonders. Es ist kein großes Bibelwort. Kein besonderer Kandidat für Tauf- oder Konfirmationssprüche. Er beschreibt einen ganz alltäglichen Moment aus dem Leben der ersten Christinnen und Christen. Zwei Brüder im Glauben gehen zur üblichen Gebetszeit in den Tempel. Vermutlich um eben dort zu beten. Ein vollkommen normaler Vorgang, wie er sich wohl alle Tage bislang wiederholt hat.

Diese Alltäglichkeit ist es, die mich fasziniert. Sie macht das Geschehen nahbar, denn auch wir kennen Momente des üblichen Gebets in unserem Tagesablauf. Vor einer Mahlzeit. Vor dem Zubettgehen. Vielleicht auch vor einer langen Reise oder einer Prüfung. Es sind oft eingeübte Gesten und Worte unseres Glaubens. Sie sind über all die Tage des Wiederholens fest in unsere Bewusstsein eingepflegt.

Wie fest, das zeigt eine schöne Szene aus Erich Kästners Buch: „Das doppelte Lottchen“: In dem dramatischen Moment zum Ende des Buches, als sich die eigentlich getrennt lebenden Eltern von Lotte und Luise zu einem hoffentlich versöhnenden Gespräch zusammensetzen, das auch darüber entscheiden wird, ob die Zwillinge fortan zusammen oder getrennt leben dürfen, fangen die beiden an zu beten. Aber ihnen fällt nichts anderes ein außer: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“

Manchmal fällt einem nichts besseres ein, als die schon immer eingeübten Glaubenswörter und ‑gesten. Auch wenn sie noch so unpassend wirken mögen. Petrus und Johannes hat ihr Alltag-Gebet zu der berühmten Szene mit dem Gelähmten vor der „Schönen Pforte“ des Tempels geführt. Sie ahnten wohl nichts. Und doch: Dieser Weg zum Tempel zur Zeit des Gebetes wurde diesem Gelähmten zur Heilsgeschichte.

Ich frage mich: Wo werden unsere alltäglichen Glaubenswegen anderen zum Heil gelangen?

Ulrich Frhr. v. Ulmenstein

7. Juli

Hilf du uns, Gott, unser Helfer, um deines Namens Ehre willen! Errette uns und vergib uns unsre Sünden um deines Namens willen!
Psalm 79,9
Auf Namens-Suche
 
„Ach Mensch, wie heißt du nochmal?!“
Die erste Zeit in einer neuen Gruppe ist meistes schwierig. Zahlreiche Klippen und Hürden gibt es zu meistern; nicht zuletzt die Sache mit den Namen. Hat man die aber drauf, dann geht vieles leichter: Der Angesprochene weiß, dass er gemeint ist, und es stellt sich mit jedem Namen auch so etwas wie Vertrautheit ein. Namen haben Bedeutung.
„Nomen est omen“ / „Der Name ist Zeichen“, so lautet ein altes lateinisches Sprichwort. Hinter dem Sprichwort steht die Überzeugung, dass im Namen der Charakter und die Zukunft der Person sich abbildet. Namen hatten damals eine noch größere Bedeutung, als sie es heute haben.
Als Mose am Dornenbusch Gott nach dessen Namen fragt, so will er mehr wissen, als das, was im Personalausweis Gottes steht. Es geht um mehr als um eine Adressanfrage. Mose will wissen: Wer bist du eigentlich?
Und Gott nennt seinen Namen: Es sind vier Buchstaben (JaHWeH) – für die Juden heilig, weswegen sie den Namen nicht aussprechen. Übersetzen könnte man „Ich bin (für dich/ für euch) da!“ oder „Ich werde (für dich/ für euch) da sein!“. Aus dem Namen sprechen Fürsorge und Zuspruch. Und Gott legt sich selbst mit seinem Namen auf dieses fest.
 
Es grüßt Sie Ihr
 
Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

6. Juli

Einer trage des anderen Last, ... 

... so werdet ihr das Gestez Christi erfüllen. Gal 6,2

Irgendwie ändern sich die Zeiten. Oder doch nicht? Da gab es einen DEFA Film gleichen Namens. Gezeigt 1988 und spielt in den 50iger Jahren. Zwei junger Männer haben Tuberkulose und sind in einem Zimmer eines Sanatoriums untergebracht. Der eine, Herr Joseph Heiliger ist glühender Marxist und Volkspolizist. Der andere, Herr Hubertus Koschenz ist evangelischer Vikar und nicht weniger von seiner Sache überzeugt. Während der eine die Genossen zusammenruft, hält der andere Bibelstunden ab. Wenn sich Marxist Heiliger rasiert singt der die Internationale. Der Vikar hält mit dem Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“, dagegen.

Sie ertragen sich nicht. 

Bitten um Verlegung in andere Zimmer. Es wird abgelehnt, weil Marxist und Christ lernen sollten, miteinander auszukommen. Wir haben den Film damals eingesogen. Ein Theologe in einer der beiden Hauptrollen. Das hat es bis dahin nicht gegeben. Wir waren in dieser Auseinandersetzung und wollten nicht plump nur Anti sein. Ja, wir kannten die humanistischen Gemeinsamkeiten, aber eben auch das, was klar trennte. Während wir als Christen sagen, wir brauchen Vergebung von außen, weil wir sie uns nicht selbst geben können, war auf der anderen Seite immer klar, wir ändern die Verhältnisse und der Mensch wird gut. Letztlich verbindet sie ihre Last der Krankheit und sie nehmen sich als Menschen in den Blick. Sie werden menschlich. Angst vor dem Tod. Angst vor der Zukunft öffnet ihren Blick füreinander. Und wenn ich den Menschen vor mir sehe, der an seiner Situation zu tragen hat, dann ist es menschliche Zuwendung ohne falsch und ohne Eigeninteresse. Einfach nur da sein.

Den Prozess der Annäherung vom Genossen und vom Vikar steht beispielhaft dafür, dass wir uns brauchen, weil wir alle Lasten tragen. Und dass wir uns nicht vor dem anderen, vielleicht auch fremden oder widerborstigen abwenden können. Wir entgehen der Last nicht und brauchen selbst Träger.

Für unsere Päckchen aus der Vergangenheit, die drücken, 

für unsere Not in der Gegenwart, die plagen und 

für spürbare Zukunftsangst, die lähmt. 

Es geht heute nicht nur um einen Konsens zwischen Marxist und Christ. Das haben wir damals natürlich schon gewusst. Es geht um die Würde des Menschen, um Empathie, um ein Reden in der Gesellschaft, damit wir an den Fragen der Zeit nicht auseinanderbrechen. Das Gesetz Christi erfüllen ist, ehrlich oder in Wahrheit beieinanderbleiben und ein Hoffen aufzeigen, das stärker ist als die Angst. 

Ich bin für dich da. 

Der Krankheitsverlauf bei Heiliger nimmt einen besorgniserregenden Verlauf. Der Vikar bekommt Medikamente aus dem Westen. Ohne das Wissen von Herrn Heiliger gibt Koschenz ihm die Medizin des Klassenfeindes. Wenn ich mich recht erinnere, wird Heiliger für den Vikar eine Predigt schreiben, weil der Vikar damit Probleme hat. Aber da bin ich mir nicht so sicher. Klar. So was will man sich ja als Theologe nicht merken, dass ein Kommunist einem Vikar die Last des Predigtschreibens abnimmt. 

Ich bin für dich da. 

Das hat auch eine andere Seite. Ich lasse es zu. Dann wird es Erfüllung. Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Amen.

Martin Staemmler-Michael

5. Juli

"Sind wir noch zu retten?"

Diese immer wieder einmal gestellte Frage hat es in sich! 
Und sehr doppeldeutig ist sie außerdem: Sind wir noch zu retten?  
Das kann einmal heißen: Können wir überhaupt noch gerettet werden? 
Stehen wir nicht schon so dicht am Abgrund, dass eine Rettung ziemlich aussichtslos erscheint? 
So wird sich mancher DDR-Bürger vor 32 Jahren gefragt haben. Und so fragen unter ganz anderen Verhältnissen auch heute wieder viele Menschen. Die Fülle und Bedrohlichkeit der ständigen Krisen nimmt zu. Die Rettungsmaßnahmen dagegen erscheinen oft ungenügend und wenig wirksam. Das wirkt sich auch auf das Bewusstsein, die Erwartungen und die Stimmung in der Gesellschaft aus. Natürlich sollte man bei so weitreichenden und schwerwiegenden Fragen möglichst konkret werden! Aber wer überblickt das schon alles? Zum anderen kann die Frage aber auch heißen: Müssen wir überhaupt noch gerettet werden?  Führt die ständige Fokussierung der Aufmerksamkeit auf Krisen und Bedrohungen nicht zu einer Steigerung von Ängsten und zu entsprechenden Reaktionen, die vielleicht viel schlimmer und folgenreicher sind als die Probleme selbst? Reden wir womöglich unser Verderben selbst herbei und sollten stattdessen lieber ein halbwegs ruhiges und anständiges Leben führen? Ist es bisher nicht immer irgendwie weitergegangen, obwohl schon so oft vom Weltuntergang gesprochen wurde? Wenn beiden Positionen aufeinandertreffen, kommt es oft zu lebhaften Auseinandersetzungen. Sollte man da eine klare Position beziehen?
Oder haben auf ihre Weise beide recht?
Wie sehen Sie das, liebe Leserin und lieber Leser?  
Und was trägt dazu der bedeutsame biblische Spruch für diese Woche aus Epheser 2,8 bei? 
In der Übersetzung der neuen BasisBibel lautet er: 
Aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben. 
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.

Gewiss geht es hier um ganz andere Fragen und Zusammenhänge.
Oder hängt am Ende das Eine doch mit dem Anderen zusammen?
Könnte das nicht ein Thema für Gespräche sein?

Eine gute neue Woche wünscht
Ihr Heinz Schneemann

4. Juli

Ruhe nach dem Sturm

In der Nacht entlädt sich das Gewitter nach Tagen brütender Hitze. Tage, an denen ich den Sonnenschirm über dem Vogelhaus auf meinem Balkon aufgestellt hatte. Die kleinen Meisen sollten ja nicht „gar“, sondern flügge werden. Ich entdeckte, dass durch die Hitze sich das Holzdach ein Stück weit gelöst hatte, aber ich wollte ja nun nicht mit dem Hammer ran und die Kleinen damit zu Tode erschrecken. Es würde schon noch halten bis zu ihrem Auszug.

In der Nacht das Gewitter. Mir fiel der Spalt ein und ich stand auf, um nach ihnen zu sehen. Vom Balkon über mir ergossen sich Wassermassen genau über das Häuschen. Mir blieb das Herz stehen. Ich holte einen Abfallsack und befestigte ihn, so gut ich es konnte, darüber. Das Wasser prasselte darauf. War es noch rechtzeitig? 

Früh um fünf wachte ich auf. Es war stille und eine angenehm kühle Luft kam durchs offene Fenster. Was für eine Wohltat. Ich musste wissen, ob es den kleinen Meisen gut ging. Vorsichtig nahm ich meine eigenwillige Notabdeckung herunter. Kein Piepsen kam aus dem Häuschen. Mein Herz klopfte. Wenn nun … traurige Bilder entstanden in meinem Kopf. Ich wartete und wartete. Spatzen tschilpten im Hof, Tauben gurrten, aber die kleinen Meisen …

Ach, ich Stadtkind! Mit meinen „Eingriffen“ im besten Willen – womöglich hatte ich mehr an- als ausgerichtet? Leider passiert mir das immer wieder. Und nicht nur als Stadtkind in Sachen Natur, sondern auch als Mensch in Sachen Angelegenheiten anderer. Ich meine es gut, ich bin ganz ehrlich, ich glaube, Dinge zum Besseren zu bewegen … aber oft genug gibt es Ergebnisse, die so gar nicht meinem Ansinnen entsprechen. Wo ich mir dann sagen muss: „Konntest du nicht deinen Senf für dich behalten? Wer bist du denn, dass du anderen Ratschläge geben willst!“ Vor allem Rat-Schläge. Betonung liegt auf dem zweiten Wort. 

Manchmal hilft eine Entschuldigung. Manchmal hilft auch die Stille nach dem Sturm. Damit die Emotion abflaut und der andere und ich zur Ruhe kommen. Meistens begreife ich dann (wenn auch nicht für ewig – leider!), dass ich nicht alles regeln, glätten, retten kann. Dass es dafür andere Kompetenzen gibt und das man manchmal auch besser „lassen“ als „machen“ sollte. Abgeben in höhere Hände. Die vermutlich auch meine kleinen Meisen tausendmal besser behüten können als ich mit meinem Sonnenschirm und Regenschutz.

Ein bisschen traurig und sehr nachdenklich sitze ich auf meinem Balkon. Und da – auf einmal – piepst es wieder im Kasten. Eine Mama-oder Papa-Meise bringt ein Würmchen für die Kleinen. Ich bin glücklich und denke gleichzeitig – ach, das arme Würmchen.
Sie sehen also, ich habe tatsächlich eine Meise :-).

Aber egal, das Leben geht weiter und ich vermute, ich werde nachher auch den Sonnenschirm wieder aufspannen. Es bleibt doch die große Hoffnung in mir, dass Gott geduldig mein stümperhaftes „Gutes tun“ in wirklich Gutes wandelt. 

Auch heute tröstet er mich mit dem heutigen Kalenderspruch: 

Ein Mensch bleibt weise, solange er die Weisheit sucht. Sobald er sie gefunden zu haben wähnt, wird er ein Narr.“ (Aus dem Talmud).

Vielleicht werde ich also kein Narr – und habe lieber eine Meise.

Einen schönen Sonntag wünscht Claudia Krenzlin

3. Juli

Gottesferne aushalten 

Gott ist nicht fern einem jeden von uns“. Es gibt Lebenslagen, da erscheint diese heutige Tageslosung aus Apg 17,27 wie Hohn. Wenn Menschen so dermaßen gebeutelt werden vom Leben und eins zum andern zu kommen scheint, ein Schicksalsschlag dem anderen folgt – dann kann man als Gegenüber, der trösten will, einfach nur verstummen. Dann erscheint dieser Satz wie billiger Trost, wie ein Schulterklopfen mit einem „ach das wird schon wieder“: „Jaja, Gott ist trotzdem ganz nah, du spürst ihn nur grad nicht.“ „Vielen Dank“, wird sich der Betroffene denken, „was ist das für ein Gott, der da ist, aber nicht eingreift? Der zuschaut und mich leiden lässt?“
Zu oft habe ich diesen Gott schon um die Ohren gehauen bekommen, wenn Menschen am Boden waren. In Momenten, in denen da einfach kein Gott war. Ich habe mir angewöhnt, das auszuhalten. Ja, vielleicht gibt es im Leben Zeiten der Gottesferne. Es gibt Zeiten, in denen das Gespräch zwischen ihm und uns verstummt. Es gibt Zeiten, in denen unsere Beziehung abbricht. Ich habe mir auch angewöhnt, dann die Blickrichtung zu ändern. Zu sagen „Ja, ich bin gerade fern von Gott“. Und dann vertraue ich darauf, dass wir seine Perspektive getrost ihm überlassen können. Denn „ich bin fern von Gott“ heißt Gottseidank nicht zugleich „Gott ist fern von mir“.

Johanna Stein

2. Juli

Leben und Weben

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“
(Apg 17,27)

Der Monatsspruch für den Juli gehört für mich zu den schönsten Blüten der Bibelübersetzung Martin Luthers. Besonders das Wort „weben“ fällt mir ins Auge: das altgriechische Wort kinoumetha könnte man – wie es andere Übersetzungen tun – einfach mit „bewegen wir uns“ übersetzen. Luther war das sicher klar, aber er hatte auch immer im Hinterkopf, dass seine Bibelübersetzung auch die vielen Menschen seiner Zeit erreichen sollte, die nicht lesen und schreiben konnten. Die Texte mussten sich zum Vorlesen und Zuhören eignen und sollten vor allem im Gedächtnis haften bleiben. Da kam ihm das Wort „weben“ gerade recht – auf einmal stimmen Rhythmus, Reim und Sprache des Verses wunderbar zusammen. Zudem ist es keine ganz unpassende Übersetzung: Das altdeutsche Wort weban bedeutet zunächst wohl einfach „hin und her bewegen“.

 

Photo by ALAN DE LA CRUZ on Unsplash

 

Außerdem wird das allgemeine Wort „bewegen“ durch die Übersetzung im besten Sinne handgreiflich. Zwar beschränken sich meine eigenen Erfahrungen mit der Weberei auf den kleinen Handwebrahmen aus Grundschulzeiten, wie ihn heute meine eigenen Kinder benutzen. Aber auch dort sieht man die ständige Bewegung: hin und her und auf und ab und es dauert seine Zeit, bis Fortschritte und Ergebnisse zu sehen sind. Luther dürfte sich so wie ich heute darüber gefreut haben, wie gut dieses Bild auf das Leben passt.

Und über alldem steht die große Zusage: Gott ist jedem von uns nicht fern, sondern ganz nah bei jeder der kleinen Bewegungen unseres Lebensfadens ebenso wie beim Blick auf das große bunte Tuch, dass daraus entstehen kann.

Ein gesegnetes Wochenende wünscht

Ihr Konstantin Enge

1. Juli

Ich bin der Herr, dein Gott ...

 

von Ägyptenland her. Einen Gott neben mir kennst du nicht und keinen Heiland als allein mich.“ Hosea 13, 4, – Losungstext für den 1. Juli 2021

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Ich finde es immer wieder spannend, die uralten Glaubenszeugnisse aus einer sehr anderen, manchmal archaischen, in jedem Fall anders organisierten Welt zu hören, die unsere Bibel bereit hält. Wir können erfahren, wie die Menschen damals ihren Herausforderungen begegneten, mit ihrem Gott, der auch unser Gott ist, Lösungen fanden und die Ursachen von Missständen analysierten. Eine Anpassung der Texte an den Zeitgeist oder heutige Bedürfnisse gibt es nicht. Der biblische Kanon steht seit dem vierten Jahrhundert fest. Der heutige Losungstext findet sich im Prophetenbuch Hosea, dem ersten der sog. kleinen Propheten. Hoseas Thema ist die existenzielle Bedrohung seiner Heimat. Dabei sucht er die Ursachen nicht so sehr auf politischen, sondern vor allem auf religiösem Gebiet, also in der fehlenden Hinwendung zu den israelitischen Glaubensgrundlagen. Das beklagt er auf allegorische Weise mit ziemlich drastischen Worten und ruft schließlich zur Umkehr auf. 

Und mittendrin greift er zurück auf einen noch älteren Text. Er argumentiert mit dem ersten der zehn Gebote – dem heutigen Losungstext. Dabei enthält dieser Satz nicht nur die Aufforderung, keinen anderen Gott anzuerkennen, sondern mit der Anspielung auf Ägypten auch gleich ein Argument für Hoseas Anliegen. Gott hat sein Volk schon einmal, nämlich aus den lebensbedrohlichen Umständen in Ägypten gerettet. 

So fordert dieser alte Text mich heute auf zu fragen, wo ich selbst Prioritäten falsch setze und ermuntert uns, den Dialog mit Gott zu suchen. 

Christian Marquering

30. Juni

Alles zum Besten kehren

Sich Luft machen, Dampf ablassen – in erregten Situationen geschieht es schnell, dass wir die Grenzen der Fairness und der Mitmenschlichkeit überschreiten und andere beleidigen und verunglimpfen. Dazu steht uns ein großes Arsenal von Schimpfwörtern und Kraftausdrücken zur Verfügung. Was wir damit anrichten, kann unabsehbare Folgen haben.

Doch es geht auch andersherum! In angespannten Situationen denke ich manchmal an Luthers Erklärung zum 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Dazu schreibt er im Kleinen Katechismus:
Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsern Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, afterreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

Wie wäre das, wenn wir im täglichen Miteinander mehr nach diesem Grundsatz reden und handeln würden? Alles zum Besten kehren! Welche Wirkung das haben kann, habe ich kürzlich an einer Anekdote gespürt, die Andrea Wöllenstein im Hessischen Rundunk erzählt hat. Sie hat mich so beeindruckt dass ich sie hier weitergeben möchte: 

Von Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirnebirne, wird folgende Geschichte erzählt:

“Eines Tages kam er mit einem Brief von der Schule nach Hause und sagte zu seiner Mutter: “Mein Lehrer hat mir diesen Brief gegeben, ich solle ihn nur dir zu lesen geben.”

Die Mutter hatte die Augen voller Tränen, als sie dem Kind laut vorlas: “Ihr Sohn ist ein Genie. Diese Schule ist zu klein für ihn und hat keine Lehrer, die gut genug sind, ihn zu unterrichten. Bitte unterrichten Sie ihn selbst.”Viele Jahre nach dem Tod der Mutter, Edison war inzwischen einer der größten Erfinder des Jahrhunderts, durchsuchte er eines Tages alte Familiensachen. Plötzlich stieß er in einer Schreibtischschublade auf ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Er nahm es und öffnete es. Auf dem Blatt stand geschrieben: “Ihr Sohn ist geistig behindert. Wir wollen ihn nicht mehr in unserer Schule haben.”Edison weinte stundenlang und dann schrieb er in sein Tagebuch: “Thomas Alva Edison war ein geistig behindertes Kind. Durch eine heldenhafte Mutter wurde er zum größten Genie des Jahrhunderts.”

Mich beeindruckt an dieser Geschichte nicht nur das große Vertrauen, das die Mutter in ihren Sohn hat. Sondern wie sie mit diesem Affront, mit dieser Kränkung umgegangen ist. Wir wissen, dass Edison aufgrund einer Kinderkrankheit nicht gut hören konnte. Dass die Lehrer ihn deshalb als geistig behindert angesehen haben, das hat ihr die Tränen in die Augen getrieben. Tränen der Empörung, des Zorns einer Mutter, die ihr Kind liebt und alles daran setzt, damit es nach besten Möglichkeiten gefördert wird.

Was sie mit ihrer Wut gemacht hat, das beeindruckt mich. Heute würden viele an ihrer Stelle einen Rechtsanwalt einschalten oder über die sozialen Medien eine Welle starten. Sie aber wendet die Kraft ihres Zorns in eine positive Richtung und tut alles, damit er auch ohne die Schule eine gute Ausbildung bekommt. Den Brief und das Urteil der Lehrer hat sie für sich behalten als ihr Geheimnis. Sie hat es ihrem Sohn auch später nicht erzählt, um ihm zu zeigen, wie viel er ihr zu danken hat.

Wir sollen unseren Nächsten lieben und alles zum Besten kehren“, lehrt Martin Luther in seinem kleinen Katechismus. Alles zum Besten kehren. Wenn andere mich verletzen, nicht in die Opferrolle gehen, nicht nur klagen über das Böse, das mir angetan wird. Sondern die Kraft, die in meiner Wut liegt – und Wut ist eine sehr kraftvolle Emotion –  diese Kraft in eine positive Richtung lenken. Zum Besten für die anderen und für mich selber. Wie die Mutter von Thomas Edison.

Aus <https://www.kirche-im-hr.de/sendungen/28-alles-zum-besten-kehren/

Wenn Ihnen die Geschichte auch so gut wie mir gefällt, erzählen Sie sie doch weiter! Vielleicht geschieht dabei etwas…

Mit den besten Wünschen

Ihr Heinz Schneemann

29. Juni

Das ist nur ein Spiel

Ein Spiel. Eine Person A bestimmt für sich einen imaginären Raum. Das ist mein Ort. Eine zweite Person B möchte in diesen Raum und sucht die Tür. Sie tastet sich heran. Wo ist der Zugang? Wie komme ich rein, um Kontakt aufzunehmen? Mauern entstehen durch die abwehrende Haltung von A.

Die Körpersprache, die Mimik und Gestik zeigen an, hier ist kein Durchkommen für dich. B versucht mit freundlicher und werbender Zuwendung die Mauer zu öffnen. Wird es ihm gelingen? Wird A öffnen? Findet sich der Spalt, die Tür in der Mauer von A? 

Wie aber wird A seinem Lebensort gestalten, wenn B kein Interesse hat, in seinen Lebensort zu kommen? Was ist, wenn A sich am Ort einsam fühlt. Wie wird A reagieren, wenn sich keiner für ihn interessiert? Werden die Mauern zu offenen Türen? Verliert A seine Identität, wenn sich B bei A breit macht und alles bestimmt, sodass A in den eigenen vier Wänden keine Luft zum Atmen hat? 

Das Spiel wird Realität. Täglich sind wir mal die Person A und dann wieder B. Ich erlebe es in meinem Alltag, in der Kommunikation mit Menschen im Stadtteil, zwischen den Kirchgemeinden, in Familie und mit Freunden. 

Dann sitze ich im Büro, verwalte Kirche. Ein dicker Briefumschlag vom Einwohnermeldeamt liegt auf dem Schreibtisch. Unterschriebene Formulare von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, finde ich darin. Im Zeitraum von Januar bis Mai treten 40 Personen aus. Fast alle sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Sind sie B und haben den Zugang nicht finden wollen oder nicht finden können? Ist Kirchgemeinde A und macht dicht oder haben wir keine Relevanz im Leben der vielen B’s? 

Wer bin ich? Wer seid ihr Ausgetretenen? 

Bei allem Engagement für eine offene Kirche gehe ich zerknirscht zum ersten Treffen der neuen Teamer, mit denen ich den nächsten Konfirmandenkurs gestalten werde. Fünfzig Jugendliche haben sich zum Kurs angemeldet und jetzt planen wir mit den Teamern. Wir haben eine erste Runde und die 14jährigen erzählen, weshalb sie sich für das Ehrenamt als Teamer entschieden haben.

Zitat einer zukünftigen Teamerin: „Mit der Konfirmation ist für mich Kirche gefühlt vorbei. Das ist zu wenig. Weil ich eine Aufgabe bekomme und Verantwortung übernehmen kann, bekommt Kirche einen Sinn. A und B gemeinsam in einem Raum. Teamer und Verantwortliche in einem Raum. Jetzt heißt es gemeinsam gestalten. 

Der Raum von A fragt nicht nach Mitgliedschaft. Person A sieht dich als eigenständigen Menschen. A interessiert sich für dich, damit ein gemeinsames, tolerantes und menschenwürdiges Leben gelingt. 

Wer bin ich? Wer sind Sie?

M. Staemmler-Michael

28. Juni

Wenn die Stimme verstummt,

wenn die Worte fehlen,

wenn Tränen fließen,

wenn die Not überwiegt,

 

dann vertraue ich der alten jüdischen Stimmen,

dann werden die Worte des anderen zu meinen,

dann gibt es mir das Gebet der Trauer des anderen Menschen Trost,

dann rufe ich zu Gott:

 

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

AMEN

 

Angela Langner-Stephan

27. Juni

Siebenschläfer

Heute ist der Siebenschläfertag. Die meisten von Ihnen haben nun sicherlich das kleine, graue Nagetier, welches an ein Eichhörnchen erinnert vor Augen. Manche denken vielleicht auch an die alte Bauernregel: „Das Wetter am Siebenschläfertag noch sieben Wochen bleiben mag“. Aber wussten Sie, dass der Siebenschläfertag eigentlich auf die frühen Christen bei Ephesus zurückgeht?

Eine Legende besagt, dass im Jahr 251 nach Christus der römische Kaiser Decius nach Ephesus kam um an Opferfesten für Heidnische Götter teilzunehmen und gleichzeitig auch die Christenverfolgung zu überwachen. Sieben junge Christen sollen sich der Legende nach geweigert haben zu opfern. Sie flohen und versteckten sich in einer Höhle. Dort wurden sie jedoch schon bald von den Kaiserlichen Truppen entdeckt und kurzerhand lebendig eingemauert. 

Aber gestorben sind sie nicht, zumindest besagt das die Legende. Vielmehr sollen sie rund 200 Jahre später, am 27. Juni 446 entdeckt und erweckt wurden sein, als für den Bau eines Viehstalls die Steine vor der Höhle verwendet wurden. 

Die sieben selbst waren jedoch überzeugt nur eine Nacht geschlafen zu haben. Einer der sieben soll in die Stadt gegangen sein um einzukaufen. Als er mit den 200 Jahre alten Münzen bezahlen wollte, wurde er verhaftet und dem Bischof vorgeführt. Er erzählte seine Geschichte und zeigte sich verwundert über die ganzen neuen Gebäude und die vielen Kreuze in der Stadt. Mittlerweile war das Christentum zur Staatsreligion geworden. Der Legende nach, hat sich Selbst der neue Kaiser Theodosius von der Geschichte überzeugen wollen und war nach Ephesus gereist. Kurz darauf sollen die sieben jedoch endgültig „entschlafen“ sein. 

Das interessante an dieser Legende jedoch ist, dass sie in christlichen Kontexten so gut wie nicht verbreitet ist. Im Islam hat jedoch genau diese Legende sogar bis in den Koran gefunden. In Sure 18, Verse 9-26 wird die Legende „der Höhle“ erzählt. In Frankreich gibt es sogar eine Siebenschläferkirche in Vieux-Marché in der Bretagne, die seit vielen Jahren als ein gemeinsamer Wallfahrtsort für Christen und Muslime dient.

Egal was man von dieser Legende halten mag, sie zeigt einmal mehr, das menschengemachte Mauern so hoch und so fest sein können wie sie nur wollen, früher oder später fallen sie doch in sich zusammen. Denn das Leben miteinander von allen Menschen, vor, hinter und auf den Mauern, die Hoffnung und die Zuversicht auf Gott sind stärker als jede Mauer dieser Welt.

Amen

Tom Gelf

26. Juni

Seht ihr den Mond dort stehen?

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb – nein doppelt – zu sehen!

Zugegeben, ich hatte am Abend ein Glas Wein getrunken, aber dass dieses gleich eine Doppelsehung bewirken sollte, zweifle ich doch an. Sicherheitshalber ließ ich mir diesen zweifachen Mond am Himmel bestätigen, man kann ja nicht wissen

Dieses Phänomen entdeckte ich in der Nacht zum 17. Juni dieses Jahres, während ich in Haselünne (Emsland) bei meinem Bruder und meiner Schwägerin zu Besuch war. 

Es wird wohl eine Wolkenspiegelung sein, eine wissenschaftliche Erklärung fand ich nicht. Aber die ist für mich auch nicht so wichtig, mich faszinierte der Anblick. Und Dank meiner Kamera konnte ich diesen auch festhalten.

Während ich aus dem Fenster schaute und den Mond, die Monde, betrachtete, sah ich doch irgendwie Parallelen zu dieser Dopplung und meinem spontanen Besuch. 

Eine Diagnose – ein Befund, eine erfreuliche – eine verunsichernde Nachricht. 

Nun endlich wieder die Möglichkeit zu reisen und dadurch etwas Ab- und Beistand zu bekommen. 

Da ist dann große Wiedersehensfreude – da sind ernste Gespräche. Dort kann ich erleben wie kraftvoll man einen See umwandern kann – und wie kraftlos man sein kann. 

Ich erlebte auch mit, was wahre Freundschaften sind – und wie schlimm verratene Freundschaften sein können. Wie mein Bruder und meine Schwägerin dadurch getragen werden – und wie sie darunter leiden.

So Vieles scheint sich zu spiegeln und Anderes wiederzugeben, aber irgendwie gehört wohl alles zusammen. Es macht unser Leben aus, dass wir einen Teil klar zu erkennen meinen, den anderen etwas im Nebel sehen. Und wir wissen oft nicht, welcher davon der richtige ist. 

So wie eben auch auf meinem Foto. Da ist der helle, leuchtende Mond – da ist der etwas dunklere, aber strukturiertere Mond. Welcher wird wohl der „richtige“ sein?

Baberina Müller (Foto: privat)

25. Juni

Ein Geschenk an die Liebe 

In Estland erzählt man sich in den weißen Nächten im Juni das Märchen von Koit und Hämarik: 

Zwei Liebende, denen die Obhut über die Sonne gegeben ist. Koit entzündet jeden Morgen ihr Feuer und schickt sie auf ihre Himmelsreise, Hämarik nimmt sie am Abend in Empfang und bringt sie zu Bett. So begegnen sich die beiden eigentlich nie, nur wenn der Mittsommer naht, kommen sie sich immer näher. Bis sie schließlich die Sonne von der einen in die andere Hand übergeben und sich dabei berühren. So lebt und zehrt ihre Liebe von den wenigen Tagen einmal im Jahr, an denen sie sich begegnen. Und zu ihren Ehren lässt Gott die Welt in den schönsten Farben erblühen und zaubert Blumen und Blüten und reiche Farben unter die Sonne. Er lässt die Menschen tanzen, er lässt die Flüsse brausen, die Vögel singen und den Wind in den Bäumen rauschen. Als ein fröhliches Fest für das Liebespaar, das sein Miteinander feiert. Als sein Geschenk an die Liebe. 

Johanna Stein

24. Juni

Johannistag

Der 24. Juni ist heute – Johannistag. Johannes der Täufer ist das Urbild eines Zeugen für Jesus Christus. Ein Zeuge sagt aus, was er gesehen und gehört hat. Und so sagt Johannes über Jesus, was er von Gott her gehört hat: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Dieses Zeugnis bestimmt sein Leben – und hat ihn letztlich das Leben gekostet. 

Der Johannistag ist jedoch nicht der Gedenktag seines Todes, sondern seiner Geburt. „Tag der Geburt Johannes des Täufers“ heißt er ganz korrekt. Sechs Monate vor Jesus sei Johannes geboren, erfahren wir aus dem Lukasevangelium. Als die Kirche später die Geburt Jesu auf den 25. Dezember bzw. in die Nacht davor gelegt hat, kam es zum Johannistag am 24. Juni. Die Evangelien sehen in Johannes dem Täufer den Wegbereiter Jesu – den, der auf ihn hinweist. Und er ist es, der Jesus im Jordan tauft. Johannes ahnt, dass sich mit Jesus die Hoffnungen der Väter erfüllen: „Bist du der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ fragt er aus dem Gefängnis. 

Am Johannistag stehen wir im Kreise derer, die warten auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ Diese Verheißung hören wir zu Weihnachten. Johannes steht für all diejenigen, die dafür sorgten, dass die Sehnsucht nach diesem Licht nicht erlosch. Und der dann auf den hinwies, der zurecht von sich sagte „Ich bin das Licht der Welt“. Es ist also kein Zufall, dass uns am 24. Juni – mitten im Sommer – oft einfällt, dass in einem halben Jahr Weihnachten ist. „Sommerweihnachten“ wird dieser Tag deshalb in manchen Gegenden genannt. Wenn wir heute also den Johannistag begehen, dann sind wir mit Johannes dem Täufer bei denen, die Jesus ankündigen, sein Kommen in unsere Mitte – nicht nur zu Weihnachten, sondern an allen Tagen des Jahres. Und auch wir sollen Zeugen Jesu sein! Sollen sagen, was wir gehört haben aus dem Wort Gottes, und was wir gesehen haben an Wirkungen des Heiligen Geistes. Um unser Leben müssen wir deswegen heutzutage in unserem Land nicht fürchten!

Pfarrer Matthias Piontek

23. Juni

"Lobet und Preiset ..."

Ich will dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben.” Psalm 63,5Dieser Vers der heutigen Tageslosung beschreibt ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit gegenüber Gott. Einer Dankbarkeit, die so groß in den Betenden wächst, dass sie gar nicht aufhören möchten diese Dankbarkeit mit Loben und Preis auszudrücken – selbst mit für alle sichtbar erhobenen HändenDie Worte erinnern mich an eine Streit in christlichen Gemeinschaften, der mich schon seit der Zeit meiner Konfirmation begleitet. Er dreht sich um die Fragen, wie ein „angemessenes“ Gotteslob aussieht, welche Gottesdienstformen die „richtigen“ sind und oft in erster Linie um das „richtige“ Liedgut.Aufgewachsen in landeskirchlicher Tradition war mir lange Zeit nicht bewusst, dass in Gottesdiensten auch andere Lieder als aus dem Evangelischen Gesangbuch gesunden werden können. Dass auch andere Instrumente als lediglich Orgel und vielleicht mal eine Gitarre diese Lieder begleiten können. Als ich das erste mal mit dem Lobpreis von Freikirchen in Berührung kam, atmete ich regelrecht auf: Moderne Texte, gerne auch auf Englisch und begleitet mit E-Gitarren und Schlagzeug, gaben meinem von landeskirchlicher Gottesdiensttradition angeödeten Bedürfnis nach Gotteslob und –preis eine Form, die sich endlich gut anfühlte. Die mich berührte.Und sie führten mich mitten hinein in den Streit zwischen freikirchlichen und landeskirchlichen Gottesdienstformen. Ich habe oft die hergebrachte Liturgie und die Liederauswahl in den Landeskirchen belächelt, durch die sich die vereinzelten Gottesdienstbesucher mit wankendem Selbstverständnis stotterten. „Wo ist da die Inbrunst, die Überzeugung? Hierbei soll Gott gelobt werden? Überzeugt uns das eigentlich selbst?“ (Manchmal geht mir das noch heute so.) Ich habe viele Diskussionen über diese Fragen geführt.Und irgendwann, so ganz allmählich, entdeckte ich auch die Lücken freikirchlicher Gottesdienste. Da war eine Einseitigkeit der Lieder, die sich nicht füllen ließ. Da waren Vereinfachungen der Predigten, die sich trotz aller Rhetorik nicht mehr verbergen ließ. Da blieben meine Glaubensfragentrotz all der Inbrunst unbeantwortet und mein Bedürfnis nach Ausdruck für meinen Glauben unerfüllt.Heute sitze ich zwischen den Stühlen bzw. Kirchenbänken. Ich kenne keine Lösung dieses Streits. Ich finde sie auch nicht in der Bibel. Der Vers aus Psalm 63 kennt auch keine bestimmte Form und kein konkretes Liedgut. Er kennt nur die Freude, die Dankbarkeit und das dringende Bedürfnis zu Loben. Und diese Gefühle müssen einfach raus. Egal wie.

Ulrich v. Ulmenstein

22. Juni

Es ist noch nicht lange her, da wurde ich darauf angesprochen, dass in unserer Bethanienkirche an der Decke ein paar Wasserflecke zu sehen sind und sich – bei genauerem Hinsehen – an kleinen Stellen auch die Farbe gelöst hat. Dann stand die Frage im Raum, wann die Kirche zum letzten Mal gestrichen wurde. Dass ich mich daran sehr genau erinnere, ist nicht etwa auf ein gutes Gedächtnis zurückzuführen, sondern hängt mit den begleitenden Umständen zusammen.

Unsere Tochter wurde am Sonntag Palmarum 1988 konfirmiert. Einige Monate zuvor war es noch gar nicht sicher, dass sie 1988 und nicht erst 1989 konfirmiert wird. Bis auf eine katholische Freundin von ihr hatten sich alle Jugendlichen ihrer Klasse zur Jugendweihe angemeldet. Sollte man im Interesse eines sicheren Zugangs zur Erweiterten Oberschule dieses Zugeständnis an das politische System machen und ihr, die damals eher etwas ängstlich war, Auseinandersetzungen ersparen? Noch konnte niemand ahnen, dass es anderthalb Jahre später das System nicht mehr geben würde.

Heute freuen wir uns über große Konfi-Gruppen und niemand von den Jugendlichen muss befürchten, dadurch irgendwelche Nachteile zu haben. Trotzdem sind in Leipzig die Jugendlichen, die sich konfirmieren oder firmen lassen, in der Minderheit. Für viele Eltern, die selbst vor 1990 an der Jugendweihe teilgenommen haben und auch keiner Kirche angehören, kommen Konfirmation oder Firmung nicht in Frage. Ich finde es deshalb gut, dass beide großen Kirchen diesen Jugendlichen mit einer Jugendwendefeier eine Alternative zur Jugendweihe anbieten.

Übrigens hat unsere Tochter einen für sie sehr passenden Konfirmationsspruch zugesprochen bekommen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ 

Und auch weil unser Chor in diesem Gottesdienst in einer frisch gestrichenen Kirche die entsprechende Motette von J. S. Bach gesungen hat, kann ich mich so gut an die Konfirmation unserer Tochter und daran erinnern, dass unsere Kirche 1988 letztmalig einen Anstrich erhalten hat.

Über den Link können Sie mal in diese herrliche Motette hineinhören:

https://youtu.be/IiE4vhPUWdI

Martin Meigen 

21. Juni

Bloß keine Trauzeugen!

Was hat eigentlich der liebe Gott am Traualtar verloren? 
  
Ich finde die Frage gar nicht so abwegig. Wir sind ja hier nicht katholisch, die Ehe ist also kein Sakrament. Wenn aber umgekehrt eine Trauung nicht allein deshalb in der Kirche stattfindet, weil dort die Deko (im besten Fall) schöner ist als auf dem Standesamt, was hat Gott dann eigentlich zu tun?
  
Ich würde es so sagen (in aller Freiheit, kein Theologe zu sein):
  
Als es in meiner Ehe schlecht lief, brauchte ich den göttlichen Beistand mehr als in den rosigen Zeiten. Andererseits gilt das ja für das Leben in vielen Lagen, von der Abi-Prüfung bis zur Midlife-Crisis.
  
Erst als also unsre Ehe in einer Krise war, erinnerte ich mich von Neuem,
dass uns unser Pfarrer aus dem mitteldeutschen Pastoren-Geschlecht der Begrichs ein Gebot und ein Verbot mitgegeben hatte, als er uns traute, in einem Kirchlein im früheren Sperrgebiet auf der Höhe von Halberstadt:
  
Beim Ehe-Versprechen gebot er uns, Treue & Liebe zu geloben (nicht umgekehrt!). Vielleicht hielt er die Liebe für eine etwas wackelige Angelegenheit.
  
Kategorisch fiel das Verbot aus:
  
Keine Trauzeugen. 
  
Wirklich, keine Trauzeugen? 
  
Bloß keine Trauzeugen!
  
Weil Begrich der Ältere einen beeindruckenden Bart trägt (von dem ich mich immer frage, ob er ihn an die Begrichs, die Jüngeren, weitergegeben hat), taten wir wie geheißen. Und wenn ich mich recht erinnere, ging seine Begründung in etwa so:
  
In guten Zeiten ist man auf Trauzeugen nicht angewiesen, in schlechten aber bestellen die Ehe-Duellanten sie womöglich zu  Sekundanten im Eifer um den besten Schuss im Morgengrauen des Frühstückstisches. 
 
Eine tiefere Weisheit dieses Rats erschloss sich mir erst viel später: 
 
Weil mein Blick nicht von Menschen abgelenkt wurde, wenn ich nach Beistand in der Beziehung suchte, fiel er auf den abwesenden Dritten bei unserem Eheversprechen: den großen Anwesenden.
  
Mein Lieblingsbild unserer Hochzeit - von meiner Wunschschwester aus Thüringen aufgenommen - zeigt uns als Brautpaar bloß von hinten: Lehne an Lehne sieht man die Brautstühle nebeneinander stehen im Kirchenschiff, von unseren Köpfen kaum überragt, und dazwischen schaut Begrich d.Ä. uns ernst und irgendwie heiter zugleich ins Gesicht. Das Licht durchs Kirchenfenster aber fällt auf das Engelchen überm Altar.
  
Seitdem, wenn die Ehe-Teufelchen mich plagen oder meine Frau, denke ich: Er wird sich doch was gedacht haben uns zusammen zu bringen, dieser rätselhafte Immer-weg-Immer-da, den wir G'tt nennen. 
  
Der Gedanke allein macht die schweren Momente leichter und die leichten tiefer: So wie heute, am 21. Juni, unsrem Hochzeitstag.
  
Natürlich weiß ich nicht, auf welche Weise G'tt seine Hand dabei im Spiel gehabt hat, meine Frau und mich  zum ersten Kuss zu führen, Jahre vor Verlobung und Trauung, am Tag der deutschen Einheit anno domini 1998. Ebenso wenig ahne ich, wie lange er uns als Ehemann und Ehefrau zusammen gefügt sehen mag. 
  
Ziemlich gewiss bin ich mir aber, am Anfang war er da, der eine gemeinsame Trauzeuge von Ines & mir. Warum also sollte er nicht bei uns bleiben, in Zeit & Ewigkeit? 
 
PATRIK SCHWARZ

20. Juni

Orientalischer Sonntagspsalm

Dankbar finden wir 
Deine 
Überall-Spuren im Erdfaltenkleid:
Farbige Sandstein-Ornamente,
vom Gurgeln urzeitlicher Fluten
ausgespülter Schmuck.
Vulkangeschenke 
aus dem Schmelztiegel des Erdkerns:
Basalt, Chrysokoll, 
Bergkristall, Smaragd;
eine Fülle phantastischer Schätze.

Die Brunnen der Tiefe
quellen zum Lebensborn.
Flüsse begrünen das Tal.
Regen befeuchtet die Steppe.
Der Meeresschoß breitet einen Teppich
bezaubernder Farben und Formen
am Ufersaum; 
eine ungeahnte Fülle:
Fische, Korallen, blumige Wesen.
Deine Sonne holt sie ans Licht.

Aus der Erdkrume 
sprießt vielfältiges Leben.
Anemonen wiegen sich im Wind, 
Mandelblüten 
verheißen künftige Früchte.
Da stehen altehrwürdige Ölbäume,
Eukalyptus, Pinien, Zypressen.
Fruchtbare Oasen inmitten der Wüste
bieten erholsame Rast.
Dort ruhen Kamele mit ihren Treibern,
im Felsspalt sonnt sich die Eidechse.

Mit Deiner Schöpfung schenkst Du auch uns 
menschliches Antlitz,
Atem und Stimme.
Ein buntes Gemisch von Gefühlen, 
Lebensweisen und Sprachen,
arabisch und hebräisch, 
deutsch und englisch.
Du wartest,
dass wir einander erkennen
als eine große weltweite Familie
von Schwestern und Brüdern.
Es ist Dein Geist, der uns vereint.

Vielstimmig loben wir Dich,
Dich,
Jahwe,
Allah.
Unser Vater,
Mutter unser.
Unaussprechlicher, 
Welten umspannender,
hautnaher Gott,
Du.

Rolf-Dieter Hansmann

1998. Am Ende einer Reise nach Israel und Jordanien.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

19. Juni

Schutzengel

Vor kurzem las ich in einer dieser ungefragt auf dem Handy auftauchenden News von einem Vorfall auf der Autobahn. Ein Autofahrer sah beim Überholen eines geradeaus fahrenden Fahrzeugs kurz neben sich und bemerkte dabei, dass die Fahrerin des Wagens offenbar bewusstlos geworden war. Mit im Auto saß ein Kind. Binnen Sekundenbruchteilen traf der Mann eine Entscheidung, setzte sich mit seinem eigenen PKW vor den Wagen der Frau und begann, ihn langsam auszubremsen. Der 7 jährige Junge an Bord schaltete den Warnblinker ein. Das Manöver gelang, die Fahrzeuge kamen mit leichten Blechschäden zum Stehen, die Frau wurde medizinisch versorgt. 

Was für ein Glück, dachte ich beim Lesen. Wie oft schaue ich denn in fremde Autofenster hinein, wie es den Fahrern geht? Dass der Mann das bemerkt hat! Und was für ein Glück, dass die Frau nicht mit dem Fuß auf dem Gaspedal ohnmächtig geworden war. Und wie gut, dass er den Mut und die Idee für diese Aktion hatte. Und wie geistesgegenwärtig von dem Sohn, statt in Todesangst auszubrechen die Blinker einzuschalten. Was für ein Glück, oder eben: was für eine Bewahrung! Ein Schutzengel zur rechten Zeit. Ich wünsche, wir haben auch einen, wenn es einmal brenzlig wird.

 

Johanna Stein

18. Juni

Ein Pfarrer als Tierschützer

Laut dem evangelischen Namenskalender ist der 18. Juni der Gedenktag für den 1864 an diesem Datum verstorbenen Albert Knapp. Der Stuttgarter Pfarrer wird dort wohl vor allem wegen seiner Kirchenlieder aufgeführt, war aber auch in anderer Hinsicht ein Pionier: 1837 gründete er den ersten Tierschutzverein auf deutschem Boden und rief dazu auf, weitere solcher Vereine zu gründen. Anlass soll der Bericht eines befreundeten Pfarrers über einen von Gewehrkugeln getöteten Storchs gegeben haben, der auf dem Kirchendach lebte und von dem Pfarrer häufig als Vorbild für lebenslange Treue in Predigten thematisiert wurde.

In der Kirche seiner Zeit hat Knapp mit seinem Engagement wenig positive Resonanz gefunden, doch politisch war es folgenreich: Bereits 1839 gab es in Württemberg das erste Tierschutzgesetz, das Tierquälerei unter Strafe stellte. Ähnliche Gesetze in anderen Ländern folgten bald darauf.

Heute besteht in kirchlichen Kreisen wohl kaum ein Zweifel daran, dass Tierschutz ein wichtiger Bestandteil der uns anempfohlenen Bewahrung der Schöpfung und Ausdruck eines angemessenen Umgangs mit unseren Mitgeschöpfen ist. Und der Handlungsdruck ist enorm: Statistisch gesehen werden auch heute wieder etwa 150 Tierarten aussterben. 

Was können wir tun? Manchmal helfen schon die kleinen Schritte: Im Deutschlandfunk hörte ich gestern die Aufforderung, kleine Tränken für Vögel aufzustellen, die in der derzeitigen Sommerhitze vom Verdursten bedroht sind. Albert Knapp würde es sicher freuen, wenn Sie seinen Gedenktag durch das Aufstellen einer solchen Vogeltränke begehen!

Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende wünscht

Ihr Konstantin Enge

17. Juni

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! 2. Korinther, 6,2 (Lutherbibel)

Die Kirchenglocke läutet. Menschen stehen vor der Kirche. Die Türen öffnen sich und der Sarg wird herausgefahren. Da kommen der Mann und die erwachsenen Söhne. Groß gewachsen, doch heute gebeugt. So stelle ich mir die Beerdigung unserer lieben Freundin vor.

Am Donnerstag weiß ich, ob ich mit meinen Vermutungen Recht hatte. Nach 2 Jahren hartem Kampf gegen den Krebs, ist ihr Lebenslicht verloschen. 2 Jahre! Damals zu meinem Geburtstag im Mai kam ihr Mann aus dem Krankenhaus mit der Diagnose. CUP (Carcinoma of unknown primary) = Krebs unbekannter Herkunft. Ein Freund, der die genaueren Ergebnisse der Untersuchungen las, meinte genießt die nächsten Wochen, dass wird sehr wahrscheinlich schnell zu Ende gehen.

Doch meine Freundin ist, nein war eine Kämpferin. Bei ihrer Arbeit im Kirchenvorstand genauso, wie jetzt, als es um ihre Gesundheit ging. Irgendwann fiel der Satz: Na, wir denken erst mal bis Weihnachten. Diesem Weihnachten folgte noch eins und noch einige Monate. 

Es waren schwere Zeiten dabei. Beispielsweise, als sie sich irgendwann eingestehen musste: Nein, ich werde nicht mehr arbeiten gehen können. 

Aber es waren auch noch viele schöne Tage dabei. Wie im letzten Sommer in einem Ferienhaus an ihrer geliebten Nordsee.

Was hat das alles mit dem Spruch aus dem Korintherbrief zu tun?

Für mich dreierlei. Einmal weil ich glaube, dass es nun für sie Erlösung von ihren Schmerzen und ihrer Schwäche gibt. Für sie ist jetzt der Tag des Heils. Ob sie ihn willkommen geheißen hat? Ich weiß es nicht.

Aber zum anderen sagt es mir: Lebe jetzt. Lebe heute! Bewusst! Nimm dir Zeit, die Stunden am Computer, beim Autofahren, Einkaufen, … als einen Tag deines Lebens zu begreifen. 

Meine Freundin strahlte immer und immer wieder Kraft und Zuversicht aus. Machte Mut. 

Sagte mir, als ich sie eine Woche vor ihrem Tod besuchte: Du schaffst das schon!

Erst auf dem Nachhauseweg wurde mir dies deutlich. Sie lag so geschwächt da, dass sie sich nicht mehr aufsetzte, was sie sonst immer getan hatte. Aber spricht mir Mut zu! Was für eine innere Stärke. Das war auch nichts aufgesetztes, keine leere Floskel. 

Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Zum dritten Gedanken: Der Tag des Heils, der Erlösung. Natürlich hängt das mit dem zweiten Gedanken zusammen, setzt aber für mich noch einen anderen Aspekt. Gott kommt mir jeden Tag entgegen. Jeden Tag bietet er mir an erlöst zu werden oder besser zu sein. Nicht gesund und kräftig. Das ist Gott, meiner Meinung nach, überhaupt nicht wichtig. Meine Seele darf glücklich werden. 

Mit Gott kann ich es schaffen Ansichten und Blickwinkel zu ändern. 

Wahrzunehmen was ist wirklich wichtig. 

Ich wünsche uns das Erkennen: „Jetzt ist sie da, die ersehnte Zeit, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.“ (2. Korinther 6,2 Züricher Bibel)

16. Juni

Frische Kleider 

Losungswort für den 15.06.2021

Sieh her ich nehme deine Sünden von dir und lasse dir Feierkleider anziehen. 

Sacharja 3,4

Martha – meine Tochter – steht am Küchentisch. „Papa, kannst du mal auf dein Handy schauen, wie das Wetter wird? Kann ich ein Kleid und ein kurzes T-Shirt anziehen?“

Martha ist es wichtig, wie sie bekleidet ist. Und das schöne sonnige Wetter schafft da Möglichkeiten. Und so holt sie sich den Hocker, zieht die Schublade auf und prüft, was da an Anziehsachen liegt. Martha wählt das Kleid mit den Schmetterlingen und das rosa Shirt. Und sie gefällt sich darin.

Was werde ich heute anziehen? Auf jeden Fall nicht die enge Hose der Befürchtungen, die kneift. Es soll auch nicht der weite Pullover der Teilnahmslosigkeit sein. Heute wähle ich das bunte Hemd der Freude und die kurze Hose der Freiheit. Passend zum Wetter.

Es grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

15. Juni

Gott liebt Tango!

Langanhaltender Applaus. Soeben bekannten Besucher*innen mit dem 1600 Jahre alten Apostolischen Glaubensbekenntnis ihren christlichen Glauben. Das Tangotänzerpaar Angela Sallat und Andreas Küttner tanzten das Credo aus der Misa a Buenos Aires von Martín Palmeri (1996).

Ein Bekenntnis vereint Menschen, die sich zu einem Sachverhalt verständigt haben. Ein Bekenntnis stellt klar und grenzt aus. 

Ich glaube an Gott, den Vater… an Jesus Christus, seinen Sohn…. Und an den Heiligen Geist.

Das Paar tanzt mit einer ausdrucksstarken Haltung, kommuniziert in Gestik, Mimik und einer klaren Körpersprache miteinander. Beide nehmen sich mit jedem neuen Schritt und in jeder Bewegung mit auf den Weg durch das Credo. Ja, eigentlich ist es ein Weg durch das Leben. Ich bin in dieser Welt gewollt. Ich bin getragen in Not, bejubelt im Glück, begleitet im Tod, mit Ewigkeit beschenkt und in Gemeinschaft geborgen. Die alten Worte beginnen zu schwingen und öffnen sich. Alles wird zu einer Einladung Gottes. Eine Haltung zeigen für das Leben.

Aufeinander hören und miteinander reden, damit wir uns nicht fremd bleiben. 

Sich öffnen für die Fragen der Zeit. 

Der Tanz öffnete begrenzte Herzen und Sichtweisen. Schritt für Schritt!

Gott liebt Tango!

Martin Staemmler-Michael

14. Juni

Wie Flügel

Rot ist die Ampel an der Kreuzung, blau sind die Klamotten des Jungen. 12 ist er - oder erst 10, vielleicht?

Der Mann, der von hinten auf ihn zurennt, trägt Bart, seine Brille wackelt, so sehr beeilt er sich.

"Hier!" ist alles, wozu sein Atem noch reicht.

Der kleine Junge breitet seine Arme aus wie Flügel. Turnbeutel-Schlaufen gleiten über Kinderarme. 

Ein Himmelreich auf Erden ist das Lächeln in den Augen des Vaters, der immer noch um Luft ringt.

Die Ampel schaltet auf Grün.


PATRIK SCHWARZ

13. Juni

Perfekt oder kompatibel? 

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mat11,28).

Dieses Jesuswort begleitet uns als Spruch in die neuen Woche. 

Das klingt einladend. Wir haben doch alle unser Päckchen zu tragen. Gegen Erquickung und Entlastung wird wohl niemand etwas einzuwenden haben. Und wenn Jesus das anbietet, dann ist es sicher auch kein billiger Werbetrick, bei dem uns wieder so ein supergünstiges Abo aufgeschwatzt wird, dass unser Leben in kürzester Zeit nachhaltig verändern soll. 

Aber eine Frage muss ich doch stellen: Wie ist das genau zu verstehen, und wie soll es funktionieren? 

Bei der Suche nach einer Antwort stoße ich zunächst auf die Frage nach der angemessenen Übersetzung aus dem griechischen Urtext. Luthers Übersetzung ist uns zwar recht lieb und vertraut geworden, aber sie trifft in diesem Fall doch nicht so ganz den Kern der Sache.

Die wörtliche Übersetzung heißt: Kommt zu mir, alle, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, und ich werde euch Ruhe verschaffen.
Damit spielt Jesus auf die Lasten an, die den Menschen seiner Zeit mit den vielen religiösen Gesetzen und Vorschriften auferlegt waren. Sie wurden mit einem Joch verglichen, unter dem Lasttiere ihre tägliche Arbeit verrichten mussten. 

Das wird auch durch die beiden folgenden Verse in der Lutherbibel bestätigt: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mat11,29f.)

Haben wir dem Vers mit dieser Erklärung seine erquickende Verlockung und Frische genommen? Schließlich leben und leiden wir doch heute nicht mehr unter diesem Joch des (religiösen) Gesetzes? 

Im engeren Sinne stimmt das wohl, doch jetzt kommt ein großes ABER: In unserer Gesellschaft gibt es längst ein neues Joch, das weite Teile des öffentlichen wie des privaten Lebens bestimmt – das Joch des Perfektionismus. Glauben und essen dürfen alle, was sie wollen, aber was man sagt und tut, das muss passen und klappen und stimmen. 

Ich denke da zum Beispiel an junge Paare, die den schönsten Tag ihres Lebens bis ins kleinste Detail vorbereiten und dabei weder Kosten noch Mühe scheuen. Und dann genügt schon eine sprichwörtliche Regenwolke, die aus einer Mücke einen Elefanten werden lassen und alles zum Platzen bringen kann…

Im Evangelium für den 2. Sonntag nach Trinitatis aus Lukas 14,16-24 zeigt Jesus, dass Gott da ganz anders denkt und handelt: Das Fest wird gefeiert, auch wenn zunächst alles schief zu gehen scheint und die wichtigsten Gäste absagen. Die Einladung gilt und geht weiter. Kommt, auch wenn ihr nicht perfekt seid! 

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Perfektionisten haben es besonders schwer, weil sie es sich besonders schwer machen.

Es ist wohl wieder einmal Zeit zum Umdenken.
Was könnte die Alternative zu unserem heutigen Perfektionismus sein? Mir fällt dazu das Wort kompatibel ein. Entscheidend und wichtig ist nicht, dass ich perfekt bin. Aber ich möchte kompatibel sein – im Sinne von passend und verträglich und zuträglich – in meiner Beziehung und Familie, im Freundeskreis und in der Gemeinde, in der Nachbarschaft und in unserer Gesellschaft und – nicht zu vergessen: auch mir selbst und Gott gegenüber. 

Ich verstehe den Wochenspruch als Jesu Einladung zum Umdenken in diese Richtung: Wo wir es wagen, mehr auf Kompatibilität als auf Perfektionismus zu setzen, da wird das Leben für alle erquicklicher. 

Einen gesegneten Sonntag und eine erquickliche neue Woche wünscht Ihnen

Ihr Heinz Schneemann

12. Juni

Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind. (2. Kor. 1-3)

Am vergangenen Wochenende durfte ich zwei Gottesdienste mitgestalten. Meine Predigt sollte durchaus nachdenkenswert, aber auch heiter sein. Ich war ja auch nachdenklich und heiter. Das Lied, welches in der Predigt zum Mittelpunkt wurde (kein Kirchenlied, sondern ein Schlager aus den 60er Jahren – oje :-)) war nachdenkenswert, aber auch heiter.

Es waren schöne Gottesdienste, es gab gute, fröhliche Rückmeldungen. Ich war glücklich.

Nach dem zweiten Gottesdienst winkte mir eine Frau zu und ich trat zu ihr. Die Augen über der Maske sahen mich an. Groß und dunkel. Die Haut ringsum war bleich. „Geht es ihnen nicht gut?“ fragte ich besorgt. „Nein, gar nicht“ sagte sie. „Dieses Lied, um das sich ihre Worte drehten, hat so unendlich viel in mir aufgewühlt, der Gottesdienst wurde mir zur Qual.“ 

Ich bin zutiefst erschrocken. Meine Freude wandelte sich in einen schweren Kloß, der sich auf mein Herz legte. Das war doch nicht das, was ich wollte. Wir sprachen noch eine Weile miteinander. Zwischen uns war alles gut. Sie wusste ja, dass ich keine böse Absicht hegte.

Aber mir hing es an. Da wollte ich Gutes, Heiteres – und sah Tränen und Traurigkeit.

Am Nachmittag ging ich über einen Friedhof. Das Vogelzwitschern, der herrlich blühende Rhododendron, das satte Grün – alles tat mir gut. Natürlich betrachtete ich auch die Grabsteine. An diesem blieb mein Blick haften.

Die trauernde Frau stützt sich auf. Die Namen derer, um die sie trauert, sind nicht mehr leserlich. Aber ganz deutlich zu lesen sind die Worte: „Gott ist die Liebe“. 

Ja“, dachte ich. „Das ist das, was bleibt. Das ist das Wichtigste. Meine Worte vergehen wie die Namen auf dem Stein, so wichtig sie mir erschienen. Manches Wort war gut, manches schmerzhaft. Alles hat seine Zeit. Aber was beständig ist, ist Gottes Liebe. Und er vermag alles zu wandeln, auch das, was ich – unbefangen –‚angerichtet‘ habe.“

Ich war in diesem Moment so beruhigt und getröstet. Und ich wusste, so lange ich getröstet werde von Gott, kann auch mein Tun und Lassen, mein Reden und Schweigen Gutes bewirken und bestenfalls trösten, auch wenn es manchmal nicht danach aussieht. 

Am anderen Morgen schlug ich mein Büchlein auf, welches mir zur Losung oft gute Texte schenkt. Dort stand: 

Wenn man glücklich ist, so gibt es noch viel zu tun: das Trösten der anderen. 

Jules Renard (franz. Schriftsteller)

Da war ich doch wieder so glücklich …. Möge mir und dir und uns allen, immer Gottes Trost zu teil werden. Möge Gottes Liebe uns allen so spürbar bleiben. Damit in uns die Kraft zum Trösten ist und wächst. 

Claudia Krenzlin

11. Juni

Im Land der rollenden Steine

Sollten Sie einmal in Südtirol sein und auf’s wunderbare Stilfser Joch hinauffahren wollen, dann planen Sie doch einen Halt im kleinen Ort Prad, direkt am Fuß der Berge ein, um den Lorenz Kuntner, einen sehr originellen Bildhauer und Dichter zu besuchen. Sie können ihn gar nicht verfehlen, denn sein weitläufiges Anwesen liegt gleich an der Hauptstraße. Da fließt der Bach, der ihm unerschöpfliche Mengen an runden Steinen aus dem Gebirge mitbringt, aus denen er seine überraschenden, teilweise skurrilen Werke zaubert. Zu Hunderten stehen sie dort im Freien aufgestellt. Einige kann man kaufen, doch gern trennt er sich nicht von seinen Lieblingen. Aber bewundern lässt er sie sehr gern, und es ist einfach eine Freude, mit ihm über Gott und die Welt in’s Gespräch zu kommen. Nein, er ist kein Schwätzer, aber ein großartig bodenständiger Mensch, der sich unglaublich viele Gedanken über das Leben macht. Ich gebe Ihnen eine Seite aus einem seiner Bücher zum Mitfreuen und Mitdenken.

Ihr Günther Jacob

10. Juni

Kennen Sie sie (noch)?

Ich hab sie geliebt, die Kindergottesdienste, die in meiner Kindheit immer nach dem Hauptgottesdienst stattfanden. Auf dem Weg zur Kirche begegneten wir unseren Eltern, die auf dem Heimweg waren.

Ganz besonders freute ich mich jedes Mal auf das kleine Geschenk zum Abschluss. Wir konnten uns aus dem großen Angebot etwas aussuchen. Die Leporellos gefielen mir am besten, aber auch die Bilderbögen und einzelnen Bilder und Kärtchen. 

Am 1. Advent gab es ein ganz besonderes Geschenk, den Christlichen Kinderkalender. Eigentlich war es nicht ein Kalender im eigentlichen Sinne, sondern ein Büchlein mit Geschichten, Gedichten, Bastelideen und vielem mehr. Ein Büchlein für das ganze kommende Kirchenjahr. Ich fand es immer spannend und hab es Seite für Seite durchgelesen.

Meine Sammlung konnte ich stetig vergrößern, da wir uns auch nach der Christenlehre, dem Kinderkreis und Veranstaltungen für Kinder solch ein Geschenk aussuchen durften.

Ob es diese Dinge immer noch gibt? Wenn ja, dann werden sie wohl anders aussehen, moderner. Und so kontinuierlich werden sie wohl auch nicht mehr verschenkt.

Ich hab alles gehütet wie einen Schatz, bis zum heutigen Tag. Sie sehen es auf dem Foto, obwohl ich da nur eine kleine Auswahl getroffen habe. Nichts davon könnte ich wegwerfen. Meinen Stolz, den ich als Kind beim Vervollständigen der Sammlung verspürte, und meine Freude über jedes einzelne Teil spüre ich immer noch. Natürlich liegt alles jetzt in einer Kiste und diese hol ich nun nicht ständig hervor. Aber ich weiß wo sie steht und kann die Dinge verwenden.

An den Tauf-Gedenktagen meiner Kinder habe ich ihnen ein Leporello aus meiner Sammlung als Geschenk auf den Frühstückstisch gelegt. Mit meinen Enkelkindern will ich den Schatz nun nutzen um ab und zu ein Teil gemeinsam rauszusuchen und vielleicht die Geschichte, die darauf zu sehen ist, zu erzählen. Sicher werden dabei auch in mir wieder Erinnerungen wach. 

Und ist das nicht auch wieder ein Schatz? 

Baberina Müller

9. Juni

Erwachsene Versager

Nehmt das Reich Gottes auf wie die Kinder“ (MK 10,15). Gute Nachricht für Chaoten und Versager! Kinder leben nicht nach der Uhr, sie sind verspielt, abenteuerlustig, sind alles andere als gut organisiert und wenn sie auf die Nase fallen, stehen sie einfach wieder auf. So kommen sie ins Reich Gottes.

Geistlich Erwachsen zu werden bedeutet für mich, in ganz kleinen, kaum wahrnehmbaren Schritten weniger chaotisch zu werden, aber das ist nur ein Nebenaspekt. Viel wichtiger ist es, dass ich die Unvollkommenheit des Lebens anerkenne. Ich bin ehrlich mit mir selbst, mit meinen Gefühlen, mit meiner Angst, meinen Enttäuschungen und mit meinem Versagen. Ich erkenne mich und meine Grenzen an, denn ich habe mein Leben nach wie vor nicht im Griff. Ich komme als unaufhörlicher Versager und Sünder zu Gott, der mich jeden Tag neu mit liebevollen offenen Armen erwartet. So ermutigt mich Gott, mit den Menschen um mich herum ebenso umzugehen. Ihre Unvollkommenheit ist meine Chance Barmherzigkeit und Liebe zu leben. Eine Liedzeile aus dem Lied „Grace“ der irischen Band U2 beschreibt diese Realität:

Grace makes beauty out of ugly things, Grace finds beauty in everything” (Gnade lässt aus hässlichen Dingen etwas Schönes werden, Gnade entdeckt Schönheit in allen Dingen). Der heutige Tag ist eine Einladung, als Erwachsener von Gottes Gnade zu leben.

Volker Klein

8. Juni

Frieden und Gerechtigkeit

„Frieden mache ich zu deiner Wache und Gerechtigkeit zu deiner Obrigkeit.“ Jesaia 60, 17

Der heutige Losungstext stammt aus der Zeit, als viele Menschen jüdischen Glaubens aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekehrt waren. Mit einer ungeheuren poetischen Kraft reiht sich im 60. Kapitel des Jesajabuchs Verheißung an Verheißung. In Vers 17 folgt auf bildhafte Versprechungen materiellen Wohlergehens die immaterielle Verheißung, die Gegenstand der heutigen Losung ist und in der Lutherübersetzung 2017 so lautet: „Und ich will den Frieden zu deiner Obrigkeit machen und die Gerechtigkeit zu deinem Herrscher.“. Sie mündet im nächsten Vers in „Man soll nicht mehr von Frevel hören in deinem Lande noch von Schaden oder Verderben in deinen Grenzen, sondern deine Mauern sollen »Heil« und deine Tore »Lob« heißen.“ Der Text zeigt, bedeutender als materielle Versprechungen sind Frieden zusammen mit Gerechtigkeit. 

Wichtig scheint mir hier der Zusammenklang von Frieden und Gerechtigkeit. Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Streit. Frieden ist eine grundlegende Voraussetzung für das menschliche Zusammenleben. Daher wird dem Frieden zu Liebe nur zu gern die Gerechtigkeit, der zweite wichtige Begriff aus unserer Tageslosung, vernachlässigt. Aus Furcht vor Chaos finden sich Menschen mit Ungerechtigkeit ab. Wo das ausgenutzt wird, können Gesellschaften zu Diktaturen werden. Dabei muss ich an Belarus denken, ein Land in dem sich der Präsident mit einer Wahlfälschung an der Macht halten will und Menschen viel riskieren, um dagegen zu protestieren. Unrecht zieht Unrecht nach sich. Jüngste Entwicklung in Belarus ist die rechtswidrige Inhaftierung des belarussischen Journalisten Raman Pratasevich und seiner Freundin Sofia Sapega nachdem ihr Flugzeug unter einem Vorwand zur Landung gezwungen wurde. Frieden und Gerechtigkeit – sich für diese Verheißung einzusetzen ist für uns als Christ*innen, die aus der bleibenden Relevanz biblischer Zeugnisse schöpfen, Verpflichtung, damit nicht nur unsere Mauern „Heil“ und nicht nur unsere Tore „Lob“ heißen. 

Christian Marquering

7. Juni

Jona

Gestern wurde von ihm in allen Gottesdiensten erzählt, gepredigt und auch mit ihm gebetet. Er, der nicht wollte und weglief. Er, der Angst vor denen in der schlimmen Stadt hatte.

Doch Gott hatte eine Aufgabe für ihn. Gott wusste, er kann das – auch wenn er selber sich dies nicht zutraut. Gott schaut nicht in die erste Reihe, sondern in die Herzen, auf die Kraft und das Vertrauen. Gott erwählt nicht 

So war das schon immer – auch bei: Noah, dem Trinker; Eva, die einer Schlange vertraute; Petrus, dem Verräter; Maria Magdalena, die von Dämonen besessen war; Und … Jona, der davon rannte!

Kennen sie Jona – vielleicht aus dem Kindergottesdienst oder von den vielen Bildern, wo Jona im Bauch des Fisches zu sehen ist?

Jona will den Menschen in Ninive nicht die Strafe Gottes ansagen. Warum – können wir nicht in der Bibel lesen. Während Jona weit weg von Ninive flieht, bleibt Gott bei seinem Vorhaben. Noch schläft Jona im Bauch des Schiffes – mitten im Sturm. Plötzlich wird er aus dem Schlaf gerissen und erhält die nächste Aufforderung: Er soll beten! Es bleibt stürmisch und das Schiff droht unterzugehen. Dann fällt das Los auf ihn und er wird über Bord geworfen. Gott schickt einen großen Fisch, weil Gott Jona braucht. Was dort passiert, können wir in der Bibel nachlesen. Jona redet zu Gott, der ihm Halt und Hoffnung gibt. Und Jona wird vom Fisch an Land gespuckt.

Dort wartet die gleiche Aufgabe auf ihn. Jetzt übernimmt Jona den Auftrag.

Auch uns geht es manchmal ähnlich! Wir brauchen eine Pause oder eine Umleitung, um dann unseren (neuen) Weg zu gehen oder etwas zu ändern. Und Gott hilft dabei, Gott erwählt, Gott traut zu – auch Dir!

Pfarrerin Angela Langner-Stephan

6. Juni

D-Day und Freiheit

Die Besichtigung der Gedenkstätten für die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 stand eigentlich erst am Ende unserer Reise durch Südengland und Nordfrankreich auf dem Programm. Bis dahin waren es vor allem die großartigen Kathedralen von Canterbury, London, Salisbury, Winchester, Wells und Exeter, die unsere Reiseroute bestimmten.

Doch dann kam es anders: Als wir am ersten Tag nach der Überfahrt von Dünkirchen nach Dover die Kathedrale von Canterbury besichtigten, entdeckte ich im Innern an eine schlichte Steintafel mit einem Wappen der Normandie-Veteranen-Vereinigung. Mit roten und zum Teil goldenen Buchstaben stand dort (frei übersetzt und etwas gekürzt):

Zur Erinnerung an die Tausende der alliierten Streitkräfte, die während der Invasion von Westeuropa im Juni 1944 ihr Leben verloren. Damit begann die Rückkehr der Freiheit nach Europa! 

Der zweite Satz mag uns vielleicht heute etwas pathetisch klingen, aber er hat mich sehr bewegt.

Nach vielen wunderbaren touristischen Erlebnissen in Cornwall erreichten wir die kleine Hafenstadt Poole an der Südküste, um nach Cherbourg überzusetzen. Eine Bronzetafel im Hafen von Poole erinnerte an die Besatzung von 60 Holzbooten der United States Coast Guard, die an der Invasion beteiligt waren – ein kaum vorstellbares Detail der gewaltigen Aktion!

Zwei Tage später standen wir in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Caen auf einem Friedhof, auf dem die alliierten Opfer der Invasion begraben worden waren: weiße Marmorkreuze – und Marmorsterne für die jüdischen Gefallenen – soweit das Auge reichte. Und in dem sehr gut besuchten Dokumentationszentrum wurde die totale Stille nur durch gelegentliches Schluchzen unterbrochen . . .

45 Jahre später ging es im Herbst 1989 wieder um die Freiheit. Der Leipziger Künstler Matthias Klemm hat dazu Tagebuchblätter gestaltet, mit denen er einen weiten Bogen spannt vom Putsch in Chile, über die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking bis zu dem, was in Leipzig und Berlin geschah und – Gott sei Dank! – eben auch nicht geschah. 

Diese Tagebuchblätter sind für mich ebenso wie die Gedenktafeln in Canterbury und Poole oder die Gedenkstätten in der Normandie eine nachdrückliche Mahnung und Motivation, sich stets für Freiheit und Gerechtigkeit einzusetzen.

Übrigens stand unten auf der Tafel in der Kathedrale von Canterbury – in einer anderen Schrift – noch folgender Satz (Joh. 15,13; hier in der Übersetzung der Luther-Bibel von 2017): Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.

Martin Meigen

5. Juni

"Hölle, wo ist dein Sieg?"

Satan war hier“ und „Heil Satan“ zusammen mit einigen auf den Kopf stehenden Kreuzen hat jemand groß auf englisch an das Portal und die Umfriedungsmauer der Taborkirche gemalt. Ich bemerke es, als ich mit meiner neugeborenen Tochter am Trinitatissonntag zum ersten Mal in ihrem Leben dort entlang spaziere. Es ist ein Anblick, das mich die Tage nicht losgelassen hat. Ein bemerkenswerter Versuch, christliches Leben anzugreifen. In den Worten wird das Bild beschworen, der Höllenfürst höchst selbst sei in diese Kirche gekommen. Mit dem Heils-Gruß und den typisch verkehrten Kreuzen sollte der Ort scheinbar zu einer Anbetungsstätte Satans gewidmet werden. Der Vorfall beschwört die alte christliche Mythologie herauf, die besonders im Buch der Offenbarung der Bibel noch erkennbar ist: Die Welt befindet sich danach in einem ständigen Kampf zwischen himmlischen und höllischen Mächten. Der Teufel sucht nach Gelegenheit, unser Leben zu verderben. Nur der christliche Glaube kann vor seinem Einfluss bewahren und sichert den Schutz der Himmels zu. Ein zutiefst mittelalterliches Bild, was die Personen, die die Schrift an der Taborkirche angebracht haben, zeichnen. Diese Angst und Drohkulisse hat damals gut funktioniert.

Und in unserem Fall? Wie ist unsere Reaktion darauf? Was macht diese Tat mit uns? Zweifellos ist es ein Jammer um das schöne Portal. Es ist ein brutales, abstoßendes Zeichen an einem Ort, der doch einladend wirken sollte. Und doch hat die Beschwörung des Teufels und seiner Rotten für uns Christen, die dieses Zeichen versucht zu attackieren, doch nicht mehr die gleiche Bedeutung, wie sie dem mittelalterlichen Weltbild der TäterInnen zugrunde liegt. Sicherlich können wir mit Blick auf das Weltgeschehen höllische Zustände erkennen. Leid und Unglück, dass den Glauben an Teufel und Dämonen wachzuhalten vermag. Doch Teufel und Tod haben in unserem Glaube nie das letzte Wort. Sie sind mit Tod und Auferstehung Christi zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Das ist keine Hoffnung, dass das Gute am Ende siegt, es ist unser Selbstverständnis, dass dieser Sieg bereits errungen ist. Mit Blick auf die Schrift an der Taborkirche denke ich nun ständig an die Worte im ersten Korintherbrief:

Tod wo ist dein Stachel? Hölle wo ist dein Sieg?” 1. Kor. 15,55

 

Ja, wo ist der Sieg der höllischen Macht, den dieses Zeichen proklamiert? Wo ist Satan? Was bleibt von ihm?

Auf dem Rückweg von besagtem Spaziergang kommen wir wieder an der Kirche vorbei. Aus ihrem Inneren erklingt Orgelmusik.

Satan war hier“

Und wenn schon. Er kann ja doch nichts tun.

Ulrich Frhr. v. Ulmenstein

4. Juni

 „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“

Clausula Petri

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“
(Apg 5, 29)

Der Spruch aus der Apostelgeschichte steht als Monatsspruch über dem noch wenige Tage alten Juni 2021. Er hat die evangelische Kirche seit ihrer Entstehung begleitet: Für Martin Luther markierte diese sogenannte „Clausula Petri“ (Bestimmung des Petrus, der die Worte in der Apostelgeschichte spricht) die Grenze der ansonsten geforderten Einreihung in die Ordnung der Welt. Auch wenn Obrigkeit als gottgegeben angesehen wird, kann sie von keinem Menschen verlangen, gegen den Willen Gottes zu handeln.

So kurz und klar dieser Spruch klingt, so kompliziert ist oft eine Antwort auf die Frage, wann man ihn anwenden muss. Schon in der Reformationszeit würde ein Aufständischer im Bauernkrieg wohl ganz anders geantwortet haben als ein Hofprediger. Im Dritten Reich gaben Angehörige der Deutschen Christen eine ganz andere Antwort als aus Glaubensgründen im Widerstand Engagierte. Und heute würden sich wohl bei Querdenken demonstrierende Christen kaum mit dem Hygienebeauftragten einer Kirchgemeinde über eine Interpretation einig werden.

Es bleibt eine Lebensaufgabe für uns Christinnen und Christen in der Welt, darauf zu achten: Sind die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, in denen wir leben, so gestaltet, dass sich darin Gottes- und Nächstenliebe realisieren lassen? Wo immer dies so ist, können wir froh und dankbar sein. Wo immer es nicht so ist, sollten wir dem mit den Worten des Petrus im Herzen und auf den Lippen entgegentreten.

Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende wünscht

Ihr Konstantin Enge

3. Juni

Fronleichnam

Da sitzen sie alle zusammen um einen großen Tisch. Jeder mit seiner Geschichte. Jeder mit seinen erfreulichen Stärken und auch mit seinen beschämenden Schwächen. Aber weder wird dem Starken ein Platz reserviert, noch dem Schwachen der Platz weggezogen. Alle dürfen hier sein, alle dürfen am Tisch sitzen. Ein Moment der Verbundenheit. Und so sitzen sie da, so verschieden wie sie sind, Ihre Gesichter aus Stein herausgearbeitet.

Immer wenn ich am Altar der Taborkirche stehe, sehe ich auf dieses Abendmahlsbild.

Und es ist ein Gemeindebild, das uns da vor Augen gestellt ist und welches wir lernen sollen, denn es ist keine Selbstverständlichkeit, so miteinander umzugehen. Es ist keine Selbstverständlichkeit, Gemeinschaft so zu denken. Und wie leicht wäre es gewesen, die Unangenehmen auszuschließen. Jesus hat es nicht getan: Er ließ sie bei sich sitzen, den Verräter Judas, die unangenehmen „Donnersöhne“, den überheblichen Petrus.

Es ist dabei für die Jünger nicht nur ein Moment der Toleranz, sondern der Liebe. Und vielleicht ist dies das wichtigste Fundament für wahre Gemeinschaft.

Für die Jünger wurde dieses Beisammensein heilig. Und immer, wenn sie gemeinsam Abendmahl feierten, vergewisserten sie sich – „Hier ist ein Platz für mich, hier darf ich sein!“ – und wurden darin neu an Gemeinschaft erinnert – „Du darfst hier sein! Du bist willkommen!“. Ein heiliger Moment der Erinnerung und der Ausrichtung. Wir dürfen an dieser Erinnerung teilhaben und uns von ihr ergreifen lassen.

Es grüßt Sie zum Fronleichnam (mittelhochdeutsch für „Leib des HERRN“ / Fest des Abendmahls)

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

2. Juni

Hört! Dann lebt ihr!

Höret, so werdet ihr leben! – Eindringlich mahnt der Prophet Jesaja in der heutigen Tageslosung am 2. Juni. 

Hört! Dann lebt ihr!“

Hören und dann leben… – Jesaja spricht die Worte zu Menschen, die fern ihrer Heimat leben. Viel hatten sie verloren. Fern ihrer Heimat waren sie. Fern des Ortes, der mit ihrem Gott des Lebens verbunden war. Plötzlich hören sie – an keinem noch so gottverlassen Ort ist Gott fern. Er ist das Leben und schenkt Leben. Er lädt zum Hören ein, sonst verpassen wir das Leben. Wer hört, der hält inne. Beim Innehalten richten wir uns neu aus und orientieren uns. Wie haben bisher gelebt? Und – ist das Leben?

Wenn wir hören lernen, das ist mir nicht bange um unsere Kirche – weder hier vor Ort in Schleußig, Plagwitz, Klein- oder Großzschocher, Knauthain oder Knautkleeberg – oder in Leipzig – Sachsen – und erst recht nicht um unsere evangelischen Partner weltweit. Sie haben oft mit anderen Fragen zu tun. Und oft geht es um die Existenz – sei es in Syrien, Belarus oder Venezuela. Sie sagen: Wenn wir den Glauben nicht hätten, der aus dem Hören kommt, was wäre dann unser Leben?

Ihnen einen lebensfrohes Tag am heutigen 2. Juni!

Pfr. Enno Haaks

1. Juni

Kindertag 

Als ich mir das erste Mal einen Corona-Selbsttest in der Apotheke kaufte, fragte ich, ob ich irgendwas falsch machen könnte bei der Benutzung. Die Apothekerin lachte und meint: „Eigentlich nicht. Wenn ein Strich bei C ist, dann heißt es, sie sind negativ. 

Also, wie beim Schwangerschaftstest: nicht schwanger.“

Hm“, sage ich nachdenklich, „dieses Szenario kenne ich nicht. Ich war immer schwanger.“

Die hinter mir wartende Frau prustet los und wir müssen auch lachen. 

Naja, immer schwanger war ja auch übertrieben.

Aber ich hatte an meinen letzten Schwangerschaftstest vor 27 Jahren gedacht. 

Wir wohnten zu der Zeit zu viert in zweieinhalb Zimmern, kein Bad, in der winzigen Küche noch Waschmaschine und Duschkabine, Toilette auf halber Treppe, der Balkon wegen Abbruchgefahr gesperrt. 

Aber wir waren froh, eine eigene Wohnung zu haben. Vorher wohnten wir bei den Schwiegereltern, was bei aller Liebe doch auch Anfechtung war.

Und nun – hatte ich Pickel auf der Stirn bekommen. Mein sicherstes Zeichen, schwanger zu sein. Aber ich wollte nicht … Ich war 25 und schon mit den zwei Kindern mehr als ausgelastet. Ein Schwangerschaftstest musste her. Ich starrte auf das zweite Fensterchen, in dem KEIN Strich sein sollte und dachte nur: Das ändert sich gleich noch. Du bist nicht schwanger. Es änderte sich nichts. Ich war schwanger.

Bedröppelt schrieb ich meiner Mutter. Telefon hatten wir noch nicht. Und bekam umgehend Post von ihr. Sie schickte mir das Märchen von „Tischlein deck dich, Esel reck dich, Knüppel aus dem Sack“. Darunter hatte sie geschrieben: „Die Ziege war so satt – mäh, mäh – obwohl sie das Gegenteil behauptete. Auch Euer Dritter wird satt. Und – der Dritte ist es, der womöglich die anderen mal „raushaut“, wenn das Leben sie in die Bredouille gebracht hat.“

Von diesem Brief an freute ich mich auf das Kind. Und es wurde ein feiner „Richard III.“ 

Mittlerweile hat er mich schon aus mancher Bredouille herausgehauen und die drei Brüder stehen absolut füreinander ein. 

Meine Mutter hielt nie etwas von Kinder-, Mutter-, Frauen- oder Vatertag. “Was soll dieser eine Tag im Jahr,“ sagte sie. „Man muss sich sein Leben lang achten und füreinander sorgen. `Liebe deinen Nächsten´ ist nicht in 24 Stunden abgehandelt.“ 

Wo sie Recht hat, hat sie Recht. 

Ich halte dennoch am Kindertag inne. Freue mich als liebende Mutter, freue mich als geliebtes Kind. Und bin mir sehr bewusst, dass das eine wie das andere keine Selbstverständlichkeit ist. 

Claudia Krenzlin

31. Mai

Fragen von Gewicht ...

… Erlebnisse auf einer Badezimmer-Waage

Die Versuchung ist immer da. Wenn ich zu Gast bin in fremden Bädern, dann lockt mich die Waage dort, denn zuhause habe ich keine. Als ich diese Woche in Reudnitz bei Freunden zu Besuch war, merkte ich erst, wie lange der Lockdown schon dauert: ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt auf einer Waage gestanden hatte.

Umso präsenter aber ist eine Verdammnis, die mein Leben das letzte Jahrzehnt über begleitet hat, die Jahre zwischen 40 und 50: Wenn ich meinen Lebensstil – und vor allem meine Essgewohnheiten – nicht grundlegend umstellte, dann würde ich mit 50 meinen Körper nicht mehr wiedererkennen. Das Teufelchen, das dereinst diesen Fluch in meinem Hinterkopf  verankerte, war sich seiner Wirkung wahrscheinlich nicht mal bewusst – schließlich waren es meine eigenen Sorgen um Selbst- und Körperbild, die den Satz solange in mir wach gehalten hatten. Gibt es einen einflussreicheren Influencer des persönlichen Gemütszustands als unser eigenes schlechtes Gewissen?

Alles muss anders werden, damit alles bleiben kann, wie es ist: für einen Imperativ der permanenten inneren Reformation halte ich uns Protestanten, vielleicht überhaupt uns Christen für besonders anfällig. Gut genug gibt’s bloß bei Gott, und da sind wir noch lange nicht.

Ich aber habe meine Essgewohnheiten nicht geändert, anders als mein schlechtes  Gewissens mir ein Jahrzehnt lang zu verordnen versuchte. Manchmal Schweinebraten, öfters Schokolade und auch die für ihren Fruchtzucker verdammten Obstsäfte – ich weigerte mich schlicht, den aktuellen Reisewarnungen der Diät-Propheten Folge zu leisten. Ich vertraute auf einen gesunden Mix aus Zutaten und Mahlzeiten und ansonsten auf ein bissl Zurückhaltung – aber reicht das schon?

Die Waage im Bad von Reudnitz war also eine eine durchaus beunruhigende Versuchung: wollte ich wirklich wissen, wie sich mein Gewicht über die letzten ein, zwei, zweieinhalb Jahre verändert hatte? Man konnte schließlich während des Lockdown mehr als genug lesen über die problematischen Auswirkungen der neuen Sesshaftigkeit des Menschen: von Home Office bis Home Holiday – das Leben, eine einzige Rumsitzerei.

Das Glück eines Protestanten besteht daraus, einer Versuchung zu widerstehen – das Glück eines Katholiken darin, ihr nachzugeben. Für heute beschloss ich, ein wenig katholisch zu sein: verstohlen zog ich die Waage meiner Gastgeber aus dem Spalt zwischen Dusche und Waschbecken.

Ich kann die Empfindung der Erleichterung, nein, des Glücks kaum beschreiben, als die Anzeige der Waage drei Kilo unter meinem Gewicht zu stehen kam, das ich schon vor zehn Jahren hatte. Für einen Moment war es, als habe mein Leben sich gelohnt. Ich darf den Weg meines Bauchs gehen, obwohl mein schlechtes Gewissen mir einen anderen vorgezeichnet hatte.

Von schlank kann bei mir weiter keine Rede sein, von riskantem Gewichtszuwachs aber eben auch nicht. Ich habe zu einer Figur gefunden, die mir entspricht.

Alles muss anders werden, damit alles gut bleiben kann? Die Waage von Reudnitz hat mich von einer Last befreit, die sich in Kilos nicht messen lässt: ein Leben im “Bloß nicht!” weicht der Aussicht auf’s “Schon ok.”

Patrick Schwarz

30. Mai

Mir fehlen die Worte

Seit meiner Kindheit hab ich es geliebt – seit einigen Jahren ist es verschwunden: mein Lieblingswort im Gottesdienst, speziell vor dem Abendmahl. Es kann schon sein, dass ich nur um des Wortes Willen so gern die Einleitung dazu hörte.

… Desselbigengleichen nahm er auch den Kelch …

Welch wunderbares Wort, welch weicher Klang, welch wahrhaftige Bedeutung. Wer oder was gleicht hier wem? Genau wie Jesus das Brot nahm, nahm er auch den Kelch – mit der gleichen Hand, der gleichen Geste? Besagt das Wort, das eben beides zusammen gehört – Brot und der Wein im Kelch? Oder sollte sich es auf Jesus und Gott, beziehen? Ich weiß es nicht. Mir gefällt das Wort einfach nur. Bei jedem Abendmahl, welches ich miterleben darf, besonders wenn es in mir nicht so vertrauten Kirchen ist oder von mir unbekannten Menschen gesprochen wird, hoffe ich, dass der Pfarrer, die Pfarrerin, es spricht. 

In bestimmten Übersetzungen der Bibel kann man das Wort siebenunddreißigmal finden, an fünf Stellen im Alten Testament in drei Büchern Moses und zweiunddreißigmal in zwölf Schriften im Neuen Testament. Es ist also gar nicht so einmalig. Gehört habe ich es aber doch bewusst nur beim Abendmahl.

Seit einiger Zeit gibt es einen Sprecher bei MDR-Kultur, der solche alten Worte zu lieben scheint. So hörte ich von ihm justamenthanebüchenallenthalbenblümerant. Ich liebe ihn dafür. Vielleicht sollte ich ihm mal meinen Hörerwunsch nach desselbigengleichen aufgeben (was durchaus auch im übertragenen Sinn, also um selbige solche Wörter, zu verstehen sein kann). 

Gut vorstellen kann ich mir, dass für Schauspieler und Menschen, die viel mit Worten umgehen, dies wunderbare Übungsobjekte sein können. Man kann sie so schön im Mund formen, ja fast kauen, die vielen Vokale und Konsonanten auf der Zunge spüren, verschieden betonen – und eben immer wieder vor sich her sagen.

Geschrieben findet man sie kaum noch im Duden, aber in alten Wörterbüchern und Lexika. Daher hab ich das Bild unserer alten Konversations-Lexikon-Bände als Blickfang gewählt.

Und Sie ahnen es, mit meinen Worten zum Tag, kommt auch der Wunsch, dass ich vielleicht doch mal überrascht werde. 

Baberina Müller

29. Mai

Alles Trinitatis oder was?

Wenn heute 18 Uhr die Glocken den Sonntag einläuten, dann ist die Zeit der drei großen Feste des Kirchenjahres vorüber: Weihnachten, Ostern und Pfingsten liegen hinter uns. Der morgige Sonntag, dem in diesem Jahr noch 21 weitere mit gleichem Namen folgen werden, heißt Trinitatis. Im Kalender für das Kirchenjahr steht dafür als deutsche Bezeichnung Tag der Heiligen Dreifaltigkeit

Ist Trinitatis nur ein zusammenfassender Abschluss? Mit dieser Dreiheit haben wir es ja im christlichen Glauben immer wieder zu tun. Denken wir nur an die drei Artikel unseres Glaubensbekenntnisses, an die bekannten trinitarischen Segensformeln oder vor allem auch an die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ist Dreifaltigkeit oder auch Dreieinigkeit nur eine Art summarischer Oberbegriff für Vater, Sohn und Heiliger Geist oder steht mehr dahinter?

Vielleicht denken Sie, liebe Leserin und lieber Leser, jetzt: Haben wir heute keine anderen Probleme? 

Die haben wir in der Tat! Und doch war und ist die scheinbar ebenso schwierige wie weltfremde Frage nach der Trinität Gottes von grundlegender Bedeutung für das Verständnis und für die Praxis des christlichen Glaubens. 

Als sich das junge Christentum in der vom hellenistischen Denken geprägten Welt des römischen Reiches ausbreitete und im vierten Jahrhundert von einer verfolgten Glaubensgemeinschaft zur Staatsreligion avancierte, wurde die Frage nach dem Wesen der Trinität zur entscheidenden Glaubensfrage, über die mit großer Leidenschaft gestritten wurde. Kaiser Konstantin der Große berief dazu 325 das erste ökumenische Konzil nach Nicäa ein. Dort wurde das Bekenntnis von Nicäa formuliert. Doch der Streit, der inzwischen auch von Machtfragen mitbestimmt wurde, ging weiter, bis 381 unter Kaiser Theodosius dem Großen in Konstantinopel das zweite ökumenische Konzil stattfand. Dort wurde das Nicänum im wesentlichen bestätigt und damit eine entscheidende Weiche für die weitere Entwicklung der kirchlichen Glaubenslehre gestellt. 

Wir finden das Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel heute im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 805 und verwenden es manchmal an hohen kirchlichen Feiertagen im Gottesdienst. Seine ehemals umstrittenen Kernaussagen liegen in der Betonung der Wesenseinheit von Gott, dem Vater, und Gott, dem Sohn, und dem Heiligen Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Die letzte Aussage – das später hinzugefügte filioque – wird allerdings von den orthodoxen Kirchen nicht mitgetragen trägt bis heute zu der großen Spaltung zwischen Ost- und Westkirchen bei.

Wir leben eintausendsiebenhundert Jahre später. Ist die Trinitätslehre für uns heute mehr als ein historisches Relikt? Ist sie vielleicht sogar ein historischer Ballast, den wir abwerfen sollten, um befreiter glauben zu können?

Wer die Bedeutung der Zusammenhänge nicht mehr versteht und sich damit schwertut, wird leicht zu dieser Auffassung gelangen. Sollen wir etwa aus bloßer Traditionsverbundenheit ehrfürchtig wiederkäuen, was uns längst nicht mehr verdaulich zu sein und jeden Nährwert verloren zu haben scheint?

Diese Frage provoziert und ist brisant: Einerseits wollen wir ja – auch was unseren Glauben anbetrifft – auf der Höhe unserer Zeit sein. Aber andererseits möchten wir auch keinen neuen Streit über Grundfragen des Glaubens vom Zaun brechen.

Wie also weiter mit dem Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit, mit dem wir uns zusätzlich noch den Vorwurf einhandeln, es mit dem Monotheismus wohl doch nicht so ganz ernst zu meinen, was auch die Gespräche mit dem Judentum und dem Islam berührt?

Im vierten Jahrhundert hat die Besinnung darüber 56 Jahre gedauert. Nehmen wir uns doch heute wenigstens einen Tag dafür und stellen uns dieser Frage – im persönlichen Nachdenken und vielleicht auch im Gespräch miteinander.

Am morgigen Dreifaltigkeitssonntag können Sie dazu auf www.evangelium.art.blog Weiteres lesen.

Ein gesegnetes Wochenende wünscht Ihnen
Ihr Heinz Schneemann

28. Mai

Wort auf die Schnelle ...

Herrje, der Schreiber für den heutigen Tag hatte schon mitgeteilt, dass er es nicht schafft, aber ich habe es falsch verstanden und ihn heute morgen gemahnt … Wie peinlich.

Aber so ist das Leben, wir kommunizieren auf X Ebenen mit X Geräten und dann machen wir doch noch ein „X“ fürs ´“U“. 

Das schrieb ich so dahin und fragte mich im gleichen Moment, wieso man das eigentlich sagt/schreibt. Dank des X. Gerätes werde ich natürlich fix fündig:

Ihren Ursprung hat diese Redewendung in den römischen Zahlen, bei denen Buchstaben für Zahlen stehen. So kann der Buchstabe V, der für die Zahl 5 steht, durch Verlängerung der Striche nach unten zum Buchstaben Xumgeschrieben werden. Dieser steht wiederum für die Zahl 10, so dass eine (vermeintliche) Verdoppelung der Zahl entsteht. Der heutige Buchstabe U stammt vom V des lateinischen Alphabets ab, was die heutige Form der Redewendung erklärt.

(Quelle https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_X_f%C3%BCr_ein_U_vormachen)

So schnell geht es also mit den „Fake News“ . Verlängerung von Strichen und wir haben die „doppelte Soße“. 

Verrückt. Aber irgendwie bin ich auch immer froh, dass nicht aller Blödsinn erst in unserer Gesellschaft, Zeit, Generation erfunden wurde. Menschen entwickeln sich nun mal „zwischen Himmel und Hölle“ und jede Generation hat wohl auch das Recht auf ihre eigenen Fehler, so gerne wir auch manchen Umweg und manchen Fehltritt aus unserer Erfahrung heraus dem Nächsten ersparen würden. 

Als mein ältester Sohn 18 wurde und ich ihm etwas „rührselig“ meine Wünsche vortrug, grinste er mich breit an und meinte: „Du weißt doch, Mutter, mir geht es immer gut!“ Und ich lächelte, so mild es ging, zurück und dachte: „Gott sei Dank, geht er unbeschwert von meinen ganzen Erfahrungen, von meinen Ängsten und Bedenken auf seinem Weg. Alles ist das erste Mal: Lieben, Leiden, Wachsen.“

Also, lassen wir uns kein X für das U vormachen. Gott geht mit uns und begleitet unser Wachsen und Werden, das auch mit 53 noch nicht zu Ende ist (weiter kann ich für mich noch nicht gucken )

Schönes Wochenende – so ganz fix (mit X)! Ihre Claudia Krenzlin

27. Mai

Pfingsten ist schon ein eigenartiges Fest.

So ohne Gesicht, kein Kind wie Weihnachten oder der Auferstandene zu Ostern.

Auch die Konsumwelt ist ratlos, der Heilige Geist lässt sich nicht vermarkten, nicht in Schokolade oder Marzipan pressen.

Pfingsten, da ist alles in Bewegung. In der Bibel wird von einem berauschenden Fest erzählt. Von einer Kraft, die unsichtbar und doch zu spüren ist. Von Feuer ist die Rede und von vielen Menschen, die einander wieder begegnen können.

Nach Wochen ohne Halt und Zuversicht, eingeschlossen in Angst und den eigenen vier Wänden mit der bangen Frage: “Wie wird es weiter gehen, ohne ihn, ohne Jesus von Nazareth?”, erlebten die Menschen Unglaubliches: Trost, Mut, Lebendigkeit, Gemeinschaft.

Da war es endlich wieder da, das Brennen für das Leben, die Leichtigkeit und das Zutrauen zu Gott. Diese Erfahrung haben unsere Väter und Mütter im Glauben als heiliges und unver-fügbares Geschenk Gottes verstanden. Ich staune immer wieder, wie aktuell biblische Texte sind. Sie beschreiben schmerzhafte Erfahrungen, die wir alle in der letzten Zeit machen mussten. Aber das Großartige ist, sie geben Raum für Zuversicht und dass sich etwas verändern kann.

Pfingsten steht für das Gespür, das kann doch nicht alles gewesen sein; so hat mein alter Lehrer dieses Fest beschrieben.

Wie haben Sie Pfingsten in diesem Jahr erlebt?

Haben sich die Türen wieder geöffnet?

Sind Sie zum Gottesdienst gegangen?

Pfingsten, diese Erfahrung, dass Neues beginnen kann, ist ja zum Glück nicht auf ein Datum begrenzt. Denn das haben wir schmerzlich lernen müssen in dieser Zeit der Pandemie: Nichts ist planbar oder berechenbar. Wir brauchen den langen Atem.

Unsere Väter und Mütter im Glauben haben ihr Vorhaben und Planen unter ein Bibelwort gesetzt: “So Gott will und wir leben.” Eine ältere Dame in der deutschen Gemeinde in Jerusalem hatte einen schönen Versprecher: “So ich will und Gott lebt, sehen wir uns wieder.”

Ja, das wollen wir, uns wiedersehen, frei atmen, durchatmen und aufatmen. Ohne Angst.

Im ZOOM-Gottesdienst ging es auch um die Geschenke zu Pfingsten. “Was bekomme ich Pfingsten geschenkt?”, fragt mich mein Neffe nach dem Gottesdienst. “Den heiligen Geist”, sage ich und erwarte eine längere Diskussion. Aber er sagt nur: “Ach so”, und singt: “Komm Heiliger Geist mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft”, und setzt hinzu: “Hab ich aus der Kinderkirche.”

Angela Langner-Stephan

(mit Ideen der Radioandacht vom NDR)

26. Mai

Sich überraschen lassen 

Eigentlich hatten wir schon vor über einem halben Jahr diesen Urlaub geplant. Frühsommer, die schönste Zeit für den Süden. Nicht zu heiß, nicht alles verdorrt und vertrocknet. Aber immerhin spät genug, dass Corona kein Thema mehr sein sollte. Jedenfalls keins, dass uns am Reisen hindert. So haben wir gedacht. Ganz schön naiv.
Nun näherte sich die Zeit und es war lange überhaupt nichts klar. Weder ob, noch unter welchen Bedingungen, noch wohin am Ende überhaupt. Und dabei sind wir doch eher die Typen Menschen, die sich schon Monate zuvor alle Reiseführer aus der Bibliothek holen und die Umgebung des Urlaubsortes kennen, bevor sie überhaupt gestartet sind. Wir wollen planen, buchen, uns belesen, uns lange vorfreuen. Wir wollen nicht 5 Tage vorm Urlaubsbeginn immernoch nicht wissen, wohin. Aber genau das haben wir lernen müssen. Dieses ganze vergangene Jahr lang. Dass Pläne nichts mehr gelten. Dass nichts Bestand hat. Dass man viel wollen, aber mit nichts rechnen kann. Und dass diese Ungewissheit ungeahnte Freiheiten eröffnet. Uns Flexibilität lehrt. Und Überraschungen bereithält. Dass man lernt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, auch kurzfristig und spontan. Und das Beste daraus macht. Und dass es schön werden kann, ganz ohne Vorbereitung, Pläne und Reiseführer. Dass man sich treiben lassen kann durchs Leben und dabei erstaunliche Erlebnisse machen, die man so nie hätte planen können.
Wir haben ernsthaft überlegt, den Urlaub zu verschieben – wenn wir nicht können, wie wir wollen, und nicht beeinflussen können, ob wir können, wie wir wollen, dann lieber gar nicht. Dann doch lieber weiter arbeiten gehen und die Freizeit in eine Zeit hinüberretten, die wir dann ganz sicher völlig in der Hand haben. Wie kurz gedacht – als würde Erholung und gemeinsame Zeit nur dann gut und wertvoll sein, wenn sie lange im Vorfeld zurechtgelegt und in die richtigen Bahnen gelenkt worden ist. Als würde sie nicht gut werden können, nur weil mir das Gelingen ein Stück weit aus der Hand genommen ist. Ich finde schade, dass ich so wenig bereit bin, mich überraschen zu lassen. Dass ich alles im Griff haben möchte und nur dann glaube, dass es gut werden kann. Ich will mich mehr darauf einlassen können, dass ich das Leben so nehme, wie es sich mir zeigt. Auch wenn ich dabei lernen muss, dass eben nicht immer alles nach meinem Kopf geht. Insofern habe ich für mich meine Herausforderung gefunden für diesen fast-nach-corona-Sommer: mich überraschen lassen und dabei mit vollen Händen schöpfen, was Gott mir schenkt.

Johanna Stein

25. Mai

Seelenfutter in der Natur entdecken

Liebe Lesende,

manchmal sind es die kleinen Dinge, die mich mit so einer Freude erfüllen, dass ich noch einige Tage später gerne daran denke und sofort ein lächeln über meine Lippen huscht. Diesmal hat es mir ein Rapsfeld angetan.

Vergangen Samstag war ich mit meiner Familie bei Rochlitz wandern. Endlich mal wieder raus in die Natur, all das blühende Leben entdecken und die warmen Sonnenstrahlen aufsaugen. Unterwegs an der Zwickauer Mulde entdecken wir die grünende Natur. Klatschmohn, einige letzte Kirschblüten und eben Rapsfelder, leuchtend gelb, typisch nach Raps duftend. Ich bin fasziniert. Dieser leuchtende gelbe Teppich aus hunderten von Rapspflanzen, lässt eine unglaublich große Freude in mir aufkommen. Es ist ein Futter für die Seele, durch die blühende Mai-Landschaft zu ziehen und all die kleinen und großen Schöpfungswunder zu entdecken. 

Der Französische Schriftsteller Henry Bodeaux hat dazu einmal gesagt: „Die Schönheit der Erde kann man nicht kaufen, sie gehört dem, der sie entdeckt, der sie begreift und versteht, sie zu genießen.“

In diesem Sinn, wünsche ich Ihnen ein frohes Pfingstfest und viel Spaß beim Natur entdecken.

Tom Gelf

24. Mai

Kürbissamen 

Es war Anfang April als ich die ersten Samen für die Kürbisse in die extra gekaufte Bio-Anzuchterde steckte. Auf dem Südseitenfenster ausreichend feucht, nie zu sehr. Sogar mit Deckel wie in einem Gewächshaus und täglich gelüftet. Jeden Tag schaute ich nach, ob da nicht eine kleine grüne Spitze aus der Erde schaute. Aber: nichts. Auch die folgenden Tage: nichts. Ich habe mehrfach nachgesäht. Zwei verschiedene Sorten von Kürbissamen, verschiedene Erden, sogar auf Küchenpapier. Es passierte einfach: nichts. Es war zum Mäusemelken. Ich hatte es schon aufgegeben, mir vorgenommen Pflanzen zu kaufen. Doch dann Mitte Mai passierte es. Meine bessere Hälfte hatte ein Hügelbeet angelegt mit dem Kompost vom letzten Jahr. Darauf wollte ich eigentlich die selbst gesetzten Kürbisse pflanzen. Und plötzlich standen sie da, 20 kleine Kürbispflanzen auf dem Hügelbeet, dicht an dicht.

Ganz von selbst waren sie gewachsen, aus den weggeworfenen Kernen vom letzten Jahr. Mit meinen Kürbispflänzchen verhält es sich ganz ähnlich wie mit dem Reich Gottes. Manchmal mühen wir uns, dass etwas entsteht in der Gemeinde und wir die gute Botschaft weitergeben können, schaffen die scheinbar besten Bedingungen, bereiten alles gut vor. Trotzdem passiert einfach: nichts. Aber dort, wo wir es nicht vermuten, da bricht es sich plötzlich Bahn und wächst in Fülle. Ganz ohne das eigene Zutun. Es ist eben nicht nur unsere Sache das Reich Gottes voranzubringen. Da wir nie im Leben könnten so viele Kürbisse essen könnten, konnte ich noch abgeben und hab die kleinen Pflänzchen in Blumentöpfe gesetzt und verschenkt. So wächst das Reich Gottes jetzt auch in anderen Gärten weiter.

Herzliche Grüße und frohe Pfingsten
Nicole Oesterreich

23. Mai

Pfingstsonntag

Pfingstsonntag in diesem Jahr fällt auf einen besonderen Tag – den 23. Mai. 

Am 23. Mai 1618 begann mit dem Prager Fenstersturz einer der grausamsten Kriege auf europäischem Boden. Eine lange, mühsam erstrittene Friedenszeit, die mit dem Augsburger Religionsfriede 1555 begann, endete. Endlich wurde mit dem Westfälischen Frieden 1648 dann so etwas wie religiöse Toleranz ermöglicht. Ein schwieriger Prozess. Es fiel schwer, religiöse und kulturelle Vielfalt auszuhalten. Richtigkeitsfanatikern in den unterschiedlichen Konfessionen, die allein die Macht haben wollten, war das zu viel.

Am 23. Mai 1949, tritt die Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte ein“ – so sagte es Konrad Adenauer (1876–1967), der erste Bundeskanzler vor dem Parlamentarischen Rat zur Einführung unseres Grundgesetzes. Im ersten Artikel heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Niemand hat das Recht, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Jeder Mensch hat unverbrüchliche Rechte – dazu gehört das Recht auf Glaubens- und Religionsfreiheit. Das gehört zu seiner Würde.

Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist soll es geschehen!“ so heißt es im Leitwort des Pfingstfestes aus dem Buch des Propheten Sacharja.

Das möge uns Gottes lebensschaffender Geist schenken, dass nicht mit Gewalt Freiheit zu gestalten ist, dass wir aber bewegt von Gottes Geist für die Würde und Rechte aller eintreten – auch für unser Grundgesetz. Eine bessere Verfassung gab es auf deutschem Boden nie.

Pfarrer Enno Haaks

22. Mai

Viele Lieder haben mich bis jetzt in meinem Leben begleitet

Viele Lieder haben mich bis jetzt in meinem Leben begleitet. Das waren nicht nur Kirchenlieder. 

Und doch bleiben diese für mich etwas Besonderes. Ich halte mich an ihren Worten fest und merke, welcher Reichtum an Inhalt und Kraft in ihnen steckt. Das folgende Lied ist ein solches.

Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir,

führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr.

Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen

Tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land. (EG 365, Strophe 1)

Das ist ein Lied von einer festen Beziehung. Vom Nicht-Loslassen-Können.

Da ist eine ausgestreckte Hand. Ich bin geborgen. Wie und wo auch immer.

Es ist ein Lied auf Lebensstraßen. Eben und uneben sind diese. 

Mit schönen Momenten, lauernden Gefahren, Erkenntnis und Irrtümern.

Ludwig Helmbold ist der Autor des Textes. Seine Wirkungsstätten waren Mühlhausen und Erfurt.

Als Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Erfurt erlebte er in den Jahren 1563/64 

die Pest. Diese führt zur zeitweisen Schließung der Universität und damit zur Einstellung des Lehrbetriebes. Geschichte wiederholt sich.

Das Lied verschweigt nichts. Es nennt vielfältige Nöte beim Namen, Zwänge der Zeit und die Gefährdung von Miteinander und Zuwendung.

Es ist ein Lied, in welchem man aktuelle Zeitgeschehnisse zu spüren scheint; solche, 

die Leib und Seele angreifen, das Erdenleben bedrohen.

Das können nicht nur Alltagsplänkeleien sein. Dafür sollte ein Stoßgebet genügen. 

Hier geht es um Ängste der eigenen Existenz. Dies schließt den Tod als Mitspieler des Lebens 

ganz selbstverständlich ein.

Ihm sei es heimgestellt; mein Leib, mein Seel, mein Leben. (Strophe 3)

Wesentliches des Liedes steckt für mich im Anfang, in der ausgestreckten Hand.

Ich greife zu und lasse auf meinen Wegen nicht mehr los.

Ich halte die Verbindung auch dann noch, wenn ich angekommen bin.

Die Erfahrungen so mancher Wegstrecken behalte ich im Blick.

Ludwig Helmbold dichtet mit dem Lied seine Antwort auf die Zeit. Es ist, als wollte er ein großes „Trotzdem!“ aussprechen. Aber er bleibt dabei nicht protestierend stehen, sondern eröffnet hoffnungsvolle Blicke. 

In den ersten vier Strophen formuliert er kurze Merkworte der Zuwendung Gottes.

Er reicht mir seine Hand. 

Er hilft aus aller Not.

Er wendet alles Leid. 

Er meints gut mit uns allen.

Es lohnt, in dem Lied nachzulesen.

Da sind wunderbare Zusagen, die Ludwig Helmbold in Strophenform bringt.

Schön, dass es solche Lieder gibt.

Stephan Paul Audersch

21. Mai

Namenstag

Wie immer, wenn ich an der Reihe bin, die Worte für den Tag zu schreiben, habe ich auch diesmal in den historischen Kalender geschaut und bin heute schnell an einem Eintrag hängen geblieben: Der 21. Mai ist mein Namenstag! Die Tatsache, dass ich diesen Umstand überraschend aus dem Kalender erfahre, zeigt schon, dass mir dieser „Feiertag“ bisher nicht viel bedeutet hat. Heute komme ich nun aber doch ins Nachdenken darüber.

Mein Namenstag ist es, weil die Christenheit am 21. Mai dem römischen Kaiser Konstantin I., genannt „der Große“, gedenkt, einer sehr ambivalenten Persönlichkeit. Gewürdigt wird er zu Recht, weil er das Christentum aus seiner sektiererischen Nische geführt, Repressionen beendet und dafür gesorgt hat, dass der christliche Glaube zur wichtigsten und später zur Staatsreligion des römischen Reichs wurde. Ohne ihn wäre fraglich, ob das Christentum zur Weltreligion hätte werden können und ob es den Weg bis in unsere Breiten gefunden hätte. Auf der anderen Seite kritisieren manche – auch zu Recht – dass das mit Konstantin beginnende Bündnis von Thron und Altar eine fatale Entwicklung gewesen sei, welche die christliche Botschaft oft korrumpiert hat.

Aller unbestreitbaren historischen Bedeutung zum Trotz fällt es mir schwer, eine ganz positive Identifikation mit meinem Namensvetter zu entwickeln. Und doch kann ich dem Namenstag heute etwas Gutes abgewinnen, denn wenn ich das Wort „Name“ höre, kommt mir gleich ein Bibelvers in den Sinn: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1b) Mein Name – gerufen von Gott, Ausdruck dessen, dass er mich kennt, sieht und mir Gutes willen. Das kann ich heute gut feiern.

Schauen Sie doch einmal nach, wann ihr Namenstag ist – im Internet kann man es leicht herausfinden – und tragen Sie sich den obigen Vers aus dem Propheten Jesaja an diesem Tag in den Kalender ein. Dann kann dieser Tag Sie an die Liebe Gottes, die Sie ganz persönlich meint, erinnern!

Herzliche Grüße und ein gesegnetes Pfingstfest wünscht

Ihr Konstantin Enge

20. Mai

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern. 
Epheser 5,19

Um Ermunterung geht es im heutigen Losungswort. Etwas, was ich als wunderbar passend empfinde in diesen Tagen. Es hat etwas von „wieder aufwachen“, von „munter werden“ nach dem langen Winterschlaf, nach Schockstarre, Lähmung und Ohnmacht. Das liegt nicht nur an dem endlich einkehrenden Sommer, an dem in diesem Jahr mit reichem Regen gesegneten Grün, an den langen hellen Abenden. Es liegt auch an der Wiederkehr der begründeten Hoffnung auf eine Zukunft. Auf einen Sommer. Auf eine Rückkehr ins volle Leben, wie wir es mal kannten. 
Und in dem Wort „Ermunterung“ steckt aber auch die Passivität, das Angesprochenwerden durch einen anderen. Nicht ich bin es allein, die aus eigenen Kräften sich selbst wieder motivieren und im übertragenen Sinne zu „neuem Leben“ erwecken muss, sondern es ist mein Gegenüber, mein Nächster, der mich ermuntert, wieder aufrichtet, aus meiner Erstarrung ruft, mich ermutigt und mir Perspektiven aufzeigt. „Ermunterung“ findet gegenseitig statt, man kann es nicht allein. Der Aufruf, einander Ermunterung zu sein, ist gleichzeitig der Ruf in die Gemeinschaft. Der Ruf, füreinander Verantwortung zu tragen, einander nicht aus dem Blick zu verlieren, wie es doch in den vergangenen Monaten zu passieren drohte, wenn es an Begegnungen und Beisammensein fehlte.
Ich freue mich auf diese Sommerzeit voll Ermunterung und Ermutigung. Ich freue mich darauf, dass wir das wieder füreinander wieder sein können. Ich freue mich darauf, füreinander wieder singen zu können, so wie der Losungsvers uns einlädt. Ich bin fest überzeugt, dass es uns gelingen wird, unsere Munterkeit und Lebendigkeit wiederzufinden!

Johanna Stein

19. Mai

Enge Grenzen – weiter Raum

„Meine engen Grenzen“ – im Liedbuch „Singen von Hoffnung“ die Nummer 091 - ist ein ziemlich beliebtes Lied im Gottesdienst. Doch immer wenn es angestimmt wird, schauen die Mitglieder meiner Familie belustigt zu mir rüber, denn sie wissen: „Der kann das Lied nicht leiden und ha, ha, jetzt muss er es schon wieder mitsingen.“ Warum ist das eigentlich so? Was stört mich an diesem Lied mit seiner getragenen Melodie in d-moll? „Mei-ne -en-gen-Gren-zen“ geht’s gleich zu Beginn traurig und langsam abwärts. Nur, haben wir überhaupt enge Grenzen? Unterliegen wir mit dieser Zeile nicht einer fatalen Autosuggestion und bilden uns ein, wir wären irgendwie beschränkt mit der Folge, dass wir uns dann genauso verhalten? Und ist es nicht ein bisschen zu bequem, sich hinzusetzen, sich über die vermeintlichen eigenen engen Grenzen zu beklagen und wie es weiter heißt, sie zu Gott zu bringen und zu fordern: Wandle du sie mal in „Weite“. Wie findet Gott das eigentlich? 

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ heißt es im ersten Petrusbrief und ja, wir können unsere Probleme vor Gott bringen, wie es im Lied heißt. Das ist gut und das Lied hat da durchaus seine Berechtigung, also wenn man sich zum Beispiel in auswegloser Lage - eben begrenzt - fühlt, nicht mehr weiter weiß und einfach bei Gott Rat sucht.

Nur geht es einem zum Glück nicht immer so und es gibt eben auch die andere Seite, den fordernden Gott, den Gott den die Bibel unzählige Male sagen lässt: „Fürchte dich nicht.“ Ich verstehe das als: Sei aktiv, sehe nicht die Grenzen, sondern die Freiheit, sieh das (halb) volle Glas. 

Mir fällt dabei der 31. Psalm ein, das Gebet eines/r ziemlich verzweifelten Beters/Beterin. Die Worte in Vers 9 übertrug Luther und sein Team so ins Deutsche: „Du [Gott] stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Dieser Satz ist oft und wunderbar vertont worden, wie in diesem Lied „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ bei dem es weiter geht in einer fröhlichen Melodie: „ich fasse es kaum“. Ja, so kann man es offenbar auch sehen.

Christian Marquering

PS: Wer – im Unterschied zu mir – weiß, in welchem gängigen Liederbuch das Lied „Du stellst meine Füße“ zu finden ist, kann es gern in die Kommentare schreiben. Danke.

18. Mai

Wenn du mich anblickst, werd' ich schön... 

Wir gehen auf Pfingsten zu. Pfingsten ist das christliche Fest, das mir immer ein wenig fremd geblieben ist. Die Aussendung des Heiligen Geistes – damit habe ich mich immer schwergetan.

Aber dann, vor ein paar Wochen, kreuzte ein Gedicht von Gabriela Mistral wieder meinen Weg. Es beginnt so:

Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.
Wenn ich zum Fluss hinuntersteige,
erkennt das hohe Schilf mein sel’ges Angesicht nicht mehr.

Und der letzte Vers:

Die Nacht ist da. Aufs Riedgras fällt der Tau.
Senk lange deinen Blick auf mich. Umhüll mich zärtlich durch dein Wort.
Schon morgen wird, wenn sie zum Fluss hinuntersteigt,
die du geküsst, von Schönheit strahlen.

Ich habe mich an die Pfingstpredigt eines Freundes zu diesem Gedicht erinnert. Er hat den Vers der Dichterin, „Wenn du mich anblickst werd‘ ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau“ weitergesponnen: „Vielleicht kann man auch sagen: Wenn jemand Gott liebt, wird der liebende Gott da sein und von seinem Antlitz widerstrahlen.
Erinnerst du dich daran, als du das erste Mal verliebt warst, so richtig verliebt? Oder auch das letzte Mal, vielleicht gerade erst? Und als dann der oder die Auserwählte das erste Mal eindeutig zurückgelächelt hat? Vielleicht bist du rot geworden bis über beide Ohren. Da war sicher nicht mehr viel Platz in dir für andere Gedanken und Gefühle, für deine Zweifel an dir selbst, so groß sie sonst auch gewesen sein mögen ….
„Wenn du mich anblickst werd‘ ich schön“ – es ist die innere Schönheit, die aufstrahlt, wenn ich geliebt werde. Wenn ich schlagartig weiß: da ist jemand, der mich mag. Da ist jemand, den ich mag.

Und wenn ein Mensch diese Erfahrung macht, kann es sein, dass man ihn dann nicht mehr wiedererkennt. Es muss auch gar nicht unbedingt die eine große Liebe sein. Wenn ich einen Menschen neu kennen lerne (manchmal einen, dem ich schon seit Jahren begegne), wenn eine Beziehung gelungen ist, wenn ich spüre, der oder die andere nimmt mich so an, wie ich bin, dann fühle ich mich oft wie ein ganz neuer Mensch. „Wenn ich zum Fluss hinuntersteige, erkennt das hohe Schilf mein sel’ges Angesicht nicht mehr.“
Wenn du so geliebt wirst und liebst, dann steigt ein Geist in dir auf, eine Be-Geisterung, und alles erscheint in einem anderen Licht. Du begreifst, was du bis dahin nicht hast glauben können: Du bist ein schöner Mensch.

Diese Momente – sie sind nicht immer da. Aber sie sind es, die dein Leben bestimmen können, manchmal über Jahre. Sie können alles auf den Kopf stellen. Schon manch einer hat in diesen Momenten ein ganz neues Leben angefangen, sich völlig anders ausgerichtet. Manchmal kann das ein Strohfeuer sein. Aber es kann auch anhalten bis zum Ende des Lebens, kann es bestimmen und schön machen. Und dieses Feuer, das das Leben in Brand setzt, das ist nicht nur ein Vorrecht der Jugend. Es kann Menschen ganz unterschiedlichen Alters erfassen.

Vielleicht ist auch das das Geheimnis von Pfingsten. Manchmal werde ich gefragt: „Wie kannst du glauben?“ Eine Antwort auf diese Frage könnte sein: Wenn ich spüre, dass Gott mich sieht, er mich liebt. Oder anders: „Senk lange deinen Blick auf mich. …. Wenn du mich anblickst werd‘ ich schön; schön, wie das Riedgras unterm Tau.“

Ulrike Renker (nach einer Predigt von Holger Kaffka)

17. Mai

Ich sehe ihn noch vor mir...

Ich sehe ihn noch vor mir, meinen Großvater: Er wohnte damals als Witwer schon bei meinen Eltern und zu Beginn jeder Geburtstagsbescherung stand er mit in der Runde. Mit geschlossenen Augen, die Hände über dem deutlich hervorstehenden Bäuchlein gefaltet, betete er als erstes den 121. Psalm. Dieser Psalm beginnt mit den Worten „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen …“ und endet mit „Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“ Meine Schwestern und ich haben diese Tradition aufgenommen und so haben wir einen „Geburtstagspsalm“, der die Zuversicht auf die Hilfe des Herrn und die guten Wünsche anlässlich eines Geburtstages sehr schön zusammenfasst. 

Als meine Frau und ich 1991 erstmals mit einer Gemeindegruppe die Partnergemeinde in Hilversum besuchen konnten, saßen wir eines Abends bei Ben, dem holländischen Initiator dieser Gemeindepartnerschaft, in einer kleinen Runde zusammen, als er mich unvermittelt aufforderte: „Martin, lies uns doch mal etwas aus der Bibel vor!“ Ich gebe zu, dass ich im ersten Augenblick etwas verunsichert war. Was sollte ich vorlesen? Ich entschied mich für den 121. Psalm und erzählte dann auch von unserer Familientradition. Daraufhin berichtete Ben davon, dass dieser Text in Holland vor allem als Reisepsalm gebetet wird – und schon waren wir in einem interessanten Gespräch „über Gott und die Welt“ gelandet.

Zahlreiche Komponisten haben diesen Psalm vertont. Eine besonders schöne Vertonung der ersten vier Verse dieses Psalms hat Felix Mendelssohn Bartholdy mit dem Engelsterzett in seinem Oratorium „Elias“ geschaffen. Es ist ein schlichtes dreistimmiges Stück ohne instrumentale Begleitung, das auch von ein wenig geübten Chorsängern „für den Hausgebrauch“ dargeboten werden kann. Und so gehört das Engelsterzett zu den Musikstücken, die meine Schwestern und ich – gelegentlich auch mit Unterstützung von Gästen – bei Familienfeiern sehr gern singen.

https://youtu.be/WNDtnCe0gyo

Und wer sich das Video anschaut und vor allem anhört, kann eine sehr schöne Aufnahme dieses Terzetts, allerdings gesungen von einem Chor – also etlichen „Engeln“ – erleben.

Martin Meigen

16. Mai

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

(Psalm 90,10)

Wie schnell die Zeit vergeht. Wir Menschen leben in der Zeit. Und die Vergänglichkeit, die damit verbunden ist, kann in manchen Momenten schon ganz schön zu schaffen machen.

Eine Frau sagte zu mir und ihre Sicht ist mir im Gedächtnis geblieben: „Immer, wenn der Bärlauch anfängt zu blühen, werde ich traurig, weil ich weiß, dass Frühjahr und Sommer vergehen und bald wieder Winter ist.“ Der (ver)blühende Bärlauch und unser Dahinfliegen aus der Losung liegen nahe beieinander.

Doch vielleicht ist die Vergänglichkeit nur die halbe Wahrheit. Das Griechische kennt noch eine weitere Hälfte.

Die gleichförmige Zeit, die sich bemessen lässt in Minuten, Tagen und Jahren wird „Chronos“ genannt. Chronos, das ist Werden und Vergehen. Chronos, das ist Vergänglichkeit und die eine Hälfte der Wahrheit.

Auf der anderen Seite der Wahrheit steht „Kairos“. Kairos ist ein besonderer Moment in der Zeit. Es ist die Gunst der Stunde, der Punkt an dem das Ewige in unsere Zeit hereinbricht. Man könnte sagen: Kairoi (pl. Kairos) sind die ausgefüllten und erfüllenden Momente unseres Lebens, die bleiben, auch wenn der Bärlauch verblüht ist.

Ja, wir leben eine begrenzte Zeit und unser Leben fliegt dahin: Das ist die eine Seite der Wahrheit.

Aber wir dürfen diese Zeit ausfüllen: Und das ist die zweite Seite.

Was erfüllt Sie und was soll Ihren Tag heute ausfüllen?

Es grüßt Sie an diesen Tag des blühenden und duftenden Bärlauchs

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera​

15. Mai

Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen
 
Liebe Lesende, 

die Losung für heute lautet „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen“(Klagelieder 3,26). 

Ich muss zugeben, mich hat die Losung etwas frustriert. Nach einem Jahr der Pandemie schon wieder von „noch etwas Geduld“ zu hören, geduldig zu sein und auf die Hilfe des Herrn zu hoffen, so etwas frustriert mich immens. Ja es geht gerade voran mit dem Impfen, die Inzidenzen sinken und Lockerungen stehen in Aussicht. Alles Gründe vorsichtig hoffen zu dürfen. Aber noch ist die Pandemie nicht vorbei. Und so frustriert es mich eben, wenn ich davon höre, wie schön die Geduld ist und ich nur auf die Hilfe des Herrn hoffen muss. 

Ich frage mich wer denn so eine tolle Idee, so einen wohlklingenden Spruch in Bibel gesetzt hat.

Nach dem lesen der Geschichte rund um die Losung, kommt mir diese Frage etwas unausgereift vor. Handelt es sich doch hier um eine große Katastrophe. Jerusalem verwüstet, der Tempel zerstört und Teile des Volkes in ein fremdes Land entführt, wo niemand weiß, ob sie überhaupt noch leben. 

Ein furchtbares Bild, was aber im Angesicht seit Jahren anhaltender Kriege, Zerstörung und Verwüstung auf der ganzen Welt gar nicht so weit entfernt scheint. Mitten in dieses Chaos hinein kommen dann diese Worte: „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.“ Wow! Was für ein Gottvertrauen! Was für eine Stärke, in so einer Situation darauf zu vertrauen, das Gott kommt und hilft. Meine Frustration ist zu Bewunderung gewichen. Meine Gedanken über den Lockdown und Corona sind wie zur Seite gewischt.

Ich bewundere dieses Vertrauen auf Gott. Trotz dieser katastrophalen Situation ist es so stark. Vielleicht auch gerade deswegen. Ein wenig davon wünsche ich mir auch für mich. 

Der Vers bekommt aber nun einen ganz neuen Anstrich für mich. Natürlich wird die Pandemie nicht vorbei gehen, wenn wir nur auf die Hilfe des Herrn hoffen. Geduldig zu sein, noch etwas auszuharren und dabei sicher sein zu können, dass Gott bei uns ist und Hilfe und Hoffnung gibt, dass macht doch alles etwas einfacher und erträglicher.

Amen

Tom Gelf

14. Mai

Inspirierend

Neulich flatterte mal wieder das Magazin von „andere zeiten“ in meinen Briefkasten. Sofort guckte ich auf die letzte Seite, wo immer was zum Schmunzeln steht und wurde nicht enttäuscht. Womöglich haben Sie es selber gelesen: Churchill und Gattin waren unterwegs in London und Frau Churchill unterhielt sich eine Weile mit einem Straßenfeger. Der Gatte wollte wissen, worüber sie denn gesprochen hätten und sie antwortet, sie würden sich von früher her kennen, er sei mal einer ihrer Verehrer gewesen. Daraufhin der Gemahl: „Wenn du den geheiratet hättest, wärst du jetzt die Frau eines Straßenfegers“. Ihre Antwort kam prompt: „Nein, Darling. Wenn ich ihn geheiratet hätte, wäre er heute Premierminister!“

Ich lachte alle Stufen meiner drei Stockwerke hoch und konnte außer Puste immer noch nicht aufhören! So was Herrliches. So eine wunderbare Antwort. Auch jetzt, wenn ich das schreibe, muss ich schon wieder lachen.

Außerdem – glaube ich ihr das sofort! 

Wer so drauf ist, der hat alles, um dem Nächsten absolut den Rücken zu stärken. 

Selbstbewusstsein! – Aber eins was sich auszeichnet durch Gelassenheit.

Selbstironie! – Aber eine, die sich aus eben diesem Selbstbewusstsein speist.

Glauben! – An die Fähigkeiten, die in jedem Menschen stecken. 

Liebe! – Und die Kraft, die von ihr ausgeht.

Freundlichkeit! – Eine, die fähig ist, auch eine Kritik liebenswürdig ehrlich zu äußern.

Schlagfertigkeit! – Eine, die einfach mal die Butter vom Brot fallen lässt.

Ach, das Gesicht vom Premierminister hätte ich zu gerne gesehen.

Ich geb’s zu, ein bisschen mit Schadenfreude, die nun nicht gerade zu den Tugenden zählt.

Aber ist es nicht schön, mal wieder den Gedanken zuzulassen, dass man keineswegs in der ersten Reihe stehen muss ? Dass man nicht der Erfolgreiche, die Bewunderte, der Mittelpunkt sein muss? Und auch den Gedanken, dass all die erfolgreichen, bewunderten Mittelpunktmenschen doch letztlich nur so werden konnten, weil andere Menschen sie inspirierten, förderten, liebten. Weil sie sich Trost holen oder aussprechen konnten, weil sich erst mit einem konstruktiven Gegenüber die Idee entwickelte …

Mir taten diese Gedanken gut. Manchmal im Leben hätte ich auch gerne „die großen Räder gedreht“ und guckte ein bisschen enttäuscht nach denen, die „etwas geworden waren“. 

Jetzt nicht mehr. 2018 las ich folgendes Gebet: „Wir sind dein Garten, Gott. Ein Garten der wachsen darf, angelegt in Liebe. Lass uns als die blühen und Frucht bringen, als die du uns gewollt hast.“ Seit dem versuche ich die Claudia zu entdecken, als die ER mich gewollt hat. Ich entdeckte Grandioses – gerade NICHT in der ersten Reihe :-).

Und wenn ich jetzt noch so ein „Früchtchen“ werde wie Mrs. Churchill – dann gibts eine feine Ernte!

Viel Freude Ihnen beim Entdecken, was für ein Gemüse oder eine Obstsorte in Ihnen angelegt ist. Gießen tut Gott selbst und Sie werden wachsen – das kann ich Ihnen versichern!

Herzlich! Ihre Claudia Krenzlin

13. Mai

Christi Himmelfahrt

Wo ist Jesus jetzt? Diese Frage stellt sich nach seiner Himmelfahrt. „Aufgefahren in den Himmel“, so sprechen wir im Glaubensbekenntnis. Ist Jesus also bei Gott im Himmel?

In den 1960er Jahren unternahmen sowjetische Kosmonauten und amerikanische Astronauten erste Weltraumflüge. Zur Erde zurückgekehrt, sagte der Kosmonaut Wladimir Komarow, es sei sehr schön gewesen im Weltall. Aber Gott habe er nicht gesehen. In der atheistischen Schule der DDR wurde uns Kindern, die wir „nochin die Christenlehre“ gingen, das erzählt – als Argument gegen die Existenz Gottes. Die Erwiderung des Astronauten John Glenn hat man uns freilich verschwiegen. Von seiner Erdumrundung zurückgekehrt, hat Glenn nämlich auf Komarow geantwortet, er hatte sich Gott auch nicht so klein vorgestellt, dass er erwartet habe, ihm dort zu begegnen.

Wo ist Jesus? So naheliegend diese Frage am heutigen Tag auch sein mag, beinahe wichtiger als die Frage „Wo ist er?“ scheint mir die Frage zu sein „Wer sind wir?“ Wer sind wir nach Karfreitag, Ostern – und nach Christi Himmelfahrt? Antwort darauf kann uns der Bericht von Jesu Himmelfahrt im Lukas-Evangelien (Lukas 24, 45-53) geben.

Wir sind Gesegnete. „Er führte sie aber hinaus bis nach Bethanien, hob die Hände auf und segnete sie.“ Gesegnet, das heißt auch begleitet, auf den Weg geschickt, umschlossen von SEINER Liebe.

Begeisterte sind wirmit SEINEM Geist beschenkt, „ausgerüstet mit Kraft aus der Höhe“. Zu Pfingsten ist das geschehen. Kraft aus der Höhe – gegen die Schwächlichkeit unseres Glaubens. Und gegen alle Ermüdung begeistert mit dem Geist Gottes.

Weil wir Gesegnete und Begeisterte sind, können wir – wie die Jünger damals – froh und heiter sein, „erfüllt mit großer Freude.“

Und Beauftragte sind wir, zum Zeugendienst berufen. „…dass gepredigt wird in meinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern.“ sagte Jesus zu seinen Jüngern.

Gemeinde Jesu Christi nach Himmelfahrt ist also gesegnete, begeisterte, mit großer Freude erfüllte und zum Zeugendienst beauftragte Gemeinde.

Wo ist Jesus nach seiner Himmelfahrt? Ist er „beim Vater“? Sitzt er „zur Rechten Gottes“? Ja. Aber er ist auch bei uns! Auch und gerade jetzt! Er ist bei uns durch seinen Geist, seine Gaben, seine Kraft – durch seinen Segen. 

Ich wünsche Ihnen einen freudigen, gesegneten Himmelfahrtstag!

Pfr. Matthias Piontek

12. Mai

Hoffnung

Was macht dir Hoffnung?

Stopp des Klimawandels, Impftermin, Einreise nach Europa, Präsenzunterricht, OP- Termin, Ende des Terrors, …

Vieles mehr könnte ich benennen. Je nachdem wo ich lebe, wen ich kenne, was mich bewegt, werde ich die Frage unterschiedlich beantworten.

Vieles hängt zusammen. Offensichtlich oder über Umwege. Den Durchblick zu behalten wird immer schwieriger. Doch ist der Durchblick für Hoffnung notwendig?

Was ist Hoffnung?

Wikipedia sagt mir „Hoffnung (vgl. mittelniederdt.: hopen „hüpfen“, „[vor Erwartung unruhig] springen“, „zappeln“) ist eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung, gepaart mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes eintreten wird, ohne dass wirkliche Gewissheit darüber besteht. … Hoffnung ist die umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf die Zukunft.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Hoffnung29.04.2021)

Da ist viel Wahres dabei! Ich werde nur selten hüpfend durch die Straßen laufen. Aber diese innere Ausrichtung, diese positive Erwartungshaltung kenne ich.

Den nächsten Satz finde ich sehr bedeutsam.

„Hoffnung ist die umfassende emotionale und unter Umständen handlungsleitende Ausrichtung des Menschen auf die Zukunft.“

Ich denke, das ist genau das, was ich an mir spüre, dass es in diesen Pandemiemonaten immer mehr abhandengekommen ist. Es ist ein Unterschied, ob ich Einschränkungen in Kauf nehme, weil sie von der Regierung verordnet sind. Oder ob ich Einschränkungen einhalte, weil ich eine Hoffnung habe. Eine Hoffnung, die genährt wird von klaren Zielen. Es gibt immer noch große Bereiche unseres gesellschaftlichen Miteinanders, die sind seit fast einem Jahr komplett eingeschränkt! Welche Perspektiven haben das Pflegepersonal und die Ärzteschaft auf den ITS und Corona Stationen? Woher nehmen sie die Motivation sich tagtäglich in Vollmontur zu den Patientinnen und Patienten zu begeben, obwohl auch sie seit einem Jahr überdurchschnittlich viele Menschen sterben sehen? Irgendetwas scheint immer noch diese „handlungsleitende Ausrichtung … auf die Zukunft“ zu bewirken.

Irgendetwas steckt in uns, dass uns, Menschheit, wieder aufstehen lässt. Wie viele Kriege, Pandemien, Seuchen, große oder persönliche Katastrophen gab es in der Geschichte schon? Unzählige bis heute.

Und TROTZDEM gibt es uns heute. Unsere Vorfahren sind wieder aufgestanden. Etwas hat sie angetrieben, ihnen Hoffnung gemacht. Vielleicht beschreiben wir diese motivierende Kraft ganz unterschiedlich? Warum auch nicht, wir sind alle verschieden.

Aber in jeder und jedem von uns, davon bin ich überzeugt, steckt dieser göttliche Funke, diese Gottesidee, … (oder wie du auch immer dazu sagst). Lässt uns diese Gottesidee, nach all dem Schrecklichen, Angstmachenden, Zerstörerischen dieses TROTZDEM versuchen?

Doch, ich bin überzeugt, diese TROTZDEM- Motivation kommt nur zur kraftvollen Entfaltung im gemeinsamen Denken und Handeln. Wir Menschen brauchen einander. Diejenigen die anpacken, diejenigen die einen Plan haben, diejenigen die uns mit ihrem Können verzaubern und so wiederum anspornen können. Nur gemeinsam läuft es rund.

Was meinst du, wo liegt deine Stärke?

Susanne Schönherr

11. Mai

Einfach mal die Hände falten

Was einem Vogel die Flügel und einem Schiff die Segel sind, ist der Seele das Gebet. 

Ein Zitat von Corrie ten Boom bringt mich auf die Spur. Welche Kraft wohnt in Gebeten?

Ich meine nicht die verordneten Gebete, die ideologisch missbraucht wurden und werden. Es geht mir nicht um die Massengebete, die Menschen in Ekstase versetzen und sie dann je nach dem Willen der religiösen oder politischen Führer in bestimmte Richtungen gelenkt werden. 

Es geht mir um das Gebet ganz bei mir. Denn ich glaube, dass Gott nah bei jedem ist. Mit diesem menschenfreundlichen Gott in Beziehung zu treten, verändert Haltung zu mir selbst und zu den Menschen um mich. 

Das Gebet wird eigenes Denken und Handeln für die Menschlichkeit entfalten. Dann kann es Momente geben, da bin ich ganz mit mir im Einklang und trete aus der Tür meines ICHs. Die tosende Wirklichkeit wird mich erschrecken, aber zugleich finde ich den Ort zu heilen. Vielleicht ist es nur ein Wort, das jemanden guttut. Oft weiß ich es gar nicht, was aus eigenem Handeln entsteht. 

Das Leben von Corrie ten Boom bringt mich auf die Spur. In den Gebeten für das Leben ist eine Energie die verändert. Im Kreis der Familie ten Boom lebte ein Geist der Großzügigkeit, Freiheit und Lebensfreude. Jüdisches und christliches Leben gehörten in einer Selbstverständlichkeit zum Alltag in Amsterdam. Die Familie war in der Kirchgemeinde fest verankert. Das Gebet im Geist der Freiheit hinterlässt Spuren, setzt die Segel für Nächstenliebe und breitet die Flügel aus, um Schutz denen zu geben, die in Not sind. Als 1940 die Nazis die Niederlande besetzten, wurden jüdische Mitbürger verfolgt und ermordet. Als junger Frau versteckte Corrie ten Boom mit ihrer Familie Juden vor den Häschern, bis sie denunziert wurden. Was für ein Mut und was für eine Zuversicht liegen dieser Haltung zugrunde. Das Gebet war Kraftquelle für das Leben. 

Es gibt Momente, da bin ich ganz mit mir im Einklang und ich trete aus der Tür meines ICHs und bin da. Manchmal zögerlich und mit viel Willen, dann wieder ängstlich und doch mutig. Manchmal ohne Plan aber doch mit viel Elan, mitunter möchte ich mich verkriechen, suche aber die Menschen. In der Bewegung zwischen den Gegensätzen finde ich im Gebet die Balance. Ich kann zu mir ja sagen und mich annehmen, wie ich bin. Das ist harte Arbeit, aber ein Glücksmoment für die Seele. 

Was einem Vogel die Flügel und einem Schiff die Segel sind, ist der Seele das Gebet. 

Ihr Martin Staemmler-Michael

10. Mai

Vor Engeln wird gewarnt

Christen, die was auf sich halten, haben es oft nicht so mit Engeln, und besonders kritisch sind Pfarrer, ist meine Erfahrung. Ganz unverständlich ist das nicht, die biblischen Verweise auf die Engel des Herren sind oft eher vage – und umso reger blüht die Kitschindustrie jenseits von Kirche und Schrift. In Deutschland würden mehr Menschen an Engel glauben als an Gott, hat ein sehr kluger EKD-Hirte mal gesagt, und das sollte heißen: wie albern – wo doch Gott der Anfang und der Engel bestenfalls die Ableitung ist.

Vielleicht sind die Leute aber doch klüger, als es sich der kluge EKD-Denker vorstellen konnte, weil viele Menschen intuitiv spüren, dass einem Engel leichter nahe zu kommen ist als diesem Lieben Gott, der einem manchmal auch ganz schön fern vorkommen kann.

Wenn ich hier vor Engeln warnen will, dann aus einem anderen Grund – und vor anderen Engeln, als denen,  die man aufs Fensterbrett stellen kann oder in den Weihnachtsbaum hängen. So schön es ist, einem anderen Menschen zu begegnen, der ein Engel ist, so gut will überlegt sein, wie man mit der Begegnung mit dem Unwahrscheinlichen umgeht.

Ich kenne eine Frau zum Beispiel, glücklich verheiratet, zwei Kinder, und sogar in die Kirche ging sie gelegentlich, die lernte auf einer Geburtstagsfeier einen Mann kennen, der sie sehr beglückte. Nicht nur ein bissl Glück widerfuhr ihr da, wie ein Schluck Glühwein in der Adventszeit, nein dieser Mann war ihr ein wirklich tiefes Glück ihres Lebens, also durchaus auch ein wenig berauschend. Mehr wie eine halbe Flasche sehr guten Weins kam er ihr vor, und dagegen ist ja nun wirklich nichts zu sagen.

Schwieriger natürlich war für sie die Frage zu entscheiden, wie es nun weitergehen sollte, nach der ersten Euphorie, einem solchen Menschen begegnet zu sein, und dann nach einigen Monaten des besseren Kennenlernens eines Mannes, der ihr durchaus wie ein Engel auf Erden vorkam: er hatte ihr Leben durcheinander gebracht, das schon, aber eben auch in vielerlei Hinsicht in der bestmöglichen Weise. Er hatte sie neu auf alte Gewohnheiten schauen lassen, er hatte Schmerzhaftes überwinden geholfen, er hatte ungeahnte Perspektiven aufgezeigt, wie sie ihr Leben in Zukunft wohl weiterleben könnte, nicht ganz anders als vorher, gewiss, aber doch freier im Herzen und froher.

Jetzt kam der schwierigere Teil, für den Romeo und Julia keine Vorlage sein konnten und die Liebesfilme der Streamingdienste ebenso wenig wie die Lebenshilfe aus dem Internet oder klugen Ratgebern: wie verfährt man mit einem Engel, nachdem man das Glück erfahren hat, dass er das eigene Leben besucht und gehörig durcheinander gewirbelt hat, wie es der Engel Art nunmal ist?

Die Frau fand Trost bei einem Gedanken, der ihr erst gekommen war, als sie sich zugestanden hatte, den Engel auch Engel sein zu lassen. Ein Flügelwesen der Verwandlung hatte sie besucht und der war nun mal ein Sendbote der Freiheit: er brachte ihr Freiheit – und ließ sich die seine nicht nehmen.  Halb irdisch war er darum und halb himmlisch, mit einer Tendenz zur Rückkehr dorthin, von wo er gekommen war. 

Auf Erden sind Engel nur Besucher. Darum ist die Begegnung mit ihnen so grundstürzend, darum tut es so verdammt weh, sie wieder ziehen zu lassen. Was er aber verwandelt hat, der Engel auf Erden, das bleibt in uns und bei uns alle Tage. 

Patrik Schwarz

9. Mai

Geht es Ihnen vielleicht auch so, liebe Leserin und lieber Leser?
Ich stehe und fühle mich häufig irgendwie dazwischen:
      zwischen Sorge und Vertrauen 
      zwischen Lockdown und Verlockung
      zwischen Gut und Naja-nicht-so-gut
      zwischen Hoffnung und Zweifel 
      zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit
      zwischen Kraft und Leere
Häufig irgendwie dazwischen   

zwischen Ach, Gott! und Halleluja!

So ist das Leben, sagen Sie jetzt vielleicht.
Wenn Sie das jetzt so sagen – hier in meinem Text haben Sie es bereits gesagt -, dann könnte sich daraus etwa folgendes Gespräch entwickeln:

Ja, so ist das Leben. Wie hält der Mensch das nur aus?
    Was? Das Leben??

Diese ständige Spannung zwischen Sein und Sollen.
    Ach komm, es wird doch nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird!

Klingt ziemlich abgebrüht!
   Was soll denn das nun wieder heißen?

Das soll heißen, dass wir uns nur zu allzu gern mit solchen Sprüchen beruhigen!
   Und was soll daran falsch sein?

Das Abgebrühte.
   Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?

Ich will damit sagen, dass es nicht gut sein kann, wenn wir uns so schnell aus den Spannungen des Lebens herauswinden.
   Ja, haben Sie denn einen besseren Vorschlag…?

(Was kann man da sagen? Mir fällt jetzt nur eine Antwort ein:)

Beten.
   Beten?

Ja, beten!
   Wieso beten?

Weil mir beten hilft, in diesen Spannungen sensibel und offen zu bleiben, ohne daran zu zerbrechen.
   Das klingt ja ganz schön stark…

Am Sonntag Rogate geht es ums Beten. Das ist ein Thema, zu dem es heute noch sehr viel zu sagen gibt. Hier würde das wohl zu weit führen, aber wenn Sie mögen, finden Sie heute ab 11 Uhr unter www.evangelium.art.blognoch einige weiterführende Gedanken dazu.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ihr Heinz Schneemann

8. Mai

Tag der Befreiung

Der 8. Mai ist ein Datum von welthistorischer Bedeutung: In vielen Ländern wird heute des Kriegsendes in Europa vor 76 Jahren gedacht. Die Deutschen haben sich nicht immer leicht getan in ihrem Umgang mit diesem Tag. In der DDR wurdeer schon früh als Tag der Befreiung gefeiert, allzu oft aber auch missbraucht, um das sowjetische und das eigene Regime zu glorifizieren. In der Bundesrepublik galt der 8. Mai zunächst als Tag der Niederlage, bis sich langsam die Erkenntnis durchsetzte, dass die Niederlage Nazi-Deutschlands eine Befreiung war, die Erinnerung verdient.

Ein Meilenstein auf diesem Weg war die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985. Unter ausdrücklicher Würdigung der jüdischen Erinnerungskultur sagte er damals unter anderem: „Die Erinnerung ist die Erfahrung vom Wirken Gottes in der Geschichte. Sie ist die Quelle des Glaubens an die Erlösung. Diese Erfahrung schafft Hoffnung, sie schafft Glauben an Erlösung, an Wiedervereinigung des Getrennten, an Versöhnung. Wer sie vergißt, verliert den Glauben.“

In diesem Sinne sind auch wir gut beraten, die Erinnerung wach zu halten, an diejenigen, die damals wie der Psalmbeter aus der heutigen Tageslosung riefen „Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!“ (Ps 44,28) und für die der 8. Mai ein Tag der Hoffnung und der Erlösung war und ist. Erinnern wir uns und schöpfen wir aus der Erinnerung Kraft, an den vielen die auch heute den Hilferuf des Psalmbeters auf den Lippen haben!

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

7. Mai

Handschuhe und Sonne

Ich radle zum CT in die Uniklinik . Es ist ein noch kalter, aber sonniger Morgen. An der Ampel steht vor mir eine junge Frau. Auf ihrem Rad im Kindersitz ein kleines Mädchen. Beide diskutieren über Handschuhe oder nicht Handschuhe. Die Mutter sagt: Du bekommst ganz kalte Hände!“ Das Kind antwortet: „Aber die Sonne scheint!“
Ich muss lächeln. Zwei Wahrheiten, zwei Realitäten, zwei Wahrnehmungen – und verschiedene Auffassungen, wie damit umzugehen ist. Wundert es Sie, wenn ich Parallelen zu unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen und oft auch persönlichen Situation sah? 

Aber auch mein eigener heutiger Weg war voll ambivalenter Gefühle. Fünf Jahre nach dem Krebs …. man sagt, wenn dann nichts nachgekommen ist, hat man gute Chancen …

Fünf Jahre hieß es – zwischen den Zeilen – kalte Hände. Und fünf Jahre erlebte ich – es scheint die Sonne. Ich bin zutiefst dankbar für eine intensive Zeit. Für Menschen, die Handschuhe bereithielten, für Menschen, die sich mit mir an der Sonne freuten. Freunde, Familie, Ärzte, Schwestern … 

Corona hält uns nun über ein Jahr auf Trab. Und wir teilen uns immer mehr in zwei Gruppen. Die einen sagen: es ist kalt, zieh dich warm an. Die anderen: es scheint dennoch die Sonne. 

Die Mutter sagte: „Ja, die Sonne scheint, aber sie wärmt noch nicht. Ich habe Handschuhe an. Deine stecke ich ein. Wenn Dir doch kalt wird …”

Können wir nicht so miteinander umgehen? Du hältst etwas anderes für wichtig als ich. Das macht nichts, solange wir einander akzeptieren… und jeder die Chance hat, eine Empfindung und Wahrnehmung nicht nur zu äußern, sondern auch zu ändern. Vielleicht zieht die Mutter ihre Handschuhe bald aus. Vielleicht will das Kind seine dann doch noch anziehen. Was wäre schlimm daran? Nichts. Schlimm wäre es, wenn jeder auf seine Wahrheit – kalt oder sonnig – besteht, wo es doch offensichtlich kein entweder/oder gibt, sondern ein und.

Ich liebe das Kind für sein Vertrauen in die wärmende Sonne. 

Ich mag die Mutter für Ihre Fürsorge. 

Ich liebe Gott, dass er mir beides schenkt. 

Täglich neu! Nicht erst seit fünf Jahren, sondern seit 53.

Nach der Untersuchung radle ich fröhlich und ohne Handschuhe nach Hause – die Sonne scheint ja. Ich habe noch keine Ergebnis vom CT, aber – was für ein schöner Tag! 

Corona ist noch lange nicht vom Tisch – aber was für ein Leben ! 

Claudia Krenzlin

6. Mai

Unsere Verantwortung

Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. (Ps. 145, 15-16)

Als beliebtes Tischgebet und bekannt als 4-stimmiger Satz von Heinrich Schütz ist mir der heutige Losungsvers aus dem Psalm 14 vertraut. Als Kind hab ich ihn gemocht und blind vertraut auf das, was ich sprach oder sang. Ich mag ihn auch heute noch, allerdings muss ich gestehen – er liegt mir quer im Magen, seit ich erwachsen bin und die Welt und ihre Umstände etwas besser zu kennen scheine. So wie mir jedes Jahr zu Erntedank so manches selbstverständliches „Danke, dass wir genug zu essen haben“ im Halse stecken bleibt – schwingt darin doch immer mit, dass Millionen Menschen genau das nicht haben. Weil Gott sich ihnen nicht zuwendet? Weil er ihnen seine offene Hand verwehrt? Weil er an ihnen kein Wohlgefallen hat?
Der Film „Hunger Ward“ war bei der diesjährigen Oscarverleihung als bester Dokumentarkurzfilm nominiert. Er begleitet eine Ärztin und eine Krankenschwester in zwei Krankenhäusern des Jemen. Schonungslos, nicht dramatisiert, ohne Schuldzuweisung und ohne viele zusätzliche Worte zeigt er das Sterben von Säuglingen und Kindern und den Kampf der Mediziner um wenige Kilo Leben. „Du sättigst alles, was lebt“? Nein, Gott, das tust du offenbar nicht! Will ich ihn anschreien. Auf dieser Welt bekommt eben leider nicht jeder seine Speise zu seiner Zeit. 

Und trotzdem will ich an einen gerechten Gott glauben, der sich uns zuwendet. Wie passt das zusammen?

Ich kann es nur, indem ich uns selbst mit in die Verantwortung nehmen. Gottes offene Hand bedeutet nicht, dass ich mich zurücklehnen kann. Ja, Gott gibt, was diese Welt zum Leben braucht, und es reicht, damit alle satt werden können. Es aber allen auch zukommen zu lassen, es gerecht zu verteilen, allen Menschen gleichen Zugang zu fairen Bedingungen zu ermöglichen: Das liegt in unserer Hand. Wir sind eine große Tischgemeinschaft – ihn mit ausreichend Tellern zu decken, das traut und mutet Gott uns zu. Das wäre zu seinem „Wohlgefallen“.

Johanna Stein

5. Mai

(Part 1) Sind sie noch zu retten?

Schmückt das Fest mit Maien“ singen wir im Pfingst- und Frühlingslied EG 135. Der Textdichter Benjamin Schmolck bezieht sich damit direkt auf Vers 27 des Psalms 118. Diesen Vers übersetzte Luther mit dem Ausruf: „Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars.“ Maien? Was ist das eigentlich? Maien ist ein alter Ausdruck für „junger Baum, besonders junge Birke oder Birkenzweige“ (dwds.de). Im Psalm dürfte Luther eher frische Zweige gemeint haben, denn Birken gibt‘s in der Gegend, aus dem der Psalm stammt, bekanntlich nicht. Jedenfalls schmücken wir mit „Maien“ – gemeinhin mit frisch geschlagenen Birken – traditionell zu Pfingsten unsere Kirchen, und in Bezug auf Psalm 118, 27 vor allem den Altar. Pfingsten, der Geburtstag der Kirche, bekommt so eine frische und festliche Anmutung.

Die Erbauer der Bethanienkirche gingen dabei noch einen Schritt weiter und pflanzten gleich 4 Birken vor der Kirche in den Boden. Doch es sind gerade keine gute Zeiten für Birken. Wie kaum ein anderer Baum leiden sie bei Trockenheit. Überall in der Stadt, in Parkanlagen, auf Fried- und Hinterhöfen sind in den letzten zwei Jahren zahlreiche Birken wegen Wassermangels abgestorben. Auch den Bethanienbirken geht’s nicht gut. Von den vier Vertretern sind nur noch zwei am Leben. Vereinzelt haben Menschen schon mit Wasserflaschen und einer Gießkanne im letzten Sommer versucht, den Bäumen zu helfen. Wenn Sie eine Idee haben, wie wir die Birken retten können, schreiben Sie es doch gerne in die Kommentare.

Christian Marquering

 

4. Mai

Hat Jesus eigentlich gelacht? 

Ja, jetzt lachen Sie! Was für eine dumme Frage! Warum sollte er nicht? Und trotzdem: im Mittelalter war diese Frage durchaus umstritten. Im legendären Film „Der Name der Rose“ nach dem Roman von Umberto Eco ist genau dieses Thema Grundlage eines Streitgesprächs zwischen dem grimmigen Abt und dem fröhlichen Franziskaner William von Baskerville. 

Schon für die alten „Kirchenväter“ war die Frage wichtig, ob Jesus gelacht haben könnte. Denn mit dieser Frage suchte man eine Antwort darauf, ob Jesus wahrer Mensch oder wahrer Gott gewesen ist. Da man sich Gott nicht lachend vorstellen konnte, war das Lachen in Klöstern unüblich und galt als unchristlich. Aber es gab auch kräftige Gegenstimmen. Gott sei Dank!

Zugegeben: Es gibt eben nicht immer etwas zu lachen. Das Leben ist kein Ponyhof. Wohl wahr. Die Bibel weiß in ihrer Weisheit: Alles hat seine Zeit! “Das Weinen seine Zeit hat und das Lachen” (Prediger 3,4). 

Es geht also nicht um ein permanentes Dauergrinsen. Eine Art christliches positives Denken. Das würde auch dem Leben nicht gerecht und macht eher krank! Aber ein Paulus kann mitten in der Gefangenschaft seinen Zuhörern schreiben: Freuet euch und noch einmal sage ich euch: Freuet euch! Und dann lesen wir von den rauschenden Festen und Mahlzeiten, die Jesus mit Außenseitern und Freunden gefeiert hat. Wer jüdische Feste schon einmal beobachtet hat, der weiß, wie bunt, sinnlich und überschwänglich in ihrer Freude diese sind.

Natürlich hat Jesus gelacht! Und mit Ihm haben auch wir gut lachen!

Volker Klein

3. Mai

Erster Mai. Ich nehme Platz. Ein Klangteppich aus Orgeltönen erfüllt den Raum. Die Philippuskirche bekommt ihre Orgel zurück. Nach aufwändiger Restaurierung erklingt sie wieder für die Menschen und zum Lobe Gottes. 

Was für ein Ereignis. Im Jahr der Orgel ist dieses besondere, technisch raffinierte und klanglich beeindruckende Instrument wieder geweiht. 

Da sitze ich und bin von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Im Jahr 2008 schmiedeten wir zu dritt den Plan, dieses verschlossene Philippusensemble den Menschen zurückzugeben. Wir sagten uns: Wenn Gottes Segen auf unserem Vorhaben liegt, dann wird es was werden und baten um langen Atem. 

Die Kirche lag 10 Jahre ungenutzt am Karl-Heine-Kanal. Wir wollten sie wieder öffnen und Diakonie und Kirche unter diesem Dach erlebbar machen.

Das Integrationshotel entstand und der Kirchraum wurde vollständig saniert. Und nun, nach über 12 Jahren ist der bauliche Abschluss vollzogen. Die Orgel spielt aus biblischen Liedern Psalmen von Antonín Dvořák. Johannes Brahms Präludium und Fuge g-Moll, Gustav Mahler „Um Mitternacht“ folgen. 

Da schwebe ich nun mit meinen Gedanken, getragen vom Klang der Orgel, im weiten Rund des Kirchenraumes und sehe all diejenigen, die den langen Weg bis heute gegangen sind. 

Das Projekt Philippus ist nun baulich abgeschlossen. Offen bleibt, wie es inhaltlich weiter geht. 

Diakonie und Kirche unter einem Dach erlebbar zu machen, bleibt auch in Zukunft eine großartige Herausforderung. Es ist für alle, die hier leben und arbeiten ein Projekt mit Zukunft.

Aber jetzt bin ich einfach nur dankbar. Max Regers Phantasie über B-A-C-H führen mir zum Schluss noch einmal die Klangweite des Instrumentes vor. 

Diese Worte sind für den 3. Mai bestimmt, dem Philippustag. Mit dem Jünger Philippus verbinden wir seinen inspirierenden Satz: „Komm und sieh es!“ Komm und sieh es, was wir im Namen Jesu Christi erleben dürfen.

Die Philippuskirche mit Hotel und Bewirtung steht ihnen offen. Komm und sieh es. 

Ihr Martin Staemmler-Michael

2. Mai

Wir dürfen singen 

Welch wunderbare Fügung! Vor einiger Zeit schrieb ich hier an dieser Stelle über den Frühlingsanfang, über die Geburt meines ersten Kindes, über das Singen voller Lebenslust und Dankbarkeit – und nun darf ich für den Sonntag KANTATE, in diesem Jahr am 2. Mai, ein paar Zeilen niederschreiben. Für mich ist der 2. Mai ein ebensolcher Lobgesangs-Tag wie der im März beschriebene, denn vor 30 Jahren wurde an diesem Tag unser fünftes Kind geboren. Wieder kann ich von unbändigem Glück sprechen und wieder könnte ich vor Freude mit allen, die mir nahestehen, Jubelgesänge singen. Eben nur könnte, denn das Jubeln darf zur Zeit ja nur im Stillen geschehen, im eigenen Kämmerlein, möglichst allein.

Doch Dank Gottes wunderbarer Schöpfung, der herrlichen Natur, jubeln lautstark – vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl – unzählbar viele Vöglein gemeinsam im Chor. Wir hören sie wohl viel intensiver in diesem Jahr, viel bewusster. Der Frühling ist nun wirklich da, überall frisches Grün.

Und wir? Wir dürfen natürlich jubeln und jubilieren. Im Psalm 98 wird uns deutlich gesagt, dass das nicht nur mit dem Singen möglich ist. Auch mit „Harfen und mit Saitenspiel“, „mit Trompeten und Posaunen“ können wir rühmen und loben. Die Melodiebögen werden durch das „Brausen des Meeres und allem was darinnen ist“, durch „frohlockende Ströme“, durch „den Erdkreis und denen die darauf wohnen“ und durch „fröhliche Berge“unterstützt und belebt. Wie wunderbar ist das. „Singet dem Herrn ein neues Lied“, nicht nur die alten, heißt es ja, „denn er tut Wunder“

Gerade in dieser so sonderbaren Zeit, in der wir nicht mehr in Räumen gemeinsam Musik hören können, erleben wir solch ein Wunder, in wieder entdeckten und neuen Formen der „Straßenmusik“. Orchestermusiker, Posaunenchormitglieder, Instrumentalisten musizieren in den Straßen, auf den Plätzen, vor Altenheimen, Krankenhäusern, Kirchen, in den Höfen, auf den Balkonen; Orgelmusik dringt durchs geöffnete Fenster. Dankbar kann und muss man sein, dass so viele Menschen uns anderen damit Freude bereiten.

Paulus Stein hat es in seinem Lied zum Psalm 98 (EG 287) treffend formuliert: „Du kennst oftmals deinen Weg nicht, und du weißt nicht recht, was du sollst; doch da schickt dir Gott die Hilfe zu, den einen Menschen, der dich gut versteht.“

Baberina Müller

1. Mai

"Arbeit, Arbeit"

Monatsspruch: „Erheb deine Stimme für Menschen, die nicht für sich selber sprechen können! Setz dich ein für das Recht aller Schwachen!“ (Sprüche 31,8)

Tageslosung: „Der Besitzlose aber wird nicht auf Dauer vergessen. Der Arme braucht die Hoffnung nie aufzugeben.“ (Psalm 9,19)

Die heutige Tageslosung und die Losung des neu begonnenen Monats atmen regelrecht den Geist der Arbeiterbewegung. Der kleine Mann, der in seinen Rechten beschnitten zu werden droht, wird in den Blick genommen. Die Fürsprache, der er bedarf, um nicht unter die Räder dieser Welt zu geraten. Als wollte sich die Losung auf ein Flugblatt der ersten Gewerkschaften drucken lassen.

Und tatsächlich ist das Bemühen um gerechte Arbeitsverhältnisse ungebrochen notwendig, die Hoffnung des Psalms ist nicht erfüllt. Wie in einem Brennglas zeigt die Corona-Pandemie und dieses Problem: wenn prekäre, stark von Abhängigkeiten geprägte Beschäftigungsverhältnisse das Infektionsrisiko für Arbeitnehmerinnen drastisch steigen lässt; wenn die bereits starke Auslastung eines so wichtigen Berufsfeldes wie der Medizin und der Pflege sich nochmal verschärft und auch mit Applaus nichts verändert wird; wenn Menschen, die ihren Beruf von Herzen gerne ausüben möchten, es aber wegen des Lockdowns nicht können. Manches an diesen Problemen ist neu. Vieles aber leider nicht und all die Jahre des Arbeitskampfes haben sie nicht behoben.

Der Monatsspruch fordert auf, sich für das Recht der Schwachen einzusetzen. Am Tag der Arbeit muss ich dabei auch an die in Art. 12 des Grundgesetzes geschützte Berufsfreiheit denken. Und daran, warum unsere Verfassung die Berufsfreiheit schützt (mit Worten des Bundesverfassungsgerichts von 1958):

„Verbürgt ist dem Einzelnen mehr als die Freiheit selbständiger Ausübung eines Gewerbes. Wohl zielt das Grundrecht auf den Schutz der wirtschaftlich sinnvollen - Arbeit, aber es sieht sie als "Beruf", d. h. in ihrer Beziehung zur Persönlichkeit des Menschen im ganzen, die sich erst darin voll ausformt und vollendet, daß der Einzelne sich einer Tätigkeit widmet, die für ihn Lebensaufgabe und Lebensgrundlage ist und durch die er zugleich seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Gesamtleistung erbringt. […] [D]ie Arbeit als "Beruf" hat für alle gleichen Wert und gleiche Würde.“

Mehr als nur um den bloßen Gelderwerb geht es der Verfassung um Anerkennung für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, wenn sich der einzelne Mensch in einem Beruf verwirklicht. Bodo Wartke hat dieses Anliegen einmal sehr gut besungen.
Dennoch wirken diese Ansprüche wie Hohn in einem Land, in dem auch heute riesige Lücken zwischen der Anerkennung verschiedener Berufsgruppen klaffen – selbst wenn uns ihre Systemrelevanz heute so deutlich wie nie vor Augen steht. In einem Land, indem es lange auch wegen politischer Verfolgung unvorstellbar war, dass man seinen Traumberuf ergreift. Und doch: wenn heute durch materielle Ungleichheit in der Gesellschaft Lebensträume verstellt werden oder wenn diese wegen fehlender Anerkennung und schlechten Arbeitsbedingungen erstickt werden, so mahnt uns das Ideal hinter Art. 12 GG an, unsere Stimmen für diese Menschen zu erheben, die zu oft vergessen werden!

Herzliche Grüße 
Ulrich v. Ulmenstein

30. April

So oder so

Meist scheue ich mich, Texte zu zitieren oder zu verwenden, die von Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus erzählen. Kann man, darf man diese Erlebnisse überhaupt mit unserer heutigen Zeit in Beziehung setzen, ohne sich dem Verdacht einer Relativierung der damaligen Gräueltaten auszusetzen?

Ich möchte es heute dennoch tun. Der folgende Textauszug Viktor E. Frankls, der die Konzentrationslager von Theresienstadt und Auschwitz überlebt hat, begleitet mich seit längerem in dieser, unserer Zeit, die so stark von der Coronapandemie geprägt ist:

Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein „so“ oder „so“!

Und jeder Tag und jede Stunde im Lager gab tausendfältige Gelegenheit, diese innere Entscheidung zu vollziehen, die eine Entscheidung des Menschen für oder gegen den Verfall an jene Mächte der Unterwelt darstellt, die dem Menschen sein Eigentliches zu rauben drohen – seine innere Freiheit – und die ihn dazu verführen, unter Verzicht auf Freiheit und Würde zum Spielball und Objekt der äußeren Bedingungen zu werden.

Innere Freiheit – wo ist meine innere Freiheit in diesen Tagen?
Ich muss nicht in das Lamentieren über schwer nachvollziehbare Entscheidungen und das vermeintliche Versagen der politisch Verantwortlichen einstimmen.
Ein Onlinetreffen ist ein Treffen, trotz aller Einschränkungen und Abstriche. Ich kann die Kolleginnen und Freunde hören, ihrem Mienenspiel folgen. Das ist mehr, als manchmal bei reellen Begegnungen möglich ist, weil dort die Maske das Gesicht bedecken muss.
Ich kann mich darin üben, beim Lärm aus der Nachbarwohnung an den Achtjährigen dort zu denken. Wie sehr ihm gerade wahrscheinlich der tägliche Schulbesuch, das Sportmachen im Verein, das Rumtoben mit seinen Freunden fehlen, Langeweile und Frustrationen sich Raum nehmen – das lässt meinen Ärger immens schrumpfen.
Mit den Augen lächeln – das ist zwar viel schwieriger als mit dem Mund, aber im Moment die einzige Möglichkeit, mit Menschen in der Straßenbahn oder im Supermarkt in Kontakt zu treten. Neue Herausforderungen sollte man annehmen!

Ich wünsche uns allen, dass uns immer wieder neu gewahr wird, dass wir Spielräume haben, seien sie auch vermeintlich klein. Und uns dann entscheiden – so oder so.

Ulrike Renker

29. April

Mose wollte den Herrn, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, Herr! Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst – diese Worte stehen in der heutigen Losung aus dem 2. Buch Mose 32,11f.

Mose bringt Unheil mit Gott in Verbindung. Ist Gott zornig, wenn es schwere Zeiten zu durchleben gilt? Was hat Gott mit dem zu tun, was seit über einem Jahr die Welt in Atem hält? Über 3 Millionen Opfer weltweit sind einem Virus zum Opfer gefallen. 

Der lutherische Bischof aus Österreich Michael Chalupka schrieb: „Gott will uns durch den Corona-Virus nichts sagen. Gott spricht nicht durch Viren. Wir Christen glauben, dass Gott uns durch Jesus schon alles gesagt hat. Die Botschaft Jesu ist es das Leben zu schützen, den Schwachen beizustehen, aufeinander zu achten, wo immer das Leben bedroht ist. Diesem Weg zu folgen, dazu braucht es keinen Virus, aber alle diese Haltungen werden deutlich in einer Zeit in der wir uns umeinander sorgen.“

Gott spricht nicht durch Viren – aber Gott ist bei allem HERR des Lebens. Beides zusammen zu denken ist eine große Herausforderung. Mose weist den Weg: In allem was uns umfängt ist es gut einen Adressaten zu haben, dem wir unsere Sorge, Wut, Nichtverstehen sagen können. Und wir können ihn anflehen, dass ER hilft, Unheil zu wenden. Und vor allen Dingen, dass er uns Kraft geben möge, hinzunehmen und uns zu ergeben, was nicht zu ändern ist, und dass er uns gleichzeitig Mut macht, immer wieder für das Leben einzustehen.

Pfarrer Enno Haaks

28. April

Ich hatte Ephraim laufen gelehrt und sie auf meine Arme genommen.
Hosea 11,3

Laufen-Lernen

Ich kann mich noch erinnern und die Bilder helfen mir, wie meine Kinder – jedes für sich – laufen lernte; tollpatschig und haltsuchend bei mir. Oh, wie abhängig wir als kleine Erdenbewohner sind.

Es muss für uns schon ein Erfolg gewesen sein, sich von einer auf die andere Seite zu drehen und vom Rücken auf den Bauch zu. Aber laufen zu können, das ermöglicht nochmals ganz neue Perspektiven; und Schwierigkeiten für die Eltern, die nun anfangen müssen, alles Erreichbare eine Ebene höher zu verstauen. Und doch gibt es wohl nur sehr wenige Momente im Leben zwischen Eltern und Kind, die so bedeutsam sind, wie diese ersten Schritte: Dieses Vorwärtswackeln im staksigen Schritt zwischen Stehen und wieder Hinplumpsen.

Die ersten Schritte sind so bedeutsam, dass dies zum Symbol, zum Bild für einen Werdegang überhaupt – in welchem Bereich auch immer – geworden ist. Man sagt: Da habe ich erste Schritte gemacht! Oder: Da bin ich auf die Nase gefallen!

Es gehört dabei zur Ehrlichkeit, zur Redlichkeit und zur Dankbarkeit, wenn man sich diese Momente des Laufen-Lernens im staksigen Gang vor Augen hält.

Und dass man nicht vergisst, wie viel Hilfe man auf seinem Lebensweg erhalten hat.

Ich wünsche Ihnen für heute einen mutigen Blick nach vorn und einen dankbaren Blick zurück.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

27. April

„Israel, du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht.“ (Jes 41,9)

So heißt es in der Losung für den heutigen Tag. Gott sagt dem jüdischen Volk Erwählung und nicht Verwerfung zu.

Wenn ich allerdings in den letzten Tagen und Wochen Bilder und Aufrufe gegen Corona-Schutzmaßnahmen sehe, dann ist oft von Verwerfung des jüdischen Volkes zu hören oder zu lesen. Ich erlebe, dass Menschen jetzt in der Pandemie anfälliger sind für antisemitische Erklärungen.

Es ist einfach, den anderen die Schuld zu zuschieben und sie zu Sündenböcken zu machen, damit werden antisemitische Stereotype aus der Geschichte weitergeschrieben. Erschreckend für mich ist in den Erklärungen und Argumentationen der Perspektivwechsel und gleichzeitig eine Verharmlosung des Holocaust, indem man sich mit Anne Frank vergleicht oder sich einen Judenstern anhängt. Damit machen sie sich zum Opfer und meinen gleichzeitig, sich gegen die Übermacht des Judentums vereidigen zu müssen.

Wenn wir in diesen Tagen unsere Meinung sagen – und das ist wichtig – sollten wir genau bedenken, wie wir es sagen. Auch in der Kirche und im Neuen Testament findet sich Antisemitismus, da dieser eng mit der Kulturgeschichte verbunden ist. Antisemitismus darf nicht salonfähig werden, sondern unsere Aufgabe ist es uns gegen Rassismus und für ein demokratisches Miteinander einzusetzen. So hilft es nur wachsam zu sein und aufzuklären.

Mit Paulus müssen wir sagen: „Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!“ (Römer 11,1 Lehrtext für den heutigen Tag)

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

26. April

Theologie des Kreuzes

Im April 1518 reiste Martin Luther reiste Martin Luther nach Heidelberg zu einer Versammlung der Augustinerermemiten-Mönche. Dort erhielt er am 26. April, heute vor 503 Jahren, die Gelegenheit, seinen Ordensbrüdern seine Theologie im Rahmen eines wissenschaftlichen Gesprächs (Disputation) vorzustellen.

Luther nutzte die Chance unter anderem dazu, seine Theologie des Kreuzes (theologia crucis) zu präsentieren. Diese stellte er einer damals verbreiteten Theologie der Herrlichkeit (theologia gloriae) entgegen. Natürlich hatte Luther keine Zweifel an der Herrlichkeit Gottes, in deren Überbetonung sah er aber die Gefahr, dass Gott für die Menschen in unerreichbare Ferne gerückt wird. Deshalb wollte Luther den Blick auf Gott lenken, der in Jesus Christus am Kreuz litt und starb – einen Gott, der ganz nah bei den Menschen ist. Mit Luthers Worten ging es darum, „die sichtbare und die dem Menschen zugewandte Seite Gottes zu erkennen, die durch Leiden und Kreuz erblickt wird“ (These 20 der Disputation).

Mir hilft dieser Perspektivwechsel auch und gerade in den schweren Stunden dieser Pandemiezeit. Da tue ich mich auch schwer mit einem Gott, der noch weiter entrückt scheint, als die lieben Menschen, die ich vermisse und bestenfalls am Telefon höre oder auf einer Videokachel sehe. Wie gut tut es dagegen, von unserem Gott zu hören und zu lesen, dem nichts Menschliches fremd ist und der in Schmerz und Einsamkeit ganz nah ist, weil er sie selber kennt!

Herzliche Grüße und eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

25. April

Ein Morgen im Park

Die ersten Sonnenstrahlen fallen in den Park, über dem Boden wabert noch etwas der morgendliche Nebel. Vögel zwitschern in den Bäumen vor sich hin. Langsam jogge ich durch den Park und nehme alles in mir auf. Die Vögel, die Sonnenstrahlen, den feuchten Nebel, die Ruhe. Ein paar Minuten entfliehe ich dem Alltag eh dieser erst so richtig beginnt. In dieser Stille kann ich Kraft tanken, meine Akkus für den Tag noch etwas laden. Mit jedem Meter den ich mehr in den Park hinein renne zieht es alle meine Gedanken aus meinem Kopf, eine wohltuende Leere entsteht. Da ist nichts mehr über das ich mir den Kopf zerbrechen oder in endlos Schleife nachdenken könnte. Es sind einfach ein paar Minuten, die ganz mir gehören.

Nichts kann mich hier stören, es begegnen mir kaum Menschen, mein Handy habe ich Zuhause gelassen, ich muss heute nichts tracken, Schritte zählen oder mal eben noch checken, ob ich auch wirklich genug Kalorien verbrannt habe. WhatsApp, Instagram und Co. haben jetzt mal Sendepause.

So bleiben nur die Natur, meine Laufschuhe, ich und ganz sicher irgendwo unterwegs auch Gott. Vielleicht bin ich ihm ja heute schon begegnet.

Und der Rest – The rest is silence (ganz frei nach Hamlet)

Probieren Sie es doch auch mal aus. Wer nicht joggen mag, kann es ja mit einem ausgedehnten Parkspaziergang probieren.

Einen gesegneten Sonntag.

Tom Gelf

24. April

Renaissance der Psalmen

Es gibt eine Renaissance der Psalmen. Oder ich bin coronabedingt nun anders aufmerksam. Früher mochte ich das gemeinsame Psalmenbeten nicht besonders. Die Formulierungen waren eigentümlich und dieses Jammern erst und Loben dann schien mir doch sehr unrealistisch. 

Aber seit die Pandemie so großen Raum im Alltag einnimmt, spielen Psalmen eine andere, irgendwie nähere, Rolle. Auch in unserer „Wort zum Tag“ – Reihe.

Letzte Woche bekam ich zudem gleich zwei Seminarangebote zu Psalmen (einmal evangelisch und einmal katholisch :-)). Ich entdeckte Büchlein mit Psalmen in modernen Fassungen (Dank unseres Kantors die von Peter Spangenberg, Dank der Grünauer Kantorin die von Gottfried Schleinitz ). 

Am Gedenktag für die Opfer der Pandemie hörte ich beides im Wechsel: 

Psalmenvers in „Früher“ – Psalmenvers im „Heute“. 

Und mehr und mehr spüre ich den Rhythmus unseres – zu allen Zeiten – wechselvollen Lebens: Klage und Freude, Trauer und Jubel, Willkommen und Abschied. Ausgedrückt in „Liedern“, weil man manches besser singen oder spielen als sagen kann. Weil die Musik auch das auszurücken vermag, was – eigentlich unaussprechlich – noch zwischen den Psalmentexten schwebt. 

Gestern besuchte ich meine 99-jährige Freundin im Heim. Immer beten wir zusammen Psalm 23, wenn wir uns sehen. Manchmal weint sie, wenn wir an der Stelle „Und ob ich auch wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ sind. Auch mit 99 Jahren, nach einer langen Lebenswanderung, braucht man Halt. Einen Stecken und Stab. Einen Trost. Und die Gewissheit, dass man nicht allein unterwegs ist. Sehr fest spricht sie die letzten beiden Zeilen: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang – und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Sie muss es ja wissen, denke ich – mit 99 !!!

In aller Einsamkeit, die die Pandemie hervorbringen kann, wird diese es dennoch nicht vermögen, uns GANZ ALLEIN zu lassen. Wir haben immer einen Gesprächspartner in Gott. In Trauer und Zorn, in Angst und Klage. Aber auch in Freude und Glück. Vielleicht versuchen Sie es auch einmal: einen Psalm beten- erst im Original- und dann mit den eigenen Worten.

Ich glaube, jedem von uns würde „gerade in diesen Zeiten“ etwas Eigenes dazu einfallen. 

Mir gefällt im Übrigen zur Zeit am besten:

Merkt es doch, ihr Narren im Volk! Und ihr Toren, wann wollt ihr klug werden?“ (Psalm 94,8).

23. April

Pfingstsonntag in diesem Jahr fällt auf einen besonderen Tag – den 23. Mai. 

Am 23. Mai 1618 begann mit dem Prager Fenstersturz einer der grausamsten Kriege auf europäischem Boden. Eine lange, mühsam erstrittene Friedenszeit, die mit dem Augsburger Religionsfriede 1555 begann, endete. Endlich wurde mit dem Westfälischen Frieden 1648 dann so etwas wie religiöse Toleranz ermöglicht. Ein schwieriger Prozess. Es fiel schwer, religiöse und kulturelle Vielfalt auszuhalten. Richtigkeitsfanatikern in den unterschiedlichen Konfessionen, die allein die Macht haben wollten, war das zu viel.

„Am 23. Mai 1949, tritt die Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte ein“ - so sagte es Konrad Adenauer (1876–1967), der erste Bundeskanzler vor dem Parlamentarischen Rat zur Einführung unseres Grundgesetzes. Im ersten Artikel heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Niemand hat das Recht, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Jeder Mensch hat unverbrüchliche Rechte – dazu gehört das Recht auf Glaubens- und Religionsfreiheit. Das gehört zu seiner Würde.

„Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist soll es geschehen!“ so heißt es im Leitwort des Pfingstfestes aus dem Buch des Propheten Sacharja.

Das möge uns Gottes lebensschaffender Geist schenken, dass nicht mit Gewalt Freiheit zu gestalten ist, dass wir aber bewegt von Gottes Geist für die Würde und Rechte aller eintreten – auch für unser Grundgesetz. Eine bessere Verfassung gab es auf deutschem Boden nie.

Pfarrer Enno Haaks, Generalsekretär des GAW

 

 

22. April

„Ich habe mich versteckt, weil ich nackt bin.“

„Es ist Nacht. Vielleicht 2:00 Uhr. Und ich liege wach.
Wie magnetisch angezogen wandern meine Gedanken durch meine Erinnerungen. An Tage meiner Schulzeit, als ich mit den alten und zerschlissenen Klamotten in die Klasse komme und ich die wertenden Blicke der anderen auf mir spüre. Weiter an den Moment, wo ich meinen Mut zusammengenommen habe, um ihm endlich zusagen, was ich für ihn empfinde – und er schief lächelt, die Augenbraue hochzieht und den Kopf schüttelt. Und wieder weiter: ich bin älter geworden, versuche in einer neuen Gruppe Fuß zu fassen, will selbstsicher rüberkommen, lässig, sage etwas – und ernte betretenes Schweigen.
Es ist Nacht. Vielleicht 2:10 Uhr. Und ich ziehe die Decke über den Kopf.“

Solche Momente kommen mir in den Sinn, wenn ich die Losung für den heutigen Donnerstag lese:

„Wer auf ihn [den HERRN] schaut, strahlt vor Freude. Niemand wird vor Scham erröten.“ (Psalm 34.6)

Die Scham scheint ein wichtiges Gefühl für den christlichen Glauben zu sein. Direkt nach dem zweiten Schöpfungsbericht verstecken sich die Menschen, denn sie wissen, seit sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, dass sie nackt sind. Und so wollen sie sich Gott nicht zeigen. Sie bedecken ihr Blöße. Sie verhüllen sich vor Scham.

Dieser Reflex hat uns fest im Griff. Wenn unsere Wangen vor Scham rot werden, bedecken wir sie mit unseren Händen oder schlagen sie vors Gesicht. Wir haben den buchstäblichen Wunsch, im Boden zu versinken. Wir fühlen uns so bloßgestellt, so entblößt, dass wir es ganz instinktiv mit Adam und Eva gleichtun und uns bedecken und verstecken wollen. Entwicklungspsychologisch ist dieser Reflex wahrscheinlich überaus hilfreich, denn wahrscheinlich sind einige der größten Schritte unsere persönlichen Entwicklung zur Selbstbestimmung auch jene, in denen uns Scham verstummen und machtlos werden lässt. Aber auch wenn dem so ist, so wird die Scham dadurch nicht wirklich angenehmer.

Doch: Der Psalm für diesen Tag verspricht uns anderes. Dass wir vor Freude strahlen werden im Angesicht Gottes. Dass die Scham vergehen wird in seiner Gegenwart. Das Gefühl eigener Unzulänglichkeit wird verschwinden und wir werden uns nicht länger verhüllen müssen. Nicht vor den Menschen. Und nicht vor Gott.
Eine Hoffnung, in der sich schon jetzt Ruhe finden lässt auch in rastlosen Nächten.

 

Ulrich von Ulmenstein

21. April

Auf Zukunft angelegt

Auf unseren Fensterbrettern stehen seit einigen Tagen Unmengen an kleinen Blumentöpfchen. Der Frühling vorm Fenster hat es bisher noch nicht zugelassen, dass man sich damit bereits nach draußen gewagt hätte. Wer weiß, ob er nicht noch einmal zurückkehrt, der Frost? Überhaupt – was für ein Frühling ist das eigentlich dieses Jahr, warum kann zu allem Coronaärger nicht wenigstens Sonne und Wärme unsere Herzen erfreuen? Wenn schon sonst die Aussichten eher trist und grau sind?
Zurück zu meiner Fensterbank. Da tut sich was. Jeden Tag schieben sich die Kinder den Sessel ans Fenster und klettern hinauf, um zuzuschauen, was da so passiert. Und tatsächlich: es geht los. Am Anfang kaum zu erkennen - ist das nur ein Krümel, oder Unkraut, oder ein erstes Stückchen Grün, was da sprießt? Und dann nicht mehr zu übersehen: es wächst. Halme und Blättchen und Stengel streben unaufhaltsam empor, richten sich nach der Sonne aus. Den Töpfchen, aus denen noch nichts wächst, reden die Kinder gut zu. „Komm schon, du schaffst es!“
Es ist eine große Freude, den Frühling so vor Augen zu haben. Leben beim Entstehen und Wachsen zuzuschauen. Und zu ahnen: Da wird was Großes draus. Irgendwann werden wir hier am Esstisch sitzen und die Tomaten, die Paprika und die Gurken essen, deren Ursprung hier gelegt ist. 
Die Kinder haben die Bildchen von den Samentütchen aufgehoben und in die Kästen gesteckt. „Das ist der Kohlrabi, guck mal Mama, der Kohlrabi ist gewachsen!“
Es ist so simpel. Und doch braucht man nicht mehr, um das Wort „Zukunft“ zu beschreiben. Nichts Anderes sehe ich, wenn ich am Fensterbrett stehe: Ich sehe Hoffnung, und ich sehe Zukunft. Keine ohne Hindernisse, keine frei von Leid. Denn das eine oder andere Blättchen wird brechen, wenn wir sie in den Garten bringen, eine Raupe wird Löcher hineinfressen, Kälte wird den kleinen Halmen zusetzen. Trockenheit wird sie im Sommer quälen. Aber wir werden uns um sie kümmern, so gut wir können. Und sie werden Früchte tragen. Und das werden wir auch.

Johanna Stein

20. April

Ein Zuhause

Jetzt im Frühling, wenn die warmen Sonnenstrahlen die Natur langsam zum Leben erwecken, können wir die Vögel auf ihrer Suche nach einem guten Nistplatz beobachten. Er soll Schutz bieten und zugleich der Platz für ein warmes Nest werden. Bei uns im 5. Stock in der GutsMuthsstraße haben zwei Spatzenpärchen einen solchen Platz hinter der Verkleidung über den Dachgauben gefunden. Dorthin  bringen sie unermüdlich kleine Äste und weiches Polstermaterial und richten sich ihre „Wohnung“ ein. 

 „Der Vogel hat ein Nest gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott. Wohl denen, die in Deinem Hause wohnen. “ (Psalm 85,4.5)

 Gott bietet uns Nestwärme und ein Zuhause. Auch und gerade in Zeiten der Dürre, bei Krankheit, in Not und Verzweiflung ist er für uns da.

Was ist dabei meine Aufgabe? Diesen besonderen Raum bei Gott immer wieder suchen – auf eine Weise, die zu mir passt. In der Nähe Gottes gibt es eine ganz besondere Geborgenheit. Und ich kann Menschen davon erzählen, wie ich bei Gott offene Ohren und ein weites Herz erlebe. Ich kann dazu einladen, denn die Tür zu Gott ist auch für andere weit offen. Wem könnte ich heute einen solchen kleinen Fingerzeig geben?

Volker Klein

19. April

Jesus, der gute Hirte

Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Joh.10, 11a.27-28a)

Diese Verse aus dem Johannesevangelium  sollen uns als biblischer Spruch durch die Woche begleiten.

Es ist schon etwas dran an der Lehre des Psychologen C.G. Jung, an der Lehre von den Archetypen. Da geht es um das kollektive Unbewusste, um urtümliche Bilder in unseren Köpfen; um Vorstellungsmuster, die sich von Generation zu Generation vererben und so tief und sprechend sind, dass man einerseits sofort etwas damit anfangen, andererseits aber auch lange darüber nachdenken kann.

„Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“, nicht zufällig gehört der Psalm 23 zu den bekanntesten Bibelstellen. Das Bild vom Hirten ist so eine Art Archetyp. Selbst wir Stadtmenschen von heute haben doch sofort ein Bild vor Augen – und auch ein Gefühl im Herzen – wenn wir das Wort „Hirte“ hören. Und das, obwohl wir einen echten Hirten und seine Herde vielleicht nur von Ausflügen aufs Land oder aus dem Urlaub kennen - oder aus dem Bilderbüchern unserer Kinder und Enkel. Doch ich denke, es ist nicht vorrangig ländliche Idylle, die uns bei dem Gedanken an den Hirten vor Augen tritt, sondern zuerst steht er bei uns doch für Schutz und Fürsorge und für Begleitung und Wegweisung.

Schutz und Fürsorge: Der gute Hirte stellt sich in Zeiten  der Gefahr  vor seine Herde. Er kennt jedes einzelne Tier und die Schafe kennen ihn. Er kümmert sich um seine Schafe, achtet auf sie und hält sie zusammen.

Begleitung und Wegweisung: Der gute Hirte führt die ihm anvertrauten Schafe zur grünen Aue und zu frischem Wasser. Er sucht ihnen Wege, die gangbar sind, und geht sie selber mit.

„Ich bin der gute Hirte“ sagt Jesus. Ich bin wie ein Hirte für euch. Meine Worte können euch Orientierung sein, damit euer Leben gelingt. Mein Leben schützt euer Leben!

Damit sprengt Jesus das Bild vom irdischen Hirten, der letztlich ja seine Schafe aus geschäftlichen, wirtschaftlichen Gründen hütet und sie schließlich zur Schlachtbank führt. Anders bei Jesus: Er selbst erleidet das, was eigentlich „den Schafen“- uns Menschen - bestimmt war. Und wie er nicht im Tod geblieben ist, so soll auch uns keine Todesmacht mehr aus seiner Hand reißen. Das ist tröstlich zu wissen angesichts all der Unwägbarkeiten in unserem Leben. Mit Jesus, dem guten Hirten, an unserer Seite können wir getrost leben - auch und gerade in schwierigen Zeiten.

Pfarrer Matthias Piontek

18. April

Der gute Hirte und die Wölfe im Schafspelz 

Wenn ich selbst nicht mehr den Weg kenne, dann gibt es den verführerischen Gedanken, nach dem starken Mann zu rufen. 

Einer, der vorangeht und führt und entscheidet. Einer, der mir das Denken abnimmt. Solange ich was zu essen habe und in die Stadien zum Fußball kann, ist alles in Ordnung. Dieses Verhalten der Masse und diese Machtfülle in einer Person endete in der Geschichte schon immer in furchtbaren Katastrophen. 

Und die, die meinen, mir reichen Brot und Spiele, werden am Ende sagen, von all den Schrecken haben wir doch gar nichts gewusst. 

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich. Joh. 10,14

Manchmal wünsche ich mir das schon, dass mir einer den richtigen Weg zeigt und darauf achtet, dass ich ohne seelische und körperliche Blessuren durch Gefahren komme. Manchmal wünsche ich mir einen Hirten, der meine Fragen nach erfüllten und sinnvollen Leben beantwortet. Manchmal brauche ich dich, Christus, wenn ich Gefahr laufe, verloren zu gehen. 

So einen Hirten, der mir das selbständige Denken nicht stielt, der mir mein Selbstbewusstsein stärkt. Ein Christus, der in mir das starke Gefühl wohnen lässt: Du bist wichtig, anerkannt und geliebt in den Augen Gottes. Du bist genau richtig! 

Was weiß ich von diesem Hirten? Jesus zeigte die scheinbar verlorene Gottesliebe und lebte sie mit den Menschen, die schwer an ihren Lebensbrüchen zu tragen hatten. Oft befanden sie sich fremdgesteuert in chaotischer Lage, ohne zu wissen, wie es weitergehen kann. Sie redeten sich alles von der Seele. Jesus hörte zu. Er gab ihnen ihr Leben zurück, wofür sie geschaffen waren. Er gab ihnen ihre Identität zurück, die ihnen falsche Machthirten stahlen.

Ob Religionen oder Staatsformen, Seuchen oder Tod, mein guter Hirte täuscht mich nicht. Daraus eröffnen sich die Wege unserer Heilungen für eigenes Leben und für unsere Beziehungen. Denn ich darf in meinem Gegenüber diese Zusage Christi erkennen: Ich bin auch sein guter Hirte. 

Daraus eröffnet sich aber auch, dass wir uns gut zuhören und uns unser Versagen und unsere Fehleinschätzungen nicht zerstörerisch um die Ohren hauen. Den Hirtenweg der Aufmerksamkeit und Achtung füreinander bietet Christus uns an, damit wir Wege aus Krisen finden. 

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich. Joh. 10,14

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag, 

Ihr Martin Staemmler-Michael

17. April

Leben in einer WG

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit (Kolosser 3,16)

Die Abwaschberge türmen sich, die Musik dröhnt mitten in der Nacht, der Kühlschrank ist leergefressen: So kann ein Leben in einer WG aussehen, ich habe davon gehört und es zum Teil selbst erlebt. Das Schlimmste, von dem ich gehört habe, war, dass die Mietanteile nicht gezahlt wurden und eine Freundin auf den Kosten sitzen geblieben ist. Was für eine Frechheit!!

Ja, man sollte schon genau hinschauen, mit wem man zusammenzieht, wen man sich ins Haus holt. Denn mit falschen Hausgenossen lebt es sich schwer in Gemeinschaft. Auch im übertragenen Sinn.

In Gemeinschaft lebt es sich schwer, wenn Faulheit den Abwasch stehenlässt und sich nicht um seinen Dreck kümmert. In Gemeinschaft lebt es sich schwer, wenn Ungerechtigkeit den Kühlschrank leerfrisst. In Gemeinschaft lebt es sich schwer, wenn Egoismus die Musik laut aufdreht.

Wir brauchen wieder ein Gespür dafür, in welcher Gemeinschaft wir leben wollen. Und dazu gehört, sich zu überlegen, wer Mitbewohner sein soll. Ich wünsche mir eine Gemeinschaft in der Achtung und Achtsamkeit, in der Gerechtigkeit und Fürsorge, in der Dankbarkeit und Zufriedenheit wohnen.

Es grüßt Sie

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

16. April

Seit meine Mutter voriges Jahr verstorben ist, beobachte ich an mir einige neue Angewohnheiten – zum Teil mit Argwohn, zum Teil amüsiert. Neuerdings streichle ich immer mal ein paar Buschwindröschen oder Leberblümchen im Auwald (natürlich, nachdem ich in alle Richtungen gespäht habe, 
ob mir wirklich nur der – eigene – Hund zuguckt). 
Ich habe mir zum Geburtstag einen Schreibtisch-„Organizer“ schenken lassen, weil ich ihre „Ein-Griff-und-ich-habe-Leim, Schere, Briefmarke …“- Ordnung neuerdings nicht mehr zum Augen verdrehen, sondern genial finde.
Meinen Kindern habe ich Order gegeben, sich um ein Enkelkind für mich zu bemühen, statt über eine Hundeanschaffung nachzudenken. Ich spreche jetzt nämlich schon fremde kleine Kinder an, wie toll sie Roller, Laufrad, Fahrrad fahren oder was sie für einen niedlichen Teddy haben. DAS stimmt mich wirklich bedenklich  - eine echte „alte-Tanten-Marotte“ , der ich immer schwerer widerstehen kann. 
Außerdem komme ich an keinem Hinweisschild „zum Schloss“ oder „Kulturdenkmal“ 
o. ä. vorbei, was meine Fahrzeiten selbst in der Pandemie erheblich verlängert.

Und so stehe ich mit einem Mal vor dem „Schloß“ in Ammelshain und bin beeindruckt, was man für eine wunderbare Wohnanlage aus dem ehemaligen Herrenhaus und allen Nebengebäuden gemacht hat. 
Die schöne Freitreppe wird gerade noch restauriert und ich, deren erster Berufswunsch zwischen Tierärztin und Prinzessin schwankte, träume ein bisschen vor mich hin. 
Eine Frau kommt durch das Tor und als sie auf meiner Höhe ist, bricht eine nächste mütterliche Erbmasse ungebremst aus mir heraus. Bevor ich denke, öffnet sich mein Mund: „Ach, wie herrlich Sie hier wohnen!“  Sie bleibt stehen und lächelt, während ich denke: „Mensch Claudia - wie deine Mutter!“  Wie oberpeinlich ist das denn!

„Sie waren wohl noch nicht hier?“ fragt sie mich und ich bin ein bisschen verschämt, weil Ammelshain ja nur 30 km von Leipzig weg ist. Gleichzeitig bin ich froh, dass sie mich nicht für seltsam hält oder es sich jedenfalls nicht anmerken lässt. Und dann schwatzen wir über die Aktivitäten vor der Haustür, die man mangels Reisemöglichkeiten jetzt unternimmt, über das Leben in der Stadt/auf dem Land, über Arbeit und homeoffice, über die „Liebe auf den ersten Blick“ – eine Wohnung betreffend … keine Angst, der Abstand blieb gewahrt, aber es war einfach unerwartet nett.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, bummle ich noch - zum leider verschlossenen -Kirchlein und über den Friedhof, wo ich lange am – mit dem Vereinsschal geschmückten – Grab eines jungen Footballspielers stehen bleibe. Ach ja. 

Wir wissen nicht, wann unser letztes Stündlein schlägt – und das ist gut so. 

Gut ist es auch, wenn wir die Tage, die wir leben dürfen, dankbar annehmen können – das was gerade ist. Mit und ohne Erbmasse. Mit Offenheit und ohne falsche Scham. 
Und ich bin doch auch ein bisschen froh, dass ich wieder mal „ganz Mutters Tochter war“. Spontane nette Begegnungen kann es auch „in diesen Zeiten“ geben. Der oder die Nächste muss diesbezüglich nicht immer zum „eigenen Hausstand“ gehören, die 2 m dazwischen stehen dem nicht im Weg, sondern machen viel möglich.

Ihre Claudia Krenzlin

15. April

Neulich stand ich wieder einmal am Grab meiner Eltern auf dem Friedhof in Großzschocher. Beide hatten sich zu Lebzeiten Sprüche für ihren gemeinsamen Grabstein ausgewählt. Jedes Mal, wenn ich diese Sprüche lese, fühle ich mich besonders mit ihnen verbunden, eben weil ich weiß, dass diese Worte für sie wichtig waren.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ steht unter den Geburts- und Sterbedaten meines Vaters. Darunter die Bibelstelle: Hiob, Kap. 19. Als ich zum ersten Mal wahrnahm, dass diese Worte aus dem Buch Hiob stammen, war ich etwas irritiert. Hiob – das ist doch der, auf den der Begriff „Hiobsbotschaft“ für eine schlechte Nachricht zurückgeht? Inzwischen weiß ich, dass Hiob nicht nur ein geplagter und leidender, sondern auch ein zuversichtlicher Mensch war, der nicht aufgehört hat, Gott zu loben.

Viele Christen verbinden – gerade jetzt in der Osterzeit – diese Worte mit der Osterbotschaft, obwohl das Buch Hiob mehrere hundert Jahre vor der Geburt Christi entstanden ist.

Musikliebhabern sind diese Worte aber noch aus einem anderen Grund sehr vertraut: Mit der wunderbaren Sopranarie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet“ beginnt der dritte Teil des Oratoriums „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel, dessen Text ausschließlich aus Bibelsprüchen zusammengestellt wurde. 

Über die Entstehung des Oratoriums „Der Messias“ hat Stefan Zweig eine großartige, emotionale und ergreifende Erzählung geschrieben und dieses Ereignis den „Sternstunden der Menschheit“ zugeordnet (so hat er auch die Sammlung von 14 historischen Miniaturen genannt). In der kaum vorstellbar kurzen Zeit von 22 Tagen hat Händel die Partitur niedergeschrieben und sich dabei wohl auch körperlich total verausgabt. 

Doch noch einmal zurück zu der oben genannten Sopranarie, die auch mein Vater sehr geliebt hat. Da heißt es am Schluss: „Denn Christ ist erstanden von dem Tod, …“, womit wir wieder in der Osterzeit angekommen sind. 

Martin Meigen 

 

14. April

Am Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Fliegen mit Flugzeugen noch eine ganz neuartige Sache und etwas für abenteuerlustige Luftakrobaten war, hatte der Brite Jack Clifford Savage eine Idee: Mit Rauch, der aus Düsen an einem Flugzeug versprüht wurde, wollte er Buchstaben an den Himmel schreiben. Nach dem 1. Weltkrieg wurde Savage damit ein reicher Mann. Die Himmelsschrift erfreute sich größter Beliebtheit: Unternehmen, Kulturschaffende, Verliebte ließen Namen und Botschaften in den Himmel schreiben.

Mein Name wurde noch nicht von einem Kunstflieger an den Himmel geschrieben, aber ich versuche mir vorzustellen, was es für ein Gefühl sein muss ihn dort zu lesen. Sicher wäre ich etwas peinlich berührt. Überwiegen würde aber wohl die Freude und der Stolz darüber, dass sich jemand die Mühe macht, ihn dort mit meterlangen Buchstaben, weithin sichtbar aufzuschreiben.

In der heutigen Tageslosung lese ich, dass ich keinen Flieger buchen muss, um meinen Namen in den Himmel schreiben zu lassen. Gott hat das längst für uns getan. Und anders als bei der von Menschenhand an den Himmel gesetzten Schrift, muss ich bei ihm keine Angst haben, dass mein Name vom nächsten Windstoß verweht wird.

„Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“

(Lukas 10,20)

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

13. April

Manchmal wache ich noch vor Sonnenaufgang auf und dann schaue ich gerne aus dem Fenster, höre auf die frühmorgendlichen Geräusche und sehe das eine oder andere Fenster, dass schon erleuchtet ist. In den nächsten 4 Wochen könnte es mehr erleuchtete Fenster geben, dort hat der Wecker geklingelt. Und lange bevor es hell wird, sitzt man schon am Frühstücktisch. Die Frühaufsteher*innen essen reichlich und trinken auch mehr als sonst, denn zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang wird nichts gegessen und getrunken – keine Zigarette oder Kaugummi, auch Streit und Schimpfen soll es nicht geben. Es ist Ramadan – der islamische Fastenmonat!

Gegessen und getrunken wird in den nächsten Wochen nur, wenn es dunkel ist. Neben dem frühen Frühstück gehört auch das Abend- oder besser Nachtessen in großer Runde dazu. Das muss jetzt ausfallen. Daneben gehen die Muslim*innen weiter zur Arbeit. Kinder, Kranke, Schwangere, Stillende, Reisende und andere (z.B. Ärzt*innen, Pilot*innen) sind vom Fasten befreit. Manche spenden dafür Geld für Arme. Aber zum Fastenmonat gehört auch mehr Zeit und Beschäftigung mit dem Glauben durch Lesen im Koran und das Gebet.

Unsere Fastenzeit liegt hinter uns. War da Zeit in der Bibel zu lesen? Für Gebete?

Darauf mag ich nicht verzichten, gerade in diesen Tagen!

Angela Langner-Stephan

12. April

Von Charles V. Stanford, einem irischen Komponisten und Organisten um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert, stammt eine der schönsten Vertonungen des „Nunc dimittis“: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben dein Heil gesehen.“ (Lk 2,29) Dieser Vers, die heutige Tageslosung, wird Simeon in den Mund gelegt, nachdem er den neugeborenen Jesus im Tempel gesehen hat. 

Der Lobgesang des Simeon hat es zur Berühmtheit geschafft. Er ist heute täglicher Bestandteil katholischer Stundengebete und des Nachtgebets. Unzählige Chorsätze, von Mendelsohn bis Pärt, interpretieren diese Worte auf ihre je eigene Weise. 

Wer jemals das Nunc dimittis von Mönchen in einer englischen Kathedrale hat singen hören, oder die sphärischen Klänge jenes Stanford von Chor und Orgel in der tragenden Akustik des Berliner Doms – den lassen diese Worte des Simeon nicht mehr los: Dankbarkeit, Erfüllung, Frieden, Abschied, Gottesnähe, Hingabe. All das liegt in dieser Begegnung von Simeon und dem Kind. Er begreift alles, als er Jesus sieht. Und für ihn ist alles erfüllt, der Kreis seines Lebens schließt sich, er macht sich auf den Weg nach Hause. Ganz ohne Angst und Widerstand. Denn er hat Segen und Wahrheit erfahren in dieser Begegnung mit dem Kind.

So erzählen diese wenigen Wörter im Lukasevangelium eine ganze Geschichte der Gotteserfahrung. Und vielleicht gefallen mir deshalb die Vertonungen ausgerechnet dieses Textes so gut, weil man das Gefühl hat, dass das Wichtigste dieser Gotteserfahrung eben zwischen den Zeilen steht. Dass die Bedeutung dieser Begegnung für Simeon mit Worten nicht beschreibbar, nicht erklärbar ist. Dass es möglicherweise das ist, was allein die Musik auszudrücken vermag. All die Zärtlichkeit der Klänge, die Farben der Töne, das Schweigen der Pausen und die Weite, die sich aufspannt und den Raum füllt – den in der Kathedrale, den in meinem Kopf, den, den die Seele zum Fliegen braucht und den zwischen den Zeilen des Lobgesangs des Simeon – all dies liegt jenseits dessen, was mit Worten gesagt werden kann.

Ich wünsche uns immer wieder Erfahrungen solcher Gottesbegegnungen, ganz unvermittelt, nicht sagbar, aber voll inneren Friedens und Erfüllung. Und vielleicht wird auch ein Lobgesang daraus.

Johanna Stein

11. April

Mensch, Thomas!

Bei Kirchens ist jetzt wieder viel von Auferstehung und vom Sieg des Lebens die Rede.

Klar, zu Ostern steht das ja immer wieder fest auf dem Programm. Da kann passieren, was will:

Ob Massenarbeitslosigkeit, ob Flutkatastrophe oder jetzt Corona, wo doch zahllose Existenzen vernichtet werden und viele Menschen ihr Leben verlieren – erst reden sie wochenlang vom Leiden Christi und vom Leiden heute, und dann: drei Tage nachdem mit diesem Jesus alle Hoffnung begraben wurde, heißt es auf einmal: Er lebt. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Und nun ist schwuppdiwupp Freude und Hoffnung angesagt.

Kann das jemand begreifen? Oder leben die, die so etwas glauben, in einer anderen Welt?

In der Bibel wird ja viel erzählt. Da heißt es auch, dass die Jünger dem Auferstandenen begegnet sind. Kann man ihnen das so einfach abnehmen?
Bei allen österlichen Freudengesängen und Hallelujas: Man will ja kein Spielverderber sein, aber bei so großen und wichtigen Dingen, wenn es um Tod und Leben geht, da wird man doch wohl mal fragen dürfen… Oder vielleicht sogar müssen, wenn man es wirklich ernst meint und nicht einfach nur zu allem Ja und Amen sagen will. 

Und wenn ich mich dann so ein wenig umschaue, dann merke ich, dass es anderen ähnlich geht.
Da ist z.B. dieser Thomas aus Johannes 20, einer von den Jüngern Jesu. Als ihm die anderen erzählen, dass sie Jesus nach seinem Tod wiedergesehen haben, da antwortet er ihnen:
Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.

Dann nimmt die Geschichte mit diesem Thomas allerdings eine eigenartige Wendung. Es wird nämlich erzählt, dass Jesus sich ihm zeigt und alle seine Bedingungen erfüllt.
Verständlich, dass Thomas dann auch an die Auferstehung glaubt. 

Aber der letzte Satz, den Jesus dann noch sagt, der hat es in sich:
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! 

Ist das nicht eine ziemliche Zumutung für alle anderen, die ebenso wie Thomas ihre Zweifel haben, aber nicht so eine Sondervorführung kriegen? 

Ich weiß ja nicht, ob man diese Frage bei Kirchens so gerne hört: Aber was würde uns Thomas wohl sagen, wenn er so wie wir ohne dieses besondere Privileg auskommen müsste? 

Ich komme jedenfalls nicht um diesen Schluss herum: Ostern scheint die Gesellschaft zu spalten.
Und damit mag ich mich nicht so einfach abfinden. Ich glaube, dass Jesus das ähnlich sieht. Oder wie soll ich es sonst verstehen, was er zum Schluss bei Matthäi am Letzten sagt (Matthäus 28,18-20)?

Sie sehen, liebe Leserin und lieber Leser, dass Ostern über die Feiertage hinaus spannend bleibt. Mich jedenfalls lassen diese Fragen nicht los, und was mir dabei noch so durch den Sinn geht, teile ich an diesem Sonntag gern mit Ihnen auf www.evangelium.art.blog

Ihr Heinz Schneemann

10. April

Die biblische Ostergeschichte vom leeren Grab hat unzählige andere Ostergeschichten hervorgebracht. Von einer möchte ich ihnen hier erzählen. Max von der Grün hat sie geschrieben. Sie handelt von zwei Menschen, Frau Gmeiner und Herrn Burger. Sie begegnen einander auf dem Friedhof, wo beide die Gräber ihrer verstorbenen Ehepartner pflegen. Sie treffen sich dann regelmäßig dort, helfen sich gegenseitig bei der Grabpflege, sitzen auf der Friedhofsbank und erzählen einander aus ihrem Leben. Oder schweigen, ihren Erinnerungen nachhängend. Vielleicht ahnen Sie bereits wie die Geschichte weitergeht und worauf sie hinausläuft; die Geschichte von Frau Gmeiner und Herrn Burger, beide verwitwet, beide nicht mehr ganz jung – beide regelmäßig zum Friedhof unterwegs, um ihre Gräber und ihre Erinnerungen zu pflegen. Zwischen ihnen entsteht Zuneigung, Liebe. Beide wagen es, gemeinsam noch einmal anzufangen. „Späte Liebe“ nennt Max von der Grün seine Erzählung. Für mich ist es eine Ostergeschichte. Weniger deshalb, weil sie – wie die erste Ostergeschichte – am Grab, auf dem Friedhof beginnt, als vielmehr deshalb, weil es in ihr um einen Neuanfang geht. Um einen Neuanfang von Menschen, deren Leben vom Ende bestimmt ist – von Menschen, die an einen Anfang gar nicht mehr geglaubt haben. 

Ostern werden wir erleben, wenn wir dem Tod nicht das letzte Wort lassen – und den vielen kleinen Toden vor dem Tod. Die schweren Steine, die das Lebendige verbergen, einmauern und gefangen halten wollen, die müssen angepackt und weggeräumt werden. Manchmal müssen wir das selbst tun; das kann harte Arbeit sein. Manchmal finden wir die Steine aber auch bereits weggewälzt. Wie auch immer – erst dann kann Neues in Gang kommen. Ostern ist: sich nicht mit den Leben verhindernden Steinen abfinden. Ostern ist: mit der aufgehenden Sonne gehen. Ostern ist: Umkehren – weg vom Grab zurück in den Alltag, denn dort werden wir Jesus finden. Mitten im Tag, mitten im Alltag, können wir Auferstehung erleben. Überall da nämlich, wo wieder Leben möglich wird – wo Leben neu beginnt.

Pfarrer Matthias Piontek

9. April

Man sollte kein „Wort zum Tag“ schreiben, wenn man selbst ninglig ist. Aber ich bin „dran“ und suche krampfhaft nach einem positiven Impuls. In einer von mir sehr geschätzten Zeitschrift lese ich: „Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen - das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit …“. 

Ich kann ein Gähnen nicht unterdrücken. Das pausenlose Beschwören von der „Chance in der Krise“ macht mich echt müde. Obwohl ich es - an nicht-ningligen Tagen eigentlich auch so sehe. Ein immer nur heiteres, unbeschwertes Leben ist wie immer Schokolade essen. Irgendwann wird mir der Brechreiz kommen, wenn ich schon die Verpackung sehe und dann werde ich mich nach Porreesuppe mit Brathering sehnen und jemanden, der mir Schokolade anbietet, unflätig anschreien. Der Arme. Er hat ja nicht wissen können, dass ich einfach zu viel Schokolade hatte.

Kann man wirklich zu viel an Gutem, Leichtem, Heiterem, Gelingendem haben?

Neulich bekam ich glatt mal zu hören: „Bleib mir weg mit deinem Optimismus. Ich habe ein Recht darauf, einfach mal nur wütend zu sein oder traurig.“ Es fiel mir schwer, nicht wenigstens eine klitzekleine positive Bemerkung fallen zu lassen, denn ich war blendender Laune und wollte gerne davon etwas abgeben.

Zum Glück fielen mir dann die gut gemeintesten und gleichzeitig am schlechtesten ankommenden „Positiv-Sätze“ ein: „Du schaffst das schon.“ und „Das wird schon wieder!“ 

So konnte ich an mich halten.

Wenn man nämlich zum Beispiel verkabelt im Krankenhaus an irgendwelchen Maschinen hängt und sich alles um die Frage dreht: Werde ich jemals wieder alleine auf die Toilette gehen können? und der gut angezogene, um Zuversicht bemühte, Besucher sagt diese Worte, setzt das echte Kräfte frei. Leider vernichtende.

Es gibt Situationen, die kann man nur mit dem Anderen durchhalten. Am besten in der Stille. Ein kluger Professor der Theologie sagte mal in Bezug auf die Hiobsgeschichte: Die Freunde von Hiob machten seelsorgerlich alles richtig - bis zu dem Moment, wo sie den Mund auftaten. 

Alles vorher - das Kommen, Dasein, Mitfühlen, Zuhören war echte Zuwendung. Das Reden über Warum und Wieso, eigene Schuld und womöglich fehlendes Gottvertrauen machte Hiob noch unglücklicher als er ohnehin schon war. „Wird schon wieder“ oder „Krise als Chance“ – eine echte Katastrophe!

Also, versuchen Sie nicht, mich heute in meiner Ningligkeit zu trösten. Ich weiß, dass der Frühling herrlich ist, dass es immer wieder Grund zu Freude gibt und dass Krise auch Chance bedeutet. Aber heute mal nicht. Heute sind selbst meine fleißig im Nistkasten werkelnden Kohlmeisen nur balkonbekackselnde Piepmätze und die herrlichen Tulpen auf meinem Küchentisch blühen einfach nur zum Hohn. Danke, Merkel !

Zum Glück muss ich über mich selbst lachen, während ich das vor mich hin grummelnd schreibe. Sie sehen also, man sollte unbedingt ein „Wort zum Tag“ schreiben, wenn man ninglig ist! 

Siehste, Claudi, wird schon wieder … Was steht an solchen Stellen immer in  Comics ?

Stöhn, Ächz, Seufz, Würg …

Schönen Tag noch! Ihre Claudia Krenzlin

8. April

So tun, als ob ...

In einer Episode im Film “Paris je t’aime” wird ein Paar gezeigt, dass sich auseinandergelebt hat. Eine Krebserkrankung bringt den Mann zurück zu seiner Frau und es heißt von ihm: 
"Durch das Bemühen, sich wie ein verliebter Mann zu verhalten, wurde er wieder ein verliebter Mann". So tun, als ob: Ich verhalte mich so, als ob etwas stimmt, selbst wenn ich gar nichts davon spüre.

Da wir Gott nicht sehen könnten, ist auch Glaube immer wieder ein „so tun, als ob“: Ich verhalte mich so, als ob es Gott tatsächlich gibt und als ob das mit seinen Zusagen stimmt. Ich lebe und denke, wie ein von Gott geliebtes Kind - trotz allem, was ich von mir weiß, trotz allem, was ich an Dummheiten mache. Ich glaube, dass Er mit wirklich liebt. Ich tue so, als ob mich Gott selbst bei meinem Namen ruft. Ich lasse mein schlechtes Gewissen los und auch meine Sorgen.
Und manchmal - wie im Film - kann etwas Verschüttetes wieder ins Leben kommen. Anders als vorher und doch ganz real. 

Die Einladung in der Nach-Osterzeit heißt daher: 
Ich tue mal so, als ob Gottes Auferstehungskraft tatsächlich auch bei mir wirken kann. Ich probiere es aus und erwarte es: 

Ich bin für ein paar Minuten still - gleich jetzt - ich bete, höre nach innen und bin gespannt, was passiert. 
Oder ich lese in der Bibel und erwarte, dass Gott selber zu mir spricht, zu meinem Herzen, in meine Situation. 
Vielleicht haben Sie ja noch eine ganz andere Idee für die Umsetzung …
Und womöglich können Sie im Rückblick sagen: 
Ich habe so getan, als ob Gott da wäre und da habe ich ihn auf überraschende Weise erlebt.
"Durch das Bemühen, sich wie ein glaubender Mensch zu verhalten, wurde ich ein glaubender Mensch."

Fröhliches Experimentieren wünscht 

Volker Klein

7. April

Jesus spricht: 

„Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“

(Lukas 6, 28)

 

Das Jesus-Wort aus der heutigen Tageslosung bringt mich zum Nachdenken: Verfluchen – gibt es das heute noch? Das Wort Fluch klingt unzeitgemäß. Ich denke dabei im ersten Moment an Horrorfilme oder Hexenmärchen, weniger an die zwischenmenschlichen Beziehungen unserer Gegenwart. Aber ich muss nicht lange grübeln und mir kommen die Fluchwörter unserer Zeit in den Sinn: „Gutmensch“, „Nazi“, „Autonomer“, „Querdenker“,... Wie schnell verbindet sich mit diesen Zuschreibungen ein Urteil, das über das Leben, Denken und Handeln eines Mitmenschen gesprochen wird und nicht selten haften bleibt.

In den Sozialwissenschaften hat sich für diese Art der Zuschreibung der Begriff des Framings (von engl. frame = Rahmen) eingebürgert: Ereignisse, Debatten und Personen werden in einen bestimmten Deutungsrahmen einsortiert. In einer großen, komplexen und hochdifferenzierten Gesellschaft geht es oft gar nicht anders, wenn man sich seine Umwelt irgendwie verständlich machen will. Und doch kann der Frame schnell zum Fluch werden, wenn er ein Bild des Gegenübers zementiert, hinter dem der wirkliche Mensch gar nicht mehr zu erkennen ist. Dass das Jesus-Wort auch auf solche Situationen zielt, scheint mir deutlich, wenn ich mir die zweite Hälfte des Verses anschaue, denn wie oft werden zwischen den oben genannten und anderen Gruppen teils heftigste Beleidigungen ausgetauscht.

Die Aufforderung Jesu, zu segnen und zu bitten, ist eine Herausforderung: Kann ich denen, die so ganz anders sind als ich, die mich angreifen und beleidigen, Gutes wünschen? Oft fällt es mir (zu) schwer, aber es lohnt sich: Wo Menschen gut mit- und übereinander sprechen, werden Konflikte lösbar, kann ein Stück Reich Gottes auf Erden wachsen. Ich wünsche uns gerade in dieser polarisierten Zeit, dass uns das immer wieder gelingt!

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

6. April

Michael

In den norwegischen Medien sorgt gerade eine Geschichte für Aufsehen. Die Geschichte von Michael.
Michael starb im April 2011, so wird vermutet, in seiner Wohnung. Im Kühlschrank standen Lebensmittel mit einem Haltbarkeitsdatum in jenen Tagen. Michael wurde vergangenes Jahr gefunden. 9 Jahre nach seinem Tod. Mitten in Oslo. 9 Jahre lang hat ihn niemand vermisst.

Nicht nur, dass ein Mensch sich so isolieren kann, dass keiner sein Fernbleiben bemerkt, erschreckt. Sondern auch, dass wir in Gesellschaften leben, die so automatisiert, so digitalisiert sind, dass ein Mensch über Jahre im System weiterleben kann, auch wenn es ihn nicht mehr gibt. Versicherungen, Rente, Überweisungen, Rechnungen – alles lief weiter. Nachbarn dachten, er sei verzogen. Die Post stellte irgendwann die Zustellung ein wegen überfüllten Briefkastens. Seine Kinder hatten schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm. Jeder dachte, es hätte schon einen Grund, dass es um ihn so ruhig geworden war. Oder jemand anderes würde sich kümmern.

Was an dieser Geschichte so schmerzt ist die Ahnung, dass es Michael vielleicht auch hier, in meiner Straße, in meiner Nachbarschaft, in meinem Stadtteil hätte so ergehen können. Hätte ich mich denn um ihn gesorgt? Wie viel kümmern wir uns denn um die, die nicht zu meinem Familien- und Freundeskreis gehören? Frage ich nach denen, die einsam, isoliert, still um mich herum leben?

Gerade in diesen Zeiten, in denen wir umso mehr verzichten auf die echte Begegnung und uns auf digital und Telefon beschränken – gerade in diesen Zeiten droht Michael verloren zu gehen. Ohne Handy, ohne Computer, ohne Internet.

Nach dieser Geschichte will Ich die Auferstehungsbotschaft auch als einen Auftrag an mich und uns als Gesellschaft lesen: Steine wegzurollen und Wege zu öffnen, damit Menschen aus dem Dunkel ins Licht treten. Aus der Einsamkeit ins Leben. Aus dem Schweigen ins Gehörtwerden. Aus der Angst in die Geborgenheit: Du bist nicht allein. Aus dem inneren Gestorbensein zurück ins lebendige Menschsein.
Ich hätte Michael mehr Ostermorgen gewünscht!

Johanna Stein

5. April, Ostermontag

Ab und an gehen mir Melodien durch den Kopf die mich über den Tag begleiten. Sie singen dann in meinem Kopf und in meinem Herzen. Gerade erst war da ein Choral, den ich mit besonders schönen Erinnerungen verbinde und der mir immer wieder Hoffnung gibt. „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (EG 369) stammt von Georg Neumark, einem Lieddichter des 17. Jahrhunderts. Geboren und aufgewachsen in Langensalza in Thüringen kurz nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges, erlebte er in verschiedenen Stationen Krieg, Leid, Tod und Krankheit. Er hatte sich damals gerade aufgemacht mit all seinen Habseligkeiten nach Hamburg umzuziehen, als er beraubt wurde. Dabei verlor er alles, was er besaß. Völlig mittellos erreichte er schließlich sein Ziel, allerdings konnte er sich dort nur knapp über Wasser halten. Als auch das nicht mehr funktionierte, versuchte er sein Glück in Kiel. Seine letzte Hoffnung war diese Stadt. Auf dem Weg dorthin, hatte er eine Art Offenbarung. Über seiner Traurigkeit schien plötzlich ein Licht. In all dem Leiden, in all der Not, spürte er sich von Gott gehalten. Mich hat das sehr beeindruckt, wie er dann dichten konnte: „Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen, beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.“ Ja, recht hat er. Das ganze Lesen und Nachdenken, Diskutieren und Lamentieren über die aktuelle Situation macht das Problem nur größer. Es ist gut sich umzuhören was passiert, aber ebenso gut und wichtig ist es auch innezuhalten und aufhören zu können. Das Fenster zu öffnen und das Licht hereinzulassen, wie das Licht in die Dunkelheit des Grabs fiel als der Stein weggerollt war. Neumark dichtet weiter: „Denk nicht in deiner Drangsalhitze, dass du von Gott verlassen seist, […]. Die Folgezeit verändert viel und setzet jeglichem sein Ziel.“ Manches Mal habe ich das in den letzten Monaten heimlich gedacht, ob da noch jemand ist oder Gott die Dinge einfach nur laufen lässt, ganz ohne Sinn. Da ruft mich Georg Neumark zurecht: Gott wird sich schon noch zeigen und auch sein Ziel für dich wird dir irgendwann offenbar. Das wäre gut. Ich hoffe, dieses Ziel bald zu erkennen und, dass die gleiche Sonne für uns leuchtet, die auch Georg Neumark das Vertrauen in seine furchtbare Situation spendete. In Kiel erlebte er tatsächlich seine Rettung. Gleich nach der Ankunft fand er eine Anstellung, die seinen Lebensunterhalt sicherte. Glück und Freude über seine Rettung packte er nicht nur in die letzte Strophe seines Lieds: „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu.“ Das habe ich selbst doch immer wieder in meinem Leben und meinem Umfeld erlebt. Es eröffnen sich neue Wege, wo vorher Mauern standen. Das wünsche ich mir für uns, dass Gott unsere Steine wegrollt und unsere Leben neu macht wie den Ostermorgen. 

Herzliche Grüße
Nicole Oesterreich

4. April, Ostersonntag

Auferstehung – Leben – Hoffnung

Seid ohne Furcht,
wenn unsere Welt durcheinander gewirbelt wird,
wenn Kräfte und Mächte alles zu sprengen scheinen,
dann wird dies doch nichts sein gegen jene Gewalt,
die den Stein vom Grabe hinweg wälzte. 

Christus hat einmal den Tod besiegt,
alles Grauen währt nur bis zum dritten Tag und
jede Vernichtung ist eingeschlossen in seine und unsere Auferstehung.

Der Tod hat nicht das letzte Wort. Ostern steht für den Weg vom Tod zum Leben, von der Verzweiflung zur Hoffnung, von der Finsternis zum Licht. Die Kräfte des Lebens sind stärker. 

Manchmal geschieht plötzlich etwas in meinem Leben, das alles verändert. Es muss nichts Großes sein, und doch ist alles anders. Gerade kam jemand unverhofft und unerwartet bei uns zu Besuch. Und mit einem Mal ist Lebendigkeit und ansteckende Freude da! So kam der auferstandene Jesus überraschend „zu Besuch“. Es gab einen Neuanfang mitten in der Enttäuschung und Verzweiflung, mitten im Leben. Das ist gemeint, wenn die ersten Christinnen und Christen von Jesus bezeugen: „Er ist auferstanden!“     

Und hier noch eine kleine Anregung:
Nimm Dir ein Samenkorn – zum Beispiel ein Weizenkorn, einen Senfsamen oder einen Sonnenblumenkern. Meditiere die Kraft, die darin verborgen ist. Aus diesem kleinen Korn kann neues Leben entstehen! Es ist ein Zeichen für das Sterben und die Auferstehung: 

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn.
Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.
Johannes 12,24

Mit herzlichen Grüßen und Frohe Ostern!

Volker Klein

3. April, Karsamstag

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Am Kreuz hat Jesus diesen Psalm gebetet. Worte, die schon so viele – bis heute – in Angst und Not gebetet, geschrien oder gestammelt haben, wenn sie sich allein fühlten, von allen verlassen – verlassen auch von Gott.

Doch aus dem Psalm 22 spricht auch Zuversicht. Zuversicht auf Rettung und Veränderung. Immerhin ruft der Beter noch nach Gott, immerhin hat er einen Adressaten für seine Klage. Und bei Gott ist er an der richtigen Adresse! Denn der Beter hat einen Anhaltspunkt - etwas, an dem er sich festhalten kann: die Erinnerung daran, dass Gott bisher noch immer geholfen hat. „Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst Du ihnen heraus. Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.“ heißt es im Psalm. Immer wieder führte der Weg hinaus ins Freie, immer wieder gab es neue Anfänge, neue Lebensmöglichkeiten.

Und Jesus? Hat Gott ihn wirklich verlassen? Es hat den Anschein. Jesus ist tot. Er ist ins Grab gelegt, das Grab versiegelt mit einem großen Stein. Alles ist aus. Die Hoffnung begraben.

So mag sich manch einer auch heute fühlen: ausgeliefert, der Möglichkeiten beraubt, vom Leben abgeschnitten - wie in einem Grab, aus dem es kein Entrinnen gibt; ein schwerer Stein versperrt den Ausgang, den Ausweg. Es herrscht Stillstand.

Auch bei den Jüngern herrschte Stillstand – damals am allerersten Karsamstag, dem Tag der Grabesruhe Jesu. Sie wussten nicht, wie es weitergehen sollte.  Wir aber wissen: das Grab konnte Jesus nicht halten, der Stein wurde weggewälzt. Neue Hoffnung, neues Leben!                            Jesus Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh. 14, 19) Neue Hoffnung, neues Leben also auch für uns!

Lebensfreude, OSTERFREUDE will sich Bahn brechen in uns – auch in diesem Jahr. So wünsche ich Ihnen ein hoffnungsfrohes Osterfest!

Pfarrer Matthias Piontek

2. April, Karfreitag

Kann ein männlicher Messias Frauen erlösen?

„Evangelium“ bedeutet „gute Nachricht“: Diese gute Nachricht ist vor allem die Nachricht von Jesu Tod und Auferstehung. Darauf läuft alles hinaus. Und darum hat der große Theologe Martin Kähler einmal die Evangelien treffend als „Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung" beschrieben. Die Passionsberichte bilden das Herzstück der Evangelien und den Kristallisationspunkt der christlichen Heilsbotschaft: Jesus starb, „auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3,16). 

Tatsächlich alle? Die feministische Theologie setzt sich mit den Geschlechterbeziehungen und ihre Auswirkungen auf Glauben, Kirche und Gesellschaft auseinander. Dabei kritisiert sie ein männlich bestimmtes Gottesbild, mit dem sich Frauen nicht oder nur schwer identifizieren können. Diese Kritik hat die Theologin Rosemary Radford Ruether auf die Spitze getrieben mit ihrer berühmten Frage: Wie kann ein männlicher Messias Frauen erlösen?

Auf alle Fälle war Jesus ein Mann der Frauen. Von Anfang bis zuletzt haben ihn Frauen unterstützt und begleitet. Und Jesus ist ihnen „auf Augenhöhe“ begegnet. Auch wenn wir Jesus deswegen nicht gleich als „neuen Mann“ und ersten Feministen feiern müssen, offenbar hatte er doch einen Blick für die gesellschaftliche Stellung der Frauen in seiner Zeit. Mehr noch: In einem tiefen Sinn teilte er ihr Schicksal. 

In der Welt Jesu drückte sich die ungerechte soziale Ordnung auch in einer unterschiedlichen Zuschreibung und Zuteilung von Leiblichkeit aus. Gesellschaftlicher Stand und Körperlichkeit stehen in einem unmittelbaren Verhältnis. Sklaven wurde zum Beispiel mehr Leiblichkeit zugeschrieben als ihren Herren. Die Kreuzigung war eine extrem erniedrigende und qualvolle Hinrichtungsart für Sklaven. Jesus, das Fleisch (also Leib) gewordene Wort, kommt in enge Berührung mit Krankheit und Tod, indem er Kranke heilt und Tote auferweckt. Und er „nahm Knechtsgestalt an“ (Philipper 2,7). Er erleidet selbst Folter und den Tod, der für Sklaven vorgesehen war. So taucht er zum tiefsten Punkt der Leiblichkeit hinab. Zugleich nimmt er damit Eigenschaften an, die mit Weiblichkeit verbunden und den Frauen zugeschrieben wurden: Schwäche, Verwundbarkeit, Leiden. Darin vor allem kommt seine Weiblichkeit zum Vorschein. 

Am Kreuz wird Jesus eins mit den Frauen.

Olaf Schmidt

1. April

In der Nacht, da er verraten ward ….

Mit diesen Worten beginnt die Abendmahlsliturgie.

In der Nacht, da er verraten ward. An dem Abend, bevor der Weg durch unaussprechlichen Schmerz begann … An dem Abend, bevor er dennoch des Vaters Willen über den seinen setzte voll Vertrauen … An diesem letzten Abend in der vertrauten Gemeinschaft ….

Was geschah an diesem Abend? Die Überlieferung berichtet von einem Mahl, das voller Symbolik war und blieb bis in unsere Tage. Sie berichtet von den Fragen und Zweifeln der Jünger, von der Enttarnung eines Verräters, bevor der den Verrat beging, von einer Fußwaschung, die anderes abwaschen sollte als Straßenstaub.

Jesus tauchte noch einmal tief ein in diese Gemeinschaft. Er liebte sie und war Teil davon. Noch einmal zusammen essen, miteinander reden, gemeinsames Erleben. Wohlwissend, dass er das allerletzte Wegstück auf Erden allein würde gehen müssen.

In einer Kur lernte ich Christine kennen. Sie war gezeichnet von der langen, nicht zu besiegenden Krankheit, schmal und zerbrechlich im Äußeren. Sie war geprägt von einem unendlich tiefen, bodenständigen Gottvertrauen, von humorvoller Stärke und scheinbar unendlicher Energie.

Jede Mahlzeit mit ihr wurde zu einem Lebenselixier. Großzügig ließ sie alle teilhaben an ihrem Lachen, an ihrer Zuversicht, an ihrer Lebensliebe. Während wir anderen uns beim Rehasport mühsam Kräfte antrainieren, bestieg sie – den Brocken.

Uns blieb der Mund offen stehen, als sie uns davon berichtete. 

Wir blieben in Kontakt. Sie blieb sich treu. Ging es ihr gut, wanderte sie, fuhr Ski, bewirtschaftet Haus und Hof. Ging es ihr schlecht, vertraute sie darauf, dass es besser werden würde.

Noch im Hospiz, wenige Tage vor ihrem Tod malte sie ein Bild – bunt und voller Leben!

An dem Abend, bevor der Weg durch unaussprechlichen Schmerz begann….

Am Abend, bevor sie dennoch des Vaters Willen über den ihren setzte …

Sie starb am Gründonnerstag 2020. 

Auf dem Grabstein des Dichters und Diplomaten Amado Nervo stehen die von ihm verfassten Worte: 

Ich habe geliebt, ich wurde geliebt, 

die Sonne streichelte mein Gesicht. 

Leben, du schuldest mir nichts! 

Leben, wir sind in Frieden!“

Drei Wörter würde ich verändern und gerne auf ihren Grabstein schreiben: 

Ich habe geliebt, ich wurde geliebt, die Sonne streichelte mein Gesicht. 

Leben, ICH schulde DIR nichts! VATER, wir sind in Frieden!“

Claudia Krenzlin

Neu! BLOG - Worte für den Tag online!

Die Beiträge "Worte für den Tag" werden ab sofort auf dem Blog  https://www.taborkirche.de/  veröffentlicht und können dort nicht nur gelesen, sondern auch wie in einem Internetforum besprochen werden.
 

28. Januar

Das Wormser Edikt

Jakob sprach: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.“ 1. Mose 32,11

Heute vor genau 500 Jahren unterzeichnete Kaiser Karl V. das sogenannte „Wormser Edikt“. Mit diesem Edikt wurden Martin Luthers Schriften verboten und er selbst sollte von jedem, der seiner habhaft werden konnte, an Rom ausgeliefert werden. Diese „Reichsacht“ war gemeinsam mit der Päpstlichen Bannbulle die schlimmste Strafe, die über einen Menschen im Mittelalter verhängt werden konnte. Durch die Reichsacht war Luther praktisch vorgelfrei und durch die Bannbulle, die nur wenige Wochen vorher über ihm ausgesprochen worden war, konnte er nach der damaligen kirchlichen Lehre nicht darauf hoffen, nach seinem Tod in Gottes Himmelreich aufgenommen zu werden.

Luther hat aus einem ganz bestimmten Grund heraus das Risiko eines solchen Urteils auf sich genommen. Alles begann mit einer Erkenntnis, wie auch Jakob sie schon im 1.Mose-Buch formuliert hat: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.“ Tief in Luthers Glauben ist es eingebrannt: Nichts was ich tue oder lasse kann an den Willen Gottes heranreichen. Die Gesetze und Gebote Gottes verlangen zu viel. Der Mensch ist nicht fähig Gottes Gnade zu verdienen. Jeder Kampf ist zum Scheitern verurteilt.

Doch indem Luther immer wieder im Neuen Testament liest, reift in ihm ein weiterer Gedanke: Gottes Gnade, seine unendliche Liebe zu uns Menschen, können wir nur begreifen, wenn wir verzweifelt sind und an unsere menschlichen Grenzen stoßen. Dann nämlich können wir uns nicht mehr auf unser großes Können und Wissen verlassen. In unserem Scheitern liegt die Chance zu Gott zurückzukehren, der unser Können und Wissen übersteigt. Er nimmt uns an, wie wir sind. Was für ein Trost! Gottes Liebe ist am größten, wenn wir am kleinsten sind.

Dieses tiefe Vertrauen auf Gottes Liebe hat die Welt ins Wanken gebracht. Luther widersprach mit dieser Entdeckung der Kirche und dem Staat und setzte sich so einer großen Gefahr aus. Das alles tat er aber im Vertrauen auf Gott und seine Macht, die über Bannbullen und Reichsachten hinausgeht.

Wie Luther können auch wir den Bedrängnissen unseres Lebens begegnen. In unserem Scheitern liegt die Chance Gott näher zu kommen. Seine Barmherzigkeit und Treue macht sich nicht daran fest, ob wir uns als „gering“ bezeichnen. Wir können getrost unser Leben bestreiten und mit Luther angesichts der Steine auf unserem Weg antworten: „Gott helfe mir! Amen“                        

Charlotte von Ulmenstein

27. Januar

Eine ganz besondere Rolle

304.793 Buchstaben sind schon geschrieben, trotzdem ist die Torarolle (die fünf Bücher Mose) noch nicht fertig. Es wird heute ein feierlicher Moment sein, wenn die letzten 12 Buchstaben im Bundestag geschrieben werden: אלֵֽרָשׂ ְיִכּל־ ָניֵ֖עי ֵל) – deutsch: vor den Augen von ganz Israel). So lauten die letzten Worte der Tora im 5. Buch Mose (Deuteronomium / Devarim) 34,12.

Eine ganz besondere Rolle der 5 Bücher Mose wird heute am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus fertiggestellt. 1793 wurde diese Torarolle für die neue Synagoge in Sulzbach (Oberpfalz) geschrieben und gilt heute als eine der ältesten noch erhaltenen Torarollen.
Sie überstand Stadtbrand, Auflösung der Gemeinde und die Reichspogromnacht.
Nach dem 2. Weltkrieg kam die Sulzbacher Rolle in die Amberger Synagoge und geriet im Toraschrank in Vergessenheit.
Nun wurde sie restauriert und kommt wieder im Gottesdienst am Schabbat und zu Feiertagen zum Einsatz.

Die Fertigstellung heute erinnert an die Shoah und gleichzeitig auch an die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland.
1700 Jahre – an die in diesem Jahr und nicht nur heute erinnert wird. 1700 Jahre – in denen gelesen wird: הים˄ ִ֑א ֱראָ֣בּ ָשׁית ִ֖ראֵבּ – ְbereschit bara elohim –
Am Anfang schuf Gott…. – vor den Augen von ganz Israel und der ganzen Welt.

Schalom,
Ihre Angela Langner-Stephan

26. Januar

“Tolle, lege!” – Nimm und lies!

Der Kirchenvater Augustinus, einer der bedeutendsten Theologen in der Geschichte des Christentums, hat nach eigener Aussage in den ersten Jahrzehnten kein besonders christliches Leben geführt – weder im Hinblick auf seinen Lebenswandel noch was seine religiös-weltanschaulichen Überzeugungen anging. Die Wende soll einem autobiografischen Bericht zufolge ein Erlebnis in einem Garten in Mailand gebracht haben. Dort sprach eine Stimme wiederholt zu Augustinus: „Tolle, lege!“ (lat. für „Nimm und lies!“). Daraufhin begann er in der Bibel zu lesen – die Lektüre veränderte sein Leben und Denken grundlegend.

Die Kirchengeschichte kennt viele Beispiele für die verändernde und erneuernde Kraft des Bibelstudiums. Denken Sie etwa an Martin Luther, den ebenfalls die intensive Auseinandersetzung mit biblischen Texten zum „Reformator“ machte. Luther wusste auch, dass man die Bibel den Menschen in ihrer Sprache zugänglich machen und erklären muss, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.

Einen Versuch, das in einer für das 21. Jahrhundert angemessenen Form zu tun, unternimmt die neue BasisBibel-Übersetzung, die vor wenigen Tagen erstmal als „Vollbibel“ (Altes und Neues Testament) erschienen ist. Durch eine zeitgemäße und prägnante Sprache sowie Erklärungen zu schwierigen Begriffen soll der Text modernen Lesegewohnheiten zugänglich gemacht werden.

Die Bibel selbst kennt Geschichten zur segensreichen Wirkungen des Schriftstudiums: So etwa die des Beamten aus Äthiopien, der in Jerusalem eine Schriftrolle mit dem Buch des Propheten Jesajas erwirbt und sich taufen lässt, nachdem der Apostel Philippus mit ihm darin liest. Vielleicht haben Sie Lust, diesen Text einmal in der neuen Übersetzung, die auch online verfügbar ist, zu lesen:

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB/ACT.8/Apostelgeschichte-8

(Die Geschichte beginnt bei Vers 26)

Herzliche Grüße

Ihr Konstantin Enge

25. Januar

Einen Sinn auch im Leiden finden

„Wie haben Sie das nur durchgestanden?“, so und so ähnlich wurde er immer wieder gefragt. Das Unfassbare brauchte eine Erklärung. Er hatte das Grauen, er hatte Ausschwitz überlebt.
Dass er einen Sinn selbst im Leiden gefunden hatte, das wird er antworten.

Einen Sinn zu haben, gibt den Menschen Kraft.
Viktor Frankl ist Begründer der Logotherapie (griech. Logos: Sprache, Sinn). In seinen Therapien, in den Interviews und durch seine Bücher fragt er: Was ist dein Sinn, was ist deine Aufgabe in dieser Zeit, hier und jetzt?
Mit dieser Frage fordert er uns auf, aktiv unsere Lebens- und auch die Leidenszeiten zu deuten und zu gestalten.

Aber welchen Sinn könnte die Coronazeit haben?

Für mich ist es eine Zeit, in der wir als Familie wieder sehr viel mehr aufeinander angewiesen sind.

Der Radius ist sozusagen klein geworden. Wir hocken alle aufeinander. Vielleicht liegt gerade darin der Sinn: Dieses auszuhalten und durchzustehen. Sich gegenseitig auszuhalten und sich darin tiefer und ehrlicher kennenzulernen. Und Formen des Miteinanders zu finden, die in dieser Zeit entstanden, aber über diese hinaus reichen.

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

PS: Die Suche nach Sinn steckt auch in unserem Losungswort für heute. Die Leidenszeit haben die Juden (auch) als Erziehungszeiten verstanden und ihnen so die Chance abgerungen, nach einem guten, einem sinnvollen Leben zu suchen.

Aber mit dir will ich nicht ein Ende machen. Ich will dich mit Maßen züchtigen, doch ungestraft kann ich dich nicht lassen. ( Jeremia 30,11)

22. Januar

„Wo sehe ich mich in 5 Jahren?“ Das war eine der Fragen, welcher mir mein zukünftiger Pfarramtsleiter als „Hausaufgabe“ für die nächste Besprechung gab. Es klingt wie eine Frage in einem Bewerbungsgespräch. „Wo sehe ich mich in 5 Jahren?“ Momentan würde ich lieber eine Wunschvorstellung von „Wo sehe ich mich in 5 Tagen?“ umgesetzt haben, aber das ist schwierig. Wenn ich über die beiden Fragen nachdenke, fallen mir die Gemeinsamkeiten auf: Meine Familie, meine Freunde und mein Glauben. Es sind die Konstanten in meinem Leben in schönen, aber vor allem in schweren Zeiten. Geliebt von meiner Familie, geschätzt von meinen Freunden, aufgefangen in meinem Glauben. Mal spüre ich das mehr, mal weniger. Aber es stärkt mich auch besonders in diesen Tagen und ich vertraue darauf, dass es das auch in 5 Tagen und in 5 Jahren tun wird. Darauf hoffe ich, weil Jesus Christus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28, 20). Das ist ganz schön lange. Viel länger als 5 Tage oder 5 Jahre. Es ist ein Versprechen ohne zeitliche Begrenzung. Das stärkt mich gerade, wenn es schwere Zeiten gibt, weil ich daran glaube, dass Jesus jetzt und immer bei mir ist.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie sich von dieser Zusage gestärkt fühlen in den nächsten 5 Tagen und Jahren und alle Tage.

In diesem Sinne bleiben Sie behütet!

Anne-Marie Beuchel

21. Januar

Gott ohne Grenzen

Immer wieder höre ich in Gesprächen mit Leuten aus der Theater- und Musikszene von der gefühlten Ungleichbehandlung von Kirche und Kultur in diesen Zeiten der Beschränkungen: Sie fragen sich, warum  Religionsgemeinschaften, geschützt von der Freiheit zur Religionsausübung, andere Rechte zugesprochen bekommen im Lockdown. Wir dürfen Gottesdienste feiern. Mit Hygienekonzepten, die Konzerthäuser und Theater ebenso gut umsetzen würden. An denen liegt es also nicht. Woran liegt es dann? Ist es der Ort, der eine Veranstaltung zu einer Religiösen macht? Ist es ein Geistlicher, der anwesend sein muss? Oder ist es das Publikum, welches zu einer eingetragenen Glaubensgemeinschaft gehören muss? Oder ist es der Vollzug, die Elemente, die Liturgie? Was ist dann, wenn zu einem Gottesdienst nur ungetaufte Besucher kämen? Oder wenn ein Pfarrer eine Andacht im Theatersaal hielte, mit Altar und unterm Kreuz? Was ist mit dem Konzert, das in der Kirche stattfindet? 
Ich habe darauf keine befriedigende Antwort. Aber mich machen diese Fragen sensibel dafür, zu sehen, dass Religiosität so viel mehr ist als ein Raum oder ein Format. Was Menschen berührt, wo sie spirituelle Erfahrungen machen, wo sie Gott begegnen – das ist so verschieden, wie wir es sind. Das kann im Park sein, unterm Sternenhimmel, in den Armen eines Geliebten, beim Hören ergreifender Musik oder großer Fragen auf der Bühne. Ich bin dankbar für diese Sichtweise: „Glaube“ als Beziehung zwischen mir und Gott lässt sich nicht begrenzen. Und Gott ist größer als unsere Vorstellungen und Institutionen.

Johanna Stein

20. Januar

Morgens reiße ich das Kalenderblatt ab und lese:

 „Ich freue mich jedes Mal, wenn schlechtes Wetter ist; 

denn wenn ich mich nicht freue, ist auch schlechtes Wetter.“ (Ernst Kirchgässer)

Ich muss lachen und das ist schon mal ein guter Tagesbeginn. Jawohl. Wir leben „in diesen Zeiten“ und „Zeiten wie diesen“ und die Freude bleibt uns manchmal im Halse stecken.

Und wenn ich dann doch einmal - richtig aus voller Seele - 

so einen Moment habe, wo ich einfach nur glücklich bin und mein Leben, mein Da-Sein genieße, sogar in „diesen Zeiten“, dann schleicht sich so ein kleiner fieser Gedanke an, der flüstert: 

„Was, Du freust Dich? Das kann doch wohl nicht wahr sein - in diesen Zeiten! Die Kranken, die Sterbenden, die Existenznöte, die geplagten Familien, die Menschen auf der Flucht, die Menschen im Krieg! 

Und du freust Dich, weil du ein Rotkehlchen gesehen hast? Weil es schneite? Denk mal an die Unfallopfer auf glatten Straßen, an das Vogelsterben und wenn wir einmal dabei sind - die Haltungsbedingungen unserer Nutztiere und den Klimawandel. 

Du hast gefälligst traurig zu sein, besorgt und ängstlich! Verstanden? Hier gibt es nichts zu freuen. Das Leben ist ein Jammertal - begreife das endlich!“ Manchmal knicke ich ein. Manchmal schäme ich mich meiner Freude.

Und - helfe damit niemandem. Ich konsumiere pflichtbewusst schlechte Nachrichten, spende fix und schuldbewusst für Greenpeace und starre auf die Inzidenzwerte.

Manchmal knicke ich nicht ein. Manchmal singe ich eins der „Schmetter-Lieder“ aus dem Chor, z. B. „Singet froh, wir haben Grund zum Danken“ und streichle die, schon in den Startlöchern sitzenden, Blattknospen im Park.

Und - besuche dann meine 99-jährige Freundin im Heim, die auch jetzt noch, nach langem Leben und schweren Zeiten aller Art, sagt: „Frau Krenzlin, es muss ja doch alles an Gott vorbei.“

Ja, die Rettung der Welt liegt nicht in meinen Händen. Aber die Rettung der Freude und der Fröhlichkeit gehört zu den Grundbedingungen und Grundaufgaben des Lebens. Unseres eigenen Lebens und dem des Nächsten und manchmal auch noch des Übernächsten. 

Und ich singe, was Paul Gerhardt 1647 (kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges !!!) dichtete:

„Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn, 

und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin“ (EG 322, 5. Strophe)

Es nützt ja nichts.

Ihre  Claudia Krenzlin

19. Januar

Klage, Schmuck und schöne Kleider

Es ist auch für glaubende Menschen schwer, die Ohnmacht und die Ratlosigkeit, den Widerspruch und die Zwiespältigkeit der Gefühle in der Coronakrise auszuhalten.

Es ist gut zu wissen, dass es schon immer Menschen gab, die in Notzeiten das gute Wort sprachen und das Leid und die Angst nicht kleinredeten, die zuhören konnten und um die Sorgen und Ängste wussten.

Im Alten Testament erzählt Jesaja, wie wichtig es ist, sich den Menschen zuzuwenden.

Der Herr hat mich gesandt, zu trösten, alle Trauernden. Jes 61,1.2.

Er erzählt mit einem hohen Einfühlungsvermögen, wie Herzen zerbrechen, weil die Zukunft zerplatzt, wie Gefangenschaft durch Krankheit oder Streit und Wut zum Freiheitsentzug in sich selbst oder in den eigenen vier Wänden quälend spürbar wird.

Jesaja will heilen, verbinden, trösten, was zerbrochen ist, was so weh tut und was Menschen traurig macht. Er stellt sich zu ihnen in ihre Ohnmacht und Ratlosigkeit, um zu begleiten. Er möchte mit seiner Offenheit und Gottesworten, „…ihnen Schmuck statt Asche, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben.“ 

Das könnte die Aufgabe der Kirchen sein. Kirche eröffnet einen Raum, in dem wir für unser Leben wieder ein Gespür bekommen. Ein Ort, an dem wir neu genießen, wie es ist, schönen Schmuck und bunte Kleider zu tragen. Aber davor braucht es einen anderen, einen bergenden Raum, in dem die so oft unterdrückten Gefühle eine Sprache finden. Hier nehmen Worte der Klage und des Gebetes die gegenseitigen Vorwürfe um die richtigen Entscheidungen auf. Die konfrontative Anklage führt zur vielstimmigen Klage.

Menschen nehmen das Leid in dieser Krise unterschiedlich wahr. Wir werden ein neues Verständnis füreinander entwickeln, wenn unsere Gefühle und Ansichten nebeneinander stehen dürfen und gehört werden. Wenn wir unsere vielstimmigen Klagen und Gebete Gott vorhalten, werden wir nicht allein zurückgelassen. 

Wir tragen miteinander im Namen Gottes nicht nur das Leid dieser Zeit, sondern auch den Schmuck und die Kleider der Zukunft.

Jesus spricht dies für seine Zuhörer in der Bergpredigt so aus: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Mt 5,4

Ihr Martin Staemmler-Michael

18. Januar

„Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen.“    (nach Epheser 4,26)

Das ist ein weiser Rat, den ich allzu oft selber nicht befolgt habe. Zwar, der Zorn verraucht bei mir relativ schnell, aber an seiner Stelle entsteht Groll, wenn der Grund des Zorns nicht beseitigt wird. Und Groll setzt sich an der Seele fest wie Rost am Eisen. Der geht dann von selber nicht mehr weg. Gereiztheit, Trübsinn, Schlaflosigkeit – verschiedene Folgen hat so etwas Unbewältigtes. Ja, es ist schon richtig: Nimm den Zorn nicht mit in’s Bett. Mir hilft es, wenn ich versuche ein paar Schritte zurück zu treten und die Sache, über die ich zornig bin, aus Abstand zu betrachten. Wie wirst du in einem Monat darüber denken? Wirst du dich in einem Jahr überhaupt noch daran erinnern? Zorn ist völlig menschlich…und zugleich völlig kontraproduktiv. Im Zorn habe ich mich nicht im Griff. Und wenn ich auf einen anderen Menschen zornig bin, sage oder tue ich Dinge, die verletzen und mir danach leidtun. Auch im Blick auf den anderen, der meinen Zorn abkriegt, sollte die Sonne nicht über meinem Zorn untergehen. Besser, gleich ein Wort der Entschuldigung. Hat das nicht auch etwas mit der neuen Jahreslosung zu tun? „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Ja, seid barmherzig mit euch selbst und mit euren Mitmenschen bevor die Sonne untergeht und es zu spät ist.

Viele Grüße von Günther Jacob

15. Januar

Bei jedem 15. Januar kommen mir Erinnerungen an den 15. 1. 91, der sich in besonderer Weise in meinem Leben eingeprägt hat.

Trotz 2. Intifada konnte mein Studienjahr „normal“ in Jerusalem beginnen. Dann kam der 2. August – mit dem Einmarsch im Kuwait änderte sich die politische Lage. Beim UNI-Start hatte ich neben der Führung über das UNI-Gelände auch eine Einführung zum Verhalten in Kriegssituationen. Nach den ersten Wochen bekamen wir alle eine Gasmaske. Es war ein besonderes Semester mit intensivem Studium, vorzeitigen Abschlussprüfungen und …

Dann kam der 15. Januar: Nach Verabschiedung von israelischen Freund_innen, letzten Erledigungen und Koffer packen (ohne Wissen, ob oder wann ich zurück kann) ging es zum Flughafen. In alle Ecken der Welt gingen die letzten Flugzeuge. Mit der letzten Maschine und viel Verspätung ging es nach Hannover. Mitten in der Nacht war ich wieder bei meiner Familie und gefühlt doch im Ausland. Keine 24h später begann der Luftkrieg. Bilder von den Angriffen auf Israel sah ich in den Nachrichten. Freunde konnte ich nur schwer erreichen (digital ging nicht) – Post konnte von Deutschland nur auf dem Landweg verschickt werden. Die Zeit forderte viel Geduld von mir. Mit dem ersten Flugzeug ging es Anfang März noch vor dem Waffenstillstand zurück. Zur Begrüßung gab es einen „wieder da“-Abend mit allen Nachbarn!

Das war vor 30 Jahren und bewegt mich noch immer. Im Rückblick überwiegen die vielen wunderbaren Erinnerungen und Freundschaften. Und Schweres hat mich „wachsen“ lassen.

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

14. Januar

Gedankenreise

Neulich verlor ich mich vor dem Fernseher in Reisedokus. Etwas was man zur Zeit – in einem durchschnittlich grauen, nassen und kalten Januar in einer mitteleuropäischen Großstadt – nicht tun sollte. Oder vielleicht gerade?! 
Ich flog über den Wolken der Sonne entgegen, nach Osten. Ich wanderte durch das Pamirgebirge, schlief in einer Jurte in der Mongolai, trank Wodka in einem Dorf in Usbekistan, steckte die Füße in den warmen Sand am Ufer des Schwarzen Meeres in Bulgarien, zeltete am Aralsee. Alles nur in meinem Kopf, versteht sich.
Als ich dann wieder in der Realität landete war ich zuerst einmal wütend und neidisch. Und unzufrieden. Wütend auf diesen Winter, dem ich nicht entfliehen kann, neidisch auf das Grün und die Sonne des Südens und auf all diese Orte auf der Erde, die ich für garantiert viel schöner hielt als den meinigen hier. Und unzufrieden mit mir, dieser Stadt, diesem Wetter, diesem Lockdown, diesem Jahresbeginn und überhaupt mit allem. Ich tat mir einfach mal so wunderbar selber leid. Kurz.
Die Nacht darauf träumte ich zur Abwechslung mal wieder lebhaft und klar. Ich träumte von genau jenen Bildern, die mich so neidisch gemacht hatten. Ich fühlte die Wärme, ich hörte das Durcheinander von Markttreiben und fremde Stimmen. Ich roch den Duft fremder Landschaft. Ich stand in den Bergen.
Als ich an jenem Morgen aufwachte war ich erwärmt, belebt, gut gelaunt und dankbar. Und ärgerte mich über mich selber am Abend zuvor. Denn die Schönheit, die ich gesehen und nach der ich mich gesehnt hatte – sie hat mich in Wahrheit nicht ärmer gemacht, weil sie mir zeigte, was ich nicht habe. Sondern sie hat mich reich und dankbar gemacht, weil sie da ist. Und weil es mir gut geht, da wo ich bin. Weil das mein Platz ist, genau jetzt.

Johanna Stein

13. Januar

Eigentlich sollte es Kaffee geben, aber die Kaffeemaschine lässt das Wasser nicht durch.

Dem alten Mann mir gegenüber ist das sehr peinlich. Wir sitzen zusammen, um die Trauerfeier für seine verstorbene Frau zu besprechen.

Viel Schönes wird erzählt und auch einiges Schwere. Er ist Vater von einem Sohn. Er lebt aber weit weg. Und dann bricht es auch dem alten Mann heraus: Dass seine Frau gestorben ist, das ist halt so; traurig zwar, aber der Tod gehört zum Leben und sie ist „schön“ gestorben. Aber der Sohn: Er hat sich losgesagt von ihm und wird auch nicht zur Trauerfeier kommen. „Wir sehen uns nicht wieder!“, hatte er am Telephon gesagt. Und der alte Mann mir gegenüber schluchzt: „Herr Pfarrer das tut so weh!“ Und ich hoffe für beide, dass sie wieder zueinander finden.

Im Lesen des Losungswortes für diesen Tag bin ich an dieses Trauergespräch erinnert worden und ich finde Parallelen zwischen dem alten Mann und Gott.

Ein Sohn soll seinen Vater ehren. Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre?, spricht der HERR. (Mal 1,6)

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

12. Januar

„Die 99 Schafe“

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?                                                            Lk 15,4

Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl den 99 Schafen geht, die da allein in der Wüste stehen: der Wind fegt über die unfruchtbaren Weiten, kein Wasser ist in Sicht und hinter jedem Stein kann ein Schakal oder sogar ein Wolf lauern. Ihr Hirte hat den 99 von grünen Auen und frischem Wasser vorgeschwärmt, er hat ihnen versprochen sie zu beschützen und immer bei ihnen zu bleiben: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir!“ 
Und nun? Ist er weg! Einfach gegangen! 
Was würden sie wohl reden, die 99, die zurück bleiben?

„Sag mal, kennst du das eine Schaf?“
„Das, weswegen er uns alle im Stich lässt? Nein! Du?“
„Nein. Ob es wohl ein besonderes Schaf ist? Besser als wir anderen? Mit mehr Wolle oder besserer Milch?“
„Glaub ich nicht! Es muss ziemlich dämlich sein, wenn es den Anschluss an so eine große Herde verliert.“
„Das ist doch Wahnsinn, wegen so eines dummen Schafs uns alle solcher Gefahr auszusetzen!“
„Ja, er hätte es lieber seinem Schicksal überlassen sollen!“
„Wieso denkt er nicht an uns? Ich habe Angst hier so allein!“
„ Also eins ist klar: wenn er das Eine wiederfindet, gehört es nicht mehr zu uns. Dieses Schaf allein ist Schuld an unserer Lage!“
„Ja, das sehe ich auch so!“

Das Wort Solidarität ist zurzeit überall präsent. Der Duden übersetzt es mit „unbedingter Zusammenhalt“, „Eintreten füreinander“ und „Zusammengehörigkeitsgefühl“.
Es ist nicht immer leicht, sich solidarisch zu verhalten mit denen, die verloren sind. Zu verlockend ist der Gedanke zu der starken Menge der 99 zu gehören. So gesund wie man ist, geradeaus denkend und vor allem: die Mehrheit. Man ist ja nicht das verlorene, das Außenseiter-Schaf.

Dem Hirten ist egal, was die 99 denken. Er hat jetzt keine Zeit, sich mit ihren Problemen zu beschäftigen. Er muss los und zwar sofort! Er muss das Verlorene finden! 
Gut, dass unser Hirte nicht von unserer Solidarität abhängig ist. Er entscheidet selbst, wer zu seiner Herde gehört. Das ist auch für die 99 eine Erleichterung, denn jeder und jede kann mal verloren gehen.  

Charlotte von Ulmenstein

11. Januar

Was ist Wahrheit?

Die Frage nach der Wahrheit hat zu allen Zeiten Hochkonjunktur und auch heute fragen und suchen Viele danach. Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen der Religionen bieten ihre Wahrheiten an, ebenso aber auch politische oder Verschwörungs-Ideologien. Die eine „Wahrheit“ mag zu überzeugen oder zu inspirieren, andere irritieren oder können gar gefährlich werden.

Eines aber scheint allen Wahrheitssuchenden gemein zu sein: Vom Finden des Gesuchten erhofft man sich viel. Wie ein Rettungsring im tosenden Meer einer chaotischen und unübersichtlichen Welt soll die Wahrheit ein fester Punkt sein, von dem aus man wieder Halt gewinnt, verstehen und aktiv werden kann.

Allzu oft wird diese Hoffnung enttäuscht, weil die tatsächliche Wahrheit auf dem eingeschlagenen Weg nicht zu erreichen ist und/oder vermeintliche Wahrheiten nicht tragen. Als Christinnen und Christen dürfen wir die Suche nach der Wahrheit aber mit einer besonderen Hoffnung beginnen, an die der heutige Lehrtext der Herrnhuter Losungen erinnert:

„Gott, unser Heiland, will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Timotheus 2, 3f.)

Und wenn der allmächtige Gott etwas will – was anderes ist dann zu erwarten, als das es geschieht?

Herzliche Grüße und eine gesegnete Woche wünscht

8. Januar

„Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, 
dass ich nicht wanken werde.“
(Ps 62,7)

Mit den Worten der Tageslosung für den 08.Januar sind Sie eingeladen zum Gebet:

Gott,
du bist mein Fels. Du gibst mir Stabilität und einen sicheren Grund, auf dem ich stehen kann.

Gott,
du bist meine Hilfe. Zu dir rufe ich, wenn ich nicht weiter weiß. An dich wende ich mich in Momenten von Angst, Trauer und Schmerz.

Gott,
du bist mein Schutz. Bei dir bin ich sicher, denn du stehst mir bei und verlässt mich nicht. Durch dich fühle ich mich gestärkt für meinen Tag.

Gott,
ich danke dir, dass du da bist. Sei bei mir, damit ich nicht wanke. Und sei bei mir, wenn ich es doch tue.

„Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, 
dass ich nicht wanken werde.“
(Ps 62,7)

 Anne-Marie Beuchel

7. Januar

Wovon leben eigentlich die Engel?

Zu Weihnachten waren wieder viele Engel zu sehen - schön gemalte auf Bildern und Grußkarten und Engelfiguren neben einer Krippe oder als Leuchter in den Fenstern.  Schon immer beschäftigen diese außergewöhnlichen Wesen die Phantasie der Menschen. Und manchmal stellt sich die Frage, ob es sie wirklich gibt und was sie eigentlich für Geschöpfe sind.

Eine eindrückliche Antwort darauf wurde uns am 1. Advent in der Bethanienkirche gegeben. Bevor in diesem Gottesdienst die alten  Kirchenvorsteher verabschiedet und die neuen eingeführt wurden, unterhielt sich die Pfarrerin in der Predigt mit einem Engel. Er kam ganz in Weiß, aber ohne Flügel. 
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.  
Und als am Ende gefragt wurde, ob nicht noch mehr Engel in der Kirche sind, gab es zunächst einen kurzen Moment der Stille. Dann aber standen viele in der Gemeinde auf.  
Ja, natürlich! Engel sind doch Boten. Das ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes angelos.

Nachdem die eine Frage geklärt ist, taucht gleich - so geht das ja häufig - die nächste auf: Sind Engel nicht sehr zarte und flüchtige Wesen? Wovon leben die eigentlich?

Ich habe da so eine Vermutung, die ich hier gern mit Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser bedenken möchte.  Es spricht doch sehr viel dafür, dass so ein Angelo oder so eine Angela vor allem vom Ev-Angelium lebt.  Das leuchtet mir nicht nur rein sprachlich ein, wobei das Ev im Griechischen eu heißt und gut bedeutet.
 

Engel leben - was auch immer sie sonst noch zu sich nehmen - als Engel von guten Nachrichten!
Wenn es überhaupt keine guten Nachrichten mehr gäbe, würden die Engel verhungern.  
Und mal ganz ehrlich: Gibt es nicht viele, sehr viele hungrige Engel, die recht flügellahm irgendwo herumhocken?

Wir wissen es alle: Die richtige Ernährung ist ein ganz entscheidender Faktor für die Gesundheit.
Das gilt auch für die Engelnatur.  
Engelnatur? Ja natürlich! Als Geschöpfe Gottes gehören sie zu seiner Natur und unterliegen damit auch ihren und seinen Gesetzen. Engel müssen gut auf ihre Ernährung achten und auch ausreichend Bewegung haben. Beides hängt eng zusammen.

Eine tägliche Ration Evangelium hält die Engel bei Kräften. Am besten schmeckt und stärkt das in guter Gemeinschaft. Das geht leider nicht immer und zu allen Zeiten. Aber echte Engel sind auf der Höhe, auch zeitlich. Sie benutzen deshalb auch das Telefon und neuerdings sogar das Internet. Das Evangelium muss nämlich kommuniziert werden, damit es richtig verdaut werden kann.  
Die Kommunikation des Evangeliums ist die wichtigste Aufgabe der Engel. Das haben wir zu Weihnachten wieder deutlich gehört. 
Diese Aufgabe bringt die Engel ordentlich in Bewegung.  Und andere auch, denn das Evangelium kann ganz schön bewegend sein!
 

5. Januar

Auf die Stimme hören.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Jesaja 50,4 ca. 540 v. Chr.

Hier wird von einem Menschen im Prophetenbuch Jesaja erzählt, von dem wir nicht viel wissen. Aber wir lesen, dass er das gute und heilende Wort zur rechten Zeit für die spricht, die es brauchen. Er hat ein offenes Ohr für die Müden und Bedrängten. Für alle, denen nicht mehr zugehört wird. Für die, die vergeblich nach Worten ringen. Dieser Mensch dient denen, die am Alltag ermüden. Ein ehrlicher, guter Knecht.

Es ist noch still im Haus. Ich kann nicht schlafen. Meine Müdigkeit hat mich geweckt. Ich sitze in der Küche. Den Morgenstern habe ich angeknipst. Er gibt so ein warmes wohliges Licht von sich. Ich schaue aus dem Fenster. Der Morgen beginnt mich silbern am Horizont zu begrüßen.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 

Ich schalte das Radio ein. On! Die Impfzentren sind eingerichtet. Der Impfstoff ist da. Er ist das Weihnachtsgeschenk für die Menschen. Der Inzidenzwert in Sachsen ist der Höchste aller Bundesländer. In Zittau werden auch über Weihnachten Totenscheine ausgestellt und die Krematorien sind überlastet. Warum werden Kirchen in der Weihnachtszeit nicht geschlossen?

Müssen es wirklich diese ersten Worte des Tages sein, die an mein Ohr dringen? Off! Klingt da nicht eine andere Stimme in mir?

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.

Solche Menschen in der Nähe zu wissen, tut gut. Menschen, die ihre innere Kirche – ihren Resonanzraum für meine müden Gedanken, meinen gebeugten Körper, meine gestresste Seele offenhalten.

Deshalb sind die Kirchen offen. Für die Müden. Unser Körper ist durch das Virus in Gefahr und unsere Seele leidet mit. Wir sind in Angst und Sorge, verunsichert und traurig. Mit den Müden zur rechten Zeit reden, dafür ist die Kirche mit ihren offenen Türen und Herzen für die Menschen da.

Wir können das offene Ohr und die ermutigenden Worte des Dieners für das Leben in unserer Zeit anderen schenken. Offenheit und Ermutigung sind uns durch Weihnachten geschenkt. In jeder Geburt liegt die Hoffnung auf Zukunft. Es ist das ewige Geschenk Gottes an uns Menschen.

Gott segne diesen Tag.

Ihr Martin Staemmler-Michael

4. Januar

4. Januar – vier Tage alt ist das Jahr 2021. Am Beginn eines neuen Jahres gehen uns allerlei Gedanken durch den Kopf: Fragen, Wünsche, Hoffnungen und auch Befürchtungen im Blick auf das neue Jahr. Dieses aufmunternde „Das wird schon werden!“, das ist zu wenig. Wir wissen, dass es letztlich nicht trägt. Was ist, wenn mir der Mut fehlt und die Kraft für den nächsten Schritt nicht mehr reicht? Wer befreit meine Gedanken, wenn ich in Sorgen gefangen bin? Wo ist das Licht, das mir den Weg aus dem Dunkel zeigt? Was ist, wenn meine Träume blass werden, die guten Vorsätze sich im Sande verlaufen und die Hoffnung verkümmert? Wo finde ich Halt, wenn ich an meine Grenzen stoße, wenn ich unzufrieden mit mir selbst und anderen bin? Zu wem kann ich gehen, wenn ich allein dastehe mit dem, was mich belastet? 
So viele Fragen! Es ist gut, sie auszusprechen, sie beim Namen zu nennen. Das hilft gegen Enttäuschungen und das bewahrt vor Illusionen. Das schafft Klarheit und es macht Mut zu dem Eingeständnis: Aus uns selbst heraus wächst sie nicht, die Zuversicht, ein neues Jahr zu beginnen. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Wir können Freude und Glück erleben und vielleicht auch Traurigkeit. Manches wird uns gelingen, manches wird fehlschlagen. Aber bei allen Unwägbarkeiten des neuen Jahres können wir eins getrost und mit aller Zuversicht tun: auch dieses Jahr 2021 aus Gottes Hand nehmen und darauf vertrauen, dass - bei allem, was geschieht - seine Hand uns hält.
Die Bibel ermutigt uns dazu! „Dies nehme ich zu Herzen, darum bin ich voll Hoffnung: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu.“ (Klagelieder 3, 22) 

Pfarrer Matthias Piontek

2. Januar

Barmherzigkeit, Mut und Witz für das Leben

Das Jahr hat seinen Anfang genommen. Und wir richten uns in ihm aus mit unseren Wünschen und Sehnsüchte, pegeln uns ein zwischen den Vorsätzen für das kommende Neue und ihrer Realisierung.
Mir helfen in meinem Ringen um das Leben Vorbilder, also Menschen, die es irgendwie „geschafft“ haben auf die eine oder andere Weise.

Basilius der Große ist diesem 2. Januar als Vorbild zugeordnet. Einiges wird über ihn berichtet.
Hier zwei Anekdoten für das Leben. Lebenszeugnisse die von der grenzenlosen Barmherzigkeit des Basilius, seinem Mut und Witz erzählen.
Basilius stammte aus einer begüterten Familie. Die biblische Erzählung vom reichen Jüngling (Mk 10,17-27) aber konfrontierte ihn mit der Frage, wie er leben will.
So verkaufte er während einer Hungersnot seine ererbten Güter und arbeitete selbst in einer Suppenküche mit. Er behandelte die Menschen dabei alle gleich mit der Begründung: „Sie haben alle die gleichen Eingeweide.“
Basilius machte sich aber nicht nur Freunde, sondern war für manche seiner Zeitgenossen ein unangenehmer Mensch, wohl weil er wenig kompromissbereit war. Und schaffte man es nicht, ihn mit Argumenten zu überzeugen, so versuchte man es mit Drohungen.
Ein römischer Präfekt drohte Basilius, ihm die Leber aus dem Körper zu schneiden. Basilius erwiderte: „Wie aufmerksam! Da, wo sie gegenwärtig ist, macht sie mir nur Ärger.“

Basilius mit seiner Barmherzigkeit, seinem Mut und Witz sollen mich heute begleiten und mir helfen in meinem Ringen um das Leben.

Ihnen einen guten 2. Januar

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

30. Dezember

Meine Großmutter hatte einen Hang zum magischen Brauchtum. Am Silvesterabend machte sie einen Zwiebelkalender: Sie nahm zwölf Zwiebelschalen, die für die zwölf Monate des Jahres stehen, gab Salz hinein und stellte sie auf das Fensterbrett. Am nächsten Morgen beurteilte sie die verschiedenen Wasseransammlungen in den Zwiebelschalen und orakelte, wie feucht oder trocken das Wetter in den zwölf Monaten des neuen Jahres werden würde. 
Ich halte nichts von diesem Aberglauben, aber mir gefällt der Gedanke, in diesen besonderen Tagen „zwischen den Jahren“ innezuhalten und einen Blick in das kommende Jahr zu werfen. Zwar lehrt uns gerade die Corona-Krise, dass sich Prognosen und alle guten Pläne von heute auf morgen zerschlagen können. Unsere Zukunft scheint im Ungewissen – wer weiß schon, was in ein paar Wochen ist? Doch gerade diese Unsicherheit kann uns Gelegenheit bieten, an Terminkalendern und To-Do-Listen vorbei nach Wesentlichem Ausschau zu halten. Kann ich, aus der gewohnten Bahn geworfen, neue Wege sehen und gar gehen? Kann ich mich in diesen „besinnlichen“ Zeiten mehr als sonst Gott und meinen Mitmenschen öffnen? Und mit welchem „Salz“ möchte ich die „Zwiebelschalen“ des kommenden Jahres füllen?

Der Du allein der Ewge heißt / und Anfang, Ziel und Mitte weißt /
im Fluge unsrer Zeiten: / Bleib Du uns gnädig zugewandt / 
und führe uns an Deiner Hand, / damit wir sicher schreiten.
EG 64, 6 (Text: Jochen Klepper, 1938)

Mit den besten Wünschen für ein gesegnetes Jahr 2021, 
Christiane Domtera-Schleichardt

29. Dezember

Auf die Stimme hören.

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Jesaja 50,4 ca. 540 v. Chr.

Hier wird von einem Menschen im Prophetenbuch Jesaja erzählt, von dem wir nicht viel wissen. Aber wir lesen, dass er das gute und heilende Wort zur rechten Zeit für die spricht, die es brauchen. Er hat ein offenes Ohr für die Müden und Bedrängten. Für alle, denen nicht mehr zugehört wird. Für die, die vergeblich nach Worten ringen. Dieser Mensch dient denen, die am Alltag ermüden. Ein ehrlicher, guter Knecht.

Es ist noch still im Haus. Ich kann nicht schlafen. Meine Müdigkeit hat mich geweckt. Ich sitze in der Küche. Den Morgenstern habe ich angeknipst. Er gibt so ein warmes wohliges Licht von sich. Ich schaue aus dem Fenster. Der Morgen beginnt mich silbern am Horizont zu begrüßen.

Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 

Ich schalte das Radio ein. On! Die Impfzentren sind eingerichtet. Der Impfstoff ist da. Er ist das Weihnachtsgeschenk für die Menschen. Der Inzidenzwert in Sachsen ist der Höchste aller Bundesländer. In Zittau werden auch über Weihnachten Totenscheine ausgestellt und die Krematorien sind überlastet. Warum werden Kirchen in der Weihnachtszeit nicht geschlossen?

Müssen es wirklich diese ersten Worte des Tages sein, die an mein Ohr dringen? Off! Klingt da nicht eine andere Stimme in mir? 

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.

Solche Menschen in der Nähe zu wissen, tut gut. Menschen, die ihre innere Kirche – ihren Resonanzraum für meine müden Gedanken, meinen gebeugten Körper, meine gestresste Seele offenhalten.

Deshalb sind die Kirchen offen. Für die Müden.  Unser Körper ist durch das Virus in Gefahr und unsere Seele leidet mit. Wir sind in Angst und Sorge, verunsichert und traurig. Mit den Müden zur rechten Zeit reden, dafür ist die Kirche mit ihren offenen Türen und Herzen für die Menschen da.

Wir können das offene Ohr und die ermutigenden Worte des Dieners für das Leben in unserer Zeit anderen schenken. Offenheit und Ermutigung sind uns durch Weihnachten geschenkt. In jeder Geburt liegt die Hoffnung auf Zukunft. Es ist das ewige Geschenk Gottes an uns Menschen. 

Gott segne diesen Tag.

Ihr Martin Staemmler-Michael

28. Dezember

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas endet damit, dass die Hirten weitererzählen, was sie gehört und gesehen hatten und damit einiges Erstaunen hervorrufen.  Deshalb erscheint es mir sehr angemessen, wenn auch wir uns davon erzählen: Wie war das Weihnachtfest für Sie anno 2020, im Jahr des Herrn und der Pandemie? 
Ganz anders als sonst? Oder doch wie Weihnachten? Oder beides?

Für mich gilt beides: Äußerlich war sehr vieles anders. Aber auf einer tieferen persönlichen Ebene war es auch wie alle Jahre wieder: Weihnachten berührt mich wie kein anderes Fest.  Ich weiß auch warum: Weil die Weihnachtsbotschaft wie keine andere Geschichte von klein auf in mein persönliches Leben und Erleben eingezogen ist. Ja, eingezogen wie ein guter, freundlicher und einfühlsamer Mitbewohner im Haus meines Lebens.

Dieser Mitbewohner singt mit mir die wunderbaren und altvertrauten Lieder von der fröhlichen, seligen und gnadenbringenden Weihnachtszeit. Er ließ mich auch in diesem Jahr in unserem Wohnzimmer einen Adventsstern aufhängen, einen Lichterbogen mit den Figuren aus den biblischen Weihnachtgsgeschichten aufstellen und am Heiligabend einen Weihnachtsbaum mit Kerzen,  Strohsternen und silbernen Tannenzapfen schmücken. Dieser Mitbewohner bringt weihnachtliche Düfte ins Haus und schickte mir liebevolle Grüße und Geschenke.    

Er berührt alle meine Sinne. Und wenn ich manchmal etwas skeptisch bin, weil nicht alles so ist, wie es sein sollte, dann lächelt er mich an und sagt zu mir nur:
“Schau!“
Oder: „Hör doch!“
Und auch „Probier mal!“
Und immer wieder: „Komm!“.

Und ich hüte mich sehr, dann abzuwinken und zu sagen: „Jaja, ich weiß schon, aber jetzt habe ich anderes im Kopf.

Nein, ich bin sogar ein wenig süchtig danach, dass dieser Mitbewohner so zu mir kommt und mich anspricht. Eben weil es mich berührt und - fast möchte ich sagen: verzaubert. Was ich damit meine? Es mag komisch klingen, aber ich glaube und spüre, dass Weihnachten mich zu einem besseren Menschen macht!

Für jemanden, der oder die grundsätzlich alles skeptisch auseinandernimmt, klingt das wahrscheinlich sehr naiv.
Und für jemanden, die oder der, zuallererst nach dem Charakter und der Leistung eines Menschen fragt, mag das vielleicht überheblich klingen. 
Trotzdem: Ich glaube und spüre, dass Weihnachten mich zu einem besseren Menschen macht! 
Und das ist nichts, worauf ich stolz sein könnte. Aber etwas, wofür ich sehr dankbar bin. Ich bin dankbar dafür, dass die Weihnachtsbotschaft mein Herz öffnet. Dass mit ihr viel Wärme und Liebe in mich einzieht und mich zu guten Gedanken, Worten und Werken bewegt.

Ob das von Dauer ist? Oder ist es nur so ein Hochgefühl während der Fest- und Feiertage, das sich schon bald in Luft auflöst und verflüchtigt - ganz im Gegensatz zu dem Coronavirus, das auf dem Luftweg in uns einzudringen und uns von innen her zu zerstören droht?   
Damit ist die wohl entscheidende Frage nach der Realität und der Wahrheit und der bleibenden Bedeutung von Weihnachten heute gestellt.  Was kann ich darauf antworten?

Eine ehrliche Antwort eröffnet mir zugleich auch einen tieferen Zugang zum Wesen des christlichen Glaubens:
Mein weihnachtliches Hochgefühl ist nicht von Dauer. Und auch mein Glaube ist keineswegs von allen Zweifeln und Erschütterungen frei. Aber zum Glück ist da dieser Mitbewohner, den ich jetzt Gott nenne.

Er kommt auch auf dem Luftweg – oder genauer: auf dem Geistweg – und will, wie Jesus einmal sagte, Wohnung bei mir nehmen. Um mich zu einem besseren Menschen zu machen. Das schafft nur er - immer wieder neu - durch seine Worte und Geschichten. Und auch er fängt dabei ganz klein an: Es beginnt damit, dass er mich zu Weihnachten mit Kinderaugen anlächelt und ich – wie verzaubert – zurücklächle.

Ich bin sehr dankbar für diesen Mitbewohner und wünsche Ihnen, dass auch Sie ihn bei sich haben.
Ihr Heinz Schneemann

23. Dezember

Ich lade Sie ein, dieses Weihnachtsbild von Christiane Knorr zu betrachten.
Eindrücklich zeigt es, wie unser Leben von Hell und Dunkel geprägt ist.
Von den Licht- und Schattenseiten unseres Daseins.
Wie ein von dunklen Wolken verhangener Himmel, so steht es um das Gemüt eines Menschen, dem die Zukunft verbaut ist. Er sieht schwarz. Wie viele blicken mit Bangen in ihre Zukunft, weil ihre Existenz weggebrochen ist oder neu gefährdet durch den  harten Ausnahmezustand im Frühjahr und nun erneut wieder!  Wo soll das noch hinführen mit diesem fiesen Virus?

Auf diesem Bild bewegt sich  die Masse der Menschen im Dunkeln.. Es scheint, als würden sie aus dem Dunkel gar nicht heraus wollen. Es wäre ein trostloses Bild, wenn sich nicht aus den schemenhaften Gestalten  diese Drei zu uns wendeten. Die Frau mit dem neugeborenen Kind und der schützend dahinter stehende Mann. Auf ihnen liegt das Licht. Über ihnen strahlt der Stern. Er durchbricht die finsteren Wolken. Er strahlt mit seinem Schein in alle Richtungen.

Auch die Botschaft des Christfestes hat zwei Seiten. Da ist die legendenhaft ausgeschmückte, strahlende Nachricht von der Geburt Jesu. Einmal durch Lukas im 2. Kapitel mit den Hirten und dem Engel, der sie zum Kind in der Krippe weist. Zum anderen bei Matthäus im 2. Kapitel. Dort folgen die Weisen aus dem Morgenland dem Stern und bringen dem Kind ihre Gaben. Die zweite Seite ist die ärmliche Geburt in einem zugigen Stall. Und die Flucht, weil der König Herodes das Neugeborene der Asyl Suchenden töten lassen will. Das überirdische Licht bringt mit sich die göttliche Kraft der Liebe, die stärker als alles Dunkle und Schwere ist. Hier ist es ein Mann, der zu Mutter und Kind steht. Der die Verantwortung übernimmt und sie nicht als Alleinerziehende stehen lässt.

Der Schein dieser Liebe reicht bis zu uns. Bis hinein in die auferlegte Abgrenzung; bis hinein in Einsamkeit, Krankheit und Isolation. Der Schein dieser Liebe weitet sich für uns, wenn wir sterben, zur Lichtbrücke in Gottes Ewigkeit. Und jetzt schon hellt dieser Schein unsre müden Gesichter auf und breitet sich in uns aus . Ja, dringt nach außen, so dass wir auch  unsere Mitmenschen mit neuen – vom weihnachtlichen Glanz erfüllten -  Augen ansehen.

Ich wünsche uns allen gesegnete Weihnachtstage!

Rolf-Dieter Hansmann

22. Dezember

Gottesbeweis – Liebesbeweis

Im Theologiestudium wurden auch die „Gottesbeweise“ behandelt. Theologen und Philosophen haben viele Jahrhunderte lang mit großem Scharfsinn Beweise für das Dasein Gottes gesucht und formuliert. Dann kam Immanuel Kant und hat mit ebenso großem Scharfsinn bewiesen, dass es keinen Gottesbeweis geben kann. Als junger Student bleibt man ratlos zurück. Was nun? Heute glaube ich, der größte Gottesbeweis liegt in Bethlehem in der Krippe. Es ist ein Liebesbeweis. Der größte überhaupt denkbare Liebesbeweis, den es geben kann. Gott kommt uns ganz nahe – und wir fragen nach Beweisen. Beweise sind was für den Kopf. Wir sollen sie verstehen. Aber wer schon einmal aus tiefstem Gefühl geliebt hat, der weiß, dass ein Liebesbeweis etwas völlig Anderes ist: Da gibt sich einer hin, da öffnet er sein Herz, da rechnet er nicht, da diskutiert er nicht, da will er nicht überzeugen und schon gar nicht überrumpeln. Also, ein Liebesbeweis geht direkt ins Herz. Dort wird er angenommen oder abgewiesen. Aber ehrlich: Kann ich Gottes Liebesbeweis in Jesus Christus abweisen, der ihn so viel Liebe gekostet hat von der Krippe bis zum Kreuz? Ich nicht. Ich freue mich deshalb auf Weihnachten, dieses Jahr genauso wie jedes Jahr. 

Ach ja, und es gibt doch einen Gottesbeweis für mich:

Schuberts „Unvollendete“, Händels „Messias“, Beethovens Violinkonzert … Und für Sie?

Gottes Segen für das kommende Christfest

Ihr Günther Jacob

21. Dezember

Haben Sie schon Weihnachtspost bekommen? Und auch geschrieben?

Ich stand dieses Jahr vor den Kartenständern und dachte, was ist denn dieses Jahr nun angemessen? Fröhliches Fest! Merry X-mas! Frohe Feiertage. Schneelandschaften mit kleinen Kirchen, Elche mit roten Mützen. Irgendwie passte nichts. Schließlich stehen die bevorstehenden Feiertage doch sehr unter dem Scheffel der Pandemie. 
Blieb: „Gesegnete Weihnachten“ - damit konnte ich ja eigentlich nichts falsch machen. Segen ist von Nöten, von höchsten Nöten sozusagen.

Von höchsten Nöten geplagt war auch die junge Familie damals, im Stall zu Bethlehem. Aber ein Kind ist immer ein Stück Zukunft. Und nun - dieses Kind! Was für eine Zukunft! Gesegnete Weihnachten, der Anfang einer neuen Zeit, einer Heilszeit!

Heilszeit. Naja, werden Sie sagen, die haben wir uns anders vorgestellt.
Heilszeit. Naja, haben die Christen zu allen Zeiten gedacht. Die haben wir uns anders vorgestellt.
Mit vielen langen Briefen schrieben Paulus und seine Weggefährten an gegen die schwindende Hoffnung ihrer Zeit. Es gab keine vorgedruckten Karten, auf denen „Frohes Fest!“ stand und man nur noch „seinen Herrmann“ drunter setzen musste. 
Kein WhatsApp, kein Twitter, wo man ein Bildchen weiterleiten konnte und ein Halleluja - fertig.
Mit vielen langen Briefen schrieb Rainer Maria Rilke gegen Angst und Kummer seiner Zeit an: „Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muß darin möglich sein.“ 
Mit einem langen Brief schrieb meine Mutter gegen den Schmerz um den beim Skifahren verunglückten Sohn an: „Ich bin in das Gebirge gefahren. Aber es war nichts da, wovon ich Abschied nehmen konnte . Nur eine für mich neue, wunderschöne Landschaft breitete sich unter weitem blauen Himmel aus und die Gewissheit, dass er hier bis zu seinem letzten Atemzug sehr glücklich war - und nun geborgen ist.“

Eine Heilszeit ist eine Zeit, in der sich die Dinge wandeln, in der ich das Schwere nicht verneine, die Leichtigkeit dankbar annehme und voll Vertrauen bin auf auf den, der im Stall geboren ist, um uns nahe zu sein - in allem Wandel der Zeiten erlebe ich eine Heilszeit. 

Ich schreibe lange Briefe und wünsche gesegnete Weihnachten - damit kann ich nichts falsch machen.                                                        

Claudia Krenzlin

18. Dezember

Im Finstern

»Das Volk, so im Finstern wandelt, siehet ein groß Licht. Und über die, die da wohnen im finstern Lande, scheinet es helle…« Diese Worte aus Jesaja 9 kann ich gar nicht mehr denken ohne die Musik von Hugo Distlers Weihnachtsgeschichte gleich im Ohr zu haben. Vor beinahe zwanzig Jahren habe ich sie in der Paulskirche in Schwerin zum ersten Mal gehört und seitdem lässt die Musik mich nicht mehr los. Eigenartig. Bachs Weihnachtsoratorium hat sich mir intensiv eingeprägt, die Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz ebenso, aber selten hat mich eine Musik tiefer erreicht als besagte Weihnachtsgeschichte. Es liegt eine große Kraft und Zärtlichkeit in Distlers eigentümlicher Harmonik, aber die Dissonanzreibungen, die überall auftauchen, sprechen auch von einer Welt, in der sich bestimmte Widersprüche für den Menschen nicht mehr auflösen lassen, auflösen können. 

Distler schrieb diese Musik 1933. Die gespannten Lagen, in denen z.B. die Tenorstimme in vielen Chorälen notiert ist, stehen auch für die bis zum Äußersten gespannten Zustände in Deutschland am Anfang der dreißiger Jahre. Und wenn man Distlers Musik genau hört, spürt man die Zerrissenheit und einen Vorschein der Endzeitlichkeit, die später mit dem Krieg über die Menschen hereinbrach.

Wie ein Leitgedanke ziehen sich aber durch die Distlersche Weihnachtsgeschichte Choralbearbeitungen des bekannten Weihnachtsliedes »Es ist ein Ros entsprungen« und sicher nicht zufällig sind es ihrer genau sieben. So kommt immer wieder das zarte Pflänzchen, das in all dem Dunkel wächst, in den Blick. Und hier passiert das Wunderbare: Distler ringt, mit Hilfe der sprachlichen Kraft des Bibelwortes und der Musik, der in ihm selbst wohnenden Zerrissenheit und dem Wahnsinn seiner Zeit ein Moment der Schönheit ab, die uns Kraft gibt zu hoffen. Auch dann, wenn wir erkennen müssen, dass wir immer ein Stück »im Finstern wandeln«. Kraft, darauf zu hoffen, dass alles sich zum Guten wenden kann, auch wenn sich nicht alle Widersprüche auflösen lassen. 

Anspieltipp: Die Aufnahme mit dem Thomanerchor von 1979!

https://www.youtube.com/watch?v=bitpQp_xigo

17. Dezember

https://www.tagesspiegel.de/images/demonstration-gegen-corona-einschraenkungen/26644954/2-format43.jpg

Allein aus Gnade!

In der Menschenmenge einer vom Nieselregen durchweichten Gruppe von Gegner*innen rechtsstaatlich angeordneter Rücksichtsmaßnahmen, hatte es eine junge Frau für den größtmöglichen Ausdruck ihres aus innerer Überzeugung geführten Widerstandskampfes gehalten, ein altes Holz-Kruzifix in die klamme Kälte dieses Berliner Herbstes – wie einen römischen Legionsadler in den Schlachtreihen besorgter Bürger*innen – zu entführen. Fast so, als ob sich dieser Jesus von Nazareth, König der Jüd*innen, am Ende doch zu einer immerwährenden Symbolfigur religiösen Aufbegehrens gegen das wieder aufkeimende Fortbestehen imperialer Vormachtstellungen geriert hätte: 

„Der Kaiser muss weg! Genau wie die Merkel! Das hat doch eh nie einen Unterschied gemacht!“

An der Wand neben der schweigsamen Kuckucksuhr im großelterlichen Wohnzimmer, gleich über dem gemütlichen Ohrensessel neben der Heizung, ist ein heller Fleck in Form eines Kreuzes, das dort schon seit gefühlt immer – bisher ohne Unterbrechung – hing. Sein Schatten ist immer noch da; aber das Kreuz ist weg, jemand hat es abgenommen. Es ist jetzt in Berlin. In der Kälte. Klitschnass und von einer grölenden Menschenmenge durch die von Prätorianer*innen gesäumten Gassen gezerrt. 

„Das kennt man ja – gab es auch alles schon mal.“ 

Und irgendwie scheint es wieder so, als gehöre dieser Jesus von Nazareth gerade hier und jetzt da auch mitten hinein. Mindestens genau wie neben die kaputte Kuckucksuhr. Als würde er erneut und einmal mehr in einer zur Zurückhaltung mahnenden, österlichen Umarmung in einer wenig adventlichen Zeit, sündige Fromme und fromme Sünder an das eine erinnern zu wollen, aus dem wir letzten Endes alle leben. Indem er mit schmerzverzerrter Mine sagt: HERR vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Markus Eckardt

16. Dezember

„Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jes 58,7)

Auf Twitter las ich neulich die im dort üblichen Telegrammstil gestellte Frage: „Wie feiert ihr eigentlich Weihnachten, wenn ihr wisst, dass in Moria Kinder von Ratten angebissen werden?“ Hintergrund war ein Bericht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die mitteilten, dass die inzwischen häufigste Verletzung, die sie in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln behandeln müssen, Rattenbisse sind, die vor allem schlafende Kinder treffen.

Der große Aufschrei darüber, dass so etwas mitten in Europa geschieht, blieb aus – zu sehr sind wir mit uns beschäftigt: unseren Zahlen, unseren Einschränkungen unseren dieses Jahr verkomplizierten Planungen für die Weihnachts- und Jahreswechselfestivitäten.

Der Monatsspruch aus dem Jesajabuch mahnt, den Blick von sich selbst ab- und sich denen zuzuwenden, die unsere Hilfe bitter nötig haben. Der im Internet gebräuchliche Hashtag #leavenoonebehind – „lasst niemanden zurück“ ist dann nicht nur ein rasch geschriebenes Schlagwort, sondern will eine Grundhaltung christlicher Nächstenliebe sein.

Wir feiern in diesen Tagen den, „der Heil und Leben mit sich bringt“. Da ist es doch nur angemessen, dass wir selbst ein wenig von dem, das uns geschenkt wird,  in die Welt tragen.

Ihr Konstantin Enge

15. Dezember

Das hatten wir uns aber anders vorgestellt!
 
Diese Vorweihnachtszeit ist nicht wie alle Jahre wieder. Liebgewordene Bräuche wie der Weihnachtsmarkt mit Glühwein und gebrannten Mandeln und vertraute Gewohnheiten wie das Weihnachtsoratorium und die Christvesper in einer gut gefüllten Kirche müssen in diesem Jahr ausfallen. 

Und nun - eine Woche vor dem Fest - auch noch der harte Lockdown!

Das ist wirklich hart!

Für die Einsamen, die in diesen Tagen keinen anderen Menschen treffen können.

Für die Familien, auf die nun wieder starke zusätzliche Belastungen zukommen.

Für die Gewerbetreibenden, deren wirtschaftliche Sicherheit erschüttert wird. 

Für die politisch Verantwortlichen, die schnell weitreichende Entscheidungen treffen müssen und ständig von allen Seiten der öffentlichen Kritik ausgesetzt sind. Sehr hart ist es für die von der Pandemie Betroffenen, für ihre Angehörigen und für die Pflegenden, die an ihre physischen und psychischen Grenzen gelangen.

Das alles hatten wir uns noch vor wenigen Wochen ganz anders vorgestellt. 

Die Gefühle geraten durcheinander...

Befremdliche Bilder drängen sich auf...

Bei mir sind es Bilder von Flüchtenden: Sind wir innerlich vielleicht gerade dabei, aus einem vertrauten Leben, aus unserer Alle-Jahre-wieder-Heimat, gestoßen zu werden?

Ist das zu hart und übertrieben formuliert?

Oder entspricht es genau der Härte dieser Tage?

Ich möchte nicht schwarzmalen.

Aber ich will auch nichts schönfärben.

Beides tut nicht gut, weil es unsere Vorstellungen fixiert. Damit verlieren wir fast zwangsläufig unsere Offenheit für die unberechenbare Wirklichkeit. Offen und angemessen können wir dieser Wirklichkeit nur mit unserer Unsicherheit und mit unseren Fragen begegnen. Gut, dass wir die Fragen nicht in den Wind sprechen müssen, wo sie ohne Antwort bleiben. Wir dürfen sie dem stellen, der versprochen hat, dazusein, wenn wir ihn anrufen.

Ich wünsche Ihnen in aller Unsicherheit beides, diese Offenheit und diese Gewissheit,

Ihr Heinz Schneemann

 

Gott, wo können wir dir heute begegnen?

Wie können wir in dieser Unsicherheit bestehen? 

Was sind jetzt die richtigen Worte?

Worin besteht in diesen Tagen dein Lebenswille?

Von welchen Ängsten willst du uns heute befreien?

Welche Illusionen willst du uns in dieser Situation nehmen?

Wie können wir für dich offen sein, ohne dich in unsere Vorstellungen einzusperren?

Was kann Weihnachten in diesem Jahr für uns bedeuten?

Schenke uns gute Fragen für die Suche nach unserem Weg!

Schenke uns Weisheit und Mut für ein Leben aus Liebe!

Schenke uns allen deine heilende Nähe, bitte!

14. Dezember

Der Wochenspruch für die dritte Adventswoche fordert uns auf: Bereitet dem Herrn den Weg! (Jes.40, 3)

Wir sollen also in Bewegung kommen, den Weg bereiten, uns selbst „auf den Weg machen“. Mit Bewegung und Wegen hat Weihnachten von Anfang an zu tun: Maria musste mit Joseph den langen Fußmarsch von Nazareth nach Bethlehem zurücklegen. Die Hirten kamen von den Feldern zum Stall in Bethlehem gelaufen. Die Weisen schließlich wurden von einem besonderen Stern aus ihrer Heimat nach Bethlehem geleitet.

Für sie alle stand vor dem Weihnachtsereignis und der Weihnachtsfreude also ein Weg. Und auch für uns heute ist Weihnachten mit Wegen verbunden: Wege auf Weihnachten hin - Wege zur Weihnachtsfreude. Diese Freude erreichen wir nicht durch hektische Betriebsamkeit und geschäftige Vorbereitungen. Sie stellt sich auch nicht von selbst ein. Sie steht vielmehr am Ende eines Weges. Dieser Weg sieht für jeden sicherlich etwas anders aus, aber letztlich ist es ein Weg zu sich selbst, zu innerer Einkehr und Besinnung. Vielleicht kann uns der strenge Lockdown, der jetzt gilt, dabei helfen. Er stellt freilich viele erneut vor große Probleme. Das ist nicht zu leugnen und soll hier auch nicht adventlich verbrämt werden. Doch die verordnete Entschleunigung wird die Hektik vor dem Weihnachtsfest dämpfen und die Betriebsamkeit drosseln. Wenn wir unsere Kontakte nun weiter reduzieren müssen, so ist das gerade in dieser Zeit schmerzlich, doch tun wir dies FÜREINANDER, aus Achtsamkeit. So wird aus dem Weg zu sich selbst gewissermaßen auch ein Weg hin zum anderen. 

Maria und Joseph, die Hirten und die Weisen hatten damals weite Wege nach Bethlehem. Wenn wir uns heute auf den Weg machen „nach Bethlehem“ – hin zur Weihnachtsfreude, dann werden wir merken: Bethlehem ist nicht weit weg, sondern ganz nah. Denn: Jesus ist geboren - in Bethlehem und überall. Freilich gilt auch das andere: „Wär‘ Jesus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“ (Angelus Silesius).

Deshalb geht es in dieser Adventszeit darum, Jesus den Weg zu unserem Herzen zu bereiten, ihm unser Herz zu öffnen - damit er auch in uns geboren werden kann.

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

11. Dezember

verrückte zeit
[um weihnachten]
 
asylsuchende,
deren schicksal
bewegt
 
ein türke
der in die stüben
gebeten
 
ein schwarzer,
dessen initiale
türen schmückt
 
ein jude
gefeiert
wegen seiner
geburt
 
(Thomas Schlager-Weidinger)
 
 
Die theopoetischen Texte des Österreischischen Theologen Thomas Schlager-Weidinger gehören zu den Schrift-Dokumenten, die mich in den letzten Jahren am meisten bewegt haben. Oft erscheinen sie mir, wie aus der Tiefe meiner Seele geschöpft. Jeder seiner extrem kondensiereten Texte ersetzt so manche Predigt. Ich widerstehe darum der Versuchung, einen Text wie diesen zu kommentieren oder auszulegen. Man kann es eigentlich nur zerreden.
Ein Gedanke, den ich auch so mancher Theolig*in ins Stammbuch schreiben würde. Texte für sich selber sprechen lassen und selbst einfach mal: Schweigen. Und nun: Lesen Sie einfach noch mal das Gedicht.
 
Ronny Valdorf
Theologe in der BBW-Leipzig-Gruppe

10. Dezember

Am heutigen Abend beginnt das achttägige Chanukka-Fest. Chanukka bedeutet „Einweihung“; das erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem. Nach der Eroberung durch Alexander den Großen wurden hellenistische Bräuche eingeführt. Im Jerusalemer Tempel wurde eine Zeus-Statue errichtet – für viele jüdische Gläubige ein Frevel. Dagegen wendeten sich die Makkabäer und waren erfolgreich. Der siebenarmige Leuchter im Tempel, sollte nie wieder erlöschen, jedoch war nur noch ein Krug Öl vorhanden, der lediglich für einen Tag reichte. Die Herstellung neuen geweihten Öles dauerte aber acht Tage. Durch ein Wunder reichte das restliche Öl für diese acht Tage, daran erinnert der achtarmige Chanukka-Leuchter (siehe auch im 1. Buch der Makkabäer). 

Heute wird in jüdischen Häusern und Wohnungen das erste Licht entzündet. Dazu gibt es vielleicht Krapfen/Berliner und Kartoffelpuffer. Es wird gespielt mit einem Kreisel auf dem steht: „Ein großes Wunder geschah dort“ und Lieder werden gesungen (eine Melodie könnte auch Ihnen bekannt sein: 
youtube.com/watch?v=uoOONTUtsuo)

Chanukka und Advent/Weihnachten sind vom Ursprung und vom Inhalt unterschiedlich, aber haben eines gemeinsam: Das Licht ist ein Symbol für Gottes wunderbares Wirken und für seine Gegenwart. 

Das brauchen wir alle auch in diesen Tagen und ich wünsche Ihnen Licht in diesen Tagen, Licht als Zeichen der Hoffnung und Licht als Zusage Gottes, 
Ihre Angela Langner-Stephan 

Wer Lust hat heute bei der ersten Kerze am neuen Channuka-Leuchter um 17.30 Uhr dabei zu sein: 
zoom.us/j/99163955964?pwd=NDBXZElwRUdxWW1ZS1YyNHBQNVFRdz09

9. Dezember

Fast wäre ich vorbei gefahren. Vom Fußweg leuchtete etwas.Ich kehre um und stelle mein Fahrrad ab. Vor der Schnorrstraße 20 glänzen goldene „Stolpersteine“, geschmückt mit weißen Rosen und abgebrannten Teelichtern vom Volkstrauertag her. Ich beuge mich über die Gedenksteine und lese die Namen der jüdischen Familie Scya, die hier wohnte, bis der faschistische Rassenwahn um sich griff. Zwei überlebten. Fünf wurden in verschiedene KZs deportiert und ermordet. Unwillkürlich denke ich an die Familie Jochen Kleppers. Er schrieb uns eins der schönsten Adventslieder. - Seiner jüdischen Frau und den beiden Töchtern drohte das gleiche Schicksal. In diesen Tagen vor 78 Jahren spitzt sich die Situation zu. So bezeugt es sein Tagebuch. Klepper hofft, dass seine Frau Hanni und die Stieftochter Renerle wie schon die ältere Tochter Brigitte ach Schweden ausreisen dürfen.

Am 8. Dezember 1942 ist er bei Innenminister Frick. Der spricht von den angestrebten Zwangsscheidungen, sagt: „Und das bedeutet nach der Scheidung gleich die Deportation des jüdischen Teils....Ich kann ihre Frau nicht schützen.“
Er schreibt: Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausame und grausigste aller Deportationen gehen lassen kann.
Den Gedanken an Flucht hat Renerle aufgegeben. - Verweigert der Sicherheitsdienst ihre Ausreise, so will Reni mit uns sterben.
Gott ist größer als unser Herz. - Das Wort soll uns in den Tod begleiten.
9. Dezember 1942: .... Nachmittags war ich bei Eichmann vom Sicherheitsdienst. ...Diese stillen, stillen, dunklen, trüben Tage. So lind, so voller Trauer des Himmels. Wartens.
Und dann die letzte Eintragung am 10. Dezember 1942. Donnerstag Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. 

... Noch ein Tag so qualvollen 

Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott -
Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben. 

In der Nacht zum 11. Dezember 1942 sterben sie durch Gas. - - - 

NOCH MANCHE NACHT WIRD FALLEN AUF MENSCHENLEID UND -SCHULD. DOCH WANDERT NUN MIT ALLEN DER STERN DER GOTTESHULD. BEGLÄNZT VON SEINEM LICHTE, HÄLT EUCH KEIN DUNKEL MEHR,
VON GOTTES ANGESICHTE KAM EUCH DIE RETTUNG HER. Jochen Klepper 1938 

Gesegnete Adventstage noch! Rolf-Dieter Hansmann 

8. August

Wir warten.

An die Advents-u. Weihnachtszeit sind viele Erwartungen geknüpft. Wir hoffen auf eine stille und besinnliche Zeit und wünschen uns Frieden in den Häusern und Städten. Friede möge bei uns selbst einziehen, weil alles so unruhig ist und das Leben gefährdet erscheint. 

Was ist aber, wenn durch Einsamkeit, Leid und Schmerz nichts weiter erwartet wird, als der Tod? Ist es mein Recht, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen?  Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Februar 2020 hat jeder Mensch, ob er krank oder gesund, alt oder jung ist, die Freiheit, sich durch Angebote Dritter, das Leben zu nehmen.

Es bleiben Fragen zurück, die mich beunruhigen und nicht einfach mit ja oder nein beantwortet werden können.  Hat der Mensch die Freiheit, nur seinem Willen zu folgen, oder hat er auch eine Verantwortung gegenüber denen, die er im Fall seines Sterbewillens zurücklässt? Ist der Lebenswille immer grundsätzlich auszuschließen oder können sich Hoffnung auf Teilnahme am Alltag doch einstellen? Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob und wie sich unsere Gesellschaft mit Leid, Sterben und Tod auseinandersetzt. Sind wir überhaupt im Gespräch oder verdrängen wir, dass der Tod zum Leben dazugehört? Lassen wir in der Sprachlosigkeit dann nicht Verzweifelte in ihrer Not allein? 

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, um so tiefer nehme ich wahr, wie viele Menschen Einsame, Leidende und Sterbende professionell begleiten. Wie sie medizinisch, psychologisch und seelsorgerlich die Hände, Herzen und Verstand einsetzen, um zu lindern, zu öffnen und zu trösten.

Können wir die Frage nach der Entscheidung über Leben und Tod nur auf der juristischen Ebene klären? Was sagen wir als Christen zur Sterbehilfe auf Verlangen? 

Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. 2.Kor.5,20

Ist es mit einem Bibelvers getan? Wohl nicht. Aber mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes auch nicht. Im Einzelfall ist es zu besprechen, was einen Menschen treibt, aus dem Leben gehen zu wollen, aber das Leben in scheinbarer Finsternis kann auch heute einen neuen Himmel und eine neue Erde spürbar werden lassen.

Mehr als ein paar wenige Anregungen können es an dieser Stelle nicht sein. Die Adventszeit mit ihrem warmen Licht der Kerzen zeigt an, dass wir nicht im Dunkeln sind. Wir spüren dem Warten auf einen neuen Himmel und einer neuen Erde nach. Wir werden nicht enttäuscht, denn Himmel und Erde können sich heute mitten unter uns auftun. Zum Beispiel im Gespräch untereinander darüber, wie sehr wir uns brauchen und was uns alle erwartet.  

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag

Ihr Martin Staemmler-Michael

7. Dezember

SPUREN

Meine beiden Enkel waren an der Ostsee. Trotz kaltem, windigem Wetter stapften sie begeistert an der Grenze von Wasser und Strand entlang und fanden es witzig, Tapsen zu machen, die die nächste Welle gleich wieder auslöschte. Wenn man älter ist, sieht man dieses harmlose Spiel tiefer und fragt sich: Ist das letztlich mit meinem Leben genauso? Welche Spuren deines Lebens werden bleiben und welche hast du selbst schon lange vergessen, geschweige denn andere? Dann wieder denke ich: Andere Leute haben eigentlich in deinem Leben, in deinem Herzen viele gute Spuren hinterlassen, für die ich dankbar bin. Also kann ich hoffen, dass ich umgekehrt vielleicht auch gute Spuren in anderen hinterlassen habe, ohne das jetzt aufrechnen zu können. Denn manchmal versuchen wir ja, die Kinder, die Schüler, den Partner oder Freunde zu „prägen“, ganz bewusst. Mal gelingt es, mal geht es gründlich schief. Aber wahrscheinlich haben wir im Lauf der Jahre unbewusst viel mehr Spuren gezogen. Diese „Eindrücke“, die wir bei anderen hinterlassen haben, sind hoffentlich oft freundliche gewesen, aber oft wohl auch unangenehme. Solche Spuren vergehen nicht so schnell wie die im Sand an der See. Es ist gut, wenn wir Gott danken, nicht nur für das, was wir Gutes empfangen haben, sondern auch für das, was wir Gutes geben konnten. Und für die „zerkratzten Spuren“ können wir bitten, dass er sie gnädig glättet. 

Herzliche Adventsgrüße 
Ihr Günther Jacob

4. Dezember

"Jenseits von Richtig oder Falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns." 
Dschalal ad-Din al-Rumi (Persischer Sufi-Mystiker des 13.Jhr.)
 
Was ist Theologie? Theologie ist die Kunst, Geschichten von Gott zu erzählen. Was ist Mystik? Mystik ist die Bereitschaft, sich von diesen Geschichten auch verändern zu lassen.
 
Wie steht es um meinen persönlichen Transformationsprozess? Hier sollte man nüchtern und ungeschönt Bilanz ziehen. Ist mein Herz im Laufe meiner Glaubenspraxis weiter geworden - für die Dimensionen des Lebens? Oder enger? Ist die Angst in meinem Leben kleiner geworden, oder bin ich eher noch stärker in ihrem Würgegriff? - Sollten die zweiten Antwortmöglichkeiten überwiegen, dann darf ein mehrdimensionales Problem attestiert werden.
 
Die angewandte Praxis, welche die "Bereitschaft" zur Veränderung impliziert, ist nicht zielführend und die Gottesrede - so theologisch-lehrbuchhaft korrekt auch immer - ist kraftlos und ohne Poesie. 
 
Beiden Problemen lässt sich durch eine Suchbewegung, die auf das eigene Herz vertraut, begegnen. Gerade die Adventszeit ist ein gutes Zeitfenster, um neu auf die Suche zu gehen. Wie stark ich in der Lage bin, einen Satz, wie den eingangs von Rumi zitierten nicht nur zu verstehen - ja vielmehr zu ver-herzen - wird mir ein guter Prüfstein der eingeschlagenen Wege sein.
 
Ronny Valdorf
Theologe in der BBW-Leipzig-Gruppe

3. Dezember

Kennen Sie Amos?

Nicht den Propheten aus der Bibel – ich meine den tollen Jungen aus Leipzig: 10 Jahre alt und ein Fernsehstar – jedenfalls für mich. Am Sonntagabend zur besten Sendezeit war er auf KIKA zu sehen.

Amos erzählt von sich – spricht offen von seiner Querschnittlähmung – zeigt, was er kann und sagt „Ich kann alles außer gehen.“. Auch über seinen großen Wunsch spricht Amos. Er möchte 2028 an den Paralympics in Los Angeles teilnehmen.

Mir fällt da ein Mensch aus der Bibel ein: Seit 38 Jahre liegt er da: gelähmt. Er hofft, dass endlich sein Wunsch in Erfüllung geht, aber dafür braucht es jemanden, der ihn sieht.

Amos wird gesehen – er gehört dazu: in der Familie und mit seinen Freunden. Er ist  ein selbstbewusster Junge! Nicht immer ebnen sich alle Wege für ihn und seinen Rollstuhl.

Heute ist der „Internationale Tag der Menschen mit Behinderung“. Diesen Tag können wir nutzen einmal hinzusehen, zu entdecken und zu handeln – ganz wie es in dem Film heißt: In jeden Menschen steckt etwas besonders!

Ich wünsche einen adventlichen Tag,

Pfarrerin Angela Langner-Stephan

 

Wer den Film sehen möchte: https://www.kika.de/schau-in-meine-welt/sendungen/sendung127602.html

2. Dezember

„Wie lange sollen wir noch warten
Bis wieder bess're Zeiten starten?
Wie viel Zeit soll noch vergehen
Bis wir uns wiedersehen?
Wie viel Zeit muss denn verstreichen
Bis wir uns die Hände reichen?“

Schon 2002 haben die Sportfreunde Stiller diese Zeilen gedichtet, die so gut in die aktuelle Zeit passen. Ich warte sehnsüchtig auf bessere Zeiten, möchte vielen lieben Menschen, die ich in diesem Jahr kaum oder gar nicht gesehen habe, wieder begegnen, möchte gern wieder Teil der fröhlichen Gemeinschaft beim Sommercafé oder Winterkino, bei einem Konzert oder einem Fußballspiel sein, wünsche mir, dass wir uns vor und nach dem Gottesdienst wieder die Hände reichen können.

Das besondere Warten dieses Jahr trifft sich nun mit einer Wartezeit, die es in jedem Jahr gibt und die doch immer wieder besonders ist: dem Advent. Die ersten Lichter leuchten und erinnern uns schon: Am Ende der Zeit, in der die Nächte immer länger werden, kommt Gottes Licht in diese Welt und am Ende des Wartens – des einen wie des anderen – stehen Freudentage. Erneut aus dem Lied der Sportfreunde Stiller zitiert:

„Wir werden dann nicht mehr die Gleichen sein
Und irgendwann die Dinge mit anderen Augen sehen.“

Konstantin Enge

1. Dezember

Es richten die Augen sich in die Stille
Es verfliegt die Unrast am Firmament
Da ist das zarte Blau im Schnee
Zuversicht zwischen Zeilen
Gedanken in der Zwischenzeit
An alle und die schon sehr viel
Ich rede einmal nicht
Und lass' mir erzählen von einer ganz andern Sicht
Wie verbreitet sich der Mut des Herzens?
Wie enteilt man der Raserei?
Und bring' ich Ruhe in die Bewegung
Und steh' ich auf für ne weite Zeit ….                    Quelle: LyricFind

 2018 veröffentlichte Herbert Grönemeyer diesen Titel „Mut“. Von Corona weit und breit noch nichts zu sehen. Dieser Tage habe ich es mal wieder gehört. Und dachte sofort: Ja, auch diese Zeilen kann man so und so interpretieren. „Mut des Herzen“ - man hört und sieht ja so viele Interpretationen von „MUT“ zur Zeit. Dafür, dagegen, richtig, falsch, Recht und Unrecht, schwarz und weiß. 

Auch der „Mut des Herzens“ wird in jedem Falle so oder so eingeordnet werden in den jeweils eigenen Kontext.
Und so stelle auch ich mir immer öfter die Frage: „Wie enteilt man der Raserei?
Wann sind wieder Gespräche möglich, die außerhalb von Schubkästen stattfinden?
 
Ruhe in der Bewegung … Wie wär’s mit einer Friedenspfeife?
Es richten die Augen sich in die Stille …

Im Johannesevangelium wird von einem großen Tumult berichtet: Eine Frau, beim Ehebruch ertappt, wird zu Jesus gebracht. Sofortige Steinigung sieht das Gesetz vor. Was sagst du? fragen sie Jesus. Sie sind nicht wirklich an seiner Meinung interessiert, vielmehr möchten sie etwas gegen ihn in die Hand bekommen und auf jeden Fall selber Recht haben. Und was sagt Jesus? Erstmal N I C H T S. 

„Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ (Joh 8,6b)
 
Es richten sich Augen in die Stille.
Zuversicht zwischen Zeilen.
Ich rede einmal nicht
Und lass mir erzählen von einer ganz andern Sicht.
 
„Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“ (Joh 8, 7+8)

 Wie enteilt man der Raserei?

Stille - in sich gehen - die ersten (wütenden?) Worte in den Sand schreiben, wegwischen - Gedanken in der Zwischenzeit an alle und die schon sehr viel - Nachsicht mit sich selbst, mit dem Anderen. Zuversicht zwischen Zeilen. Es verfliegt die Unrast am Horizont.

So vielleicht?                                                                                                           

Claudia Krenzlin

30. November

So spricht der HERR Zebaoth: Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an.
Sacharja 2,12 (Losungswort für den Montag den 30.11.20)
Als Junge war ich manchmal recht unachtsam und ungeschickt. Oft bekamen meine Eltern die Nachricht, ich habe mich verletzt. 
Ein Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben: Wir waren als Klasse draußen. Brachten die Hecken und Sträucher um das Schulgebäude in Ordnung. Ich sehe mich noch in einer dieser Hecken sitzen und ausästen. In meiner Erinnerung hatte ich dazu eine Axt, oder ein Beil. Ich holte aus und schlug mir selbst mit dem Beil gegen den Kopf. Neben der Erinnerung habe ich noch eine Narbe am Kopf davongetragen. In unserem Losungswort streckt jemand seine Hand gegen den anderen aus, um ihn zu schaden und um ihm wehzutun; da ist der Urtext deutlicher, als unsere Übersetzung.

Aber dann fällt die Aggression auf den Täter selbst zurück. Er selbst tut sich weh, schlägt nicht nur dem anderen, sondern sich selbst, er tastet „seinen (eigenen) Augapfel an“. Die Bibel betont immer wieder, dass wir Menschen zur Liebe, zum Frieden und zur Gemeinschaft bestimmt sind. Wer diese Bestimmung verlässt, der verrät sich selbst, verletzt sich in seinem Inneren. Am Anfang der Adventszeit, in der wir so viel von Frieden und Liebe hören, werden wir davor gewarnt, die Hand gegen unseren Nächsten auszustrecken. Wer sich wie eine Axt im Walde benimmt, der holt sich selbst Beulen und ein blaues Auge.

Ich wünsche Ihnen einen friedlichen und gesegneten Tag​

Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

 

27. November

Am letzten Montag wurde im Ersten der Film GOTT nach einem Theaterstück Ferdinand von Schirachs gezeigt. Es versetzt die Zuschauer in die Position des Deutschen Ethikrates, der gefragt wird, ob ein gesunder 78-jähriger Mann, der sein eigenes Leben beenden möchte, ein tödliches Medikament bekommen soll. In dem Stück wird das Für und Wider wie in einer Gerichtsverhandlung von zwei Anwälten vertreten, die verschiedene Experten, unter ihnen einen Bischof, befragen. Auch der Betroffene selbst kommt zu Wort.

Nähere Einzelheiten lassen sich über den nachstehenden Link verfolgen:  https://www.daserste.de/unterhaltung/film/gott-von-ferdinand-von-schirach/index.html

Im Hintergrund des Themas steht ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 26. Februar 2020. Es formuliert „ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen“. Am Ende beteiligten sich deutschlandweit rund 546.000 Zuschauer an der Abstimmung. Die große Mehrheit von 70,8% stimmte dafür, 29,2 Prozent dagegen, dass die Person in dem Stück ihr Leben mit Hilfe eines Medikaments beenden kann. Der Grundsatz von der freien Selbstbestimmung über das eigene Leben scheint für die meisten ausschlaggebend zu sein. Das wirft weitreichende Fragen auf, denen wir uns nicht nur in diesem kurzen Wort für den Tag stellen müssen. Im Kern geht es darum, wem unser Leben gehört. Ganz allein uns selbst? Oder auch den Anderen, mit denen wir auf vielfältige Weise verbunden sind? Und dem, der es uns gegeben und anvertraut hat? Welche Bedeutung haben diese Beziehungen, wenn ein Mensch nicht mehr weiter will und vielleicht aus eigener Kraft auch nicht mehr weiter kann?

Wer möchte nicht „sein eigener Herr“ sein? Aber können wir Menschen das überhaupt? Oder sind wir - in Anlehnung an einen Gedanken Luthers - eher wie ein Reittier, das ständig von etwas oder jemand anderem geritten wird? Ich bin sicher, wir könnten dazu alle viel erzählen! Manchmal finde ich es ausgesprochen entlastend und tröstlich, nicht mein eigener Herr sein zu müssen, sondern Gott meinen Herrn sein lassen zu dürfen. Paulus hat das so formuliert: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. (Römer 14,8).

Liebe Leserin, lieber Leser, das alles sind ausgesprochen schwere Gedanken in der Woche nach dem Toten- und Ewigkeitssonntag. Ich halte es dennoch für angebracht, sie näher zu beleuchten, damit sie nicht im Dunkeln weiterwirken. Nehmen wir sie lieber mit hinein in das Licht und die Verheißungen der kommenden Adventszeit!

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (Sacharja 9,9). Das Bibelwort für den 1. Advent kann enge, verhangene Horizonte öffnen. Und wir können es uns zu eigen machen, wenn wir unter unseren Masken Macht hoch die Tür, die Tor macht weit (Ev. Gesangbuch 1) und O Heiland, reiß die Himmel auf (Ev. Gesangbuch 7) singen. Für mich sind das eine Art Instant-Kraftpakete der Hoffnung, die eine starke innere Wirkung entfalten können, wenn sie mit unserem Leben in Berührung kommen.

Ich wünsche Ihnen für die kommende Adventszeit, dass Sie von dieser Hoffnung berührt, erfüllt und gestärkt werden!

Ihr Heinz Schneemann

26. November

Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung.

Paulo Coelho

Die Karte mit diesem Spruch steht auf meinem Schreibtisch. Nicht erst seit Corona.
Aber seit Corona sehe ich öfter hin. 
Wir leben in einer Zeit, in der jeder zu jeder Zeit überall seine Meinung äußern kann. Das gilt als hohes Gut der Demokratie und das ist es auch.
Aber seien wir ehrlich, was ändert sich gerade jetzt durch dieses „überall alles sagen“?
Wo findet wirklich ein Gedankenaustausch statt, der die Situation, den Zustand unseres Zusammenlebens, den Zustand der Welt ändert? Auch unsere eigene Meinung ändert?
Meinung prallt auf Meinung prallt auf Meinung prallt auf Meinung. Das kann man überall hören, lesen, anschauen.
Änderte sich dadurch etwas - bei mir?
Ja, ich werde müde. Oder selbst aggressiv.
Und ich verweigere zunehmend die Nachrichten-Nahrungsaufnahme.
Nun versuche ich es anders. Ich bin weit davon entfernt, ein Vorbild zu sein.
Aber ich orientiere mich an Menschen, die es für mich sind:
Der Familie, die sich ohne Jammern einzurichten versucht in einer Situation, die für ihr nierentransplantiertes Kind lebensbedrohlich ist.
Der Freundin, die als Ergotherapeutin im Pflegeheim arbeitet und auch mal einem Besucher die Tür weist, der sich über Hygieneregeln erhaben glaubt.
Und damit die ihr Anvertrauten gefährdet.
Der Chor-Mitsängerin, die schon viele Jahre an jedem Abend der Adventszeit jeweils einen Brief an einen Menschen ihres Umfeldes schreibt.
Und – an König Salomo, der von Gott nach einem Wunsch gefragt wird und daraufhin sagt: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er ... das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht!“ (1. Könige 3 -Einheitsübersetzung)
Und weil es nun mal so viel klügere Sätze gibt, als ich sie mir je ausdenken kann, sei zum Schluss noch Goethe zitiert:
„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“.
Das gilt wohl auch für Meinungsäußerungen und viele Worte. Und daran zeigt sich, dass ich noch viele Vorbilder nötig habe.

Es grüßt herzlich Claudia Krenzlin

25. November

2020 ist kein normales Jahr und wird es auch nicht mehr werden, aber es wird versucht, die zur Eindämmung von Corona notwendigen Anstrengungen mit Durchhalteparolen zu begleiten nach der Art: „Wenn wir uns jetzt noch etwas mehr Mühe geben, dann können wir Weihnachten mit Freunden und Familie ohne die ganz schmerzlichen Einschränkungen feiern.“

Für viele ist das eine wichtige Hoffnung und sicher auch ein motivierendes Ziel. Allzu oft wird bei diesen Sätzen aber vergessen, dass unter uns Menschen leben, für die die Weihnachtstage auch in normalen Jahren keine Zeit der Freude sind: Weil die Einsamkeit dann besonders bedrückt, weil der leere Geldbeutel vor den mit Naschwerk und Geschenken vollgestopften Regalen schwer in der Tasche liegt oder weil diejenigen, die in unser Land geflüchtet sind, sich in dieser Zeit besonders fremd fühlen.

Vielleicht kann Weihnachten 2020 doch ein besonderes und glückliches Fest werden, wenn wir uns diesen Menschen zuwenden. Einen aufmerksamen Gruß und ein gutes Wort kann man auch in schriftlicher Form, am Telefon oder mit dem gebotenen Abstand übermitteln. Dann kann spürbar werden, was der Liederdichter Hans-Jürgen Netz nach Versen aus dem Jesaja-Buch schreibt:

„Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht“

Ihr Konstantin Enge

24. November

Auf den Grund gekommen

Gestern durfte ich eine Vorlesung in Praktischer Theologie mitgestalten. Es ging um neue Formen von Kirche.
Ich breitete das Projekt Stadtteilzentrum Westkreuz in der Heilandskirche vor den Studierenden aus.

Eine offene Kirche für einen offenen Stadtteil. Projektarbeit mit Kooperationspartnern aus dem Stadtteil findet hier statt. Chöre proben, Theater wird gespielt, Künstler*innen zeigen ihre Werke. Es wird gefeiert, gelacht, getanzt, gebetet, gesungen, geweint und getröstet. Wir wollen das Evangelium mit den Angeboten der verschiedensten Akteure verbinden. Wenn es gelingt, staunen wir und es ist so, als ob die frohe Botschaft von draußen in die Kirche kommt. Kommt Gott uns mit den Menschen von der Straße besuchen? Ein interessanter Gedanke. 

Ich wurde nach den Grenzen dieses offenen Projektes gefragt. Sie werden uns in der Corona-Pandemie deutlich aufgezeigt. Dabei wird deutlich, was der tiefe Grund unseres Handelns seien sollte. 

Was bleibt von der grundsätzlichen Ausrichtung von Gemeinde übrig? 

Gemeinschaft können wir zurzeit nicht leben. Darin sind wir sonst sehr kreativ. Wir lieben unsere Bastelnachmittage, ziehen begeistert mit Jugendlichen zu Freizeiten los oder feiern rauschende Gemeindefeste. Bedürftige Menschen können wir nur sehr eingeschränkt unterstützen. Wir können zwar für das Flüchtlingsschiff Sea-Watch 4 spenden, was gut ist, aber wir können nicht ältere und einsame Menschen wie gewohnt begleiten. In Gottesdiensten feiern wir unseren Dank an Gott. Es wird gesungen, musiziert und wir wissen uns im Abendmahl mit Christus verbunden. Von all der Feier bleibt nicht mehr viel. Gesang hinter Masken, Abendmahl nur mit (Hostie) Oblate, kein Chor, keine Bläser. 

Aber wir haben etwas, das ansteckend ist, aber nicht krank macht. Es ist das Wort der Bibel. Das Evangelium, die frohe Botschaft. Sie trägt in sich unsere Hoffnung, unser Vertrauen, unsere Zukunft.

Die Corona Pandemie, mit all ihren Einschränkungen wirft uns auf das zurück, was unser Grund des Glaubens ist. Und deshalb können wir in Notzeit dankbar Gottesdienste feiern, ansteckungsfreie Wege zu den Hilfebedürftigen einschlagen und uns nach neuen Formen von gemeinschaftlichem leben umschauen. Es geht um neue Formen von Kirche.

Ihr Martin Staemmler-Michael 

20. November

Übermorgen sind wir beim letzten Sonntag des laufenden Kirchenjahres angelangt. Es ist der Sonntag mit den beiden Namen: Totensonntag und Ewigkeitssonntag
An diesen Tagen im November spüren wir die Vergänglichkeit - draußen in der Natur, aber auch an und in uns Menschen. Wir denken an unsere Verstorbenen. Und manche/r fragt sich auch, wie es mit ihr oder ihm selbst weitergehen wird.  
Wie schnell ein Menschenleben doch dahin ist! MORS CERTA HORA INCERTA steht an der Uhr des Leipziger Neuen Rathauses: Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss. Die Giebelfigur darüber steht für die Wahrheit.
Mit dieser Wahrheit ist es seltsam: Auf der einen Seite wissen wir genau, dass wir alle sterben müssen.  Andererseits aber stellt uns gerade diese Wahrheit mit all unserem Wissen vor einen Abgrund, der uns hilflos macht und sehr oft auch ängstigt. Was lässt sich schon über diesen Abgrund sagen? Und vor allem: Was lässt sich denn sagen, wenn wir selbst oder Menschen, die uns nahe sind, an diesem Abgrund stehen? Trotz eines nie zuvor dagewesenen Reichtums an neuen Errungenschaften sind wir heute arm geworden, wenn es darum geht, Antworten auf die letzten Fragen unseres Lebens zu geben. 
Ob uns da der zweite Name für den kommenden Sonntag weiterhelfen kann? Er spielt uns den Begriff der Ewigkeit zu wie einen Ball. Was können wir heute damit anfangen? Beim Nachdenken über diese Fragen bin ich bei einer Liedstrophe aus unserem Gesangbuch, die der Seelsorger und Mystiker Gerhard Tersteegen 1745 geschrieben hat, ... ja: eingekehrt.
 
Ein Tag, der sagt dem andern, 
mein Leben sei ein Wandern 
zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, 
mein Herz an dich gewöhne, 
mein Heim ist nicht in dieser Zeit.   (EG 481,5)
 
Einem aufgeklärten Menschen unserer Zeit stellt sich hier wohl sofort die Frage: „Gibt‘s das wirklich, oder ist das nur so ein erbauliches Wort?“ In dieser Frage scheint die Antwort schon enthalten zu sein. Ich glaube aber, dass es jetzt an der Zeit ist, auch die uns so geläufige Trennung von Wort und Wirklichkeit einmal zu hinterfragen: Gibt es denn überhaupt eine „Wirklichkeit“, die uns nicht durch Worte bewusst wird? Und sind Worte nicht so etwas wie eine Einladung, zu sehen, was wird, und dabei Neues zu entdecken?
 
Liebe Leserin, lieber Leser, lassen Sie uns doch einmal einkehren in die Worte dieser Liedstrophe!
Ewigkeit? Ja, auch dieses Wort erscheint zunächst wie ein Abgrund. Gewöhnungsbedürftig, vor allem für mein ängstliches Herz. 
Aber kein schwarzes Loch. Eher wie ein Ziel, von dem ein Glanz und eine Kraft ausgehen, die mich und mein Herz verändern.  Dadurch wird diese Gewöhnung erst möglich. Ein Heim wird sichtbar. Ich bin auf dem Heimweg - schon immer und für immer. Ewigkeit, ever.

 Für Außenstehende mag das unglaublich klingen. Aber Sie und ich haben eine Einladung. 

 Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Ewigkeitssonntag!

Ihr Heinz Schneemann        

19. November

„Wir müssen uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen." Albert Camus

Ich starrte ungläubig auf diesen Satz. Immer war für mich Sisyphus das Synonym der Vergeblichkeit.
Verdammt ist er. Immer und immer wieder rollt er den Felsbrocken den Berg hinauf. Immer und immer wieder löst dieser sich kurz vor dem Gipfel und stürzt an den Fuß des Berges zurück. Sisyphus darf nicht aufgeben, nicht hinschmeißen, nicht NICHTS tun. Grausam – war meine Assoziation – nicht glücklich.

Und nun dieser Satz von Albert Camus. Dem Mann, der den Roman „Die Pest“ schrieb – 1947 veröffentlicht und im Frühjahr 2020 aufgrund hoher Nachfrage zeitweilig vergriffen.
Ein Roman, der die todbringende Pest als Symbol für den todbringenden Faschismus verwendet. Mit all den Facetten, die Seuche und Faschismus verbinden.

Das langsame Einschleichen („alles Einzelfälle!“), die Ausbreitung und das „Trotzdem“ („Wir haben alles unter Kontrolle“), das Durchdringen der gesamten Bevölkerung, die polarisierend nach ihrem individuellen Umgang damit sucht. Immer weiter steigende Opferzahlen, Resignation oder sinnlose Wut … Mittendrin der Arzt Rieux. Der, mit einigen Mitstreitern, trotz der scheinbaren Aussichtslosigkeit stoisch seiner Berufung als Arzt folgt. Wie Sisyphus immer und immer wieder den Stein hinauf zum Gipfel rollt.

Letztlich wird die Pest besiegt, letztlich wird der Faschismus besiegt. Aber das Eine ist Rieux völlig klar:

„… dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er … geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“

Immer wieder müssen wir den Stein neu nach oben rollen. Das kennen wir vom „Immerwieder- aufstehen-müssen“ unserer eigenen Biographie. Das wissen wir von den immer wieder hervorkriechenden Ratten des Rassismus, des Faschismus, der Seuchen, der Maßlosigkeit, des Egoismus, der Ignoranz, des Machtstrebens.

Sisyphus – ein glücklicher Mensch?!?

Vielleicht - erkennt er seine Aufgabe an – als die aller Menschen: Nach der Höhe zu streben, die Last zu akzeptieren, auch den scheinbar immer gleichen Weg … Vielleicht – ein Weg mit wachsender Erkenntnis, mit besserer Technik, mit stärker werdenden Muskeln, mit weiteren Blicken ins Land, mit Weggefährten, die ihm Mut zusprechen …

Das Ankommen und Bleiben auf dem Gipfel ist für mich das Ankommen und Ausruhen bei Gott.

Und bis dahin hoffe ich, nicht müde zu werden, den Stein dessen, was mir Lebensaufgabe scheint, immer wieder neu nach oben zu rollen. Denn dadurch werde ich trotz allem, was mir schwer erscheint, ein glücklicher Mensch.

Claudia Krenzlin

17. November

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ (1. Mose 2, 18)

Dieses Bibelwort hat ein Pfarrer vor Jahren einer Trauansprache zugrunde gelegt. Um zu illustrieren, wie er es versteht, hat er dem Brautpaar ein persönliches Erlebnis erzählt. Er ging zu Fuß durch den Stadtpark in’s Zentrum, weil er dort etwas zu erledigen hatte. In der Spätsommersonne begegnete er einem alten Ehepaar. Er saß im Rollstuhl, und sie schob ihn. Beide genossen das schöne Wetter. Nachdem der Pfarrer seine Angelegenheiten erledigt hatte, ging er denselben Weg zurück. Und tatsächlich kam ihm dort wieder das alte Ehepaar entgegen, auch auf dem Heimweg. Aber Moment mal… Er stutzte, denn nun saß sie im Rollstuhl, und er schob sie. Beide sahen sehr zufrieden aus. 
(nach W. Böllmann)

Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute nicht allein sein müssen.
Ihr Günther Jacob

16. November

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ (3.Mose 19,18) So heißt es in der Losung für den heutigen Tag. „Nächstenliebe“ ist ein Kernthema des christlichen Glaubens. Im Alten wie im Neuen Testament geht es immer wieder um unseren Umgang mit anderen Menschen. Nicht „wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht“, sondern „wenn jeder an einen anderen denkt, dann ist an alle gedacht“ lautet Devise. In der Theorie klingt es ganz einfach, aber in der Praxis ist es doch oft schwer. Immer wieder scheitere ich daran, meinen Nächsten so zu behandeln, wie ich auch behandelt werden möchte. 
Ich habe einmal ein schönen Vergleich gehört: Nächstenliebe ist wie ein Muskel, sie muss täglich trainiert werden. Ich finde das ist ein passendes Bild, denn es erfasst die Realität. Es ist nicht mit einem Mal getan, sondern ist ein dauernder Prozess. Es ist auch nicht immer einfach, weil Training oft anstrengend ist. Aber es ist wichtig, muss täglich getan werden. 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Kraft beim Trainieren Ihres Nächstenliebemuskels. 

Anne-Marie Beuchel

13. November

In einem Jahresbegleiter mit 365 Texten von Werner Tiki Küstenmacher lese ich an diesem Freitag diese – wunderbar zum Ende des Kirchenjahres passenden - Zeilen: „Unser Leben ist kein ewiger Kreislauf. Es ist eine einzelne, einmalige Reise, von der Kinderzeit über die Jugend und das Erwachsensein bis hin zum Älterwerden und dann zu einem definitiven Ziel.“
Das Bild der Reise ist es, das hängen bleibt: Aus Sehnsucht einerseits, weil ich das Reisen liebe und zur Zeit entbehre, und weil sich das Gefühl des Unterwegsseins, des Niemals-wirklich-ankommens mischt mit den Gefühlen von Freiheit, von Aufbruch, mit Erinnerungen an Abenteuer, an Begegnungen, an Reichtum an Eindrücken. Andererseits, weil ich genau das für mein Leben will: Ein immerwährendes Unterwegssein. Ich will nicht vor Anker gehen im sicheren Hafen, eingerichtet in meinem Alltag. Ich will eine Suchende, eine Reisende bleiben, mich verändern, immer wieder neu in See stechen, mich reich beschenken lassen, den Mut nicht verlieren. Es gibt noch so viel zu tun, zu sehen, zu erleben, zu begegnen. Gut zu wissen, in wessen Arme ich am Ende zurückkehren werde.

Johanna Stein

12. November

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“, so heißt es im 3.Kapitel im Buch Prediger. Vieles wird dort aufgezählt. In Vers 4 steht: „Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ Gerade jetzt in Zeiten von Corona beschreibt dieser Vers meinen Alltag sehr gut. In manchen Moment bin ich so erschöpft, dass ich einfach nur weinen möchte. Dann begeistert mich meine Familie so sehr, dass ich von einem großen Lachen ergriffen werde. Später klage ich voller Frustration. Und dann am Abend, wenn die Kinder schlafen und der Laptop endlich aus bleiben kann, tanze ich. Ich tanze bis alle Sorgen und der ganze Stress weg sind. Manchmal reicht ein Lied, manchmal brauche ich zehn oder mehr. Ich schüttle alles ab und schalte meinen Kopf aus – „jetzt ist die Zeit genau dafür und für nichts anderes.“

Das Weinen und Klagen dominiert derzeit bei vielen den Alltag, fast so als würde diese Zeit nicht enden. Am Abend los lassen, es weg tanzen – das wünsche ich Ihnen, denn ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Anne-Marie Beuchel

11. November

Für viele – auch für mich – gehört sie zum Martinstag einfach dazu: Die Martinsgans. Das köstliche Gericht erinnert an eine legendarische Erzählung über den heiligen Martin von Tours. Als die Einwohner der Stadt Martin zu ihrem Bischof machen wollten, soll er – da er sich für dieses Amt unwürdig hielt – sich in einem Gänsestall versteckt haben. Die Gänse aber schnatterten so laut, dass man ihn fand und zum Bischof weihen konnte. 
Auch die Bibel ist voll von Geschichten von Menschen, die sich für unfähig halten, im Auftrag Gottes zu sprechen. So etwa Mose, der bei seiner Berufung sagt: „Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen.“ (Ex 4,10). Gott antwortet ihm: „Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.“ (Ex 4,12).
Es ist in diesen Tagen für viele Christen und auch für die Kirchen nicht immer leicht, die frohe Botschaft weiterzusagen: Die dafür wichtigen persönlichen Begegnungen sind nur eingeschränkt möglich, die Herzen sind schwer, die Nerven angespannt.
Die Geschichten von Mose und Martin – und ja, auch die Martinsgans – erinnern uns aber daran: Ob Gottes Wort wirkt, wenn wir es teilen, liegt nicht an uns, sondern an dem der es durch uns spricht.

Konstantin Enge

10. November

Versöhnung leben statt Hass predigen. 

Sonnabend 7. November 14:00 Uhr auf dem Marktplatz Leipzig. Eine Gruppe von 40 -50 Menschen hören, wie Herr Stürzenberger gegen den islamischen Glauben hetzt. Er missbraucht die Bibel, wertet das Alte Testament ab, um dann wieder wortreich Front zu machen gegen alles, was ihm fremd bleiben soll. Muslime stehen unter den Zuhörern und sind fassungslos, traurig, wütend, sprachlos. Der Hassprediger duldet keinen Widerspruch. Auf meinen Einwurf, dass er Hass sät und spaltet statt zu heilen, schreit er ins Mikrofon, es sei ihm erlaubt bis 19:00 Uhr das zu sagen, was er für richtig hält.  Ich wende mich den muslimischen Glaubensgeschwistern zu. Ich bin Pfarrer, ich bin Christ. Ich stehe bei euch, weil ihr zu uns gehört. Lasst euch nicht provozieren. Ein Muslim kommt auf mich zu. Wir tragen Mund-Nasenschutz. Unsere ausgestreckten Ellenbogen berühren sich. Der Cornoagruß - und wir wissen und versichern uns: Wir sind alle Menschenkinder Gottes. 
Sind wir Gottes Ebenbild, dann haben wir die Würde des Menschen zu schützen. Keine politische Strömung oder verlogene und verbohrte Hassrede darf uns von dem Glauben an einen Gott der Liebe trennen. 
Aus unserer eigenen Geschichte wissen wir, wie wichtig es ist, dass unsere Kirchen heute Orte des Dialogs und der Versöhnung sind. Wir können in einer verunsicherten Welt heilen, weil Gott auf der Seite der Friedensstifter steht. 
Und dann ist uns, genau wie den Menschen, die Jesus damals begegneten, zugesprochen: 

Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Luk 19,9  

Die Söhne und Töchter jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens bauen Häuser des Heils. Politische Kräfte, Hassprediger und Querdenker können diese versöhnende Verantwortung nicht zerstören.  

Unseren Kirchen, Häusern, Wohnungen und Herzen widerfährt Heil, wenn wir bei dem bleiben, was wir alle brauchen: Ein verantwortliches Handeln, das uns vor jedem Virus bewahrt, das uns krank machen will.  

Martin Staemmler-Michael

09. November

Der 9.November ist ein historischer Tag. Ich denke an die Reichspogromnacht 1938 und an die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989. Brennende Häuser bei dem einen, brennende Kerzen bei dem anderen. Ängste und Hoffnungen gleichermaßen. Im Blick auf die Corona-Pandemie und den Geschehnissen am vergangenen Samstag in der Leipziger Innenstadt kann ich auch von Ängsten und Hoffnungen sprechen – und von Wut. Es ist eine schwierige Situation, in der wir uns befinden. Um mich herum spüre ich die Hoffnung vieler, dass das alles bald überstanden ist, aber auch die Angst, dass dem nicht so ist und es schlimmer wird. Auf der einen Seite die Angst vor dem Virus und auf der anderen Seite die Angst vor den staatlichen Einschränkungen. Beides nehme ich wahr und beides darf sein. Im Blick auf das Datum des 9.Novembers sollte allerdings klar sein, dass Gewalt kein guter Weg ist. 1989 hat gezeigt, dass das Friedliche die Veränderung bringen kann. Es ist auch der Weg Jesu, der allen, die Angst haben Mut zu spricht: „Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33).

Anne-Marie Beuchel

06. November

Advent

Vielleicht, dachte ich am Beginn dieser Woche, als wir im Arbeits- und im Freundesumfeld wieder eintauchten in diese fast schon routinierte Zwangspause; vielleicht ist dieser November nichts anderes als einfach ein verlängerter Advent. Einer, der uns wirklich Verzicht abverlangt, und der noch nicht verschönert wird durch Kerzen, Plätzchen und das tägliche Schokoladentürchen. Ein wirkliches Warten, und zwar mit ungewissem Ausgang, was die Reduktion von Kontakten, Kultur, gesellschaftlichem Leben angeht. Wird es nach November anders sein? Und was kommt im Januar, im Februar? Gewiss aber ist, dass am Ende dieses November-Wartens Gott vor der Tür stehen wird, dass er sein Kommen ankündigen wird mit den immer heller leuchtenden Kerzen des Advent.
Es ist ein wahres Warten, ein langes, in diesen Tagen oft ein einsames, aber er sieht und kennt es und lässt uns darin nicht allein:  „Der Herr richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.“ (2.Thess 3,5) Mitten in meine Advents-Gedanken hinein trifft mich die heutige Tageslosung. Dann will ich mich ausrichten lassen. Ich warte auf das Warten. Und ich glaube man kann es lernen, das Warten.

Johanna Stein

05. November

Versprochen ist versprochen

Tageslosung

Von all dem Guten, das der HERR dem Haus Israel zugesagt hatte, war nichts dahingefallen; alles war eingetroffen.​Josua 21,45

Die Türen knallen und dann der Wutschrei: „Du hast es aber versprochen …“Ja, das hatte ich, aber dann: Naja manches ist halt nicht vorhersehbar. Und so ist nichts von dem, was ich versprochen hatte, eingetroffen. Und so bleibt ein nicht eingelöstes Verspechen, die Wut auf der einen Seite und die Scham auf der anderen.

Im Losungswort für heute wird uns eine andere Erzählung vor Augen gestellt:

Ein Versprechen, eine Zusage und alles war eingetroffen. Eine lange Geschichte wird so abgeschlossen. Eine Geschichte, dessen guter Ausgang nie ganz klar war. Es ist eine Lebensgeschichte des Volkes Israel, das aufbricht und eine Heimat, einen Lebensort und mit ihm seine Identität sucht: Wo gehöre ich hin? Und: Wer bin ich? Beide Fragen gehören ja irgendwie zusammen.

Und auf diesem Weg wird dem Volk die göttliche Zusage gegeben: Ich bin mit dir und ich führe dich in dein Land! Ein gewagtes Versprechen, aber am Ende steht: „Es ist alles eingetroffen!“ Mit diesem Losungswort werde ich an göttliche Zusagen erinnert, die ich für mich beanspruche. Allen voran: Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. (Mt 28)

Was wird am Ende stehen? Werde auch ich mit den Türen knallen und in das Kissen weinen? Natürlich hoffe ich das nicht. Aber wer weiß. Da gibt es so vieles, was ich nicht überblicke. Und den Ausgang schon erst recht nicht.

Ich kann nur für heute, für hier und jetzt antworten. Und da sehe ich mich mit dem Moped zum Abgrund fahren, weil eine junge Liebe auseinander gegangen ist. Ich sehe mich am Grab meines Freundes stehen, der eine zeitlang mein Bruder war. Ja, manchmal war es hart und nicht klar, wie es weitergeht. Aber das immer nur für einen Moment. Nie endgültig. Immer stand am Ende ein „trotzdem“, immer ging es weiter. Nie war das Versprechen Gottes unwiederbringlich zerbrochen.

Und auch wenn der Ausgang mir noch nicht klar vor Augen steht, darf ich doch glauben, dass am Ende alles eintrifft, dass am Ende Gott zu seinem Wort steht.

Bleiben Sie behütet.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

04. November

Heute ist der Tauftag meiner Tochter. Sie freut sich schon seit Tagen darauf und wartet, dass es endlich soweit ist. Und das obwohl der Tauftag in unserer Familie nicht ganz groß gefeiert wird: Es gibt keine Geschenke, nur selten – und in diesen schwierigen Zeiten keinen – Besuch und das Telefon klingelt längst nicht so oft wie an einem Geburtstag. Eine Sache gehört zu einem Tauftag bei uns aber fest dazu: Zu allen Mahlzeiten leuchtet auf unserem Tisch das Licht der Taufkerze. 
Die Freude an diesem Tag speist sich aus einer anderen, wichtigeren Quelle als Geschenken und einer großen Party: Aufmerksamkeit.

Es wird gratuliert und miteinander gesprochen, darüber wie es war, damals bei der Taufe und was der Bibelvers bedeutet, der seitdem über diesem Leben steht. Und über alldem steht die unbedingte, zugewandte Liebe Gottes, deren sichtbares Zeichen die Taufe ist und die an diesem Tag in besonderer Weise erlebbar ist.

Zünden doch auch Sie heute Ihre Taufkerze oder ein anderes Licht an, dass Sie daran erinnert: Gott ist für mich da. Das gibt Kraft und Zuversicht, auch und gerade in dunklen und schweren Zeiten.
Ich grüße Sie herzlich mit dem Taufspruch meiner Tochter aus dem Kolosserbrief: „Sagt Dank dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.“ 

Ihr Konstantin Enge

03. November

Trostrolle für November1

Sei traurig
über die grauen Regenwolken
und die Nasskälte
den geschlossenen Italiener
die Fotographin ohne Aufträge
und den Kosmetiker, der auf Dezember bangt
Heule ruhig auch mal
dass der Zoo zu ist
kein Popcorngeruch vor dem Kino
einsam sitzt jemand am Esstisch
und liest die Zeitung nicht mehr
in der Wohnung oben links wütendes Gebrülle
Ärgere Dich
wann endlich Weihnachten planen
und die Geschenke kaufen
von den Nägeln blättert der Lack
schon wieder den Mundschutz auskochen
beinahe die Nerven verlieren
Sei wütend und traurig und müde.
 
Denn Gott spricht in der Losung für November:
„Sie werden weinend kommen,aber ich will sie trösten und leiten.“
 
Es wird nämlich Dezember werden. Ganz bald.

Amen.

 

1 Die Losung für den Monat November in Jer 31,9 stammt aus einem Teil des

Jeremiabuches, der auch als „Trostrolle für Efraim“ bezeichnet wird. Daher hier eine

kleine Trostrolle für den Corona-November.

Anne Herzig

02. November

Es ist das Jahr 1527 als Martin Luther im Angesicht der Pest folgendes schreibt:

„Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.

Und heute – nach Monaten mit dem Virus und ohne Impfstoff – können mir Luthers Worte helfen?
Gottvertrauen und Nächstenliebe empfiehlt Martin Luther.
Abstand zum Nächsten und Nähe im Vertrauen auf Gott.
Eine Balance zwischen Distanz und Zuwendung.
Luther will keinen Heldenmut, sondern ein Handeln aus dem Glauben und dem Wissen, dass Gott bei mir ist im Leben und Sterben, ist gefragt!
Und Kraft für den Glauben bekomme ich nicht aus mir, sondern im Gebet, im Lesen der Bibel und im Gottesdienst (Die Gottesdienste im November finden wie geplant statt!).
 
Bild: Lothar Kurth
Text: Pfarrerin Angela Langner-Stephan

30. Mai

ABGESAGT. In den zurückliegenden Wochen musste wegen der Corona-Pandemie so vieles abgesagt werden: Konzerte, Familienfeiern, Reisen, Besuche, Gottesdienste, Chorproben, Theateraufführungen, Ausstellungen...                                                                                            Das war wichtig, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Aber es hat mein Leben natürlich ärmer gemacht. Und gleichzeitig empfinde ich diese Wochen als eine erfüllte Zeit. Ich nehme bewusster wahr, was mein Leben trotz aller Corona-Einschränkungen reich macht, denn nicht abgesagt sind Sonnenschein, Frühling, Zuwendung, Humor, Lesen, Musikhören, Phantasie, Hoffnung ... Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?

Inzwischen wurden viele Einschränkungen gelockert oder sogar aufgehoben: Geschäfte und Restaurants haben wieder geöffnet, Museen und Bibliotheken können wieder besucht werden, Kinos und Theater dürfen öffnen und auch Gottesdienste können wieder gemeinschaftlich gefeiert werden. In den Sommermonaten werden wohl sogar Urlaubsreisen ins Ausland möglich sein. Ist also bald alles wieder beim Alten? Die Corona-Krise hat uns die Grenzen unserer Lebensweise vor Augen geführt. Von „neuer Normalität“ ist nun die Rede. Für viele werden wirtschaftliche Unsicherheit und finanzielle Sorgen bleiben. Der Begriff Krise bezeichnet auch den Wendepunkt, an dem sich entscheidet, ob eine bedenkliche Lage zur Katastrophe wird oder sich zum Guten wendet. Werden wir also die Krise als Chance zu einem grundlegenden Umdenken, einem positiven Wandel nutzen? 

Es ist meine Hoffnung, dass in der „neuen Normalität“ für Rücksichtnahme, Nächstenliebe, Achtsamkeit, Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftssinn gilt: ANGESAGT!

Gottes Geist, dessen Kommen wir zu Pfingsten feiern, beflügle unsere Phantasie, damit wir neue Möglichkeiten und Wege entdecken. Gottes Geist, der Leben schaffende Hauch, mache uns lebendig; er stärke unsere Hoffnung und lasse uns an ihr festhalten. Gottes Geist, der Tröster, ermutige und tröste uns, wenn wir mutlos und traurig sind. 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes, geist-reiches Pfingstfest. Bleiben Sie behütet!

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

29. Mai

Der schmale Grat zwischen Fürsorge und Freiheit

Die zweite Woche ist vergangen, seit die Kitas wieder für alle Kinder geöffnet haben. Ein Kraftakt für alle Beteiligten. Auf der einen Seite praxisferne und völlig unrealisierbare Vorgaben und Maßnahmen, auf der anderen Seite pädagogischer Sachverstand, personelle und bauliche Gegebenheiten und das Wohl der Kinder im Blick. Auf der einen Seite das Verantwortungsbewusstsein, die Sehnsucht nach Sicherheit und Schutz der Gesundheit von Groß und Klein, auf der anderen Seite der Wunsch, den Kindern ihre Freiheit und ihre Freunde zurückzugeben und einen Alltag ohne Flatterband im Garten, gestaffelte Klogänge, Mundschutz und lange Schlangen am Einlass.

Wieviel Sicherheit braucht Freiheit? Und wieviel Freiheit braucht ein Leben, um sich in Sicherheit zu entfalten? Wir lernen in diesen Tagen viel über diesen schmalen Grat. Wir brauchen beides. Ohne Gleichgültigkeit, aber auch ohne Angst. Wenn wir aufeinander achten und in Fürsorge und Verantwortung miteinander umgehen dann können wir ins Leben zurückkehren, mit Augenmaß und Rücksicht. Dann dürfen wir wissen: Wir tun, was in unserer Macht steht. Und wir dürfen uns darauf verlassen: Einer sorgt für das, was nicht in unserer Hand liegt. „Sorgt euch nicht um euer Leben, […] denn euer himmlischer Vater weiß, was ihr alles braucht. […] Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ In dieser Sicherheit können wir munter balancieren auf dem schmalen Grat. Er wird uns halten und wir werden nicht fallen.

Johanna Stein

28. Mai

Halte durch!

Viele Aufgaben und Herausforderungen erfordern einen langen Atem:
Der Mann nach der Operation, der nur ganz langsam wieder auf die Beine kommt;
der Flüchtling, der Deutsch lernt und schließlich eine Ausbildung machen will;
die lange Bauzeit in der Heilandskirche, bis das Stadtteilzentrum ganz fertig ist und seine Pforten öffnen kann; die Kontakt- und anderen derzeitigen Einschränkungen. 

Vieles im Leben ist ein Langstreckenlauf, nicht ein Sprint! 

Meine Frau und ich haben das bei der Besteigung des Mount Kenya erlebt: Der Afrikaner „Duncan“ hat uns immer wieder in der ostafrikanischen Sprache Kisuaheli ermutigt und zugleich ermahnt: „Pole, Pole – Langsam, langsam! Haltet durch, ihr schafft das!“ Wenn die Luft dünn wird, ist es ein Geschenk, nicht alleine unterwegs zu sein. Dann brauchen wir den Zuspruch, das Aufmuntern und das gemeinsame Ziel. 

Die Bibel sagt uns, dass wir Gott als großen Ermutiger an unserer Seite haben. Das ist Ansporn und zugleich Versprechen: 

„Pole, Pole! - Halte durch! – ER hält dich!“

Pfarrer Volker Klein

27. Mai

Ist die Kirche systemrelevant? 

Kurz vor Pfingsten, dem Geburtstag der Kirche, treibt mich diese Frage um. Covid-19 stellt die Kirche auf dem Prüfstand. Gottesdienste, die für uns Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens sind, können nicht oder nur eingeschränkt gefeiert werden. Mund- und Nasenschutz lassen die geistlichen Lieder nur als murmelnden Klangbrei vernehmen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Virologen, Politiker und Wirtschaftsleute befragt. Theologen sind nicht gefragt. Beim Bäcker kannst du dein Brot immer kaufen und Schlangen bilden sich vor REWE und DM.

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« Mt 4,4

Ja, es ist wichtig, wie wir uns wirtschaftlich, politisch und medizinisch aus der Umklammerung der Pandemie herauslösen. 

Erster Kita-Tag für meinen fünfjährigen Enkel. Auf dem Weg zur Kita fragt er seine Mutter. Ich habe Angst andere anzustecken. 

Was sind ihre Befürchtungen? Welches Wort aus dem Munde Gottes brauchen Sie? Zuwendung? Behutsamkeit? Zuhören? Fürchte dich nicht? Trost? Liebe? Zärtlichkeit? Mut? Lachen? Wo diese existenziell relevanten Worte unser Leben erreichen, beginnen wir auf einer Ebene zu heilen, die unser Miteinander stärkt.  Gottes Worte sind beseelt von Zuversicht. Kirche lebt aus dieser Zuversicht. Ein systemrelevanter Schatz. Was meinen Sie?

Die Mutter hört dem Kind zu, streicht ihm behutsam über den Kopf und sagt: „Du bist doch gesund. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Ein erleichterter und ein liebender Blick treffen sich. 

»Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«

Ihr Martin Staemmler-Michael

25. Mai

„Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich! 
Hilf mir von allen meinen Verfolgern und errette mich!“
(Psalm 7,2)

„Der läuft mir immer nach!“ Mit diesem Vorwurf gegenüber einem Geschwisterkind oder Spielkameraden kommen meine Kinder manchmal zu mir. Es ist ein unangenehmes Gefühl, auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden, keine ruhige Minute und keinen unbeobachteten Moment zu haben.

In unserer digitalen Welt ist „Verfolgung“ in den letzten Jahren aber auch zu einem Statussymbol geworden. Wer in den sozialen Netzwerken die meisten „Follower“ hinter sich versammelt, wer sich in seinen Beiträgen am häufigsten sichtbar macht und am meisten gesehen wird, der gilt als erfolgreich, erzielt Gewinne und gewinnt an Einfluss.

Gerade in unseren Zeiten von Überwachung, Infokrieg und Verschwörungsideologien kann aber auch dieses digitale Verfolgen und Verfolgtwerden schnell zu einer beklemmenden Erfahrung werden. Da tut es gut – mit Gottvertrauen – immer einmal Abstand zu gewinnen. Von solchen befreienden Momenten erzählt etwa das Lied „Keiner“ der deutschen Rockband Madsen (https://www.youtube.com/watch?v=f8aO1MK7OGQ) – vielleicht würde der Verfasser von Psalm 7 heute ganz ähnlich dichten...

Herzliche Grüße und eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

23. Mai

Wir gehen auf ganz unterschiedliche Art und Weise aufeinander zu:

Wir können Menschen mit freundlichem Blick anschauen. Wir können ihnen einen Schritt entgegengehen, in normalen Zeiten sogar die Hand reichen.

Aber wir können auch die Arme vor der Brust verschränken oder die Hände in den Taschen stecken lassen. Wir können die Hand zur Faust ballen oder womöglich zuschlagen. Jesus war jemand mit offenen Armen. Schon Kinder hat er in die Arme genommen. Das war den Leuten um ihn herum peinlich. Er hat es bewusst getan. „Lasst die Kinder kommen“ hat er gesagt. Und er hat noch ganz andere mit offenen Armen begrüßt: Einfache Leute, Menschen am Rande und auch solche, die es nicht verdient haben. 

Nehmen wir einmal an, wir begegnen jemandem mit offenen Armen. Gleich heute. Einen Menschen, den wir im Laufe des Tages treffen. Einen, der uns vielleicht geärgert hat. Einen, der uns unterbricht oder stört. Einen, der uns befremdet. Wir brauchen ihn dazu noch nicht einmal berühren. Das geht auch mit 1,5 m Abstand. Wagen wir den kleinen Schritt der offenen Arme!

Pfarrer Volker Klein

22. Mai

Ein Gedicht zum Einstieg

Ich lebe mein Leben

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

(Rainer Maria Rilke)

Himmelfahrt praktisch, oder Perspektivwechsel

„Himmelfahrt“, das habe ich bisher zweimal erlebt: In einem Flugzeug abheben einmal nach Israel und einmal nach Norwegen.

„Himmelfahrt“, das war für mich, gerade eben noch auf dem Boden, mit einem beschränkten Blick von 1,69 cm Höhe, und dann in wachsenden Ringen hinauf in die Weite. Und ich überblicke Leipzig und das Land, sehe Häuser, Dörfer, Städte und Länder. Und ich frage mich, was tun die Menschen da unten, was beschäftigt sie gerade und wie leben sie?

Vielleicht bedeutet „Himmelfahrt“ ja gerade auch eben das: Den Kopf heben und wahrnehmen, dass da mehr ist als meine kleine Welt.

„Himmelfahrt“ war für die ersten Christen ein erster Schritt in die Verantwortung für die ganze Welt, in eine Gemeinschaft hinein, die getragen von Gott in wachsenden Ringen Verbundenheit schuf.

Und so kreise ich nicht mehr nur um mich selbst.

Diesen Auftrag werde ich wohl letztlich nicht ganz verstehen, aber versuchen will ich ihn.

Und es wird sich darin zeigen, wer ich eigentlich bin.

Ich grüße Sie herzlich

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

20. Mai

auf und davon?

Na dann viel Spaß zu Christi Männertag!  sagte mein dreiundzwanzigjähriger Sohn am Ende seines kurzen Besuches zu mir. Und noch ehe ich ihm mit (gespielter) Empörung antworten konnte, war er schon aus der Tür.    

Was er nicht wusste: er hatte mir damit die Anregung für dieses Wort zum Tag geschenkt.    

auf und davon

ja so läuft  das

im zug der zeit

ins offene verliert

man sich so schnell

und nichts bleibt

außer ein leerer Platz

und das war’s dann
 
so anders ER  

der auffährt zu kommen

in den wirklich letzten winkel

um die große leere auszufüllen

mit seinem geist der alles andere ist

als nur ein flüchtiger dunst

weil er alles ändert

mit einem wort

kommt er

in liebe

zu mir

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag zu Christi Himmelfahrt!

Ihr Heinz Schneemann

19. Mai

Der weise König Salomo hatte bei Gott einen Wunsch frei. Er bat: „Gib mir ein gehorsames Herz, damit ich … verstehe, was gut und böse ist.“ (nach 1. Könige 3,9) Brauchen wir nicht auch so einen inneren Kompass, damit wir nicht vom Weg abkommen? Man sieht im Fernsehen und liest in Gerichtsreportagen von Menschen, die Schreckliches tun und dabei ohne jedes Schuldgefühl sind. Kein Gewissen schlägt. Oft ist nicht einmal ein nachvollziehbares Motiv zu erkennen. Keinerlei Mitgefühl für die Person, die leidend zurückbleibt… Ich frage mich ratlos: Was ist da los? Was geht in solchen Menschen vor? Könnte ich in Extremsituationen auch so etwas tun?  Was kann uns davor bewahren, in solcher Lage total auszurasten? „Verstehen, was gut und böse ist.“ Weiß das nicht jeder, zumindest theoretisch? Theoretisch ja, aber offenbar fehlt’s uns am „gehorsamen Herz“. Ich meine damit: Ich könnte für mich selbst auch nicht die Hand in’s Feuer legen, dass mir niemals so etwas passieren könnte, wo ich schreiendes Unrecht tue und es nicht einsehe. Gott bewahre mich davor! Ja, das war es auch, was der weise König Salomo sich wünschte...

Alles Gute von oben wünscht Euch Euer Günther Jacob

18. Mai

Schweig still mein Herz, die Bäume beten.

Ich sprach zum Baum: Erzähl mir von Gott.

Und er blühte.

(Rabindranath Tagore)

Wir in Schleußig haben die Bäume vor der Nase. Straßenbäume, Parkbäume, Auwaldbäume.
Täglich möchte ich sie aufsuchen. Zum Spaziergang etwa.
Dann raunen sie mir zu:

Komm näher. Bleib mal stehen!

Das tu ich gern. Zum Baum muss ich den Sicherheitsabstand nicht einhalten, der für uns untereinander noch nötig ist. So stehe ich vor einem Baum. Sehe mir seine Rinde genauer  an, zerfurcht oder glatt. Ich schaue am Stamm entlang in die Höhe.  Im Winter verhießen die Knospen künftigen Frühling.Diesmal ging wieder alles sehr schnell. Beinahe gleichzeitig wurden sie grün; frische zarte Blätter. Dann blühte der Ahorn als erster.

Bäume, der Park, der Wald besänftigen, was  uns nicht zur Ruhe kommen lässt: Zeitdruck, Sorgen, Ängste. Es gibt nicht nur die Probleme der Epidemie. Gott sei Dank gibt es die Natur um uns. Ich denke an Gottes  Zusage vom Wechsel der Jahreszeiten, solange die Erde steht. ( 1. Mose 8,22 ). 

Auch Christus streifte gern durch die Natur. Dort betete er am liebsten. Bäume, Vögel, Blumen, Felder waren für ihn Zeichen der Fürsorge Gottes. Sie waren Erzählstoff für seine Gleichnisse...Ich gehe meinen Weg weiter, bis er auf dem Patz mündet, wo die Industriestraße beginnt.

Da sehe ich  den Gaukler wieder, wie er zum Spaß der Kinder große Seifenblasen zieht. Er ist ein Bewegungskünstler, Argentino aus Kolumbien. Den Körper zu einem Song aus seinem Handy wiegend, balanciert er auch mit seinem Jo-Jo  oder mit mehreren Stäben.

Er drückt dankbare Freude aus. Dankbar für diese Begegnung, nehme ich meinen Weg zwischen den Bäumen zurück.

Vom Wind bewegte Zweige winken mir zu: Auf Wiedersehen!

Ich wünsche Ihnen und euch eine gute Woche,

Rolf-Dieter Hansmann

16. Mai

Telefonschalte – dieser Begriff begegnet uns in letzter Zeit oft in den Nachrichten und Zeitungen: Die EU-Kommissionspräsidentin berät per Telefonschalte mit den Spitzen der Mitgliedsstaaten, die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer. Und manch einer, der zur Zeit in Home-Office arbeitet, kommuniziert auf diese Art mit Kolleginnen und Kollegen oder dem Chef. So wird auch in Zeiten von social distancing Kontakt gehalten: man kann sich beraten, Fragen klären, einander helfen … Aber nicht immer funktioniert die Schalte, manchmal bricht die Verbindung auch ab.

Das Gespräch mit Gott, das Gebet, ist gewissermaßen auch so eine Telefonschalte – eine Verbindung, die von Gottes Seite immer geschaltet ist.

Gott lädt uns ein, mit unserem Gebet zu ihm zu kommen. Mit ihm können wir reden. An ihn können wir uns wenden mit unserer Klage und unserem Jubel, mit unserer Traurigkeit und unserer Freude. Gott will uns die Erfahrung schenken, dass das Beten die enge Welt unserer eigenen Wünsche weit und offen macht, dass Beten unser Leben gelingen lässt. Dass Gott uns hört und versteht, das hilft uns leben; das macht es uns leichter, unsere Wege zu gehen – in dunklen, schweren Zeiten voller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten ebenso wie in lichten, frohen.

Oft aber bleiben wir stumm. Oft schweigen wir und kein Gedanke geht zu Gott hin. „Seid beharrlich im Gebet …“ fordert der Apostel Paulus uns auf (Kolosser 4, 2). Doch häufig vergessen wir im Getriebe des Alltags einfach, mit Gott im Gespräch zu bleiben. Dann ist es gut, daran erinnert zu werden. Es gibt dazu sogar eigens einen Sonntag im Kirchenjahr. Rogate heißt der morgige Sonntag – zu deutsch: Betet. 

Tun wir es! Beharrlich. Die „Schalte“ jedenfalls steht …!

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

15. Mai

Wir fahren wieder hoch.

Jetzt wird alles wieder hochgefahren. Von den Friseurgeschäften angefangen über Kitas und Schulen bis hin zu Restaurants. Natürlich alles mit Hygienemaßnahmenkonzepten. Wir fahren wieder hoch.

„Und als die Jünger Jesus nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.“(Apg1) 

Na, ob das gut geht? So einfach in den blauen Himmel schauen und zusehen, wie Weisheit, Sanftmut und Menschenfreundlichkeit in der Weite des Himmels verschwinden? Man traut sich ja gar nicht die Bilder der Demos gegen die Corona-Maßnahmen anzuschauen. Da entlädt sich der geballte Hass gegen alle, die verantwortungsvoll mit der Corona-Krise umzugehen versuchen. Man mag gar hinschauen, wie Menschen von allen guten Geistern verlassen, Weisheit, Sanftmut und Menschlichkeit über Bord werfen.  

Während die Jünger in den Himmel schauen werden ihnen die Worte Jesu noch in den Ohren klingen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“(Apg 1) 

Diese Kraft spendet alles, was wir brauchen, um ehrlich, friedvoll und achtsam miteinander umzugehen. Die Welt braucht diese Kraft. Deshalb wenden die Jünger ihren Blick vom Himmel zu den Menschen. Die Männer in Weiß helfen nach. Manchmal brauchen wir Engel. Wir müssen die verstörenden Bilder der Demonstrationen ansehen und gegenüber diesen Entgleisungen Haltung beziehen. Wir haben die Kraft des Geistes und können mit Weisheit, Sanftmut und Menschenfreundlichkeit Momente des Friedens schaffen und aufklären. 

Wir fahren wieder hoch, aber wir sollten nicht auf skurrile Verschwörungstheoretiker abfahren. Wir bleiben auf dem Boden, weil hier die Kraft des Heiligen Geistes auch durch uns wirkt. 

Ihr Martin Staemmler-Michael

14. Mai

„In der Welt wird man euch hart zusetzen...“ (Joh 16,33)

In der Schlange vor Kaufland:

Ein Paar vor mir diskutiert. Er liest eine Nachricht vom Handy vor. Es geht um die Übernahme der Macht mithilfe von Corona. Nur Minuten später kommt von hinten die nächste Erklärung: Corona wird nicht über Menschen, sondern anders übertragen.

Diese und viele andere Meinungen, Erklärungen und Thesen werden gerade verbreitet. Bis vor wenigen Wochen lebten wir mit dem Gefühl „Wir haben alles im Griff!“ Doch jetzt erleben wir ein Ausgeliefertsein, dass viele verunsichert. Wir Menschen brauchen Halt und Antworten. Aber einfache und 1000mal weitergeleitete Antworten geben keinen Halt.

Wir sind alle gefragt: ganz genau hinzuschauen und scharf zu differenzieren!

Hass und Antisemitismus dürfen keinen Platz haben.

Echte Fakten sind gefragt und keine Fake News.

Und natürlich können wir die aktuellen Maßnahmen kritisch hinterfragen.

Die Bibel zeigt die vielen Facetten des Lebens, schenkt Hoffnung und ermutigt uns: In der Welt wird man euch hart zusetzen, aber verliert nicht den Mut: Ich habe die Welt besiegt!«

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

13. Mai

Corona bestimmt das Leben weltweit
Und doch gibt es das ganz Individuelle, was sich vordrängelt.
Ich lerne für das Examen der Prädikantenausbildung – „Theologie fürs Ehrenamt“.
2 ½ Jahre Auseinandersetzung mit der Wissenschaft Theologie.
Der persönliche Glaube distanzierte sich oft, aber der Zweifel gehört ja irgendwie auch dazu:
Zum Glauben, zur Wissenschaft, für Viele auch zu Corona.
Das darf er auch, wenn er sich nicht „festbeißt“ und nur noch die eigene Meinung die „einzig wahre“ ist.
-„Wollen Sie auch ein Wort zum Tag schreiben?“ 
-„Oh ja, gerne.“
Ich schlage die Losungen auf, die Bibel, die Sammlung der tausend Sprüche.
Überall springt mich nur an, was ich NOCH NICHT GELERNT habe.
 
Das bevorstehende Examen drückt. Ich ningle rum.
Und schäme mich, weil ich ja eigentlich nichts auszustehen habe. 

Keine Existenzangst.
Keine kleinen Kinder mehr, mit denen ich Online-Schule machen, sie ganztägig bei Laune halten muss, die Natur nur wenige Meter vor der Haustür.

Ich mache das Radio an. Ein Lied von früher (1993 ! Voriges Jahrhundert also ! ) wird gespielt. 
Herbert Grönemeyer: Land unter.

Ich erinnere mich, summe mit,  höre die Worte:

… Elemente duellieren sich, du hältst mich auf Kurs …
… Kämpf' mich durch zum Horizont, denn dort treff' ich dich …

… Mach die Feuer an, damit ich dich finden kann …
… Übernimm die Wacht, bring mich durch die Nacht …
… Rette mich durch den Sturm …
… Fass mich ganz fest an, dass ich mich halten kann…
… Und ist´s  auch sinnlos - soll's nicht sein - ich geb dich nie verloren

Und ich sage „JA“ und ich sage „DANKE“.  - Gott spricht mit mir.  - Und wenn ich die Losungen, die Bibel, die Sprüche mal traurig oder ratlos zur Seite lege, 

dann singt er mir Mut zu – wenn´s sein muss, auch über den „Oldie-Sender“.

Wenn sich die Elemente duellieren, wenn Glaube und Zweifel, Wissenschaft und Besserwissen sich in den Haaren liegen – dann - fasst er mich an, dass ich mich halten kann. Mögen auch Sie das immer wieder spüren!      

Ihre/Eure Claudia Krenzlin

Land unter

Der Wind steht schief
Die Luft aus Eis
Die Möwen kreischen stur
Elemente duellieren sich
Du hältst mich auf Kurs
Hab keine Angst vor'm Untergehen
Gischt schlägt ins Gesicht
Kämpf' mich durch zum Horizont
Denn dort treff' ich dich

Geleite mich heim
Rauhe Endlosigkeit
Bist zu lange fort
Mach die Feuer an
Damit ich dich finden kann
Steig zu mir an Bord
Übernimm die Wacht
Bring mich durch die Nacht
Rette mich durch den Sturm
Fass mich ganz fest an
Dass ich mich halten kann
Bring mich zu Ende
Lass mich nicht wieder los
Bring mich zu Ende
Lass mich nicht wieder los
 
Der Himmel heult
Die See geht hoch
Wellen wehren dich
Stürzen mich von Tal zu Tal
Die Gewalten gegen mich

Geleite mich heim
Rauhe Endlosigkeit
Bist zu lange fort
Mach die Feuer an
Damit ich dich finden kann

Bist du ozeanweit entfernt
Regen peitscht von vorn
Und ist auch sinnlos
Soll's nicht sein
Ich geb dich nie verloren

Lass mich nicht wieder los
Bring mich zu Ende
Lass mich nicht mehr los
Lass mich nicht mehr los
Lass mich nicht mehr los

Quelle:LyricFind Songwriter: Herbert Grönemeyer

12. Mai

Es ist Frühling. Eng umschlungen oder Händchen haltend, etwas abseits wild küssend, sich im Restaurant tief in die Augen schauend, trifft man normalerweise auf frisch Verliebte. Je nachdem, wie es einem selbst gerade geht, kann man sich mitfreuen oder bildet die Frage im Kopf, ob diejenigen denn kein Zuhause hätten. Doch langsam wandeln sich ihre Gefühle, die Verliebtheit geht zurück und wird hoffentlich ersetzt durch etwas Tieferes. Eine Liebe, die reicher wird an Erkenntnis und Urteilsvermögen. Eine Liebe, die die eigenen Grenzen kennt und dem anderen das Beste wünscht und tut. Eine Liebe, die Verletzungen vermeidet und verzeiht. Eine Liebe, die ein Zeichen gegen den Hass und für das Gemeinwohl setzt. Eine Liebe, die die Angst nehmen kann und befreit. Die Liebe, die Gott uns Christinnen und Christen schenkt und die wir weitergeben sollen. Das wünscht Paulus seiner Gemeinde in Philippi (Phil 1,9f.).
 
Das wünsche ich uns in diesen Zeiten.
 
Herzliche Grüße

Nicole Oesterreich

11. Mai

Wenn ich in diesen Tagen versuche, voraus zu schauen, kommt mir immer wieder ein Lied aus meiner Jungen Gemeindezeit in den Sinn: „Halte deine Träume fest“ von Eugen Eckert. Es wird Sommer, das spüre ich in jedem Atemzug. Vor uns liegt die für viele schönste Zeit des Jahres, und noch nie war sie so ungewiss wie jetzt. Wir sind es gewöhnt, die Dinge im Griff zu haben, wir wollen planen und träumen, wir brauchen Perspektive und Zukunftsaussichten, um im Jetzt geborgen, standhaft und sicher zu sein und unseren Alltag zu meistern. Doch für viele ist die Frage nach Freiheit, nach Erholung, nach dem lang ersehnten Ausbrechen aus den eigenen vier Wänden zum Luxusproblem geworden. Vielleicht verbietet sie sich sogar in diesem Jahr aufgrund ganz anderer existenzieller Nöte. Und selbst wenn wir sie uns noch leisten können: Wir wissen nicht, welche Freiheit wir in diesem Sommer haben werden. Also festhalten an der lang erträumten Reise? Oder hinschmeißen? Jedes Mal, wenn mir klar wird, dass diese Entscheidung gefällt werden muss, höre ich es in mir wieder und wieder klingen: „Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben. Gegen zuviel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit: Halte deine Freiheit fest.“ 

Ich werde nicht stornieren. Ich glaube an unsere Freiheit.

Herzliche Grüße

Johanna Stein

9. Mai

Kantate! Singt! So fordert uns der morgige Sonntag auf. 

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn ER tut Wunder.“ (Psalm 98, 1)

Was heißt das: „Singet dem HERRN ein neues Lied…“? Was ist mit „neuen Liedern“ gemeint?                                                                                                           Das können Lieder aus den neuen Gesangbüchern sein, Lieder von Kirchentagen, Taizé-Gesänge...  Aber, so denke ich, auch die aufsNeue gesungenen alten Lieder sind die neuen Lieder, die der Psalm meint. Denn im jeweiligen Augenblick des Erklingens ist Musik, ist Gesang, immer wieder neu, immer wieder aktuell.                                                                                                          Und auch dies kann es bedeuten: jeden Tag mit seiner eigenen Melodie annehmen. An guten Tagen frohe Lieder, in Momenten des Glücks einen spontanen Dank. Und ist es ein dunkler Tag für mich, bedrückt mich etwas, habe ich Sorgen und Angst, dann findet auch mein Klagelied ein offenes Ohr bei Gott.                                                                                                                                       Ein neues Lied singen heißt auf die Melodie und den Rhythmus der verschiedenen Lebenssituationen achten und die eigene Stimme mit einbringen. Töne können ausdrücken, was mit bloßen Worten nicht zu sagen ist: Glück, Freude und Hoffnung – aber auch Trauer, Angst und Schmerz. 

„…denn ER tut Wunder.“ Es gibt sie, die Wunder! Und sie zeigen sich nicht vorrangig darin, dass Naturgesetze durchbrochen werden. Nein, dazu gehört ja z.B. auch das Wunder der Liebe, das Wunder der Schöpfung – und überhaupt das Wunder des Lebens. Dazu gehört ebenso, dass Gott uns Kraft und Mut gibt auch schwierige Zeiten zu bestehen.

Kantate! Singt! Das ginge wohl auch mit Mundschutz. Doch gemeinsam dürfen wir das in den Gottesdiensten in dieser Corona-Zeit (noch) nicht tun. Dennoch soll morgen in unseren Kirchen Gottes Lob erklingen. Im Gottesdienst in der Bethanienkirche kann das sogar gemeinschaftlich geschehen – auf andere, neue Weise – wenn viele dazu einen „Klangkörper“ mitbringen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt…! 

Ein klangvolles Wochenende wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

8. Mai

Die Schwiegermutter Simons aber lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie Jesus von ihr. Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie. (Markus 1,30f.)

Sie starrt an die Decke.
Es ist still und das schon so lange.
Bittere Einsamkeit.
Eigentlich müsste sie aufstehen. Aber sie kann nicht. Sie will nicht.
Wozu auch?
Doch dann kommt jemand.
Erst hört sie ein unbestimmtes Geräusch von draußen.
Dann Schritte auf dem Flur.
Die Tür geht auf und ER tritt ein.
Endlich.
Und er hat süße Erdbeeren mitgebracht.
Mit diesen Gedanken zur Tageslosung grüße ich Sie

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

p.s.: Vergessen Sie die Erdbeeren nicht!​

7. Mai

Nun laufen wir mit Mundschutz in Geschäften herum und in der Bahn. Man sagt uns, der würde vor allem den anderen nützen, die wir nicht anstecken sollen. Die Viren in unserem Atem werden abgefangen. Das ist gut: Ich will nicht schuld sein, dass ein Mensch durch mich krank wird, auch wenn ich es vielleicht niemals erfahren würde. Das ist eine Sache von Verantwortung, im Grunde eine Art anonyme Nächstenliebe. Das Krankmachende kommt aus dem Inneren und soll gestoppt werden. Das erinnert mich an einen Hinweis, den Jesus gegeben hat. „Was aus dem Munde herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein.“ (Matthäus 15,18)

Ja, auch die Worte, die wir reden, können krank machen, uns infizieren mit bösen Gedanken. Unser Reden ist immer auch vermischt mit unseren Gefühlen, die wir gegenüber unserem Gesprächspartner hegen, also Ärger, Verachtung, Spott, Überlegen-heitsgefühl usw. Und was einmal raus ist, können wir nicht wieder zurückholen. Ich überlege, wie ein Mundschutz für solche Fälle aussieht… Haben Sie eine Idee? 

Es grüßt Sie, Ihr Günther Jacob

6. Mai

WIR BRAUCHEN EINE PERSPEKTIVE!

Dieser Satz wird immer wichtiger. Die Mutter, die seit Wochen mit ihren kleinen Kindern zu Hause ist, kommt ans Ende ihrer Kraft. Der Gastwirt kann die verordnete Schließung nicht mehr lange durchhalten. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Sie und wir alle brauchen dringend eine Perspektive, die uns Hoffnung und Kraft gibt. 

Besonders gefragt und gefordert sind dabei unsere Politiker. Heute kommen sie wieder auf höchster Ebene zusammen, um über weitere Lockerungen des Lockdowns zu entscheiden. Sie müssen zwischen den gesundheitlichen Risiken durch das Coronavirus und den wirtschaftlichen, sozialen und nicht zuletzt auch psychischen Folgen seiner Bekämpfung abwägen. Was ist nötig, was ist möglich? Eins greift ins andere. Es ist kompliziert. Zu Risiken und Nebenwirkungen...

...lässt sich keine letzte Sicherheit gewinnen. Und doch muss gehandelt werden! Wie kann allen ausreichend geholfen werden? Und was ist „ausreichend“? 

Die Erwartungen an den Staat sind riesig. Seine Mittel sind groß, aber nicht unbegrenzt. Enttäuschungen werden unausweichlich sein. Das ist ein kritischer Punkt für unsere Gesellschaft. Finden wir in dieser Situation zu mehr Solidarität? Oder wird sich die Stimmung verdüstern und die Spaltung weiter vertiefen?

Hier geht es um unsere innere Perspektive...

...Perspektiven haben immer eine äußere und eine innere Dimension: das, was vor uns liegt, und das, was in uns liegt und unsere Sichtweise bestimmt. Wir sehen nicht nur mit unseren Augen, sondern auch mit unserem Herzen.

Dabei spielt der Glaube eine wichtige Rolle. Das Entscheidende an ihm sind nicht bestimmte Ideen und Vor-Stellungen, sondern der Geist und die Ein-Stellung zu dem, was uns im Leben begegnet. Die Geistkraft Gottes kann unsere Enttäuschung in Mitverantwortung, unsere Bitterkeit in Mitgefühl und unsere Angst in Lebensmut verwandeln. Die Perspektive des Glaubens tut gut.

Herzlichst,

Ihr Heinz Schneemann

5. Mai

Wissen Sie, dass der heutige Tag – der „Internationale Tag der Handhygiene“ ist?

Ich bin auch erst beim Suchen im Internet darauf gestoßen. Dieser Tag geht auf eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2009 zurück. Damit sollte das Personal im Gesundheitswesen für die Notwendigkeit der Handhygiene sensibilisiert werden.

Seit einigen Wochen gehört das für uns alle zum Alltag! Beim Einkauf, der Arbeit und auch in der Kirche – erst Hände desinfizieren und dann eintreten. Übrigens hat man den 5. Mai gewählt, weil das Datum die fünf Finger beider Hände symbolisiert.

An Tagen vor Corona haben wir vielen Menschen die Hand gegeben und sind mit ihnen in Kontakt gekommen. Jetzt bleibt nur winken, Abstand halten und ?

Dazu habe ich eine Idee: Meine 5 desinfizierten Finger können mich erinnern zu 5 Menschen Kontakt aufzunehmen – das geht in diesen Tagen trotzdem: am Telefon, auch ein kurzes Gespräch über die Türsprechanlage, per Brief oder mail.

Ja, Hygiene ist jetzt wichtig (und auch Abstand), aber damit ist nicht soziale und Kontakt-Desinfektion gemeint: 1, 2, 3, 4, 5 !

Einen schönen Tag,

Pfarrerin Langner-Stephan

4. Mai

Monument der Ehernen Schlange auf dem Berg Nebo in Israel (John Romano D‘Orazio / CC BY-SA 4.0)

„Ja, auf dich, HERR, mein Herr, sehen meine Augen; 
ich traue auf dich, gib mich nicht in den Tod dahin.“ (Ps 141,8)

„Was ist das für ein Zeichen?“ fragt mich meine Tochter und zeigt auf die um einen Stock gewundene Schlange an der Seite eines Krankenwagens, der an uns vorüber fährt. Dieser sogenannte Äskulapstab kommt aus der griechischen Mythologie, aber Juden und Christen dürfen sich dabei auch an die biblische Geschichte von der „ehernen Schlange“ (nachzulesen im 4. Buch Mose 21,4–9) erinnert fühlen. Das Volk Israel war über seine Unzufriedenheit krank geworden und viele starben, bis Mose im Auftrag Gottes eine Schlange aus Kupfer an einem Stab aufrichtete. Jeder der sie ansah, wurde gesund. Die eherne Schlange wurde zu einem Symbol für Zuwendung, Zuversicht und Zukunft – einem Hoffnungszeichen.

Es gibt diese Hoffnungszeichen Gottes auch hier und heute bei uns: ein blühender Obstbaum, ein Kinderlachen, ein Regenbogen am Himmel... – sicherlich entdecken Sie noch viele mehr. Halten Sie doch heute und in den nächsten Tagen mal die Augen danach offen!

Eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

2. Mai

„WEINEN, KLAGEN, SORGEN, ZAGEN“ – so ist eine Kantate Johann Sebastian Bachs für den Sonntag Jubilate betitelt. (BWV 12). „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Not sind der Christen Tränenbrot…“ heißt es da. Merkwürdig! Wie passt das denn zur Aufforderung des Sonntags zu jubeln, zu jauchzen und zu jubilieren? Einerseits kann das also verwundern, andererseits erscheint der Kantatentext in diesem Jahr gar nicht so unpassend. Das Corona-Virus dominiert alle unsere Lebensbereiche: Die einen leben in Angst, sich anzustecken. Andere sorgen sich, in Not zu geraten durch die wirtschaftlichen Folgen. Manch einer hat Grund zum Weinen und Klagen. Viele ängstigen sich und sind verzagt. Aber muss das so bleiben?                                                                                                                                                   Der Text der Kantate nimmt Gedanken aus den Abschiedsreden Jesu auf (Joh. 16). „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ihr werdet weinen und klagen“ sagt Jesus zu seinen Jüngern, „ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Traurigkeit wird sich in Freude verwandeln. Deshalb verharrt die Kantate auch nicht beim Weinen, Klagen, Sorgen und Zagen, sondern zeichnet den Weg hin zur Freude nach. Bach hat den Prozess der Verwandlung in feinsinniger Weise meisterhaft in Musik umgesetzt! Den Wendepunkt markiert die Tenor-Arie, in der es heißt: „… alle Pein wird doch nur ein Kleines sein, nach dem Regen blüht der Segen…“ – dazu erklingt instrumental die Choralmelodie „Jesu, meine Freude“.                                                                                                                                       

Wenn Sie sich die Kantate einmal anhören wollen: im Internet sind mehrere Aufnahmen zu finden. Und für Frühaufsteher gibt es die Bachkantaten sonntags um 6.30 Uhr auf mdr-Kultur.

Der Schlusschoral schließlich bringt das Vertrauen in Gottes Führung zum Ausdruck: 

Was Gott tut, das ist wohlgetan, dabei will ich verbleiben.
Es mag mich auf die raue Bahn Not, Tod und Elend treiben.
So wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten:                                                              
Drum lass ich ihn nur walten.

Dieses Vertrauen in Gottes Führung wünsche uns allen!

Pfr. Matthias Piontek

1. Mai - Tag der Arbeit

Sie sitzt da

Am Schreibtisch

Jeden Tag

Seit 6 Wochen

Erledigt Ihre Aufgaben

Deutsch, Latein

Fragt bei einer Freundin nach

Mathe, Chemie

Sucht im Internet

Biologie, Geschichte

Erarbeitet eine Präsentation

Musik, Sport

Endlich aufstehen, bewegen

Physik, Englisch

Alles ins Heft abgeschrieben

Informatik, Geographie

Gleich ist es geschafft!

Sie legt den Füller zur Seite

schaut zum Fenster heraus

und träumt:

- vom Quatschen mit den Freundinnen

- vom Lachen mit der Klasse

- vom Unterricht und den Lehrer*innen

- vom ……..

Sie freut sich auf den Tag, wenn sie wieder in die Schule gehen kann!

Solange das noch nicht geht, entdeckt sie neue Vorlieben: Backen, Tischtennis und geduldig sein!

„… dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil.“ Prediger 3,22

30. April

Meine kleine Zuversicht

Der Duft von Flieder am ersten lauen Sommerabend umhüllt mich, während ich nach einem langen Arbeitstag in der Dämmerung mit dem Fahrrad durch den Park sause. Ich bin auf dem Weg nach Hause. Das Lob von den Chefs hallt noch nach in meinem Kopf. Zu Hause empfängt mich der frisch bepflanzte Balkon mit dem satten Grün von Basilikum, Tomaten und Erdbeeren. Auf dem Abwasch steht noch der Puddingbecher. Es ploppt die Erinnerung an eine lächelnde Schokoschnute auf zusammen mit einer kleinen Sehnsucht nach ihr.

Ich lasse mich nieder. Sonnenuntergang-Großstadtruhe. Einmal aufatmen in diesem Corona-Wahnsinn zwischen Kinderbetreuung, Homeoffice, Überstunden und Freunde vermissen. Große Dankbarkeit und Ruhe macht sich in mir breit.

Das Gefühl könnte im heutigen Lehrtext aus dem 1. Johannesbrief (3,21–22b) gemeint sein, wo es heißt: „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, haben wir Zuversicht zu Gott, denn das was wir erbitten, bekommen wir von ihm.“ 

Danke, Gott für diesen Moment der Zuversicht und Freude in diesen seltsamen Zeiten!

Herzliche Grüße

Nicole Oesterreich

29. April

„Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“

Prediger Salomo 9, 10 - Herrnhuter Losung für den heutigen Tag 

Was für ein Typ sind Sie, was die Zukunft betrifft? Sind Sie ein Planungsfreak, der am liebsten jetzt schon weiß, was er heute in einem Jahr tun wird? Ich habe von reisenden Dirigenten gehört, die wissen bereits, an welchem Abend in 5 Jahren sie irgendwo auf der Welt vor welchem Orchester stehen und welches Werk sie dirigieren werden. Brrrr!!!, aber wohl nötig. Seit ich im Ruhestand bin, kann ich leichter den Rat des Predigers befolgen und gespannt erwarten, was der nächste Tag bringen wird. Das gibt mir selbst Freiheit, aber ich kann auch spontaner reagieren, wenn jemand ein Anliegen an mich hat. Vor allem meint der Prediger aber wohl, dass der Einzelne gar nicht in der Lage ist, sein Leben lange im Voraus zu planen.

Auch wenn er Gott hier gar nicht erwähnt, will er uns wohl ermutigen, uns von Gott leiten und überraschen zu lassen; und dass wir bereit sind, Herausforderungen, vor die er uns stellt, anzunehmen und das, wozu unsere Kraft ausreicht, gern zu tun. Das ist nicht die schlechteste Lebensmaxime, finde ich. 

Herzliche Grüße von Günther Jacob

28. April

Die Seele auf Intensivstation

Im Spannungsfeld zwischen der Gesundheit, die über alles geht und dem Recht auf freie Religionsausübung, feierte ich am Sonntag Gottesdienst. Ich kam mir mit all den Hygienevorschriften und vermummten Besuchern vor, als stünde ich am Eingang einer Intensivstation. 

Wenn die Seele eine intensive Betreuung braucht, dann ist Gott da.

In deine Hände befehle ich meinen Geist, Herr, du hast mich erlöst, spricht der Beter aus Psalm 31 händeringend.

Er ist hin und her gerissen zwischen weiten Räumen und engen Gassen. Zwischen Grillpartys mit Freunden und Ausgangsbeschränkungen in einer 3-Zimmerwohnung ohne Balkon mit seiner Frau im Homeoffice und drei Kindern. 

Sind unsere Hände leer, weil wir den Alltag nicht in gewohnter Weise bewegen können?

Ist unser Verstand müde, weil wir nach dem Begreifen suchen?

Ist unser Herz verwirrt, weil Angst und Sorge größer sind als die Dankbarkeit?

In deine Hände befehle ich meinen Geist, Herr, du hast mich erlöst. Wie sieht Erlösung aus? Ich weiß es nicht, aber ich will sie mit Ihnen suchen.

Ein erster frommer Versuch:

Die Hände sind nicht leer, weil Gott sie mit seiner Zuversicht füllt. Wir sind nicht verloren.

Der müde Verstand findet Geborgenheit, weil wir mit Gott getrost loslassen dürfen.

Verwirrte Herzen dürfen in Freiheit ins Leben gehen, weil noch ein Stück des Weges vor uns liegt.

Denn der Beter spricht auch: Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Ihr Martin Staemmler-Michael

27. April

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2Kor 12,9)

Ich fühle mich an manchen Tagen während der aktuellen Krise sehr schwach. So viele neue Herausforderungen sind zu bewältigen, so viele schwere Entscheidungen zu treffen. Wo muss dem Infektionsschutz der Vorrang eingeräumt werden, wo anderen lebensnotwendigen Bedürfnissen, wie dem nach Freiheit und Gemeinschaft? Und die Konsequenzen reichen so weit... Manchmal kommt es mir vor wie ein langer und schwerer Weg durch ein Labyrinth, in dem man gerade bis zur nächsten Abbiegung sehen kann.

Dann wende ich mich Gott zu und erkenne, er hat sich mir längst zugewandt. Den Weg zu ihm muss ich nicht suchen und bewältigen, er ist ihn selbst schon bis zu mir gegangen. In seiner Nähe kommt es nicht auf meine Kraft an, steht nichts auf dem Spiel, bin ich bedingungslos geliebt. Das ist Gnade – und gerade in dieser Zeit der Schwachheit eine ungeheuer kraftvolle Erfahrung!

Eine gesegnete Woche wünscht

Ihr Konstantin Enge

25. April

Diese Kinderzeichnung habe ich unlängst an einer Haustür in der Könneritzstraße entdeckt. REGENBOGEN GEGEN CORONA hat eine kleine Alice in ihrer Kinderschrift geschrieben und einen bunten Regenbogen dazu gemalt. Auch an anderen Stellen in Schleußig sind solche Bilder zu finden. Es ist eine „Aktion von Kindern für Kinder“, wie erklärend dabeisteht. Eine schöne Idee! Der Regenbogen, der mit seiner Form ja gewissermaßen eine Brücke schlägt, ist ein gutes Symbol für Zusammenhalt und Verbundenheit. Auch in der Bibel hat der Regenbogen eine besondere, ähnliche Bedeutung: er ist Zeichen des bleibenden Verbundenseins Gottes mit den Menschen. „Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde.“ sagt Gott (1. Mose 9,13). Der Regenbogen steht für den Bund, den Gott nach der Sintflut mit der ganzen Menschheit auf Erden geschlossen hat. Gott hat versprochen, sie nicht mehr auszulöschen – weder durch eine Naturkatastrophe noch durch einen Virus. Ein tröstliches Versprechen. Und sehr aktuell.

Schon in alter Zeit haben Christen die Farben des Regenbogens so gedeutet:
Rot - die Farbe der Liebe. Gott liebt Dich!
Orange - die Farbe der Hoffnung. Du darfst immer Hoffnung haben!
Gelb - die Farbe der Ewigkeit. Durch Jesus hast Du eine Zukunft über den Tod hinaus!
Grün - die Farbe des Wachstums. Gott sorgt für Dich!
Hellblau - die Farbe der Wahrheit. Gottes Wort ist die Wahrheit!
Dunkelblau - die Farbe der Treue. Gott steht zu seinem Bund!
Violett - die Farbe der Buße und Versöhnung. Gott vergibt Dir Deine Schuld.

Sollte es in nächster Zeit regnen und ein Regenbogen entstehen, dann schauen Sie ihn an und denken Sie daran, dass Gott da ist und für uns sorgt. Er hat es uns zugesagt – „und was er zusagt, das hält er gewiss.“ (Psalm 33, 4) 

Herzlich grüßt Sie mit guten Wünschen

Ihr Pfr. Matthias Piontek

24. April

Die ganze Nacht rattert es über unseren Köpfen. Wir sitzen im Luftschutzkeller. Am Vormittag  stehe ich Sechsjähriger mit anderen Kindern am Johannisplatz. Dort sind die Amerikaner mit ihren Jeeps. Sie schenken uns Kindern Süßigkeiten.

Es ist der 18. April vor 75 Jahren. Der faschistische Terror ist besiegt. Die Städte liegen in Schutt und Asche. Von einem der heftigsten Luftangriffe drei Jahre zuvor, überdeckt ein hellroter  Himmel in dieser Brandnacht, alle zurückliegenden Eindrücke meiner Kinderseele. Wir mussten in den nahe gelegenen Bunker.

Die niederländische Jüdin Etty Hillesum (1914-1943) schreibt von einem anderen als dem von Menschen verursachten Kriegs -Himmel.: „Wenn uns nur eine enge Straße bliebe, wodurch wir gehen dürfen, über dieser Straße steht dennoch der ganze Himmel.“ Wir kommen von Ostern her. Jesus hat mit seinem Leben und Sterben den Himmel Gottes geerdet. Für uns. Für die ganze Menschheit. Eine orthodoxe Oster-Ikone zeigt, wie der auferstandene Christus Adam an seiner Linken und Eva an ihrer Rechten aus dem Grabe zieht. Was Gott an Jesus mit seiner Auferstehung vollzog, vollzieht sich auch an uns, wenn wir sterben. 

Der ganze Himmel Gottes steht offen für uns. Nun leben wir in immerwährender Osterzeit. Mit Christus können wir in alles hinein,  aus allem heraus und durch alles hindurch gehen. 

Ich grüße sie herzlich,

Rolf-Dieter Hansmann

23. April

HEITER SCHEITERN

Wann ist mir das letzte Mal ein Fehler passiert und ich habe …

... mich fürchterlich über mich selbst geärgert?

… versucht, den Fehler zu vertuschen?

… anderen die Schuld in die Schuhe geschoben?

Das sind ganz natürliche Reaktionen. Wir sind Menschen und leben in einer Kultur, wo Fehler ein Makel darstellen und unser Image schädigen. Jesus hat sich mit Schülern umgeben, die nicht unsere heutigen Qualitätsmerkmale für Leiter*innen hatten: Da waren welche mit derben Umgangston. Die meisten hatten keine akademische und rhetorische Ausbildung. Sie waren untereinander eifersüchtig. Sie stritten darum, wer der Wichtigste und Beste war. Sie wollten in ihrem Ärger Feuer vom Himmel regnen lassen. 

Jesus ließ sie heiter scheitern, aber er ließ sie nicht damit alleine: Fehlerfreundlichkeit heißt bei ihm nicht „übersehen“, sondern miteinander konstruktiv-kritisch, ermutigend, aufbauend und vergebend unterwegs zu sein. So sind Leitungspersönlichkeiten aus ihnen geworden. 

Das ist Gottes Sicht der Gnade und Barmherzigkeit mit uns: 
„Heiter Scheitern“ und darin die Chancen zur Weiterentwicklung nutzen.

Volker Klein

22. April

„Prüft alles, und das Gute behaltet“  (1. Thessalonicher 5, 21)

Hallo, ihr da draußen!

Die Corona-Pause hat mich auf den Gedanken gebracht, mir mal meine alten Schallplatten vorzunehmen. Lange hatte ich kaum mal eine LP auf den Plattenteller gelegt. Ich war überrascht, welche Scheiben mich beim Anblick des Covers wie alte Bekannte gegrüßt haben, die ich zwar aus den Augen, aber nicht aus dem Herzen verloren hatte. Bei anderen war ich überrascht, dass ich sie überhaupt besitze. Irgendwie war damals beim Anhören der Funke nicht übergesprungen und sie waren ganz aus dem Gedächtnis verschwunden. Jetzt habe ich beschlossen, nur die noch aufzuheben, die mir aus verschiedenen Gründen an’s Herz gewachsen sind: Weil sie mir von einem lieben Freund geschenkt wurden, weil ich damit eine bestimmte Lebenssituation verbinde, oder weil die Musik mich mit voller Wucht „erwischt“ hat. Der Ratschlag des Apostels Paulus „Prüft alles, und das Gute behaltet“ fiel mir dabei ein. Er bezieht sich freilich nicht nur auf’s Aufheben oder Weggeben von Materiellem. Die jetzige Krise ist auch die Chance, sich zu fragen, was das wirklich Wesentliche im Leben für mich ist und ob ich mich nicht stärker als bisher darauf konzentrieren soll. Bonhoeffer hat fest geglaubt, dass Gott aus allem, auch aus dem Misslichsten, Gutes erwachsen lassen kann. Ein Choral sagt es so: „Und was euch noch gefangen hält, o werft es von euch ab…“ und „Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“

Herzliche Grüße Euer Günther Jacob

21. April

Nun endlich wächst es …

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! 

1.Korinther 16,13

Vor vier Wochen haben wir unseren Hof umgegraben. Steine, Unrat und Schutt herausgelesen. Gras gesät und gewässert. Es war eine ganz schöne Plackerei. Und noch dazu der zweite Versuch. Ein erstes Häckeln und Einsäen hatte keinen Erfolg. Warum tun wir das? Nichts verpflichtet uns, weder der Mietvertrag, noch ein Versprechen. Aber mich stört ein schuttgrauer Hof. Und außerdem ist der Hof ein Teil meines Wohn- und Lebensortes und den will ich mitgestalten. Und: Es macht sich ja nicht von allein. Und nun wächst es, das Gras: Anfangs unscheinbar und dünn. Aber heute schon können wir das Grün von unserem Balkon aus sehen.

Ja, es wird schön werden. Und warten Sie nur ab, wenn erst die Blumen blühen!! Der Hof, das Gras, die Steine und die Aussicht können ein Sinnbild sein für unsere zu gestaltenden Lebensräume. Auch das macht sich ja nicht von allein.

Bleiben Sie behütet, mutig und stark

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

20. April

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ (1Kor 13,12)

„Hallo Oma!!!“ rufen meine Kinder vor dem Laptop sitzend, als der schon zur Routine gewordene Videotelefon-Termin mit den Großeltern beginnt. Man winkt sich zu, tauscht sich aus, auf der eine Seite wird das neu gemalte Bild vorgezeigt auf der anderen die gerade genähte Schutzmaske – es ist ein Glück, dass wir diese technischen Möglichkeiten haben, um in Kontakt zu bleiben. Und trotzdem ist es nur der Blick durch einen Spiegel, der die meiste Zeit des Tags dunkel bleibt. Es fehlt die Möglichkeit, sich zu umarmen, an die Hand zu nehmen oder gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken. Wir freuen uns auf den Tag, an dem es wieder möglich sein wird, sich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.

Mit meinem Glauben an Gott geht es mir oft genau so: Es ist ein Glück, dass wir Möglichkeiten haben, ihm zu begegnen. In der Natur, die überschwänglich aus dem Winterschlaf erwacht, in der liebevollen Begegnung zwischen Menschen und bald auch wieder in der Kirche. Das macht mir Hoffnung, Neugier und Vorfreude darauf, wie es sein wird, wenn ich erkenne, gleichwie ich erkannt bin.

Mit Segenswünschen für die beginnende Woche grüßt Sie

Ihr Konstantin Enge

18. April

Jesus lebt! Er ist auferstanden von den Toten. Das ist die Osterbotschaft. Unglaublich!

Wie könnten wir Jesu Auferstehung besser feiern als mit unseren Osterliedern!? Und hier ist ‚Ansteckung‘ erwünscht, denn so kann es Ostern in uns werden: wenn wir uns anstecken lassen vom österlichen Jubel. Wenn wir die Lieder singen, die den Geist von Ostern atmen: die Freude, den Jubel, das neue Leben. 

In diesem Jahr gab es keine Gottesdienste, in denen wir gemeinsam mit Vielen die Osterlieder hätten anstimmen können. Und manch einem wird vielleicht auch gar nicht nach Osterjubel zumute sein, denn die Sorgen, die das Coronavirus mit sich bringt, lassen sich ja nicht einfach so ‚wegsingen‘. Es stimmt: Das, was uns bedrückt und das Leben schwer macht, ist nicht einfach weg – trotz Ostern. Nach wie vor gibt es Angst, Schmerz und Tod in unserer Welt. Doch wenn wir die Lieder vom neuen Leben singen, dann können wir den Mund ruhig etwas voller nehmen, als es unserem Alltag entspricht und unserem Glauben, mit dem wir das Unglaubliche kaum fassen können. Auch unsere Fragen, Zweifel und Ängste können wir da mit hineinnehmen. Und das ist das Wunder: Im Singen schwindet die bedrohliche Macht der Finsternis und Ostern wird für uns wahr – mitten in unserem Leben, trotz aller Zweifel und Sorgen. Durch den Osterjubel feiern wir schon den Sieg des Lebens über den Tod.

Nehmen wir das Singen der Osterlieder hinein in unseren Alltag und singen wir an gegen die Macht des Todes! Und wer sich das Allein-Singen nicht zutraut, der kann die Melodien ja auch summen oder pfeifen. „Christ ist erstanden von der Marter alle…“, „Gelobt sei Gott im höchsten Thron…“, „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit…“ – ein österlich-fröhliches TROTZDEM.

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfr. Matthias Piontek

17. April

Lasst den Kopf nicht hängen!

Es ist eine wundervolle Geschichte, die Lukas von den zwei Jüngern erzählt, die am Ostermorgen traurig ihren Weg nach Emmaus gehen und unter ihren verweinten Seelen und Augen für die Zukunft nur noch schwarzsehen. Ihre Welt ist zerbrochen.  Diesen traurigen Weg gehen sie nicht allein. Jesus, zunächst unerkannt von ihnen, begleitet sie. Behutsam, werden sie durch öffnende Fragen Jesu aus ihrer Einschränkung geholt. Sie reden sich den Kummer von der Seele. 

Das braucht Zeit, bis sie ihre Blicke wieder heben können und ihren Wegbegleiter wahrnehmen. Doch erst in den klaren und ermutigenden Worten und in der Geste des Brotbrechens erkennen sie ihren Meister. Sein Zuhören, Begleiten und die vertraute Nähe im gemeinsamen Essen führt sie aus aller ängstlichen Umklammerung. Sie sind voll Zuversicht. Sie fühlen sich frei. Jetzt beginnt für sie Ostern.  

Am Ostermorgen standen Pfr. Ziera und ich am Altar und setzten das Abendmahl ein. Wir teilten Brot und Kelch. Alles war vertraut. Doch ihr habt gefehlt, weil unsere Blicke und Bleibeorte festgehalten sind durch die Pandemie. Aber wir wissen, dass wir einen Wegbegleiter haben, der mit uns klar und deutlich in eine Zukunft geht, die solidarischer und verantwortungsbewusster gestaltet sein muss als es zuvor war.  Dann ist für alle Ostern.  

Die beiden Jünger resümieren: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Luk 24,32 Wenn das Herz aus Liebe zum Leben brennt, dann ist überall Ostern, wo Menschen in Würde leben können.  

Ihr Martin Staemmler-Michael

16. April

Vor einigen Jahren habe ich eine ganz besondere Ostertradition erlebt. Es ist Karsamstagnachmittag. Die Grabeskirche ist voller Menschen und ich drängele mich auch in die Kirche. Einen Schritt kann keiner mehr machen. In der Hand halten fast alle ein Bund mit Osterkerzen. Und dann geht der griechisch-orthodoxe Patriarch – nachdem er auf Streichhölzer, Feuerzeug und anderes zum Feuermachen durchsucht wurde – in das Grab Jesu. Dort betet er und mit ihm die vielen tausend Menschen. Es ist still – nur manchmal ist das Funkgerät eines Polizisten in der Menge zu hören. Die Menschen lassen sich nicht ablenken – sie schauen hin zum Grab und warten. Und dann plötzlich Jubel und dazu das Heilige Feuer. Beides breitet sich in der ganzen Kirche aus. Und die Menschen – sie sind ergriffen und reich beschenkt von dem Wunder des Heiligen Feuers. Die einzelnen Osterkerzen werden dann in Familie, Freunde und Nachbarn verteilt. Auch ich habe Heiliges Feuer in meine Wohnung zu Ostern mitgenommen.

Nach orthodoxer Tradition steht das Ende der Welt bevor, wenn das Heilige Feuer nicht vom Himmel in das Grab herabsteigt.

Auch am kommenden Samstag zum orthodoxen Osterfest 2020 wird es das Heilige Feuer geben – eben nur anders ohne Enge und viele Menschen, aber die Botschaft bleibt die gleiche!

Möge auch unser Leben durch das Osterlicht hell sein,

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

15. April

Weniger ist (manchmal) mehr!​

Tageslosung für den 15.04.2020

„Gott hat dein Wandern durch diese große Wüste auf sein Herz genommen. Vierzig Jahre ist der Herr, dein Gott, bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt.“ (5Mose 2,7)

Den Rucksack packen und loslaufen. Ich freue mich darauf! Direkt an Leipzig vorbei führt der ökumenische Pilgerweg von Görlitz nach Vacha: Mein persönlicher Weg. Seit Jahren ist es meine persönliche Glaubenspraxis für ein paar Tage im Jahr pilgern zu gehen. Was ich in dieser Zeit erlebe, ist Ruhe, Besinnung und ein unglaubliches Gefühl von unbeschwerter Freiheit. 

Wie wenig ich doch in dieser Zeit brauche und wie viel ich gewinne.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera

14. April

Dunkel scheinen mir die Tage und ich sehe oft kein Licht.

Gott, erhöre meine Klage, sei uns nah, verlass uns nicht.

Lass die Hoffnung in uns wachsen:

Leben schafft sich wieder Raumm und das Holz des Kreuzes Jesu wird für uns zum Lebensbaum.

Das ist der Text  eines arabischen Passionsliedes. So haben die palästinensischen Christen in Bethlehem wieder gesungen. Sie haben eine traurige Osterzeit, weil die Besucher aus aller Welt ferngeblieben sind. Wie in Jerusalem, so auch in Bethlehem und Nazareth. Gern würden sie ihre Schnitzereien aus Olivenholz verkaufen. Darstellungen des Abendmahls,  weihnachtliche und andere Motive. Sie haben nun große Verluste.

Aber sie singen. Sie singen von Hoffnung, Es ist die Hoffnung, die uns als Christen beseelt, dass wir Jesus, den Lebendigen, nicht bei den Toten suchen müssen ( Lukas 24,5 )!

Er ist gegenwärtig in uns. 

Er ist gegenwärtig  in unserer Sehnsucht nach einem Ende dieser Epidemie mit ihren lähmenden Einschränkungen.

Er ist gegenwärtig in den Kranken – und den Schwestern, Pflegern und Ärzten, die sich um sie bemühen.

Er ist auch und weiterhin gegenwärtig in denen, die nach einem menschenwürdigen Leben hungern und dürsten – den Fremdlingen unter uns – den Geflüchteten, die bei uns in Europa eine neue Heimat suchen – bei den Gefangenen – (Matthäus 25, 31 ff).

Er ist gegenwärtig in uns.  Und will gegenwärtig sein durch uns.

„ Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben…Ich glaube an den Geist, der mit Jesus in die Welt gekommen ist, an die Gemeinschaft der Völker und unsere Verantwortung für das, was aus der Erde wird: ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt, oder die Stadt Gottes.“ (Dorothee Sölle)  

Eine gute Osterwoche wünsche ich Euch,

Rolf-Dieter Hansmann

Ostermontag, der 13. April

„Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20,27)

Der Herr ist auferstanden! Sie jubeln und rufen es schon auf den Straßen und Gassen – die Frauen und die Jünger. Nur Thomas zweifelt: Auferstanden? Kann es so etwas wirklich geben in einer Welt so voller Gewalt, Krankheit und Tod? Dann sieht und berührt er die Wundmale: Zeichen des Todes werden zu Beweisen für das Leben. Ungläubiges Staunen verwandelt sich in glaubendes Vertrauen. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Und ich? Ungläubig staune ich über Kirchen, in denen keine Ostergottesdienste stattfinden könne, über täglich höhere Zahlen von Kranken und Toten, über schmerzlich vermisste Gemeinschaft. Trotzdem oder gerade deshalb: Die Botschaft von Ostern bleibt. Gott liebt das Leben und deshalb behält der Tod nicht das letzte Wort und unser Ruf bleibt nicht unbeantwortet: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24; Jahreslosung 2020)

Eine gesegnete Osterwoche wünscht Ihnen

Konstantin Enge

11. April

Gestern, am Karfreitag, hätte in der Taborkirche zur Sterbestunde Jesu die Johannespassion von Johann Sebastian Bach erklingen sollen. Doch die Aufführung musste abgesagt werden, wie alle anderen gemeindlichen Veranstaltungen auch. Vielleicht hat sich der eine oder andere, der ansonsten das Konzert besucht hätte, stattdessen ja eine CD-Aufnahme der Johannes- oder Matthäuspassion angehört oder im Fernsehen eine Konzertaufzeichnung einer der beiden Passionen Bachs miterlebt. Wird uns in der Matthäuspassion Jesus als der Duldende vorgestellt, als der Leidende, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, ist der Jesus der Johannespassion ‚Herr des Geschehens‘: Er bleibt nicht passiv gegenüber seinen Richtern, sondern weist sie zurecht. Er schweigt nicht, sondern steht Rede und Antwort. Und am Ende ist er der Siegreiche. „Der Held aus Juda siegt mit Macht“ heißt es in der Alt-Arie, die auf Jesu letzte Worte am Kreuz „Es ist vollbracht“ folgt. Ganz unterschiedlich hatten die beiden Passionen bereits begonnen: mit der Aufforderung zur Klage „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen.“ hier, dort mit der Anrufung Jesu als Herrscher „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist…“. Und so enden sie – der Leichnam Jesu ist ins Grab gelegt – auch ganz verschieden: Singt der Chor in der Matthäuspassion „Wir setzen uns mit Tränen nieder…“, heißt es vor dem eindrücklichen Schlusschoral in der Johannespassion „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine, die ich nun weiter nicht beweine. Ruht wohl und bringt auch mich zur Ruh. Das Grab, so euch bestimmet ist und ferner keine Not umschließt, macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu.“

Heute ist Karsamstag, der Tag der Grabesruhe Jesu. Deshalb wird er auch „stiller Samstag“ genannt. In anderen Jahren ist von Stille an diesem Tag nicht viel zu spüren. Hektisch erledigen die einen letzte Einkäufe, andere ziehen das Osterfest vor und machen aus dem Karsamstag einen Ostersamstag.  In diesem Jahr ist es anders: es ist wirklich stiller – nicht nur am heutigen Tag. Zeit zum Innehalten und In-sich-gehen.

Ich wünsche Ihnen Gelegenheit zur Besinnung an diesem stillen Samstag. Und möge für uns alle morgen die Ostersonne aufgehen und das Leben hell machen! Grund zur Osterfreude gibt es: Der Himmel ist uns aufgemacht und die Hölle zugeschlossen!

Herzlich grüßt Sie

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

9. April

In der Runde seiner Geschwister hörte er jeden Abend in der Karwoche einen Abschnitt der Passionsgeschichte. Ergriffen erlebten sie – die behütenten und im Schlafanzug auf der Bettkante sitzenden Kinder - Angst und Lüge, Verrat und Reue, Brutalität und Hass, Gemeinheit und Trauer. Zum Abschluss sangen sie noch verschiedene Passionschoräle.

Und dann kam der Karfreitag. Es sollte an diesem Tag keinen Streit zwischen den Geschwistern geben, weil dies nicht zum Tag des Todes Jesu passt. So die Vorstellung der Kinder. Als sie größer waren, gehörte auch der Besuch der Matthäuspassion zum Karfreitag.

Jahre später begleiteten ihn diese Erfahrungen im Gefängnis. Dort wo er anderen Hoffnung zusprach und selber Hoffnung brauchte. Hier formulierte er: „Es ist das Befreiende von Karfreitag und Ostern, daß die Gedanken weit über das persönliche Geschick hinaus gerissen werden zum letzten Sinn alles Lebens, Leidens und Geschehens überhaupt und daß man eine große Hoffnung faßt.“ (Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 49).

Menschen, die ihm damals im Gefängnis begegnet sind, haben diese Hoffnung, verbunden mit einen großen Gottvertrauen, erlebt und gespürt. Dies alles ist in seiner Kindheit gesät worden, später gewachsen und weiterentwickelt worden. Und das zeigt sich auch in seinen bekanntesten Worten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, ...“ So konnte er auch die letzten Schritte seines Lebens im Vertrauen auf Gott gehen.

Sein Leben endete vor 75 Jahren – am 9. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt. Seinen Mitgefangenen gab er den folgenden „österlichen“ Satz mit: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“

Mögen uns diese Worte stärken und geleiten, hin zum Licht von Ostern,

Angela Langner-Stephan

Zum Weiterlesen: Jutta Koslowski (Hg.): Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer (Auszeichnungen der jüngsten Schwestern Susanne) und weitere Bücher über und von Dietrich Bonhoeffer

8. April

Heute hat meine Tochter Geburtstag. Sie wird fünf Jahre alt. Für sie ist das, wie auch für andere Kinder in ihrem Alter ein ganz wichtiger Tag, auf den sie sich schon lange freut. Fünf Jahre, seit sie geboren wurde und ein neues Leben begann. Am Sonntag werden wir wieder feiern: dieses Mal Ostern. Bald 2000 Jahre ist es her, als ein neues Leben für viele begann. Auch damals herrschte eine Krise: Die Besetzung Israels durch die Römer, die schwere Steuerlast, Hunger und Krankheiten erdrückten die Menschen. Sie erwarteten sehnsüchtig das Ende dieser schwierigen Zeit. Der Messias sollte kommen und sie von den Römern befreien. Ein plötzliches, wundersames Ende der Bedrückungen hatten sie sich erhofft. Das neue Leben, die Befreiung kam allerdings ganz anders, als sie das erwartet hatten und trotzdem mächtig. Heute gibt es Kuchen und wir denken an die Zeit vor fünf Jahren zurück. Auch Sonntag werden wir an das neue Leben vor bald 2000 Jahren denken und Kuchen essen. Aber genauso, wie die Zeit nach der Geburt unserer Tochter schwierig war und Jesus nicht die römische Besatzung mit einem Handstreich beendete, werden wir Ostermontag noch in der Krise stecken. Aber es begleitet uns die Hoffnung, die uns Christus schenkt, dass es am Ende doch gut wird und wir ein neues Leben haben.

Herzliche Grüße

Nicole Oesterreich

7. April

Wir befinden uns in der Karwoche. Von Ostern her und aus historisch weiter Ferne blicken wir zurück auf das, was uns Matthäus, Markus, Lukas und Johannes von dieser Woche erzählen. Es klingt auch heute noch erschütternd. 

Was aber, wenn wir mitten drin wären in diesen Ereignissen?

Eben noch Palmsonntag. Der begeisterte Empfang für Jesus in Jerusalem. Er ist der Hoffnungsträger. Behauptet, Gottes Sohn zu sein. So viele Likes. Eine virale Bewegung entsteht. Das ist gefährlich. Die Römer werden sich das nicht mehr lange ansehen. Ihnen muss das wie ein Volksaufstand erscheinen. Wir wissen ja, wie sie auf so etwas reagieren. So weit darf es nicht kommen, sonst Gnade uns Gott! Jetzt ist kluges und beherztes  Eingreifen notwendig. Kaiphas, der oberste Geistliche und Chef des Hohen Rates, sieht einen Ausweg: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe" (Joh 11,50). Das muss nun zügig umgesetzt werden. Jesus wird verhaftet.  Fake News werden gestreut. Er will den Tempel einreißen! Die Stimmung kippt: Wenn das so ist...  Besser weg mit ihm...  Ans Kreuz mit ihm! Schrecken breitet sich unter seinen Freunden und Anhängern aus. Nur nicht da auch noch mit hineingezogen werden... Das ist das Ende! "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mat 27,46)

Aus sicherer Ferne schauen wir hier auf eine zerstörerische Dynamik, eine Todesspirale, die keiner aufhalten konnte. War das ein einmaliges Ereignis oder bleibt das eine mögliche Bedrohung? In diesen Tagen fragen viele: Wie geht es weiter mit uns?  Der oberste Verantwortungsträger in Washington hat sich dazu schon geäußert:  "Die Heilung darf nicht schlimmer werden als die Krankheit!" Dieser Gedanke wird auch bei uns immer offener diskutiert. Die Frage nach dem größeren und dem geringeren Übel taucht wieder auf. Im Klartext: Es wird Opfer geben (müssen), damit nicht das ganze Land verderbe.  Kompromisse müssen gesucht und gangbare Wege gefunden werden. Doch welche Wege sind gangbar und wer entscheidet darüber? Fake News sind ein Mittel, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Interessen stehen im Raum... 

Ich weiß, liebe Leserin und lieber Leser, das klingt alles andere als ermutigend. Dabei sollte ich hier Trost verbreiten. Ich sehe mich da auf einem sehr schmalen Grat: Trostversuche sollen nicht dazu führen, dass erwachsene Menschen die Augen vor den realen Gefahren verschließen. Andererseits darf das Reden von diesen Gefahren den Teufel auch nicht an die Wand malen und dadurch Panik oder Resignation verursachen. Wie komme ich da durch? Wie kommen wir miteinander durch die Zeit, in der die biblischen Erzählungen der Karwoche fast wie eine Textvorlage für aktuelle Fragen und mögliche Bedrohungen erscheinen können? Ich weiß es ebenso wenig, wie es die Jünger damals wussten. 

Doch eines glaube und hoffe ich: Ostern liegt noch vor uns. Und zu Ostern will uns die Liebe Gottes, die höher ist als alle menschliche Vernunft, neue Erfahrungen, neue Einsichten und neue Kräfte schenken, durch die wir aus dem Verderben herausgeführt und zum Segen für diese bedrohte Zeit werden können. Suchen wir danach und bleiben wir offen dafür!

Ihr Heinz Schneemann

6. April

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ (Jes 53,4a)

War Jesus eigentlich manchmal krank? Diese Frage beschäftigt mich am Beginn dieser außergewöhnlichen Karwoche. Lief er mit Schniefnase herum? Bekam er von seiner Mutter kalte Wadenwickel gegen das Fieber und warmen Tee mit Honig, damit das Husten aufhört? Ich glaube schon, denn in Jesus ist Gott ganz Mensch geworden – vergänglich, verletzlich, empfänglich für Krankheiten und für die Angst vor Einsamkeit und Verlust – und damit ganz nah bei uns und dem, was wir in diesen Wochen fühlen und erleben. In der Karwoche erinnern wir uns jedes Jahr daran, dass Jesus diesen Weg bis zum Punkt tiefster Erniedrigung und dem absoluten Ende eines menschlichen Lebens gegangen ist...

...um dann zu Ostern zu erleben, dass es kein Ende bleibt! Gott stellt sich dem Tod und dem Leid mit aller Macht entgegen und schenkt Leben und Freiheit! Auch wenn ich 2020 keinen Ostergottesdienst besuchen kann, freue ich mich auf diese gute Botschaft in diesem Jahr schon ganz besonders.

Zum Beginn dieser Woche wünsche ich auch Ihnen diese Vorfreude und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Ihr Konstantin Enge

4. April

Zu den biblischen Texten der Passionszeit gehört der Bericht von der „Salbung in Bethanien“ (Markus 14, 3-9). Von einer Begegnung voll Zärtlichkeit und Hingabe wird da berichtet. Eine Geschichte von Nähe und Berührung wird erzählt – und von „Verschwendung“. Eine Frau salbt Jesus mit kostbarem Nardenöl. Zu seinem Begräbnis tut sie dies, wie Jesus selbst es deutet. In diesem ganz menschlichen Tun der Frau spiegelt sich die Liebe Gottes zu uns. Es ist wie ein Abbild dessen, was Gott tut und getan hat in Jesus Christus. Die Zärtlichkeit der Liebe, die die Nähe sucht und die Berührung – wir erkennen sie wieder im Leben Jesu: in seiner Zuwendung zu denen, die auf Liebe warten, auf Heilung oder Anerkennung. Die Kraft der Liebe, die sichtbare und unsichtbare Grenzen überschreitet – wir finden sie in den Erzählungen von der Tischgemeinschaft Jesu mit Zöllnern und Sündern.

Die Liebe Gottes – sie ist nicht nur im Leben Jesu, sondern insbesondere auch an seinem Sterben, seinem Tod sichtbar geworden.  Am Kreuz Jesu zeigt sich die ganze Tiefe und die Unbedingtheit der Liebe Gottes, die – wie die Frau in Bethanien – nicht rechnet und gegenrechnet, nicht fragt, was es bringt, sondern das Kostbarste gibt: verschwenderisch, ganz und gar, ein für allemal. Die Geste der unbekannten Frau spricht uns an auf die eigene Sehnsucht danach, offen zu werden für die bedingungslose Hingabe, die uns begegnet in einem Blick, einer Geste, einem Wort. Sie macht Mut, sich selbst immer wieder neu berühren zu lassen von der Liebe Gottes. Sie traut uns sogar zu, die erfahrene Liebe immer wieder verschwenderisch auszuteilen an diejenigen, die auf ein Zeichen der Liebe warten. 

Nähe und Berührung sind in dieser „kontaktarmen Zeit“, die uns das Corona-Virus auferlegt, gerade nicht möglich. Doch auch ein Anruf, ein Brief (oder eine E-Mail) sind Zeichen der Zuwendung und der Liebe. Und vielleicht lässt uns diese besondere Zeit noch ganz neue Möglichkeiten entdecken, Verbundenheit zu zeigen… 

Ein gesegnetes Wochenende und eine besinnliche Karwoche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

3. April

Es kann gehen! Am kommenden Sonntag beginnt die Karwoche und ein paar Tage später Pessach und dann Ostern. Eigentlich stehen jetzt die Vorbereitungen vor der Tür. Aber, wie kann das gehen? Besuchsbeschränkungen statt feierlichem Einzug in Jerusalem - Ausgangbeschränkungen statt Auszug in die Freiheit? Wie kann das gehen? Die Karwoche und Ostern zu Hause ohne Gottesdienst, Tischabendmahl, Passionsmusik, Osternacht zu begehen. Oder das Sedermahl zu Beginn des Pessach-Festes ohne Gäste und Freunde zu feiern.

Wie kann das gehen? – fragt mich die Tage eine Seniorin am Telefon.

Durch einen jüdischen Freund kam mir eine Idee. „Was unterscheidet diese Nacht von anderen Nächten?“ - Wie ein roter Faden führen Kinderfragen durch das Mahl am ersten Abend von Pessach. Die Antworten erzählen allen am Tisch die Geschichte vom Auszug aus Ägypten und zeigen, dass die Geschichte und dies Fest der Freiheit auch heute noch von Bedeutung sind. Wie kann das gehen? – Auch unsere Kinder und wir selber können Fragen stellen und dazu in der Bibel lesen. „ Was unterscheidet diesen Tag von anderen Tagen?“

Palmsonntag: Markus 11,1-11

Montag: Markus 11,15-19

Dienstag: Markus 12-13

Mittwoch: Markus 14,3-9

Gründonnerstag: Matthäus 26,17-56

Karfreitag: Matthäus 26,57-68

Karsamstag: Markus 15,42-47

Ostersonntag: Lukas 24,1-12

Ostermontag: Lukas 24,13-35

Es kann gehen! Es wird dieses Jahr völlig anders sein. Aber vielleicht begleiten Sie Jesus auf besondere Weise, finden anders Kraft und Trost, gewinnen Mut und Hoffnung und entdecken neu das Licht der Auferstehung.

Da bleibt mir nur noch gute Vorbereitung zu wünschen,

Ihre Angela Langner-Stephan

P.S.: Zum Sederabend gehört: 2. Buch Mose 12-15

2. April

Eines ist sicher . . .

Was fällt Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser, dazu jetzt spontan als Fortsetzung ein? 

Und: Sagt das nun mehr über die äußere Situation oder über Ihre innere Disposition aus? 

Wir sehen: Mit der Sicherheit ist das so eine Sache. Da spielen Äußeres und Inneres zusammen. Aber manchmal kann beides auch ganz schön - oder vielmehr: ganz unschön - auseinanderklaffen. Das merken wir in diesen Tagen wieder sehr deutlich. Manche gehen immer noch recht unbekümmert mit der Gefahr durch COVID-19 um und fühlen sich dabei recht sicher. Andere befolgen jeden Rat und Hinweis bis ins kleinste Detail und werden die Unsicherheit trotzdem nicht los. Lässt sich diese Lücke zwischen äußerer und innerer Sicherheit nicht schließen - oder wenigstens verringern? Dazu sind im Prinzip zwei Wege vorstellbar. Die eine Möglichkeit wäre ein Rundum-sorglos-Paket, wie es uns von Versicherern beispielsweise vor dem Antritt einer Reise angeboten wird. Damit wir das große „Event“ unbeschwert genießen können, werden wir von vornherein gegen alle „Eventualitäten“  abgesichert. Darüber kann und sollte man gerade in diesen Tagen einmal nachdenken. Die andere Möglichkeit wird von  dem Versicherungsfachmann Martin Luther empfohlen. Er unterscheidet zwischen zwei Sicherheitskonzepten: SECURITAS und CERTITUDO. Das erste Konzept zielt darauf ab, sich möglichst unverwundbar zu machen. Zuerst hat das auch Luther versucht.  Doch spürte er ziemlich bald  - und hat sich doch noch jahrelang damit gequält! -, dass er hier mit seinem Latein am Ende war. Dann hat er die certitudo für sich entdeckt. Wie kann man das am besten erklären?

Vielleicht mit einem Wort seines Lehrers Paulus: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.(Römerbrief 8,38-39) Aus diesem Satz spricht eine ungeheure Gewissheit - das ist das Wort für die Sicherheit in uns.  Sie kann uns als eine besondere innere Erfahrung des Glaubens erfüllen. Luther hat diese  certitudo gefunden. Mehr noch: Für ihn war sie die entscheidende Kraft, aus der heraus er die großen Ängste seiner Zeit ansprechen und überwinden konnte. Und was ist dann mit der äußeren Sicherheit? Wird diese dadurch nun belanglos? Nein! Das ist eine falsche Vereinseitigung und zugleich die teuflische Gefährdung des Glaubens. Wenn das jetzt in Ihren Ohren überzogen klingt, schlagen Sie bitte bei Matthäus 4,5-7nach.

Worauf kommt es also an?

Darauf, die Bemühungen um securitas und das Streben nach certitudo nicht gegeneinander auszuspielen. Wir tun gut daran, weder die äußere noch die innere Seite zu vernachlässigen. Beide bilden ein Ganzes. 

Seien Sie ganz sicher!

Ihr Heinz Schneemann

1. April

Ich möchte Sie heute zum Riechen einladen. Nein, das ist kein Aprilscherz.  Denn es liegt etwas in der Luft. Etwas Gutes. Frühling liegt in der Luft. Der Duft von blauen Veilchen, der Duft von Hyazinthen, der Duft erster Obstbaumblüten. – Auf unserem Tisch stehen Tulpen. Manche ihrer Kelche duften leicht. Dankbar nehme ich dies mit meiner Nase wahr. Es liegt was in der Luft. Jetzt, in diesen außergewöhnlichen Wochen, strömt frischere Luft als sonst in meine Lunge. Unterwegs, am offenen Fenster, draußen vor der Haustür. Denn es fahren weniger Autos. Atmen Sie tief ein, sooft Sie können! Spüren Sie, wie sich dabei Ihre Taillen weiten und die Rippen des Brustkorbs dehnen. – Ich möchte Sie heute einladen, das Leben zu feiern. Ihr Leben. Auch Ihr Leben trotz Behinderung, trotz einer Krankheit, trotz Altersgebrechen. Das Ein- und Ausatmen vollzieht sich automatisch, seit unserer Geburt. Mir wurde mein erster Atemzug heute vor 81 Jahren geschenkt. – Wer oder was steckt hinter dieser Atembewegung? Lesen Sie:  Da bildete Gott Adam, das Menschenwesen, aus Erde vom Acker und blies in seine Nase Lebensatem. Da wurde der Mensch atmendes Leben. ( 1. Mose 2,7 ) Gott liegt in der Luft. Wie die Luft uns von allen Seiten umspielt, so umgibt uns Gott von allen Seiten ( Psalm 139 ). Mit jedem Atemzug  nehmen wir seine Liebe in uns auf. Er hält uns die Treue, sogar über unseren letzten Atemzug hinaus. Mit dem Atmen ist uns auch die Stimme geschenkt, zum Sprechen, Flüstern, Musizieren. Ich lade sie ein, Gott zu danken mit dem Summen einer Melodie oder singend. Wie es Ihnen in den Sinn kommt. Oder aus unserem Gesangbuch.        

EG 165:  Gott ist gegenwärtig… Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben.

EG 432: Gott gab uns Atem damit wir leben….Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehen. ( EG 432 ).

Rolf-Dieter Hansmann

31. März

Was unterliegt keiner Beschränkung?  Ich bin mit den Konfirmanden*innen der 8. Klasse in einem regen Austausch. Auf die Frage, was keiner Beschränkung unterliegt, antworteten sie mir mit diesen Worten, die Sie auf dem Poster lesen können. Das Kreuz ist der Anfang unserer Hoffnung, auch wenn Leid und Schmerz die Menschen ergreift und die Welt in Angst und Schrecken ist. Am Baum des Kreuzes erwacht neues Leben, weil die Liebe stärker ist als der Tod. Die Worte der Konfirmanden*innen sind in das Kreuz gefügt, weil sie alle von Gottes Nähe zu uns erzählen. Wir sind zu Hause nicht allein.  „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so erkennst du doch meinen Pfad.“ Psalm 142,4 

Ihr Martin Staemmler-Michael

30. März

„Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offb. 21,4)

Als Gott die Welt geschaffen hat – so berichtet es die Bibel – bestand sein Werk darin, Ordnung in das bis dahin herrschende Chaos, das Tohuwabohu, wie es die hebräische Bibel (Gen 1,2) nennt, zu bringen. Auch wenn die Schöpfung als „sehr gut“ bewertet wird, sind die Chaosmächte in ihr doch nur zurückgedrängt, nicht aber völlig überwunden. Sie zeigen sich etwa in der Finsternis der Nacht und in der Gewalt, die in der Natur und auch unter den Menschen – denken Sie an Kain und Abel – allgegenwärtig sind. Wir erleben diese Chaosmächte auch in der aktuellen Pandemie: Mit all unseren Anstrengungen können wir das Virus bestenfalls eindämmen, aber nicht verhindern, dass es Leben nimmt, gefährdet und einschränkt. Die Bibel erzählt aber auch von einer großen Hoffnung: Gott will und wird seine Schöpfung vollenden und es wird dann Tod, Gewalt und Leid nicht mehr geben. Das beginnt schon jetzt, wo Menschen von der Liebe Gottes erzählen und füreinander da sind. Auch in der aktuellen Krise dürfen wir deshalb statt in einsamer Verzweiflung mit einer fröhlichen Hoffnung leben.

Ihr Konstantin Enge

28. März

Am heutigen Samstag endet die Lätare-Woche. „Freut euch!“, so hatte uns der Sonntag Lätare aufgefordert. 

Aber geht das denn, mitten in der Passionszeit? Kann man sich freuen in diesen Wochen, in denen wir in besonderer Weise an das Leiden und Sterben Jesu denken? Und kann man sich freuen in dieser „Corona-Zeit“ mit all ihren Unsicherheiten und Unwägbarkeiten? Ja, man kann! Doch brauchen wir in diesem Jahr vielleicht tatsächlich eine besondere Ermunterung dazu. Lätare wird mitunter auch als „kleines Ostern“ bezeichnet, weil es uns einen Ausblick auf die Osterfreude gewährt. Als Christen leben wir immer schon nach Ostern. Wir wissen also, dass auf die Finsternis des Karfreitags die helle Ostersonne folgte. Das Osterereignis wirft sein Licht bereits voraus: Grund zur Freude! Auch diese unsichere Zeit, die wir gerade erleben, ist nicht freudlos: Trotz der jetzt notwendigen Vereinzelung können wir miteinander verbunden bleiben – Telefon und Internet machen es möglich. Und auch über den neu aufkommenden Gemeinschaftssinn kann man sich nur freuen: nachbarschaftliche Gespräche von Balkon zu Balkon, organisierte Hilfsangebote in den Stadtvierteln, verabredetes Musizieren auf den Balkonen, brennende Kerzen in den Fenstern als Zeichen der Verbundenheit… Es ist zu spüren, wie mit der angeordneten äußerlichen Distanz die innerliche Verbindung wächst.Schließlich ist da auch die erwachende Natur. Spazierengehen ist erlaubt, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Vielleicht begegnen Sie auf einem Spaziergang sogar dem einen oder der anderen Bekannten. Es ist nicht untersagt einander zu grüßen und nach dem Ergehen zu fragen – aus sicherer Distanz und diese so zugleich überwindend. Oder zumindest zuwinken könnte man einander ja. 

Es gibt also – trotz allem – Grund zur Freude. So wünsche ich Ihnen einen freudvollen Tag und ein gesegnetes Wochenende!

Ihr Pfarrer Matthias Piontek

27. März

Jeden Tag fast nur noch Coronanachrichten. Jetzt auch noch diese massiven Einschränkungen: nirgendwo mehr hingehen, niemanden mehr treffen dürfen. Aus triftigen Gründen, sicher. Aber wie lange soll das dauern? Und was wird das mit uns machen . . . ? Gerade jetzt melden sich wieder zwei alte Bekannte bei mir, zwei die sich ständig widersprechen. Die eine: So schnell kriegen wir das mit dem Virus nicht in den Griff! Und dann, was glaubst du wohl, was mit den ganzen Folgeschäden und den astronomisch teuren Rettungspaketen auf uns zukommt?! Jetzt kommt die eigentliche Wende - die in die Zukunft! So redet Frau Sorge auf mich ein. Der andere, Herr Trost, will das nicht gelten lassen: Hat sie dir wieder Angst gemacht? Das hilft gar nicht, das ist Gift für die Seele! Du musst nur positiv denken! Mach einfach das Beste daraus! Und darauf die Sorge: Jaja, pflanz nur dein Apfelbäumchen, und steck den Kopf gleich mit in den Sand! Du wirst schon sehen! Und dann der Trost: Nimm dir nur ja nicht so zu Herzen, was sie sagt! So geht das immer weiter, wenn die beiden da sind. Irgendwie hat die Sorge ja auch recht, und irgendwie tut der Trost ja auch gut. Deshalb kann ich sie auch nicht einfach wegschicken. Aber dieses ständige Streiten ist schwer auszuhalten, zumal es mich selbst hin und her reißt. Man müsste ihren andauernden Redefluss mal unterbrechen und beide richtig ins Gebet nehmen! Hört zu: Ihr seid nicht hier bei mir, um euch auszutoben! Ihr habt eine Aufgabe zu erfüllen. Ihr müsst einen gangbaren Weg durch diese Krise finden! Das könnt ihr nur miteinander, weil ihr sonst hier alles kaputtmacht!

Ob wir das miteinander hinkriegen? Mir geht da so ein altes Wort durch den Sinn: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet (Römer 12,12). Das könnte doch hier auch bedeuten: Frau Sorge und Herr Trost an einen Tisch! Ihr dürft beide einbringen, was ihr zu sagen habt. Doch lasst euch beide ins Gebet nehmen, was ja immer auch zuhören und nach dem Weg, der Wahrheit und dem Leben fragen heißt!

Ob das jetzt funktioniert? Was meinen Sie?

Heinz Schneemann

26. März

"Apocalypse now…

Aus einem Gespräch mit einem Freund über die aktuellen Geschehnisse: „Das steht doch alles schon in der Bibel mit dem Corona-Virus. In der Offenbarung! (Offb 6,8)“ Ich wehre zunächst ab. „Du kannst diese Texte nicht als Zukunftsvoraussagen lesen.“ Und doch lässt mir der Gedanke keine Ruhe. Was diese düsteren Texte der Johannesoffenbarung und den vielen anderen sogenannten Apokalypsen eigentlich ihren Leserinnen und Lesern klar machen wollten: Kehrt um zu Gott, bevor es zu spät ist! Ändert euer Verhalten und eure Lebenseinstellung, denn das Ende der Welt könnte jederzeit kommen. Das passiert gerade vor unseren Augen! Also hoffentlich nicht das Ende der Welt. Aber wir sehen, wie das gehen kann im Angesicht der drohenden Gefahr: Eine ganze Gesellschaft, die sich von Gott, ihren Mitmenschen, der Natur und dem Tod immer weiter distanziert und dort bequem gemacht hat, gerät plötzlich in Bewegung im Kopf und virtuell. Werden wir noch die gleichen sein wenn das alles vorbei ist? Vielleicht werden wir menschlicher geworden sein und hoffentlich bleiben. Vielleicht werden wir ein Auge für all diejenigen haben und behalten, die wir sonst nicht sahen oder sehen wollten. Vielleicht werden wir uns bewusst geworden sein, dass der Tod zum Leben dazu gehört und wir jeden von Gott geschenkten Tag mit unseren Lieben leben und dafür dankbar sein sollten. In dem Sinne steht das mit Corona in gewissem Sinne wirklich schon in der Bibel. 

Nicole Oesterreich"

25. März

Tag 3 mit verschärften Ausgangsbeschränkungen: Ich sitze mit meinem Kalender am Küchentisch. Einen Termin nach dem anderen muss ich streichen, da stoße ich auf einen kleinen Hinweis: Mariä Verkündigung. Heute wird in der Kirche an den Tag gedacht, an dem der Engel Gabriel zu Maria kommt und ihr Leben auf den Kopf stellt. Sie soll ein Kind bekommen. Was ist mit ihrer Hochzeit mit Josef? Was ……? Nichts mehr ist wie vorher! Wie wird es weitergehen? Maria hat trotz aller Unsicherheit ja gesagt – ja zu Gott! Auch bei uns hat sich das Leben auf einen Schlag geändert und wir wurden nicht einmal gefragt. Trotzdem sollten wir die Möglichkeit nutzen, die neue Situation anzunehmen: uns arrangieren – einfinden – akzeptieren – neue Wege finden.

Maria sucht in dieser Situation den Austausch mit Elisabeth und nimmt sich die Zeit, mit der veränderten Lage klar zu kommen. Hier schöpft sie Kraft und Mut für alle Dinge, die nun vor ihr liegen. Auch wir können das Gespräch suchen, am Telefon oder über Video. Das wichtigste für Maria waren die Worte des Engels: „Fürchte dich nicht – hab keine Angst! Gott ist mit Dir!“ (nach Lukas-Evangelium 1,30) Mögen uns diese Worte durch diesen Tag und alle weiteren begleiten: Hoffnung schenken, Mut machen, Besonnenheit und Kraft geben!

Ihre Pfarrerin Angela Langner-Stephan

24. März

Kommt mir nicht zu nahe! Bitte halten Sie Abstand!

In den letzten Tagen hat sich vieles verändert. Man nähert sich einander anders, denn keiner weiß, wer für wen eine Gefahr sein könnte.In diesen Zeiten gehen wir auf Abstand. Aus gesundheitlichen Gründen müssen wir uns aus dem Weg gehen: Sich-die-Hände-Reichen, oder gar Umarmungen sind untersagt. Spielplätze, Fußballplätze, Kneipen und Straßen sind leer. Abgesperrt! Natürlich sehe ich das ein, aber es tut doch weh. Ich vermisse es, Ihnen die Hände zu geben. Ich vermisse Umarmungen unter lieben Freunden.Selbst das Gedränge in vollen Straßenbahnen bekommt ein romantisches Gesicht.Meine kleine Tochter weinte, weil sie nicht mehr mit ihren Freundinnen auf dem Hof spielen darf. Und plötzlich habe ich ein Gespür für die Aussätzigen in den Bibelgeschichten. Für die, die abseits und am Rand menschlicher Nähe leben mussten: Bitte Abstand halten! Ich verstehe ihre Sehnsucht nach Nähe. Eine Nähe, die uns vor ein paar Tagen noch selbstverständlich war. Und dann kommt ihnen einer nahe und berührt sie. Sagt ihnen nicht: „Bitte Abstand halten!“, sondern ruft ihnen zu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Wie muss das für sie gewesen sein? Was für eine Befreiung, was für ein Segen!

Ich hoffe, dass die uns auferlegte Distanz nicht all zulange andauern wird. Und ich freue mich darauf, Ihnen wieder die Hand zu reichen und zu umarmen.

Bleiben Sie behütet und aus der Ferne gedrückt.

Ihr Pfarrer Dr. Sebastian Ziera​

23. März

„Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben.“ (5. Mose 4,31a)

Vorgestern hat mein Patenkind seinen 8. Tauftag gefeiert – besuchen konnte ich ihn in diesen Tagen nicht, also habe ich ihm geschrieben. Mit den Worten an ihn möchte ich auch Sie an diesem Montag grüßen und ihnen eine gesegnete, hoffnungsvolle Woche wünschen: „Heute ist Dein Tauftag – vielleicht ist es der außergewöhnlichste, den Du bisher erlebt hast: Die Schule ist zu, der Alltag ganz anders als sonst... Sicher weißt Du, dass gerade viele Menschen krank sind oder Angst davor haben, krank zu werden. Gerade in solchen Zeiten ist es gut, sich an die eigene Taufe zu erinnern. Sie sagt uns: Gott will immer Dein Bestes. Das gibt uns Mut, wenn andere Dinge uns Angst machen wollen. Gott ist immer für Dich da. Wir müssen uns nicht einsam fühlen, auch wenn wir Menschen, die wir liebhaben, eine Zeit lang nicht treffen können.

Ich wünsche Dir, dass Du Gottes Liebe und Nähe in diesen Tagen ganz besonders spüren kannst und grüße Dich herzlich!“

Konstantin Enge

21. März

Ab heute möchten wir Sie mit Gedanken zu Bibelworten in den Tag begleiten.

„Der Herr spricht: Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke. Ich will die wilden Tiere aus eurem Lande wegschaffen, und kein Schwert soll durch euer Land gehen.“ 3.Mose 26,6 

Wir sind im Krieg! Diese Worte höre ich oft. Der Feind, das Coronavirus, zieht mit dem Schwert durch unser Land. Menschen machen sich Sorgen um Gesundheit, wirtschaftlicher Existenz und um die Betreuung der Kinder. Der Alltag bricht ein, Neuland ist noch nicht in Sicht. Nein, es ist kein Krieg. Es ist die Zeit der Achtsamkeit. Am Abend 19:00 Uhr höre ich vom Nachbarhaus Musik. Der Mond ist aufgegangen. In der 5. Strophe heißt es: Gott, lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergänglichs trauen, nicht Eitelkeit uns freuen; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein. Fenster gehen auf, wir hören zu, singen mit. Es wird applaudiert. So gehe ich in diesen Tag, mit der vertrauten Melodie im Ohr und der Bitte: Lass uns dein Heil schauen. Der Herr spricht: Ich will Frieden geben in eurem Lande. Sein Friede ist unser Heilwerden. Wir können mit unserem solidarischen Abstand Frieden geben und Heilung ermöglichen. Vielleicht wird das Solidargefühl nach der Krise stark bleiben. Das Siegergefühl!  Was wäre das für eine Welt. Darum bittet uns Gott schon seit ewigen Zeiten.

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Pfr. Martin Staemmler-Michael